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Faulheit neu gedacht
Der Weg zum Tun ist das Sein.
– Lao-Tse, chinesischer Philosoph
Die US-Sitcom The Office, basierend auf dem englischen Original gleichen Namens, ist eine der erfolgreichsten Serien des 21. Jahrhunderts. In ihr verfolgen wir das Leben der Angestellten einer Papierfirma im ostamerikanischen Pennsylvania. Der inkompetente Chef Michael Scott, gespielt von Steve Carell, und seine Mitarbeiter brachten in neun Staffeln mit ihren Eigenheiten und absurden Situationen das Land zum Lachen.
Eine der Hauptfiguren ist der Verkäufer Jim Halpert, gespielt von John Krasinski. Er ist beliebt, witzig und klug, aber hat am Anfang der Serie keinerlei Ambitionen. Zufrieden mit seiner Situation, nutzt er jede Gelegenheit, um seinem Kollegen Dwight Schrute das Leben schwer zu machen. Seine einzige Motivation am Arbeitsplatz besteht darin, die Empfangsdame Pam zu umwerben, in die er verliebt ist.
Jim weiß stets, welche Leistung er bringen muss, um sich seine Späße und Flirtereien erlauben zu können. Er nutzt seine Energie und Zeit effizient, um als Mitarbeiter unersetzbar zu werden und gleichzeitig keinen Stress zu verspüren. Ganz anders als der verbissene Dwight, der um jeden Preis in der Hierarchie der Firma aufsteigen will, scheint Jim mit seinem Leben zufrieden und glücklich. Das macht ihn zu einem so angenehmen Zeitgenossen. Mehrmals schlägt er sogar die Möglichkeiten einer Beförderung aus, weil er sich nicht mit mehr Stress belasten will.
Die Figur des Jim Halpert ist von Natur aus ein effizient Fauler. Er schafft es, Arbeit und Privatleben harmonisch miteinander zu verbinden. Seine Haltung erlaubt ihm einen distanzierten Blick auf Probleme, kreative Lösungen und eine gesunde Abgrenzung zum Job. Seine Leistungen sind gut, er ist als Kollege und Mitarbeiter geschätzt und beliebt. Das zeigt sich auch darin, dass es seinem Chef wichtiger ist, von Jim gemocht zu werden als von Dwight, obwohl Dwight seinem Boss jeden Wunsch von den Lippen abzulesen versucht. Oder gerade deswegen.
Doch wir werden sehen, dass Jim etwas fehlt. Im Laufe der Serie bemerkt er, dass er sein volles Potenzial nicht ausnutzt. Er spürt, dass mit seinen Fähigkeiten und seiner Intelligenz mehr möglich wäre. Doch innerhalb des Papierunternehmens fehlt ihm die Motivation. Er beginnt, sich zu fragen, was er wirklich möchte. Und schafft es, durch Selbstreflexion und kluges Planen einen Weg zu finden, sich behutsam eine Karriere aufzubauen, die ihn nach Größerem streben lässt. Seine gemütliche Art ist ihm geblieben, doch Jim hat sich am Ende der Serie gewandelt: von einem effizient faulen Mitarbeiter, der seine Fertigkeiten einsetzt, um stets die Mindestanforderungen mit minimalem Aufwand zu erledigen, zu einem effizient faulen Unternehmer, der eine erfolgreiche Firma aufbaut, ohne dafür sein Privatleben vernachlässigen zu müssen. Jim Halpert kann jedem effizient Faulen ein Vorbild sein.
Was die antiken Denker über die Faulheit wussten
Die Faulheit ist heute gesellschaftlich geächtet. In einer Gesellschaft, die Arbeitseifer mit dem Wert des Menschen gleichsetzt, ist Faulheit das Zeichen von Asozialität und Gesellschaftsfeindlichkeit. Eine Gesellschaft aus Faulen wäre zum Scheitern verurteilt. Dabei wird allerdings rein auf den negativen Faulen fokussiert und nicht auf die Möglichkeiten, die sich mit einer tiefergehenden Auseinandersetzung gewinnen ließen. Dazu später mehr.
Zunächst schauen wir uns die historische Bedeutung des Begriffs an. Faulheit entstand erst im Mittelalter als Begriff (wie bereits erwähnt von »Fäulnis« oder dem »Verfaulen« von Lebensmitteln). Die Antike kannte Faulheit in unserem heutigen Sinn nicht. Allerdings gab es einige Philosophen, die sich mit ähnlichen Konzepten auseinandersetzten.
Der berühmteste ist wohl Aristoteles. In seinem Werk Nikomachische Ethik fragte er danach, was ein ethisches und moralisch gutes Verhalten auszeichnet. Kurz zusammengefasst, ist Aristoteles der Überzeugung, jedes Lebewesen habe einen telos, ein Ziel und einen Sinn im Leben. Diesen zu ignorieren oder gar gegen ihn zu handeln, sei moralisch falsch. Ein Löwe, der nicht jagt, eine Biene, die keine Blumen bestäubt, eine Ameise, die nichts zu dem Bau ihres Volks beiträgt, all das würde uns widernatürlich vorkommen. Faulheit würde nach Aristoteles bedeuten, der Mensch handle gegen seine Ziele. Allerdings ist es schwieriger, das sinnhafte Tun eines Menschen zu bestimmen, als jenes einer Ameise oder Biene. Der Mensch hat mannigfaltige Möglichkeiten, sich zu verwirklichen. Ein erster Schritt ist also, für sich selbst das sinnhafte Tun zu finden (wie uns das gelingen kann, davon wird später die Rede sein).
Wer im Einklang mit seinem Ziel lebt, der lebt laut Aristoteles tugendhaft. Das wiederum hindert den Menschen, zur Eudaimonie zu gelangen, zu einem glücklichen und zufriedenen Leben. Die moderne Forschung bekräftigt dies: Menschen, die nichts tun oder eine für sie sinnlose Tätigkeit verrichten, fühlen sich unglücklich.
Um einen Richtmesser zu haben, wie wir in unserem alltäglichen Leben tugendhaft sein können, gibt uns Aristoteles seine Mesotes-Lehre an die Hand. Mesotes ist die Kunst des richtigen Maßes. Laut Aristoteles bilden emotionale Zustände stets ein Gegensatzpaar. Zwischen zwei Extremen gilt es, die Mitte zu finden. Diese ist die angemessene Haltung für ein tugendhaftes Leben. So liegt die Tapferkeit als tugendhaftes Verhalten zwischen den beiden Extremen Feigheit und Tollkühnheit. Der Feige drückt sich vor jeder Aufgabe, die ihn herausfordert, der Tollkühne wiederum springt ins Abenteuer, ohne darüber nachzudenken. Beide erweisen sich und der Gesellschaft mit ihrem Verhalten keinen Dienst.
Der Tapfere wägt ab, welcher Kampf es wert ist, ausgefochten zu werden, und drückt sich nicht davor, wenn er notwendig ist. Im aristotelischen Sinn kann Faulheit ein Gegensatzpaar mit dem Übereifer bilden. Während der Faule sich vor jeder Tätigkeit drückt, nimmt der Übereifrige jedes Projekt an, selbst wenn es unnötig ist. Am Ende bleibt er ausgebrannt und überfordert zurück. Was wäre die Mitte zwischen diesen beiden Extremen? Im Geiste Aristoteles’ könnte hier die Effizienz genannt werden, die den Menschen zwar zum Arbeiten antreibt, die ihn jedoch begreifen lässt, wie er dies auf gesunde Art tun kann, ohne sich ins Burn-out zu stressen.
Eine oft vorgebrachte Kritik an Aristoteles lautet, dass selbst in den von ihm abfällig behandelten Extremen wie Faulheit positive Eigenschaften schlummern können. So postuliert der »Effizient faul«-Ansatz, dass ein fauler Mensch, ausgestattet mit der Gabe der Effizienz, sowohl im Arbeits- als auch im Privatleben große Fortschritte machen wird.
Die Idee der »Goldenen Mitte« erinnert uns daran, dass es wichtig ist, uns selbst Freiräume für Erholung und Entspannung zu schaffen, um ein erfülltes und tugendhaftes Leben zu führen.
Ein weiterer bedeutender Vertreter der griechischen Philosophie, der als Vordenker des Faulheitsbegriffs gelten kann und eine entgegengesetzte Position zu Aristoteles vertrat, war Epikur. Eine Generation jünger als Aristoteles, wurde seine Philosophie (der Epikureismus) besonders im Hellenismus (die Zeit um Alexander den Großen) einflussreich.
Mit seinen Anhängern versammelte er sich oft in einem Garten, weswegen seine Schule auch nach dem griechischen Wort für Garten, kepos, benannt ist. In diesem Garten eröffnete er seinen Zuhörern eine damals wie heute polemische Sicht auf die Welt: Er stellte die menschliche Lust und Lebensfreude sowie das Streben danach als zentrale Lebensgrundlage dar. Laut ihm ist der Mensch dann glücklich, wenn es ihm gelingt, Lust zu fördern und Unlust zu vermeiden. Für seine Kritiker wurde Epikur damit zum Urvater des Hedonismus, der Müßiggang und Völlerei Tür und Tor öffnete. Doch eine genaue Betrachtung seiner Lehre zeigt, dass dies keineswegs Epikurs Intention war. Vielmehr ist er sich bewusst, dass ein ausschweifender Lebenswandel langfristig zum Unglück führen wird. Allerdings wies er darauf hin, dass ein Mensch, der seine eigenen Bedürfnisse stets ignoriert, ebenso ins Unglück stürzen wird. Faulheit, im epikureischen Sinne, muss also nicht bedeuten, untätig zu sein. Vielmehr kann es die Fähigkeit bezeichnen, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und sie in Einklang mit den Anforderungen der Gesellschaft zu bringen.
Für Epikur lag das höchste Ziel des Menschen im Erreichen von Ataraxia, einer Gemütsruhe und einem Seelenfrieden, der durch die Befreiung von Schmerz und Leid erlangt wird. Er sah den Weg zur Ataraxia in der Lust, genauer gesagt in der geistigen Lust, begründet. Dabei verstand er Lust nicht als maßlose Sinnlichkeit, sondern als das Gefühl der inneren Befriedigung und des Wohlbefindens, das durch die Erfüllung von natürlichen Bedürfnissen entsteht. Bis heute kontrovers ist Epikurs Auffassung, dass Selbstmord gerechtfertigt sei, sollte der Mensch mehr Unlust als Lust verspüren und sich diese als unumkehrbar erweisen (etwa bei einer schweren Krankheit). Das zeigt, wie aktuell die Fragen der griechischen Philosophie noch heute sind.
Epikurs Philosophie erinnert uns daran, dass selbst der Müßiggang nicht von Grund auf schlecht ist. Bewusst und aktiv eingesetzt, kann er uns die Erholung bringen, die wir brauchen.
Während also Aristoteles selbst der Faulheit gegenüber kritischer eingestellt ist, kann Epikur als erster Verfechter eines neuen Faulheitsbegriffs gelten. Beide Philosophen geben uns allerdings Theorien, mit denen Faulheit neu gedacht werden kann.

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304 Seiten
Ein dritter Denker im Bunde, wenn es um die antiken Konzeptionen von Faulheit geht, ist der römische Staatsmann, Poet und Dichter Cicero. Vor allem als Gegenspieler Cäsars und Verfechter der römischen Republik bekannt, fand Cicero die größte Freude im Verfassen philosophischer Abhandlungen. In einer davon schreibt er auch über die Muße. Die Muße ist wohl jener antike Begriff, der unserem Wort Faulheit am nächsten kommt.
Die Muße ist eine freie Zeit, in der keine gesellschaftliche Aufgabe erfüllt werden muss. Für Cicero waren das etwa die Stunden, in denen er nicht im Senat saß oder seine Reden vorbereitete, sondern völlig frei in seiner Zeiteinteilung war. Doch Muße bedeutet keineswegs Nichtstun, sondern das Verfolgen individueller Interessen und Leidenschaften. In Ciceros Fall eben das Schreiben. Tatsächlich hielt Cicero die Muße für lebensnotwendig, denn nur in ihr ist richtige Erholung und Ruhe zu finden. Wichtig zu betonen ist, dass die Muße in einer Aktivität gefunden werden muss. Und zwar in einer Aktivität, die uns erfüllt.
Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass die Muße der griechischen und römischen Bürger nur durch die Sklaverei ermöglicht wurde. Während harte physische Arbeit von Sklaven verrichtet wurde, hatten die (männlichen) Bürger Zeit, sich Politik und Kunst zu widmen. Eine solche Arbeitsaufteilung ist heutzutage zum Glück undenkbar. Heute müssen wir selbst dafür sorgen, dass sich Arbeit und Muße die Waage halten.
Im Mittelalter wurde die Faulheit zur Todsünde. Die Kirche sowie Feudalherren forderten von den Menschen eine beständige Arbeit, die sie unter anderem davon abhalten sollte, ihre soziale Stellung zu hinterfragen oder gar gegen ihren Zustand aufzubegehren. Das führte schließlich zu Immanuel Kants Begriff der Faulheit in der Aufklärung, in der die Faulheit vor allem intellektuell verstanden wurde. Kant kritisierte, dass die Menschen zu faul seien, über ihre Lebenssituation nachzudenken und zu reflektieren. Der schlechte Ruf der Faulheit, der sich in dieser Zeit fest in der Gesellschaft verankerte, hat sich bis heute gehalten.
Allerdings gab es seitdem immer wieder gegensätzliche Positionen. Besonders seit der Industrialisierung und der zunehmenden Überforderung des Menschen gewann die Faulheit an Wert und wurde zu einem Kampfbegriff all jener, die das ständige Arbeiten kritisch betrachteten. So schrieb der französische Sozialist und Arzt Paul Lafargue 1880 einen Essay mit dem Namen »Das Recht auf Faulheit «, in dem er gegen die herrschende »Arbeitssucht« ein Recht auf Freizeit für jeden Arbeiter einforderte. Im Grunde waren dies die ersten Forderungen nach freien Tagen und Urlaub.
Stellvertretend für ähnliche Strömungen sei auch die Arbeit des deutschen Philosophen und Psychoanalytikers Erich Fromm genannt. Beeinflusst durch die Frankfurter Schule, setzte er sich mit der modernen Lebens- und Arbeitswelt auseinander. In seinem Buch Haben oder Sein: Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft kritisierte er die moderne Konsumgesellschaft, in der der Fokus auf äußerem Besitz und materiellem Reichtum liegt. Er plädierte für ein Leben im Sein, in dem die Menschen bewusst ihre inneren Bedürfnisse erkennen und nach deren Erfüllung streben. Seine Betonung der inneren Zufriedenheit, der Tugendhaftigkeit und des zwischenmenschlichen Mitgefühls spiegeln die zeitlosen Fragen und Themen wider, die auch von den antiken Philosophen behandelt wurden und weiterhin eine wichtige Bedeutung für die Suche nach einem erfüllten Leben haben.
Durch die Auseinandersetzung mit Theorien wie jener Fromms und anderer Denker und Philosophen haben wir als Gesellschaft damit begonnen, herkömmliche Vorstellungen von Arbeit und Produktivität zu hinterfragen. 30 Wir erkennen, dass ständige Überarbeitung und Perfektionismus nicht der einzige Weg zum Erfolg sind, sondern dass Faulheit und Erholung wichtige Rollen spielen. Diese Erkenntnisse haben zu einem verstärkten Interesse an flexiblen Arbeitsmodellen, Work-Life-Balance und Selbstfürsorge geführt. Und zu einer Neubewertung des Begriffs Faulheit.
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