Brorhilkers Rücktritt: So gelingt Managern der Wechsel, wenn ihr Unternehmen sie entmachtet
(zuerst erschienen am 26.4.24)
Der Management-Moment der Woche und was sich aus ihm lernen lässt: Die Cum-Ex-Chefermittlerin Anne Brorhilker hängt ihren Beamtenjob an den Nagel trotz Verlust ihrer guten Pension. Wie es Manager besser anstellen können (218 Zeichen)
Das ist passiert
In der vergangenen Woche hat die prominenteste Staatsanwältin Deutschlands, Anne Brorhilker, um ihre Entlassung aus dem Beamtenverhältnis gebeten. Die Kölnerin verfolgte seit elf Jahren die Betrüger der komplizierten Cum-Ex des größten Steuerskandals der Bundesrepublik. Nach vier Jahren wurde nach vier Jahren 2017 zur Abteilungsleiterin befördert und machte sich einen Namen, weil sie nicht locker ließ, bis sie die hochkomplizierten Konstrukte verstand. Kaum war eins erkannt, hatten die Betrüger schon das nächste undurchsichtige Modell ersonnen. Es war ein Hase- und Igel-Spiel, sie leitete rund 120 Ermittlungsverfahren gegen 1700 Beschuldigte ein. Doch was fehlte, war die Unterstützung aus der Politik, die sie so dringend brauchte, um die Betrügereien erfolgreich zu bekämpfen. Im Gegenteil, sie musste sich vom Bundeskanzler angebliche Gedächtnislücken gefallen lassen statt Unterstützung zu bekommen.
Nun verkündete Brorhilker diese Woche, dass sie nicht mehr weitermacht, jedenfalls nicht an dieser Stelle und bat um ihre Entlassung aus dem Beamtenverhältnis – obwohl sie damit auf ihre gute Pension verzichtet. Und sie erklärte sich öffentlich, immer wieder fielen die Worte ihrer Erkenntnis, dass man die Großen laufen ließe und die Kleinen hängt.
Der Schritt war für viele eine Überraschung. Doch sieht man genauer hin, doch wieder nicht. Denn der Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt: Vor rund sechs Monaten NRW-Justizminister Benjamin Limbach von den Grünen wollte im Oktober vergangenen Jahres, vor rund sechs Monaten, seine engagierte Oberstaatsanwältin entmachten. Er wollte ihr Team, halbieren und neben ihr einen weiteren Cum-Ex-Verfolger installieren. Nur weil diese Pläne öffentlich wurden und in Medien wie dem „Handelsblatt“ zu Empörung führten, blieben sie am Ende auf diesen externen Druck in der Schublade.
Klar war mit dieser Bloßstellung: sie hatte in den eigenen Reihen, jedenfalls bei ihren Vorgesetzten keinen Rückhalt mehr, sie genoss nicht mehr ihr Vertrauen. Für jeden Manager eine Katastrophe, nicht nur für eine Oberstaatsanwältin. So kann man kaum erfolgreich weiter arbeiten.
Weil´s dann sowieso nicht mehr drauf ankam, den Schein nach außen noch wahren zu wollen nach dieser öffentlichen Erniedrigung nutzte sie die Bühne, die sie bekam und benannte die Gründe ihres Abschieds hat Brorhilker klar. Dass sie unzufrieden war mit den Möglichkeiten zur Aufklärung des Cum-Ex-Skandals und mangelnder Rückhalt aus der Politik. Dass ihr Fazit nach elf Jahren im Systems ist: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen. Die Justiz sei schwach aufgestellt, die Gegenseite aber sehr gut, mit viel Geld und guten Kontakten – eben in Politik und zu politischen Beamten in der Hierarchie über ihr.
Wohin sie wechselt? Zu einem NGO mit 25 Mitarbeitern, der Bürgerbewegung Finanzwende mit dem Ex- Grünen-Finanzexperten Gerhard Schick an der Spitze, der sich selbst als Politiker auf der anderen Seite schon früher jahrelang die Zähne im Kampf gegen die Cum-Ex-Täter ausgebissen hatte. Bei ihm bewarb sich Brorhilker also nach ihrer Bloßstellung und der nimmt ein fachkundiges Schwergewicht wie sie gerne: sie wird Geschäftsführerin neben ihm.
Das können Sie daraus lernen
1. Die Witterung der Vorgesetzten aufnehmen
Richten sich die eigenen Vorgesetzten gegen eine ihrer Führungskräfte, entziehen ihnen öffentlich das Vertrauen, indem sie ihre Kompetenzen beschneiden und und Leute wegnehmen, passiert das nicht aus heiteren Himmel. So etwas deutet sich länger vorher an und überraschend, sagt Topmanager-Coach Hanns-Ferdinand Müller, der auch selbst zuvor schon als CEO und Unternehmensberater Karriere gemacht hat. Er rät Führungskräften, nah dran zu bleiben an den Entscheidern über ihnen, um mitzubekommen, wenn sich der Wind im Unternehmen dreht. „Sie sollten gut zuhören, auf Zwischentöne achten und einen Sensor entwickeln, um früh zu bemerken, wenn sich die strategische Gefechtslage ändert“, sagt der Kölner. Das gelte auch nicht nur für den eigenen direkten Vorgesetzten, sondern auch de Manager derselben Ebene und auch den Entscheider über ihm, eine Umfeldanalyse also.

Hanns-Ferdinand Müller, Foris (Foto: C.Tödtmann)
Erstes Anzeichen dafür sei, dass die „Kommunikation verschwurbelt wird“, die Leute eher um den heißen Brei herumreden statt den anstehenden Strategiewechsel auszusprechen. „Man muss es spüren, wenn der Chef plötzlich etwas Neues will, bevor es es ankündigt, man muss gut beobachten und vor allem Rückfragen stellen“, rät Müller.
Brorhilker hätte erkennen müssen, meint er, dass ein Ermittlungsverfahren mit hochgestellten Bankern, Politikern und insbesondere einem Bundeskanzler sofort viel schwieriger wird als in einem normalen juristischen Verfahren. Dass plötzlich kein Interesse mehr daran bestehe, die Wahrheit herauszubekommen. Womöglich hat die konsequente Staatsanwältin nicht erwartet, dass sich dadurch etwas ändert, gibt Müller zu bedenken. Vielleicht wollte sie nicht glauben, dass es auch in ihrem Ermittlungsverfahren unsachlich zugehen könne. Denn auch in Unternehmen gibt es nicht nur Sachebenen, sondern es gehe dort wie überall auch emotional zu. Vielleicht wollte Brorhilker genau das nicht akzeptieren, dass das Emotionale eben doch eine große Rolle spiele. Ob man gemocht wird oder jemand anderen nervt, wenn man – zumal als Jurist – glaubt, allein die Sachebene entscheide, so Coach Müller.
2. Taktisch kündigen und auf die Suche gehen

Sebastian Frahm (Foto: Privat)
Manager, denen Zuständigkeiten und Mitarbeiter weggenommen werden, müssen das als eindeutiges Zeichen ihrer Kaltstellung bewerten, denn das ist ist das Gegenteil von Wertschätzung und Vertrauen, ordnet Arbeitsrechtler Sebastian Frahm von der Kanzlei Frahm Kuckuk ein. Insbesondere wenn es vor den Augen der ganzen Belegschaft geschieht. Denn es bedeutet: Er hat die Rückendeckung der Hierarchie verloren. Die braucht man aber, um den Job überhaupt machen zu können und nicht mit einem stumpfen Schwert dazustehen, sagt der Stuttgarter.
Dann sollte man seine Konsequenzen auch ziehen, rät Frahm. Brorhilker konnte als Beamtin auf Lebenszeit in ihrer Lage nicht darauf abzielen, noch eine Abfindung beim Ausscheiden auszuhandeln – anders als Manager. Der Rat des Arbeitsrechtlers für diese scheinbar aussichtslose Position ist eindeutig: Der Manager solle selbst kündigen, aber mit einer sehr langen Kündigungfrist, zwei Jahre zum Beispiel. Denn diese kann man frei wählen. „Er zeigt damit, dass mit ihm in der Zeit auch nicht mehr zu rechnen ist“, erklärt er.
3. Den Exit geschickt verhandeln
Dahinter steckt die Hoffnung, dass der Manager nunmehr freigestellt wird von seinem Arbeitgeber. Dann kann er im nächsten Schachzug in Abfindungsverhandlungen eintreten mit dem Ziel, möglichst zwei Jahresgehälter zu bekommen, sagt Anwalt Frahm. Der Rechtsanwalt eines so gedemütigten und freigestellten Managers hat dann gute Argumente gegenüber dem Unternehmen: Zum Beispiel, dass das Unternehmen selbst die Ursache gesetzt hat und sein Mandant sich nichts habe zuschulden kommen lassen.
Frahms Rat ist: Sobald die Karten auf dem Tisch liegen und die Freistellung des Managers erfolgt ist, kann er sich auf allen Kanälen überall bewerben. Ab dem Moment könne er tun und lassen, was er will. Vorher sollte er sich lieber nur auf „kleiner Flamme“ bei Unternehmen bewerben, seine Netzwerke in Anspruch nehmen oder Headhunter ansprechen.
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