Buchauszug Kara Swisher: „Burn Book – A Tech Love Story“

Buchauszug Kara Swisher: „Burn Book. A Tech Love Story“

 

(Foto: Plassen Verlag)

Kara Swisher: Burn Book bei hugendubel.de. –  24,90 Euro, 336 Seiten, Plassen Verlag

Der gefährlichste Mann der Welt

Womit können wir die großen Mächte besänftigen?

Und ich glaube, das war am Ende die Frage, die Agamemnon zerstörte, dort am Strand, die griechischen Schiffe in Bereitschaft, das Meer unsichtbar jenseits des ruhigen Hafens, die Zukunft todbringend und schwankend: er war ein Narr, weil er glaubte, man könne sie lenken. Er hätte sagen müssen Ich habe nichts, ich bin dir ausgeliefert.

– LOUISE GLÜCK, „DAS LEERE GLAS“

Während der Schweiß über Mark Zuckerbergs teigiges, rundliches Gesicht rann, fragte ich mich, ob er mir gleich vor meine Füße kippen würde. Mehrere Führungskräfte von Facebook hatten mir erzählt, dass das manchmal passierte, wenn ihr CEO nervös wurde. Aber ich wusste nicht, ob es ein Scherz war oder nicht. „Er hat Panikattacken, wenn er in der Öffentlichkeit spricht“, hatte mich einer schon vor Jahren gewarnt. „Es kann durchaus sein, dass er in Ohnmacht fällt.“

Ich hatte den Verdacht, dass es ein Trick war, um uns dazu zu bringen, netter zu Zuckerberg zu sein. Wenn es einer war, hat er nicht funktioniert. Walt und ich grillten den schmächtigen jungen Mann 2010 auf der Hauptbühne unserer jährlichen All Things Digital-Konferenz im kalifornischen Rancho Palos Verdes. Zuckerberg saß auf einem unserer ikonischen roten Stühle, auf denen auch Tech-Legenden wie Steve Jobs gesessen hatten, der in diesem Jahr zum letzten Mal dabei war. Zuckerberg erzählte mir, dass er gern einmal mit Jobs bei einem Abendessen am Pazifik zusammensitzen würde, was ich sehr rührend und aufrichtig fand. Das ATD-Interview fand nur fünf Jahre nach der Gründung von Facebook und zwei Jahre vor dessen Börsengang statt. In vielerlei Hinsicht war Zuckerbergs Treffen mit Walt und mir sein aufsehenerregendes Debüt in der Öffentlichkeit.

Aber nun liefen die Rinnsale über sein immer blasser werdendes Gesicht. Im Nachhinein betrachtet war ein solches Desaster wohl unvermeidlich. Wir hatten zwar häufig miteinander gesprochen, seit Zuckerberg 2004 in seinem Wohnheimzimmer in Harvard Facebook gegründet hatte, ehe er damit nach Palo Alto umzog, aber er hatte nur ein einziges größeres öffentliches Interview mit mir geführt und damals war er nicht allein gewesen. Seine damalige COO Sheryl Sandberg saß an seiner Seite und bog schwierige Fragen gekonnt ab. Das war gleichsam der Markenkern dieser enorm effektiven Führungskraft, schon kurz nachdem sie als die „Erwachsene“ eingestellt worden war, wobei ihre Rolle für meine Begriffe eher der einer hippen älteren Schwester glich. Über die Jahre war sie in vielerlei Hinsicht Marks Zufluchtsort.

Ich hatte darüber berichtet, wie Sandberg vom Todesstern geflohen war, zu dem sich Google entwickelt hatte, wo sie die profitgierige AdWords-Abteilung geleitet hatte. Sie hatte sich mit dem außerordentlich unbeholfenen Zuckerberg in einem putzigen Tech-Moment auf einer Weihnachtsfeier angefreundet und sehr schnell und vorausschau-end zugestimmt, sich als seine Stellvertreterin einstellen zu lassen und damit auch für einen großen Teil von Facebook die Zuständigkeit zu übernehmen.

Aus Zuckerbergs Perspektive war der Schachzug sogar noch besser, da er Schwierigkeiten hatte, einen geeigneten Geschäftspartner für sein heißes Start-up zu finden. Der Ruch von anhaltendem operativen Chaos umgab das Unternehmen, obwohl es nach einer Investition von 240 Millionen Dollar durch Microsoft im Jahr 2007 mit unvorstellbaren 15 Milliarden Dollar bewertet wurde. Bill Gates war zu einem Mentor des jungen Unternehmers geworden, aber Sandberg sollte sich im Laufe der nächsten zehn Jahre als Zuckerbergs wichtigste Verbündete erweisen.

Und in der Tat verfünffachte sich die Reichweite des Unternehmens in den ersten beiden Jahren ihrer Zusammenarbeit auf 500 Millionen Nutzer, während Sandberg die gewinnbringende Werbemaschine optimierte und Zuckerberg die aggressive Produkterweiterung leitete. Die Bewertung von Facebook stieg sogar noch weiter, da die Einnahmen schnell wuchsen. Aber es gab auch Dinge, die besorgniserregend waren – wie schon in den ersten Tagen des Dienstes, als interne Memos von Zuckerberg seine wahren Gefühle gegenüber den Nutzern offenbarten, die ihre Daten so leichtfertig hergaben. „Sie ‚vertrauen mir‘, diese Idioten“, schrieb er. Klingt echt nett.

Auch wenn Mark später sein Bedauern über diese Äußerung zum Ausdruck brachte, so war es doch eine zutreffende Momentaufnahme einer sich verhärtenden Kultur, die Wachstum Vorrang vor Sicherheit einräumte. Und sie war auch in die DNA des Unternehmens eingebaut. Facebook hatte im Zusammenhang mit dem Missbrauch von Kunden-daten bereits zahlreiche Katastrophen überstehen müssen. Beacon war eine Werbesoftware, die entwickelt worden war, um die Aktivitäten der Nutzer zu tracken, zum Beispiel den Kauf von Gütern abseits der Website, und diese Informationen dann an Facebook weiterzuleiten. Facebook stellte Beacon als „kommerzielles Warnsystem“ vor, aber es wirkte in Wirklichkeit eher wie ein Stalker-System. Die Federal Trade Commission segnete sie zunächst ab, beanstandete aber 2007 die Verwendung der Software. Sean Parker, der Mark bei der anfänglichen Entwicklung von Facebook beriet, erklärte später, dass das Ziel der Website schlicht war: „Wie können wir so viel von deiner Zeit und deiner bewussten Aufmerksamkeit wie möglich in Anspruch nehmen?“ Was er nicht im positiven Sinne meinte.

Bald stand Facebook im Ruf, den populären Begriff „Growth Hacking“ auf eine Spitze zu treiben, die AOL, Yahoo und selbst Google schüchtern erscheinen ließ. So war es nicht verwunderlich, dass sich Facebook im Sommer 2010 mit behördlichen Untersuchungen konfrontiert sah, in deren Fokus die schlampige, ja räuberische Datenschutzpraxis stand, die das Unternehmen bei seinem Vormarsch hatte schleifen lassen. Gleichzeitig sollte in Kürze der Film The Social Network von Aaron Sorkin über die Gründung von Facebook in die Kinos kommen. Im Vorfeld hieß es bereits, dass der Film Zuckerberg in einem wenig schmeichelhaften Licht darstellte. Sein aalglattes Gebaren solle das gesamte Unternehmen infiziert haben.

Bei einem Essen kurz vor unserem Interview saß Mark neben mir und war sichtlich empört über die bevorstehende Veröffentlichung, auch darüber, dass der Film ihn darstellte, als hätte er die Idee für das soziale Netzwerk von seinen Harvard-Kommilitonen gestohlen, den Winklevoss-Brüdern. Die beiden gut aussehenden Gauner, die meisterhafte Zweierruderer waren, wurden später von Facebook ausbezahlt und gründeten daraufhin eine Kryptowährungsbörse, insofern müssen wir ihretwegen nicht unbedingt eine Träne verdrücken. Facebook hatte sich jedenfalls selbstgerecht und lautstark bei den Verantwortlichen in Hollywood über die Darstellung ihres Unternehmens beschwert, was dem Film natürlich noch mehr Aufmerksamkeit bescherte. Ich riet Zuckerberg, einfach darüber zu lachen. Das Beste sei, wenn er zur Premiere gehe und den Schauspieler Jesse Eisenberg, der Zuckerberg spielte, umarme. „Sie müssen das Heft des Handelns in der Hand behalten, Mark. Der Film wird in die Kinos kommen, ob es Ihnen gefällt oder nicht. Und am Ende ist es doch egal, weil Sie reicher und berühmter sein werden als irgendwer von denen.“

Zwar lachte er später tatsächlich darüber und trat sogar mit Eisenberg bei Saturday Night Live auf, aber zu diesem Zeitpunkt war er noch nicht so weit. „Die Leute denken doch, dass ich wirklich so bin, weil sie alles glauben, was sie auf der Leinwand sehen“, entgegnete er und runzelte die Stirn. Mark war gerade 26 Jahre alt geworden und hatte noch kein Gefühl dafür entwickelt, dass das Leben lang ist und er sich besser auf einen Durchleuchtungsmarathon vorbereiten sollte. Er war genervt und seine emotionale Aufregung wurde durch eine sich ankündigende Grippe noch verstärkt.

Auf mich wirkte Zuckerberg sehr verletzlich, zumal er eher ratlos als wütend schien. Er verstand nicht, weshalb die Welt so ungerecht zu ihm war. Immerhin hatte er ihr Facebook geschenkt. Hier blitzte zum ersten, aber beileibe nicht zum letzten Mal seine hartnäckige Opfermentalität auf, die ihn und das Unternehmen in den kommenden Jahren plagen sollte, als die berechtigte Kritik zunahm.

Die Opferrolle war ein allgegenwärtiges Gefühl, das sich in der ge-samten Tech-Bruderschaft ausbreitete, insbesondere als die Gründer und Führungskräfte den wohlverdienten Gegenwind zu spüren bekamen. Diese Haltung hatte von Mark Besitz ergriffen, als der Harvard-Abbrecher 2017 an die Uni zurückkehrte, um dort eine Rede vor den Absolventen zu halten. Er begann mit der erhabenen Idee, sich von einem Ziel leiten zu lassen, um dann schnell auf die Straße der Beschwerden abzubiegen. „Es ist gut, idealistisch zu sein. Aber seien Sie darauf vorbereitet, missverstanden zu werden. Jeder, der an einer großen Vision arbeitet, wird für verrückt erklärt, selbst wenn er am Ende recht hat. Jeder, der an einem komplexen Problem arbeitet, wird beschuldigt, die Herausforderung nicht vollständig zu verstehen, obwohl es unmöglich ist, alles im Voraus zu wissen“, prophezeite er. „Wer die Initiative ergreift, wird dafür kritisiert, dass er zu schnell vorgeht, denn es gibt immer jemanden, der ihn aufhalten will.“

Die Saat dieser Mentalität keimte bereits 2010 auf, als er sich fragte, warum der Drehbuchautor Aaron Sorkin auf ihm herumhackte. Ich konnte einfach nicht begreifen, warum er sich mehr für einen dummen Film interessierte als für die Auswirkungen, die er auf die reale Welt hatte. „Seien Sie verrufen, Mark“, scherzte ich, bevor ich aufstand, um mich auf unser Interview auf der Bühne vorzubereiten.

Zu seinem Pech wurde er genau das: verrufen. Als Walt ihn auf das Thema Datenschutz und „sofortige Personalisierung“ ansprach, wurde Zuckerbergs Angst auf der Bühne physisch sichtbar. Sandberg saß in der ersten Reihe und verzog ihr Gesicht zu einer entsetzten Grimasse, als sie sah, was ich aus nächster Nähe sehen konnte. Mark schmolz in sich zusammen. Buchstäblich.

Sein sich verschlimmernder Schweißausbruch erinnerte mich an die Szene in dem Film Nachrichtenfieber, in dem der von Albert Brooks gespielte Aaron Altman zu einer Schweißpfütze wird, während er für den Wochenend-Nachrichtensprecher einspringt und dabei komplett versagt. Bei Zuckerberg war es sogar noch schlimmer und so sehr ich auch meinen Ruf als kämpferische Interviewerin genoss, wollte ich nicht als die Person Berühmtheit erlangen, die das neueste Wunderkind des Silicon Valley in einer Pfütze versenkte. Deshalb schaltete ich mich ein und schlug ihm vor, seinen notorischen Hoodie auszuziehen, um ein wenig abzukühlen. In meiner Mutterrolle versuchte ich ihm damit aus dieser augenfälligen Klemme zu helfen. Dabei war der Versuch, das nässende Desaster zu stoppen, nicht ganz uneigennützig. Ich wollte nicht, dass der Abend damit endet, dass ich ihm eine Ohrfeige verpassen musste, wenn er in Ohnmacht fiel. Mark lehnte meinen Vorschlag ab, auch wenn ihm allmählich dämmerte, dass er übel litt. „Ich ziehe meinen Hoodie niemals aus“, sagte er in dem schlaffen Versuch, noch einen Witz zu machen.

Aber als er kurz darauf bemerkte, wie schlimm es um ihn stand, gab er nach. „Vielleicht ziehe ich den Pulli doch besser aus“, sagte er. Während er seine Schutzschicht abstreifte und die metastasierenden Schweißflecken unter Marks Achseln und auf seinem Rücken zum Vorschein kamen, versuchte ich, Small Talk zu machen, damit er sich beruhigte.

Kara: Dieser Hoodie ist aber auch wirklich sehr warm.

Mark: Er ist sehr dick – das ist ein Firmen-Hoodie. Auf die Innenseite haben wir unsere Mission gedruckt.

Kara: Oh? Was steht da? „Für eine …“

Mark: „Für eine offenere, vernetztere Welt.“

Kara: Ach du lieber Gott. Das ist ja wie eine geheime Sekte. Hier, sehen Sie sich das an: „Für eine offenere, vernetztere Welt.“ Und weiter: „Stream. Graph. Platform.“ Und dann dieses seltsame Symbol in der Mitte, ich vermute, das steht für die Illuminaten.

Alle lachten. Und auch Zuckerberg entspannte sich, sodass der ganze Raum erleichtert aufatmete und das Interview weitergehen konnte. Später schickte er Walt und mir eine freundliche E-Mail. Er bedankte sich sogar für das Interview, was er sicher nicht hätte tun müssen, vor allem angesichts der schmerzhaften Bilder, die sehr bald in der Tech-Welt die Runde machten. Es war eine einmalig schwache Leistung eines CEO in einem entscheidenden Moment. Aber wie sich herausstellen sollte, war es nicht einmal sein schlechtester Auftritt.

Von dem Tag, an dem wir uns kennen lernten, schien Mark mich – und womöglich die gesamte Presse – als seinen Gegner zu betrachten.

Ein gutes Beispiel ist das Erste, was Mark jemals zu mir gesagt hat.

„Ich habe gehört, dass Sie mich für ein Arschloch halten.“

Seine Eröffnung – in der Tat ein aggressiver Zug. Die meisten Unternehmensgründer versuchten mich bestmöglich zu bezirzen, da ich für eine große Wirtschaftszeitung arbeitete und es für sie wichtig war, was ich über sie schrieb. Doch trotz seiner Eröffnungssalve wirkte Zuckerberg im Grunde harmlos, wie ein neugeborenes kleines Ding mit rehbraunen Augen und breiter Stirn oder wie eine nicht besonders interessante Anime-Kreatur.

Aber er hatte unrecht. Ich hielt ihn nicht für ein Arschloch. Ich vermutete, dass er ein Arschloch war, und dieser Eindruck beruhte auf dem, was mir viele andere erzählt hatten. Einige Leute, die ich sehr respektierte und die Zuckerberg getroffen hatten, hatten nach der Begegnung einen Eindruck von ihm, der am ehesten mit einem Schul-terzucken vergleichbar wäre. Einige hielten ihn für ein Leichtgewicht.

Einige hielten ihn für extrem arrogant. Die meisten hielten ihn für einen von vielen Tech-Bros, der – sagen wir es mal so – oft im Unrecht war, aber niemals Zweifel hegte. Mit Sicherheit hielt ihn niemand für einen bahnbrechenden Wegbereiter. Sein soziales Netzwerk war damals noch in den Kinderschuhen und Zuckerberg war noch nicht der Mann, der er später werden sollte: einer der reichsten und mächtigsten Menschen auf dem Planeten.

Der damalige COO von Facebook, Owen Van Natta, den ich seit seiner Zeit als Führungskraft bei Amazon kannte, hatte mich zu einem Treffen mit Zuckerberg gedrängt. Van Natta war ein gewiefter Geschäftsmann, der einerseits den ganzen Unsinn der Tech-Szene mit-zumachen schien, andererseits aber auch unerklärlicherweise mit dieser Witzbranche gutes Geld verdiente. Er hatte es geschafft, sich in Zuckerbergs Gunst einzuschmeicheln, und er schien sich trotz Zuckerbergs Unart, seine männlichen Führungskräfte erst zu verhätscheln und dann zu entlassen, irgendwie im Unternehmen halten zu können. „Sie werden ihn lieben, er ist der Beste, ich schwöre, der Beste“, gurrte Van Natta und versuchte wie ein Pfadfinder zu klingen, obwohl er eher wie ein Gebrauchtwagenverkäufer wirkte. „Haben Sie diese ganzen Google-Typen nicht etwa auch satt?“

Guter Punkt. Ich hatte tatsächlich die Nase voll von diesen Google-Typen, die ihr Suchunternehmen 2004 an die Börse gebracht hatten. Seitdem hatten sich Brin und Page von liebenswert tollpatschig zu zunehmend bizarr weiterentwickelt. Alle Welt bewunderte rund um die Uhr die unzähligen Schrullen dieser beiden, da sie nun Milliardäre waren. Glücklicherweise war das Silicon Valley immer schon auf der Suche nach dem nächsten großen Ding und Facebook war definitiv das Start-up der Stunde. Ich wusste, dass ich Zuckerberg irgendwann treffen musste. Und so schlenderte ich 2006 die University Avenue hinunter und holte mir bei Pizza My Heart noch ein Stück Pizza Fun-ghi auf die Hand, ehe ich mich auf den Weg zu Facebook machte. Als ich dort eintraf, stand er schon im Türrahmen seines schäbigen Büros und platzte mit dem Satz heraus, er habe gehört, dass ich ihn für ein Arschloch hielt.

Und meine ersten an Zuckerberg gerichteten Worte waren: „Da ich Sie gerade erst kennengelernt habe, weiß ich noch nicht, ob Sie ein Arschloch sind oder nicht. Aber ich werde es bald herausfinden.“ Wer dieser Zuckerberg war, sollte mir lange Zeit nicht klar werden, schon gar nicht an jenem Tag, als er mich zu einem Spaziergang durch Palo Alto einlud. Diese etwas kuriose Idee war eine Praxis, die er von Steve Jobs übernommen hatte, der in der Gegend auch gern spazieren ging.

Im Gegensatz zu Jobs, der ein Dauerfaszinosum war, hatte Zuckerberg fast keinerlei Charme und es tat mir fast physisch weh, wie unbeholfen er damals in der Öffentlichkeit auftrat. Er räusperte sich ständig, stockte beim Sprechen und sah überall hin, nur nicht in Ihre Augen. Das war bei den vielen Tekkies, über die ich im Laufe der Jahre berichtet hatte, nicht ungewöhnlich, auch nicht bei Microsoft-Gründer Bill Gates, der im Gespräch die ganze Zeit auf seinem Stuhl wippte – ein Tick, den er später zum Glück überwand. Gates hatte hart daran gearbeitet, seine Kanten abzuschleifen, so wie viele andere Unternehmer auch, die zu Reichtum und Macht gelangt waren und sich bessere Kleidung, bessere Frisuren und bessere Körper zulegten.

Zuckerberg war zu Beginn noch nicht der muskelbepackte MMA-Kämpfer, noch nicht der patriotische Foilboarder, Bisonmörder und Kälbermäster, zu dem er sich im Laufe der nächsten zehn Jahre entwickeln sollte. Auf einer Aufnahme meiner Videokamera, die ich damals mit mir herumtrug, um die Tekkies in ihrer natürlichen Umgebung zu filmen, können Sie diesen jungen Mann im Jahr 2007 sehen. Mark und einer seiner ersten Risikokapitalgeber, Jim Breyer von Accel Partners, grüßten mich, während ich mit meinen Mitarbeitern von AllThingsD im Il Fornaio zu Mittag aß, wo das halbe Silicon Valley abhing.

Seinerzeit schrieb ich: „Gnädigerweise gibt Zuckerberg – vor allem, weil er keine andere Wahl hatte, nachdem ich meine lästige winzige weiße Pure-Digital-Videokamera herausgeholt hatte – in dem Video unten ein kurzes Update über die viel gepriesene Öffnung seiner heißen Social-Networking-Plattform für Drittentwickler. Aber als ich ihn nach den Übernahmegerüchten frage, die schon seit geraumer Zeit um das Unternehmen kursieren – neuerdings wird kolportiert, dass auch Google hier herumschnüffelt –, reagiert er erst spöttisch, wird dann aber schnell sehr unangenehm.“ In dem peinlichen Video – das dem Wall Street Journal irgendwie abhandengekommen ist, obwohl der Artikel dazu erhalten geblieben ist – begann Mark zu stammeln und zu schnaufen, fast als hätte ich ihn gebeten, für mich einen Jig zu tanzen. Die Angebote trudelten in der Tat schnell und heftig wie der Blitz ein, angefangen mit einem Angebot über eine Milliarde Dollar von Yahoo im Jahr 2006.

Aber er schien darauf bedacht zu sein, sich ständig zu verbessern – ein Charakterzug, den ich bewunderte. So war etwa 2009 auf einer Geburtstagsfeier für Sheryl Sandberg im St. Regis Hotel in San Francisco eindeutig zu erkennen, dass er an seiner Gesprächskultur und an seinen öffentlichen Präsentationen arbeitete, was für ihn, wie mir seine Führungskräfte verrieten, eine Priorität war. „Ich glaube, ich mache es jetzt besser als bei unserem ersten Treffen“, sagte Zuckerberg im Ernst.

„Auf jeden Fall“, sagte ich laut, um in meinem Kopf noch hinzuzufügen: „Minimal“. In Wahrheit hat mir unser erstes Treffen trotz des Unbehagens viel Spaß gemacht, auch wenn es mit einem kleinen Wermutstropfen endete. Als ich ging, wurde mir eine von Zuckerbergs berühmten Visitenkarten ausgehändigt, auf der stand: „I’m CEO … bitch“ – ein widerwärtiger Spruch, der sich als Witz verkleidete. Gott, ich habe diese Karte wirklich gehasst. Dennoch beeindruckte mich Zuckerbergs erster verbaler Schachzug. Er hatte eine Eigenschaft, die ich tatsächlich schätzte: Er versteckte seinen bodenlosen Ehrgeiz nicht wie andere, glattere Jungunternehmer. In ihren weichen Fleece-Hoodies und bequemen Schuhen erinnerten sie mich oft an erwachsene Kleinkinder. Ich hatte mir sogar angewöhnt, sie als „Männerjungs“ zu bezeichnen, was nicht nett war, ich weiß, aber es traf auf diese Leute einfach zu, die mir halbfertig und undurchsichtig vorkamen, ohne erkennbare Ecken und Kanten oder interessante Facetten. Das Schlimmste aber war, dass ihre Art, anders zu sein, keinen Unterschied machte. Sie behaupteten, dass sie „die Welt verändern“ wollten und dass es ihnen „nur um den Weg ging“ und dass „Geld nicht das Ziel war“. Das waren natürlich alles glatte Lügen, die dadurch noch problematischer wurden, dass diese Männer vor allem sich selbst belogen.

Im Gegensatz zu den Haifischbabys, die versuchten, sich kuschelig zu geben, strebte Zuckerberg von Anfang an offen nach Macht und historischer Bedeutung. Lange Zeit stand am unteren Rand der Facebook-Startseite der Hinweis: „A Mark Zuckerberg Production“. Doch damit nicht genug: „Sein Held ist Augustus Cäsar, verdammt“, verriet mir einer seiner Investoren eines Abends beim Abendessen. Während die meisten mir bekannten Risikokapitalgeber dazu neigten, ihre Start-ups nach den niedrigsten ethischen Maßstäben zu beurteilen, nahm ich an, dass dieser Investor erleichtert war, dass Zuckerbergs Kindheitsheld halbwegs unproblematisch war. (Nicht Stalin, nicht Hitler, nicht Mussolini? Puuh! Dann kann Finanzierungsrunde A ja weitergehen!) Zuckerberg hatte diese Schwärmerei für den alten römischen Kaiser 2018 in einem Profil im New Yorker eingestanden, nachdem er ihm beim „Studium guter und schlechter und komplexer Figuren“ begegnet war, als er zu Highschool-Zeiten noch die Phillips Exeter Academy besuchte. Das war Augustus definitiv, der nach der Ermordung seines Adoptivvaters und verhinderten Diktators Julius Cäsar in Rom die Macht übernahm.

„Im Grunde hat er durch seine harte Vorgehensweise für 200 Jahre Weltfrieden gesorgt“, erklärte Zuckerberg dem Schriftsteller Evan Osnos. „Was für Kompromisse waren damit verbunden? Einerseits ist der Weltfrieden ein langfristiges Ziel, über das heute alle sprechen. 200 Jahre kommen uns unerreichbar lang vor.“ Das war die CliffsNotes-Version von Pax Romana mit nur einem flüchtigen Hinweis auf den

Preis dieses Friedens, von Unterwerfung, Kolonisierung und unzähligen Toten. Zuckerberg schien sich der Schattenseiten immerhin bewusst zu sein und stellte fest, dass diese Ära „einen Preis hatte“. Er räumte sogar ein, dass Augustus „gewisse Dinge“ tun musste, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Trotz dieser merkwürdigen Vorbehalte schien Zuckerberg auf der Seite von Augustus Caesar zu stehen und zu glauben, dass ein Kaiser tun muss, was ein Kaiser tun muss.

Osnos fasste Zuckerbergs Haltung perfekt zusammen: „Zwischen Rede und Wahrheit entschied er sich für die Rede. Zwischen Geschwindigkeit und Perfektion entschied er sich für die Geschwindigkeit. Zwischen Größe und Sicherheit entschied er sich für die Größe.“ Der Gedanke, dass „Fehler gemacht wurden“, um einer größeren Idee zu dienen, zog sich durch Zuckerbergs gesamte Karriere und schlug sich auch in der Unternehmenskultur von Facebook nieder. Dieser Ansatz wurde auch auf den Plakaten mit dem Slogan „Schnell handeln und alles kaputt machen“ deutlich, die schon früh die Firmenzentrale schmückten. Dieses Motto war zwar eine Anspielung, die unter Computerfreaks auf Software gemünzt war, aber es war dennoch treffend. Das Ziel war es, „Dinge kaputt zu machen“, anstatt „Dinge zu verändern“ oder „Dinge zu reparieren“ oder „Dinge zu verbessern“.

Im Juli 2021 sprach Casey Newton von Platformer Zuckerberg auf die – später abgeschwächte – Erklärung von Präsident Joe Biden an, dass Fehlinformationen über Impfstoffe und Covid auf Facebook „Menschen umbringen“ würden. Zuckerbergs Antwort war sehr auf-schlussreich: „Wenn man über die Integrität eines solchen Systems nachdenkt, ist es ein bisschen wie bei der Verbrechensbekämpfung in einer Stadt. Niemand erwartet, dass es in einer Stadt irgendwann keine Kriminalität mehr gibt. Das Ziel der Polizei ist es nicht, dass man im Falle eines Verbrechens sagen kann, dass die Polizei versagt hat“, sagte Zuckerberg. „Das ist nicht vernünftig. Ich denke, wir erwarten stattdessen, dass die Integritätssysteme – wenn Sie so wollen, die Polizeibehörden – gute Arbeit leisten, um abzuschrecken und schlimme Dinge zu erkennen, wenn sie passieren, und sie auf ein Minimum zu beschränken und den Trend in eine positive Richtung zu lenken und auch bei anderen Problemen die Nase vorn zu haben. Genau das werden wir tun.“

Was er nicht erwähnte, war die Tatsache, dass die Bürger einen Polizeichef entlassen und einen anderen Bürgermeister wählen können, wenn es Probleme gibt, was häufig der Fall ist. Im Gegensatz dazu hatte Zuckerberg als Facebook-Herrscher auf Lebenszeit einen sicheren Arbeitsplatz. Dank der bewusst gewählten Unternehmensstruktur von Facebook kontrolliert er die stimmberechtigten Anteile und den Vorstand und kann niemals auf irgendeine demokratische Art und Weise für schlechtes Management abgesetzt werden. Lassen Sie es mich noch einfacher sagen: Mark. Kann. Nicht. Entlassen. Werden. Niemals. Und seine Nachkommen auch nicht. Er ist ein absoluter Imperator. Und ganz wie der analoge Augustus Cäsar träumt er davon, die Welt zu vernetzen, koste es, was es wolle. Darüber hat er in unseren vielen Gesprächen über die Jahre hinweg immer wieder geredet, manchmal bis spät in die Nacht am Telefon: eine Welt, die durch seine Erfindung enger zusammenwächst, durch digitale Verbindungen, in der wir endlich alle vereint sind.

Ich wünschte, ich hätte jedes Mal, wenn Mark das Wort „Gemeinschaft“ in den Mund nahm, eine Aktie von Facebook bekommen – wobei er damit eigentlich meinte, sein Imperium mit den Massen aufzufüllen. Ich wäre jedenfalls sehr reich. Schon früh in der Geschichte von Facebook bot mir einer von Marks Untergebenen eine Stelle an. Ich solle mich mit unspezifischen „redaktionellen“ Themen befassen. „Interessieren Sie sich überhaupt für redaktionelle Fragen, für Journalismus, für irgendetwas anderes als dafür, dass der Algorithmus regiert?“, fragte ich die Führungskraft arrogant und rittlings auf meinem hohen Medienpferd.

„Nein, aber Sie könnten sich dafür eines Tages eine Gulfstream kaufen“, antwortete er. Gutes Argument, nur hat es bei mir nicht verfangen. Die Touristenklasse war für mich in Ordnung und vielleicht würde ich eines Tages sogar in die erste Klasse aufsteigen. Das Beste aber war, dass ich nicht dasitzen und eifrig mit dem Kopf nicken musste, als ein CEO 15 Jahre später darüber fabulierte, wie er Facebook in ein allumfassendes Virtual-Reality-Erlebnis verwandeln würde. Das „Metaverse“ war übrigens eine Idee, die Zuckerberg vom Autor des Buches Snow Crash Neal Stephenson und anderen geklaut hatte, bevor er im Sommer 2021 seine Version dieser Vision vorstellte. Statt mit einem Haufen Geld einzusteigen kann ich also sagen: Scheiß auf dein Metaversum, Mark. Scheiß einfach drauf.

Es ist auch erwähnenswert, dass er seine Analogie „Verbrechensbekämpfung in der Stadt“ nur sechs Monate nach dem Angriff eines Mobs auf das Kapitol am 6. Januar 2021 zu Protokoll gab. Die sozialen Medien, allen voran Facebook, waren für den damaligen Präsidenten Donald Trump und seine Gefolgsleute Steigbügelhalter, um Hass und Lügen zu verstärken und in Gewalt zu verwandeln. Es lässt sich zwar schwer beziffern, wie viel Schuld die Tech-Unternehmen tragen – und sie alle haben nachher versucht, sich irgendwie rauszureden, anstatt einfach nur entsetzt über ihre Rolle zu reflektieren –, aber es steht außer Frage, dass die Spannungen durch das lasche Handling dieser allgegenwärtigen Plattformen verschärft wurden. (Ja, natürlich, die Tekkies haben recht, dass auch Rupert Murdoch und Fox News eine Mitschuld trugen. Das ist unbestritten.)

Doch während die Verfechter der Technologien, auf einige Studien gestützt, argumentieren, dass Korrelation nicht gleich Kausalität ist, sind andere, auf andere Studien gestützt, anderer Meinung. Ein paar Dinge sind jedenfalls absolut klar: Immer mehr Menschen auf der ganzen Welt beziehen ihre Nachrichten und Leitgedanken aus den sozialen Medien, die eine beängstigende Fähigkeit haben, Angst und Wut zu erzeugen, und sie machen süchtig. Alle Experten, mit denen ich im Laufe der Jahre gesprochen habe, sagten das Gleiche: In dem neuen Paradigma, in dem wir leben, ist Engagement gleichbedeutend mit Empörung. Dies wird noch verschlimmert durch die Menschen, die diese Unternehmen leiten, weil sie nicht in der Lage sind, die Konsequenzen zu antizipieren, und weil ihr Antrieb ist, alles durchgehen zu lassen, ohne Rücksicht auf mögliche Schäden oder Gefahren. Was ist das Gegenteil von staatlicher Bemutterung? Elternfreies Chaos.

Und alles ist Privatsache, ohne Rechenschaftspflicht. Wenn man Zuckerbergs malerische Stadtmetapher erweitern wollte, könnte man sich eine digitale Megalopolis vorstellen, in der ein einziges Unternehmen alle wirtschaftlichen Aspekte kontrolliert bis hin zur Miete, die mit Ihren Daten bezahlt wird, während es nur unzureichend für Wasser, Kanalisation, Polizei, Brandschutz, Gas, Strom und Straßen sorgt – und sogar die Beschilderung ist miserabel. Außerdem funktionieren einige Teile der Stadt wie in The Purge. Und wir haben übrigens für das alles bezahlt, indem wir die Schaffung des Internets zuerst mit Steuergeldern und dann mit unseren eigenen Daten finanziert haben. Sie sind uns etwas schuldig. Aber wenn die Gewalt tatsächlich Schaden anrichtet, reagieren die Unternehmen nur mit Entschuldigungen und dem beharrlichen Beteuern, dass sie es „besser machen werden“. Doch sie werden es nicht besser machen, weil sie dazu nicht in der Lage sind. Tatsächlich macht es die Art und Weise, wie die Plattform aufgebaut ist – die Architektur, die DNA, der Kern der Plattform –, ihnen unmöglich, es „besser zu machen“.

Um es halbwegs zivilisiert zu sagen: Wir sind am Arsch.

Beweisstück A: 2016 postete Zuckerberg auf Facebook: „Es ist toll, wieder in Peking zu sein! Ich habe meinen Besuch mit einem Lauf über den Platz des Himmlischen Friedens begonnen, vorbei an der Verbotenen Stadt und rüber zum Himmelstempel.“ Das Foto, das er mit der Welt teilte, zeigt ihn in einem grauen T-Shirt und schwarzen Shorts, wie er an einem Porträt von Mao Zedong im Hintergrund vorbeiläuft. Er grinst breit, ohne zu erwähnen, dass an diesem Ort Hunderte, vielleicht Tausende protestierende Studenten von den chinesischen Regierungstruppen massakriert wurden. Zuckerberg war zum Zeitpunkt des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens erst fünf Jahre alt, aber es ist schwer zu glauben, dass das Thema während seiner exklusiven Ausbildung in Exeter und Harvard nie zur Sprache gekommen wäre. Auf dem Foto ist Zuckerberg von fünf oder sechs anderen Joggern umgeben, die vermutlich zu seinem Team gehören. Wusste keiner von ihnen von der historischen Bedeutung des Ortes? Hat es jemand Zuckerberg erzählt und er hat es ignoriert? Oder hatten sie zu große Angst, um es zu erwähnen? Als ich ihn in einem Meeting darauf ansprach, er scheine ein Werkzeug der chinesischen Regierung zu sein – die mit dem Foto hausieren ging –, sagte er mir rundheraus, dass ihn niemand auf dieses Problem angesprochen habe.

Beweisstück B: Mein zweites langes Interview mit Mark nach dem schweißtreibenden ersten fand Mitte 2018 statt, als er beim Podcast Recode Decode war, wo er mir weismachen wollte, dass Holocaust-Leugner vielleicht gar nicht lügen wollten. Wie bitte?, dachte ich bei mir, auch wenn klar war, dass er die Gefahren der Verbreitung unausgegorener Verschwörungstheorien, Falschmeldungen und Fehlinformationen auf Facebook einfach nicht verstanden hatte. Wir hatten uns zunächst über Alex Jones unterhalten, einen der schlimmsten Menschen im Internet (und auf der Welt), der verlogene Verschwörungstheorien über den Massenmord an Kindern bei der Schießerei in Sandy Hook verbreitet hatte. Er nutzte Zuckerbergs soziales Netzwerk als Vehikel, auch wenn er es manipulierte, indem er alle Regeln brach, die das Unternehmen aufgestellt hatte.

Ich wollte wissen, warum Jones nicht von der Plattform geworfen worden war, aber Mark entschied sich in dem Interview, noch einen draufzusetzen. „Sehen Sie, so abscheulich einige dieser Inhalte auch sein mögen, geht es, denke ich, um das Prinzip, Menschen eine Stimme zu geben“, erklärte er. Dann beschloss er, wohl um mich vor den Kopf zu stoßen, das Gespräch auf den Holocaust zu bringen, was keine gute Idee ist, wenn man über keine guten Geschichtskenntnisse verfügt. Außerdem war der Holocaust wie schon erwähnt eines meiner Hauptstudienfächer. Er fuhr trotzdem fort und meinte: „Ich bin Jude und es gibt ein paar Menschen, die leugnen, dass der Holocaust stattgefunden hat.“

„Ja, da gibt es viele“, sagte ich, nicht ganz sicher, worauf er hinauswollte. Aber anstatt den Faden aufzunehmen und ihn zu belehren, was mein erster Impuls war, beschloss ich, ausnahmsweise zu schweigen und dabei zuzusehen, wie die Sache außer Kontrolle geriet. Was nicht lange dauerte.

„Ich finde das zutiefst beleidigend. Aber letzten Endes glaube ich nicht, dass unsere Plattform solche Einträge löschen sollte, weil ich denke, dass manche Leute Dinge einfach falsch verstehen. Ich glaube nicht, dass sie es absichtlich falsch verstehen, aber ich denke …“

An dieser Stelle musste ich ihn einfach unterbrechen, weil es erstaunlich dumm war, was er da sagte. Also entgegnete ich: „Im Fall der Holocaust-Leugner könnte das schon sein.“ Aber dann hielt ich mich wieder zurück und beschloss, der Sache ihren Lauf zu lassen, weil ich ergründen musste, wie tief sein oberflächliches Denken zu diesem wichtigen und gefährlichen Thema war. Manchmal ist es am besten, sich in Interviews still zu verhalten.

Deshalb sagte ich nur: „Aber sprechen Sie bitte weiter.“ Und das tat er auch, er drehte auf volle Geschwindigkeit auf, während ich ihm dabei zusah, wie er gegen die Wand fuhr. „Es ist schwer, Absicht zu unterstellen und die Absicht zu verstehen“, sagte er, was aber zumindest bei Holocaust-Leugnern wohl nicht stimmt. Mein Produzent Eric Johnson, der das Podcast-Interview in Marks Büro im 1 Hacker Way in Menlo Park aufzeichnete, konnte ebenfalls nicht glauben, was Zuckerberg gesagt hatte, und unterdrückte ein Schnaufen. Weder Mark noch seine anwesenden Mitarbeiter schienen zu begreifen, dass das, was er gesagt hatte, Aufmerksamkeit erregen würde. Vielleicht fühlte er sich in seinem Büro sicherer als auf meiner Bühne, vielleicht hielt er sich für aufrichtig, indem er seine eigene Religion ins Feld führte, um ein Argument vorzubringen, vielleicht aber hatte er auch einfach kein Gespür für Geschichte und viel zu viel Macht. Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass wir nachher so schnell wir nur konnten zu unserem Auto rannten, über die 101 nach San Francisco rasten und das Interview veröffentlichten.

Natürlich gingen Zuckerbergs Äußerungen um die Welt, woraufhin er mir eine E-Mail schrieb, in der er versuchte, seine Äußerungen klarzustellen. „Ich persönlich finde die Leugnung des Holocausts zutiefst beleidigend und ich hatte absolut nicht die Absicht, die Absichten von Menschen zu verteidigen, die das tun“, schrieb er – obwohl er genau das getan hatte. Und trotz alledem ließ Mark die Holocaust-Leugner noch ganze zwei Jahre auf der Plattform wüten, erst dann beschloss er, die Plattform sollte „jegliche Inhalte verbieten, die den Holocaust leugnen oder verzerrt darstellen“.

Zwei Jahre lang haben diese abscheulichen Menschen Schaden angerichtet, bis bei Zuckerberg endlich der Groschen fiel. „Ich habe mit der Spannung zwischen dem Eintreten für die freie Meinungsäußerung und dem Schaden, der durch die Verharmlosung oder Leugnung des Holocausts verursacht wird, gekämpft“, schrieb er in einem Facebook-Post. „Mein eigenes Denken hat sich weiterentwickelt, als ich Daten gesehen habe, die eine Zunahme antisemitischer Gewalt zeigten, so wie sich unsere Richtlinien zu Hassreden weiterentwickelt haben.“

Weiterentwickelt? Du meine Güte! In einer späteren Kolumne nannte ich es die „teure Fortbildung des Mark Zuckerberg“ – womit ich die Kosten für die Gesellschaft meinte und nicht seine. Danach habe ich nie wieder ein Interview mit ihm geführt, aber ich hoffe, dass es irgendwann mal wieder dazu kommt. (Aller guten Dinge sind drei, Mark! Ruf mich an!) Zuckerberg hatte es Augustus gleichgetan, indem er die Welt nach seinem Bilde umgestaltete, ohne dass er dazu speerwerfende Legionen benötigte. Zuckerberg war zwar kein böser, böswilliger oder gar grausamer Mensch, aber er war außerordentlich naiv im Hinblick auf die Kräfte, die er entfesselt hatte, und blieb es auch. Im Laufe der Zeit zeigte sich, dass Zuckerberg in keiner Weise darauf vorbereitet war, die Macht seiner digitalen Plattform zu zügeln, als die Zahl der aktiven Facebook-Nutzer auf drei Milliarden anschwoll und es zum wichtigsten und größten Kommunikations-, Informations-, Werbe- und Medien-Riesen wurde, den die Welt je gesehen hatte.

Nein, Zuckerberg war kein Arschloch. Er war schlimmer. Er war einer der leichtsinnigsten und gefährlichsten Männer in der Geschichte der Technologie – und es war ihm noch nicht einmal bewusst. Und leider war er nicht einmal der Schlimmste von allen.

 

 

 

 

 

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