Buchauszug Gostomzyk / Jahn / Becker-Toussaint. „Neue Briefe an junge Juristinnen und Juristen“

Buchauzug Tobias Gostomzyk / Joachim Jahn / Hildegard Becker-Toussaint: „Neue Briefe an junge Juristinnen und Juristen“

 

Martina Flade (Foto: Privat)

 

 

Martina Flade

Den eigenen Weg finden – oder warum ich meinen Beruf als Strafrichterin aufgab

Liebe Leserin, lieber Leser, nun sitze ich hier und bin endlich gezwungen, diesen Brief zu schreiben. Vor einigen Wochen habe ich meinen Beruf als Richterin an den Nagel gehängt, um meine eigene Anwaltskanzlei und ein Unternehmen zu gründen und bin für einige Monate mit meiner Familie nach Afrika ausgewandert. Der Entschluss, dieses hohe Amt hinter mir zu lassen, war das Ergebnis eines langwierigen, schmerzhaften Entscheidungsprozesses. Doch irgendwann fand ich die innere Stärke, meine Unentschlossenheit zu überwinden, meinen Antrag auf Entlassung zu stellen und die Angst abzulegen, Menschen, denen gegenüber ich große Dankbarkeit empfinde, vor den Kopf zu stoßen.

In der Toshari Lodge, unweit des Etosha-Nationalparks in Namibia, finde ich die nötige Ruhe, um meine Gedanken zu ordnen – weit weg von Ablenkungen. Auf der Terrasse, umgeben von der Savanne, beginnt der Tag. Die kühle Morgenluft mischt sich mit den ersten Sonnenstrahlen, während Grillen zirpen und Vögel singen. Trotz der Geräusche wirkt alles ruhig und unverfälscht. Mein erster Satz war natürlich Ausdruck purer Prokrastination – und doch glaube ich, dass ich genau auf diesen Ort gewartet habe. Denn an Orten wie diesen fühle ich mich am meisten mit mir selbst verbunden. Immer wieder suche ich sie auf, um mich mit mir zu „verbinden“. Hier zu sitzen, inmitten der Wildnis, ohne Ablenkung, ja sogar mit ein wenig Langeweile, zwingt mich, mich innerlich mit mir auseinanderzusetzen. Achtsamkeit ist etwas, das wir in der Juristerei nicht lernen.

Herausgeber Joachim Jahn (Foto: Privat)

„Entweder du bist klar im Kopf oder eben nicht“, sagte einmal ein Richter zu mir, den ich sehr mochte. Juristen müssen grundsätzlich streng rational handeln. Unsere Arbeitsweise folgt festen Grundsätzen und Techniken. Gleichzeitig ist der Anspruch an uns selbst hoch, und auch von außen wird viel erwartet. Oft tragen wir Verantwortung für Entscheidungen mit großer Tragweite. Und so lernte ich bereits in meinen ersten Wochen bei der Staatsanwaltschaft: eine hohe Arbeitsbelastung auszuhalten – ein Statussymbol vieler Juristen. Durch meinen Mann, einen erfahrenen Unternehmer mit jahrelanger Vertriebserfahrung, bekam ich neue Perspektiven. Ich erlebte, wie das richtige Mindset – oder vielmehr innere Entschlossenheit und Überzeugung – nicht nur Teambuilding und Leistungsstärke, sondern auch echte Zufriedenheit fördern kann. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie viel Selbstfürsorge und kontinuierliche Arbeit Persönlichkeitsentwicklung erfordert.

 

 

Abbildung von Gostomzyk / Jahn | Neue Briefe an junge Juristinnen und Juristen | 1. Auflage | 2025 | beck-shop.de

Gostomzyk / Jahn | Becker-Toussaint /Neue Briefe an junge Juristinnen und Juristen | 1. Auflage | 2025 | beck-shop.de, 204 Seiten, 24,90 Euro

 

Das brachte mich dazu, mich intensiver mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Dabei stieß ich auf eine alte indische Metapher[1], die etwa wie folgt lautet: „Die meisten Menschen gehen durchs Leben, als säßen sie in einer lädierten Kutsche. Die Pferde gehen durch. Der Kutscher ist betrunken. Und der Fahrgast schläft.“ Die Kutsche steht für unseren Körper, der ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und Bewegung braucht. Die ungezähmten Pferde symbolisieren unsere Emotionen, die wir oft nicht im Griff haben und die doch die Qualität unseres Lebens bestimmen. Der betrunkene Kutscher ist unser abgelenkter, zielloser Geist. Und der Fahrgast (unsere Seele) schläft, weil wir sie ignorieren. Wohin wird eine solche Kutsche fahren? Hat sie überhaupt ein Ziel? Und selbst wenn – wie schnell wird sie es erreichen?

In vielen Branchen wird auf Persönlichkeitsentwicklung Wert gelegt. Doch ausgerechnet wir Juristen, die in Positionen mit hoher Verantwortung arbeiten und mit menschlichen Schicksalen konfrontiert sind, tun sie oft als Humbug ab. Wie schon zitiert: „Entweder du bist klar im Kopf oder nicht.“ Ich behaupte: Wer achtsam lebt, ist klar im Kopf. Wer sich selbst nicht reflektiert, ist getrübt. Nach der Arbeit und unzähligen Fällen kommt das Familienleben oder noch mehr Arbeit. Das eigene „Ich“ bleibt dabei oft auf der Strecke. Und wir bemerken es nicht einmal.

Tobias Gostomzyk (Foto: Privat)

Als ich bei der Staatsanwaltschaft anfing, hatte ich eine klare Vision: Verbrechen verfolgen und für Gerechtigkeit sorgen. Doch dann geriet ich in ein Hamsterrad aus Aktenbergen, Haftbefehlen und Anklageschriften. Ich liebte meine Arbeit – sie war spannend und sinnstiftend. Doch sie ließ kaum Raum für mich selbst. Mein innerer Kompass, einst fest auf Gerechtigkeit und „Verbrecherjagd“ ausgerichtet, begann sich zu verlieren. Stattdessen rückte etwas anderes in den Vordergrund: die schiere Notwendigkeit, effizient zu arbeiten, um nicht in Aktenbergen zu versinken. Sport und gesunde Ernährung? Kaum noch Platz dafür. Mein eigenes „Ich“? – wurde zur Nebensache.

Zu dieser Zeit wünschte ich mir, schwanger zu werden. Doch wenig überraschend: Es klappte nicht. Wie auch? Wo hätte ein Kind in meinem Leben Raum gefunden, wenn nicht einmal ich selbst darin Platz hatte? Dann führte ein Zufall meinen Mann und mich in ein Ayurveda-Hotel auf Sri Lanka. Wir suchten lediglich eine Unterkunft für ein paar Nächte auf der Durchreise – doch genau dort begann ich erstmals mit Meditation, Affirmationen und Yoga. Zwei Jahre lang hatte ich ohne medizinische Ursache vergeblich versucht, schwanger zu werden. Doch nur wenige Wochen nach unserem Aufenthalt war ich es plötzlich. Ich bin weder Buddhistin geworden noch eine Ayurveda-Anhängerin. Doch dieses Erlebnis hat mir unmissverständlich vor Augen geführt, welchen Einfluss unsere Geisteshaltung auf uns hat.

Ich bin auch keine Esoterikerin, aber ich sehe, wie wir Juristen uns oft selbst überfordern – getrieben von Verantwortung, Karriereambitionen und dem ständigen Streben nach Anerkennung. Doch während wir unsere äußeren Erfolge optimieren, vernachlässigen viele von uns die innere Balance völlig. Dabei bin ich überzeugt: unser wahres Lebensglück hängt nicht nur von beruflichen Errungenschaften ab, sondern auch von unserer mentalen und körperlichen Verfassung. Erfolg bedeutet für mich nicht allein eine steile Karriere, sondern ein erfülltes, glückliches Leben. Natürlich gibt es Phasen, in denen ich in Arbeit versinke und weder Sport noch Meditation praktiziere. Doch ich bin nun sensibel dafür geworden, wann es Zeit ist, mich wieder mit mir selbst zu verbinden. Dann höre ich in mich hinein: Wer bin ich? Was will ich? Was läuft gut, was nicht? Ich fokussiere mich neu und finde zurück zu mir. Und das ist in Ordnung. Unsere Ziele sollten nicht in Stein gemeißelt sein – sie dürfen sich weiterentwickeln so wie wir selbst.

Hildegard Becker-Toussaint (Foto: Privat)

Im Referendariat war es mein größter Traum, Richterin zu werden. Doch als ich schließlich als erste Richterin einen öffentlichen Instagram-Account startete, eröffneten sich völlig neue Möglichkeiten, mit denen ich nie gerechnet hätte: ein eigener Podcast, TV-Produktionen, unternehmerische Projekte, Autorinnen- und Interviewanfragen, O-Töne für Nachrichtensender und vieles mehr. Ich spürte, dass es an der Zeit war, mich neu auszurichten, auch wenn das bedeutete, meinen sinnstiftenden Beruf als Richterin hinter mir zu lassen. Denn mir wurde bewusst, wie sehr ich all diese neuen Tätigkeiten genoss, obwohl ich nie erwartet hätte, dass sie mir so viel Freude bereiten würden.

Gleichzeitig stieß ich immer häufiger an die Grenzen meines Amts – insbesondere an das Mäßigungsgebot, das mir als Richterin auferlegt war und in direktem Gegensatz zu meinem wachsenden öffentlichen Engagement stand. Mit meiner zunehmenden Sichtbarkeit machte ich mich angreifbar. Als Strafrichterin musste ich stets damit rechnen, dass Strafverteidiger meine öffentliche Präsenz hinterfragten. Besonders, weil ich mich nicht nur zu rechtlichen, sondern auch zu rechtspolitischen Themen äußerte – etwa zum Strafrecht oder zu gesellschaftlichen Fragen wie Feminismus.

Lange hatte ich Angst, andere zu enttäuschen. Doch noch größer war meine Furcht, die Sicherheit des Beamtentums aufzugeben: die feste Besoldung, die hohen Pensionsansprüche, den kinderfreundlichen Arbeitsplatz. All das gab mir Stabilität und Planbarkeit. Gerade als Mutter war es beruhigend zu wissen, dass meine berufliche Zukunft abgesichert war, unabhängig von äußeren Umständen. Doch je stärker ich diese Sicherheit spürte, desto mehr wurde mir bewusst, dass sie mich auch festhielt. Sie hinderte mich daran, meinem eigenen inneren Ruf zu folgen. Die entscheidende Frage war: Was wiegt mehr? Die Gewissheit finanzieller und beruflicher Stabilität oder die Möglichkeit, mich frei zu entfalten und meinen eigenen Weg zu gehen?

Dieser innere Zwiespalt ließ mich lange zögern. Doch dann hatte ich beim Joggen einen Moment absoluter Klarheit: Egal, was andere über mich denken – es kommt nur darauf an, dass ich mein Leben lebe. Doch diese Erkenntnis kam nicht über Nacht. Es war ein Prozess – geprägt von Selbstreflexion, Persönlichkeitsentwicklung und Achtsamkeit. All das half mir, meine Ängste, Zweifel und Zukunftssorgen loszulassen. Was für viele wie ein mutiger Schritt aussah, war für mich keine bloße Entscheidung – es war eine Notwendigkeit. Ich musste diesen neuen Weg gehen, weil ich ihn mit jeder Faser meines Seins wollte. Ich war voller Tatendrang, und genau das machte den Unterschied. Und ich wünsche mir, dass Sie – liebe Leserin, lieber Leser – diesen Tatendrang auch für sich entdecken. Dass Sie erkennen, was Sie wirklich wollen, und den Mut finden, es umzusetzen.

[1] 1 Schweizer, Das Jochen-Schweizer-Prinzip – Wie du der Mensch wirst, der alle deine Probleme löst, 2024

 

 

 

 

 

 

Copyright: @Claudia Tödtmann. Alle Rechte vorbehalten.

Buchauszug „Flade, Den eigenen Weg finden – oder warum ich meinen Beruf als Strafrichterin aufgab“, aus: Gostomyzk/Jahn/Becker-Toussaint, Neue Briefe an junge Juristinnen und Juristen, 2025, und Cover © Verlag C.H.Beck GmbH & Co. KG

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