Buchauszug Albert Kitzler / Jan Liepold: „Der Pudel und der Kern. Philosophie für den Alltag und ein gutes Leben“

Buchauszug Albert Kitzler / Jan Liepold: „Der Pudel und der Kern. Philosophie für den Alltag und ein gutes Leben“

 

 

Albert Kitzler | Jan Liepold: „Der Pudel und der Kern. Philosophie für den Alltag und ein gutes Leben“ – FinanzbuchVerlag, 272 Seiten, 18 Euro

 

 

 

GELASSENHEIT

 

»Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen,

sondern die Vorstellung von den Dingen.«

Epiktet

 

»Sich selbst recht machen ist alles. Was von außen

her der Zufall bringt, ist nur vorübergehend. Das

Vorübergehende soll man nicht abweisen, wenn es

kommt, und nicht festhalten, wenn es geht. Dann

ist unsere Freude dieselbe im Glück und Unglück,

man bleibt gelassen und ist frei von allen Sorgen.«

Zhuangzi

 

»Zum Schicksal sagt der Weise: Gib, was

du willst, nimm zurück, was du willst.«

Mark Aurel

 

 

 

 

Der Druck des Erfolgs und die Kraft der Gelassenheit

An der Säbener Straße in München herrschte in der Fußballsaison

2011/2012 ein noch größerer Erfolgsdruck als in den bisherigen

Spielzeiten. Das Finale der UEFA-Champions League sollte in der

Allianz-Arena statt­nden und damit den perfekten Rahmen für das

alles überstrahlende Ziel bilden: Der FC Bayern München wollte

unbedingt und erstmals in seiner Vereinsgeschichte alle drei Titel

holen – die Deutsche Meisterschaft, den DFB-Pokal und die Champions-

League beim »Finale Dahoam« in München. Diesem immensen

selbstauferlegten Erfolgsdruck hielt die Mannschaft unter Trainer

Jupp Heynckes letztlich nicht stand und erreichte in allen Wettbewerben

nur zweite Plätze. Als besonders dramatisch und schmerzhaft

ging das Champions-League-Finale vor heimischem Publikum

in die Fußballgeschichte ein. Trotz drückender Überlegenheit der

Bayern sprang nach 90 emotionalen Minuten gegen den FC Chelsea

nur ein 1:1 heraus. Es ging in die Verlängerung und schließlich ins

Elfmeterschießen, in dem die Engländer triumphierten.

 

Nach dieser schmerzhaften Erfahrung änderte sich die Herangehensweise

des FC Bayern fundamental. Der neue Sportvorstand

Matthias Sammer setzte in der folgenden Saison auf eine entspanntere

Haltung. Es gab kein offizielles Saisonziel, sondern einen

»Jetzt-erst-recht«-Spirit innerhalb der Mannschaft. Anstatt starr

auf das Triple zu schauen, herrschte eine gelassenere Einstellung,

ähnlich der Beckenbauer-Haltung: »Wir geben unser Bestes, dann

seh mer schon.« Diese neue Gelassenheit führte zum erfolgreichsten

Jahr der Vereinsgeschichte. In der Bundesliga wurde bereits am

Spieltag der 23. Titel gefeiert. In der Champions-League warfen

die Bayern den FC Barcelona im Halbfinale mit 7:0 aus dem Wettbewerb.

Nach dem verlorenen Finale »dahoam« folgte das deutschdeutsche

Finale in Wembley gegen den Erzrivalen Borussia Dortmund,

in dem der Holländer Arjen Robben in der 89. Minute das

2:1 zum Sieg schoss. Zum Abschluss gelang im DFB-Pokalfinale

ein knapper 3:2 Sieg gegen den VfB Stuttgart. Vom Druck befreit

gewann der FC Bayern München als erster deutscher Fußballverein

das ersehnte Triple.

 

Dieses Beispiel zeigt, dass souveräne Gelassenheit häufig die bessere

Haltung ist als unbedingter Siegeswille. Das Beste geben, alles

versuchen, nichts erzwingen wollen – diese Prämisse führte den

deutschen Rekordmeister zum Erfolg.

 

Der Wunsch nach Gelassenheit ist eine starke, weitverbreitete

Sehnsucht des modernen Menschen. Aber auch die Antike in Ost

und West kannte diese Sehnsucht. Ihre Philosophie hat sich daher

intensiv mit dieser Frage beschäftigt und nach Wegen gesucht, wie

wir gelassener werden können. Die antiken Philosophen nannten

den Zustand heiterer Gelassenheit auch Seelenruhe oder Seelenfrieden,

seelische Unerschütterlichkeit und Geborgenheit im Innern.

Gelassenheit war für sie ein wesentliches Merkmal eines glücklichen,

gelingenden Lebens. Wie aber werden wir gelassener?

 

Einer der wichtigsten Ratschläge, den sie gaben, um gelassener zu

werden, lautete, dass man sein Glück so weit wie möglich von allen

äußeren Dingen, Bezügen, Bindungen und Verflechtungen innerlich

unabhängig machen sollte. Die Betonung liegt auf »innerlich«. Man

kann besitzen, so viel man will, man kann mit Menschen tief verbunden

sein, aber man sollte bereit sein, im Verlustfall jedes Ding,

jedes Verhältnis und jeden Menschen loslassen zu können. Man war

der Überzeugung, dass Glück, das Gefühl der Zufriedenheit mit seinem

Leben, nicht von äußeren Gütern oder Verhältnissen abhängt,

sondern vom eigenen Seelenzustand. Sie nannten diese innere Unabhängigkeit

oder Freiheit Selbstgenügsamkeit, griechisch Autarkie.

Derjenige ist der Glücklichste, sagten sie, der am wenigsten bedarf.

Wir werden umso autarker, je weniger wir unser Glück und Wohlgefühl

von äußeren Dingen abhängig machen. Wir sollten uns vielmehr

auf unseren inneren Reichtum, auf unsere inneren Werte und

Haltungen konzentrieren. Sie sind das Fundament und der Anker

unserer Lebenszufriedenheit. Niemand kann sie uns nehmen. Eine

solche Einstellung bedeutet nicht Verzicht auf äußere Güter, sondern

das, was der Philosophenkaiser Mark Aurel an seinem Stiefvater,

dem Kaiser Antoninus Pius, so sehr schätzte: Er genoss das, was da

war, was aber nicht da war, das fehlte ihm auch nicht.

 

Mark Aurel, 121–180 n. Chr., römischer Kaiser und Philosoph. Seine

Selbstbetrachtungen, Ratschläge an sich selbst, stehen immer noch

auf der Bestsellerliste der zeitlosen Bücher. Seine Selbstbetrachtungen

sind auch deshalb so wertvoll, weil er in seiner Regierungszeit

ständig mit den größten Problemen zu kämpfen hatte, wie eine Pandemie,

eine Überschwemmungskatastrophe und permanenten Verteidigungskriegen,

nicht unähnlich der heutigen Zeit.

 

Loslassen statt anhaften

Die Gelassenheit, die aus innerer Unabhängigkeit entspringt, darf

nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden. Niemand soll auf

Gefühle, Begeisterung, Engagement oder Bindungen verzichten, nur

sollte man sich stets bewusst sein, dass dasjenige jederzeit verloren

gehen kann, worauf sie sich beziehen: Dinge werden uns genommen,

Bindungen lösen sich, Verhältnisse enden. Dieses Bewusstsein

des Wandels und der Vergänglichkeit der äußeren Dinge und Bezüge

muss so stark verinnerlicht sein, dass kein Verlust zu einem massiven

und länger andauernden Leiden führt. Ein gelassener Mensch

kann genauso viele und tiefe Bindungen eingehen wie jeder andere.

Nur wird er nicht klammern und anhaften, sondern ist imstande,

jederzeit loszulassen und darauf zu verzichten, ohne seine Freude

am Leben zu verlieren. Der chinesische Philosoph Menzius drückte

dieses Bewusstsein der Vergänglichkeit einmal wie folgt aus: »Ein

Weiser vergisst nie, dass er morgen in einem Straßengraben landen

kann.« Und wenn es so kommt, können wir hinzufügen, wird er

damit zurechtkommen. Goethe hat für diese innere Unabhängigkeit

einmal eine treffende Formulierung gefunden: »Der Mensch lerne

sich ohne dauernden äußeren Bezug zu denken« und sein Glück »in

sich selbst« zu finden.

 

Menzius, circa 370–290 v. Chr., chinesischer Philosoph und der

bedeutendste Nachfolger des Konfuzius. Er stellte die Liebe in den

Mittelpunkt seines Denkens. Dabei handelt es sich darum, sagte er,

dass man die Liebe, die man etwa für die eigenen Kinder empfindet,

auf die ganze Welt überträgt. Man kann ihm kaum widersprechen. Leider

hat er sich darüber ausgeschwiegen, wie man das genau macht.

 

Goethe, Johann Wolfgang von, 1749–1832. Wer kennt nicht unseren

berühmtesten Dichter? Weniger bekannt dürfte sein, dass es in

der Menschheitsgeschichte wohl niemanden gibt, der mehr Lebensweisheiten

hinterlassen hat als Goethe, wobei er häufig an die

Antike anknüpft, mit der er bestens vertraut war. Daher sollte es

nicht verwundern, wenn er hier öfters herangezogen wird.

 

Auch bei der Verfolgung unserer Wünsche, Ambitionen und Ziele

fördert es die innere Gelassenheit, wenn wir weniger verbissen an die

Sache herangehen. Ob wir erlangen, was wir im Äußeren anstreben,

hängt stets von Umständen ab, die wir nicht beherrschen. Häufig durchkreuzt

ein unerwarteter Zufall oder ein Missgeschick unsere Pläne. Da

ist es von großem Vorteil, dies von vornherein zu berücksichtigen. Auf

die Frage, welchen Nutzen ihm die Philosophie bringe, antwortete ein

griechischer Philosoph einmal: »Wenn auch sonst keinen, so doch, auf

alles vorbereitet zu sein.« Eine solche Haltung verhindert Frustration

und Enttäuschung, die einem wiederum die Kraft, Energie und Klarheit

nehmen kann, flexibel auf ein Scheitern zu reagieren, um das Beste

daraus zu machen. In jedem Scheitern steckt auch eine Chance.

 

So schließen sich starkes Engagement, Begeisterung, das Brennen

für eine Sache und innere Unabhängigkeit keineswegs aus. Man

dürfte sogar mehr Kraft und Energie haben, wenn man dies aus einer

Haltung der Gelassenheit und Ergebnisoffenheit tut. Wenn man

weiß, dass das persönliche Glück in der eigenen Seele liegt und nicht

von dem Erfolg eines Vorhabens abhängt, handelt man ohne Angst,

Sorge, Stress und Nervosität. Das sind nicht nur enorme Energiefresser,

sondern auch das Gegenteil von Ruhe, Umsicht, Sorgfalt

und Besonnenheit, die notwendig sind, um gute Entscheidungen zu

treffen und das Richtige und Angemessene zu tun. In einem Weisheitsbuch

des alten Chinas heißt es: »Erst wer Ruhe gefunden hat,

vermag klar zu denken; erst wer klar zu denken vermag, kann sein

Ziel erreichen.« Wir erreichen unsere äußeren Ziele eher, wenn wir

mit Ruhe und Gelassenheit an sie herangehen.

 

Eine solche Haltung ist auch wichtig im Umgang mit schwierigen

Menschen oder angespannten zwischenmenschlichen Situationen.

Nichts gegen emotionale Reaktionen, aber nicht unkontrolliert

und ungesteuert, sondern besonnen und aus einer Grundhaltung

der Gelassenheit heraus. Andernfalls gerät die Reaktion leicht außer

Kontrolle, schießt über das Ziel hinaus, verletzt andere und bewirkt

das Gegenteil von dem, was man erreichen möchte. Sich hinreißen

lassen heißt leider auch, seine Mitte und sein inneres Gleichgewicht

zu verlieren, außer sich zu geraten und sich aufzuregen. Wie viel

angenehmer ist es, auch in angespannten Situationen die Ruhe zu

bewahren, besonnen und angemessen zu reagieren. Vielleicht kann

man dem anderen auf diese Weise noch deutlicher seine innere

Betroffenheit zeigen. Es ist viel wahrscheinlicher, dass man den

anderen erreicht, wenn man besonnen reagiert, als wenn man seinen

Emotionen freien Lauf lässt und dann häufig verletzt, provoziert

oder eskaliert. Das führt nur dazu, dass der andere zumacht, dass er

sich ebenfalls gehen lässt, die Emotionen sich hochschaukeln und

die Situation in Streit und Feindseligkeit endet. Nie geht man aus

einer solchen Situation mit einem guten, klärenden Gefühl heraus.

 

Glück findet man in der eigenen Seele

Der griechische Weise Demonax sagte einmal: »In der Welt da draußen

ist nichts zu fi­nden, das bei genauerer Betrachtung Hoffnung oder

Furcht verdient.« Was ist wirklich wichtig in unserem Leben? Geld,

Besitz, Ansehen, gesellschaftliche Stellung, berufliche Karriere? Sind

das nicht alles nur Mittel zum Zweck? Dient das nicht alles nur dazu,

dass wir uns gut fühlen, zufrieden sind und ein glückliches Leben führen?

Alle Philosophen der Antike waren sich darin einig, dass dafür

nur wenige äußere Güter nötig seien. Denn das Glück, nach dem wir

uns sehnen, liege in der eigenen Seele, in der Seelenruhe, in innerer

Ausgeglichenheit, in der Grundstimmung heiterer Gelassenheit. Ist

dem so, relativieren sich alle äußeren Güter. Sie sind angenehm, bereiten

Spaß, können das Leben erleichtern und bringen Vergnügen und

kurzfristige Befriedigungen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber

Vergnügen, Spaß und Befriedigungen unserer Lüste sind etwas anderes

als ein glückliches Leben. Sie sind bloße Begleiterscheinungen. Das

Glück, nach dem sich die Menschen sehnen, ist dauerhafte Zufriedenheit,

man fühlt sich rundum wohl in seiner Haut, ohne sich etwas

vorzumachen, ohne Probleme zu verdrängen oder Konflikte ungelöst

zu lassen. Die Fähigkeit zu einer gelassenen Lebensweise erlangt man

dadurch, dass man mit sich ins Reine kommt und negative Gefühle

– die Alten nannten sie »Affekte« – wie Angst, Sorgen, Verzweiflung,

Hilflosigkeit, Scham, Wut, Gier und Neid, die einen beunruhigen,

abbaut. Je freier man von solchen Affekten wird, je mehr man in seine

Mitte kommt, um so gelassener und glücklicher ist man. Das Ideal der

Stoiker war die »Unerschütterlichkeit des Weisen«, die Fähigkeit, bei

sich zu bleiben, was auch passiert.

 

Demonax war ein griechischer Weiser, der im 2. Jh. n. Chr. in Athen

lebte und seine philosophischen Weisheiten auf humorvolle Weise

weiterzugeben pflegte. Er genoss großes Ansehen. Jedes Haus

fühlte sich geehrt, in das er eintrat, um mit den Menschen zu reden

und sich beköstigen zu lassen. Als in der Bürgerversammlung einmal

ein Streit ausbrach, der gefährlich zu eskalieren drohte, rief

man nach ihm. Schweigend trat er in die Versammlung und verließ

sie wieder, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Der Streit aber

endete unverzüglich.

 

Für die Griechen und Römer war das Leben und die Person des Sokrates

das leuchtende Vorbild für eine Haltung authentischer Gelassenheit:

Er blieb sich stets gleich in guten wie in schlechten Zeiten,

sagten sie. Er hatte in sich eine »innere Burg«, die durch kein äußeres

Ereignis erschüttert werden konnte und wohin er sich stets zurückzog,

wenn es draußen stürmte. Es ist sehr wertvoll, eine solche

»innere Burg« zu haben. Sie ist das Fundament für eine unerschütterliche

Gelassenheit. Stets bei sich bleiben zu können oder nach

einem Schicksalsschlag wieder in angemessener Zeit in seine Mitte

zurückzufinden, bezeichnen wir heute als Resilienz. Sie ist nicht nur

ein Abwehrmechanismus. Die Philosophen der Stoa wussten, dass

sich mit der Gelassenheit zugleich eine Wohlgemutheit und Heiterkeit

des Gemüts einstellt. Gelassenheit ist Glück. In alten deutschen

Wörterbüchern können wir nachlesen, dass die deutschen Worte

»gelassen« und »Gelassenheit« ursprünglich neben der Fähigkeit,

Übel geduldig und ruhig zu ertragen, auch einen Zustand der »Wohlfahrt«

und Zufriedenheit beschrieben haben. Kant spricht daher von

der »glücklichen Gelassenheit«.

 

Was wir für mehr Gelassenheit tun können

Je mehr wir unser Glück in uns selbst suchen, je unabhängiger wir

von äußeren Dingen, je selbstgenügsamer wir werden, umso stärker

wird die »innere Burg«. Neben der Reduzierung oder Überwindung

toxischer Gefühle wie etwa Angst, Wut und Neid ist die

Entwicklung und das Ausleben unserer Anlagen und Potenziale

wichtig. Sie führen zu Selbstwirksamkeitserfahrungen, die unser

Selbstvertrauen stärken. Dabei kommt es nicht darauf an, welchen

Erfolg wir in der Außenwelt haben, sondern darauf, dass wir unsere

Anlagen und tiefsten Bedürfnisse zur Geltung bringen, so gut wir

können. Schon das allein gibt uns ein gutes Gefühl und innere

Zufriedenheit. Wir leben uns selbst und spüren unsere Lebendigkeit.

Kommt äußerer Erfolg dazu – was umso wahrscheinlicher ist,

je ruhiger, gelassener und beharrlicher wir an eine Sache herangehen –,

umso besser. Aber für unser inneres Glück brauchen wir

diesen Erfolg nicht. Konfuzius hat das einmal wunderbar ausgedrückt:

»Gelingt mir etwas, so freue ich mich, gelingt mir etwas

nicht, so freue ich mich auch!« Mit dieser Haltung sollten wir an

alle unsere Vorhaben herangehen.

 

Konfuzius, 551–479 v.Chr., der bedeutendste Weisheitslehrer der

chinesischen Antike, dessen Denken die Kultur Chinas bis zum heutigen

Tag maßgeblich bestimmt hat. Unter Mao als reaktionär verworfen,

veröffentlichte vor einigen Jahren eine junge Philosophieprofessorin

ein kleines Buch, in dem sie erläuterte, wie die Lehren

des Konfuzius dabei helfen können, das Leben im modernen China

zu meistern. Nach kurzer Zeit waren über zehn Millionen Exemplare

dieses Buches allein in China verkauft.

 

Warum konnte Konfuzius das sagen? Weil die tiefste und eigentliche

Quelle seiner Freude in ihm selbst lag, in dem Bewusstsein,

authentisch und stimmig zu leben. Dass diese Stimmigkeit der

Lebensführung die eigentliche Quelle unseres Glücks ist, muss man

sich immer wieder klarmachen. Dann wird man jede Arbeit, jede

Unternehmung und jeden Plan ruhig und besonnen, ohne Sorgen,

Ängste oder übermäßige Erwartungen angehen. Denn man tut das,

was man tun möchte und für richtig hält. Im Tun aber liegt die

wahre Freude, nicht im Ergebnis. Wenn man sein Bestes gibt, ist

es zweitrangig, ob sich ein äußerer Erfolg, der von vielen Umständen

abhängt, die man nicht beherrscht, einstellt oder nicht. Seneca

empfahl die Übung, dass man sich bei jeder Unternehmung gleich

zu Anfang sage: »[…] wenn nichts dazwischen kommt«. Das vermeidet

Enttäuschungen. Ein Misserfolg, der unerwartet kommt,

trifft doppelt hart.

 

Seneca, Lucius Annaeus, circa 4 v. Chr. – 65 n. Chr., wichtigster römischer

Philosoph, der aus der stoischen Philosophie eine äußerst

wirksame praktische Lebenslehre machte. Seine vielen treffenden

Spruchweisheiten machten ihn zu dem wohl meistzitierten Philosophen

der Antike. Er durchlebte alle Höhen und Tiefen des Lebens

gleich mehrmals, blieb sich aber stets treu.

 

Gelassenheit kann man in jeder Situation trainieren, in der Geduld

gefordert ist oder in der man spürt, dass man nervös und unruhig

wird. Dann sollte im Kopf eine rote Lampe angehen, die sagt: So, jetzt

beginnt die Übung! Atme tief ein und aus, fahre die Adrenalinzufuhr

herunter, entspanne dich und bleib ganz ruhig! Hektik hilft jetzt nicht

weiter. Damit eine »rote Lampe« angeht, ist Achtsamkeit erforderlich:

Wir müssen wahrnehmen, dass wir nervös werden und dass wir

unsere Gelassenheit verlieren, wenn wir nicht sofort mit den genannten

mentalen und körperlichen Gegenmaßnahmen beginnen.

 

Wenn es uns nicht gelingt, nehmen wir uns vor, es beim nächsten

Mal besser zu machen. Kurze Notizen am Abend in ein Tagebuch

helfen dabei, etwaige Fortschritte oder Rückfälle wahrzunehmen,

beharrlich dranzubleiben, unsere Konzentration auf das Problem

zu richten und die Sensibilität für Situationen zu schärfen, in denen

Gelassenheit und Geduld gefragt sind. Im Laufe der Zeit – das können

Tage oder Wochen sein – verfestigt sich ein psychischer Mechanismus,

bei dem man in kritischen Momenten sofort durch eine

innere Stimme gewarnt wird, dass sich gerade eine Situation entwickelt,

die unsere innere Ruhe bedroht. Das Ziel der Übung ist, dass

unser Geist und Körper unverzüglich, spontan und automatisch in

einen Beruhigungsmodus umschalten und weitere Adrenalinzufuhr

unterbunden wird.

 

Geht das Unangenehme von einem Menschen aus, kann man sich

sagen: »So sind die Menschen. Ärgere dich nicht über die Unwissenheit

und Fehler der anderen. Sei froh, wenn Du sie nicht mit ihnen

teilst!« Ein guter Ausspruch, der einem dabei einfallen könnte,

stammt von dem japanischen Weisen Kaibara Ekiken und lautet:

»Ärgere dich nicht über die Torheit der anderen!« Mit dem Wort

»Torheit« sollte nicht der Mensch als solcher abgewertet, sondern

lediglich festgestellt werden, was Sokrates stets behauptet hat: Dass

alle Bosheit letztlich auf Unwissenheit zurückgeführt werden kann.

Sind wir gezwungen, in einer Warteschlange zu stehen, und

beginnen wir, nervös zu werden, so kann man sich sagen: »Bleibe

ruhig, jetzt beginnt eine Übung in Geduld. Nutze die Zeit, auf deinen

Atem zu achten und still zu meditieren, auch wenn sich um dich

herum angespannte Nervosität breitmacht.«

 

Solche Übungen sollten so lange fortgesetzt werden, bis sich ein

innerer Automatismus verfestigt hat, der von selbst und ohne Nachdenken

dafür sorgt, dass sich das eingeübte Beruhigungsprogramm

einschaltet. Es funktioniert dann wie unser Immunsystem. Sobald

ein Virus in den Körper eindringt, wird es aktiviert, ohne dass wir

davon etwas mitbekommen.

 

Entwickeln wir regelmäßig Sorgen, Ängste oder innere Unruhe

im Hinblick auf äußere Verhältnisse, Menschen, Güter oder

Zustände – meistens in Form von Verlust- oder Trennungsängsten –,

so kann es eine hilfreiche Übung darin bestehen, morgens

und abends fünf Minuten konzentriert über die eigene Anhaftung

nachzudenken, die diese Sorgen oder Ängste hervorruft. Wir denken

dann bewusst dagegen an, sagen uns mehrmals, dass wir diese

Anhaftung nicht möchten. Wir besinnen uns auf alle Argumente, die

gegen ein Anhaften sprechen, und machen uns die negativen Folgen

eines solchen Anhaftens bewusst. Übung und Einsicht müssen

dabei Hand in Hand gehen. Denn wenn wir nicht verstanden haben,

dass starkes Anhaften an Äußerem zu Leid führt und dass dieses

Anhaften die Ursache unserer Sorgen und Ängste ist, dann hilft kein

Üben. Philosophie ist nicht Autosuggestion. Ohne eine feste innere

Überzeugung, zu der wir nur dadurch gelangen, dass wir ein Problem

analysiert und verstanden haben, können wir keine Denk- oder

Verhaltensgewohnheit nachhaltig verändern. Die Einsicht ist das

Fundament jedes Veränderungsprozesses.

 

 

 

Drei Lehren zur Gelassenheit

1.

Lebensglück ist ein dauerhafter Zustand heiterer Gelassenheit,

der nur in der eigenen Seele gefunden werden kann und sehr

wenig mit äußeren Gütern und Verhältnissen zu tun hat.

2.

Wer sich innerlich unabhängig gemacht hat von äußeren Gütern

und Verhältnissen, an Äußerem nicht anhaftet und gelernt hat,

loszulassen, schafft sich in seiner Seele eine innere Burg, durch

die man auch bei heftigen Schicksalsschlägen bei sich bleibt

und Ruhe bewahrt.

3.

Gelassenheit bedeutet nicht Gleichgültigkeit. Im Gegenteil: Wer

in schwierigen Zeiten seine Gelassenheit nicht verliert, wird

aus der Ruhe heraus besser und erfolgreicher seine Ziele und

Vorhaben verfolgen können, als jemand, der in Stress und Hektik

verfällt und von Ängsten und Sorgen geplagt wird.

 

 

Drei Übungen zur Gelassenheit

 

1.

Übe dich darin, an nichts anzuhaften, was das Schicksal dir

in jedem Moment wieder nehmen kann, und bereit zu sein,

ohne Bedauern oder maßlose Trauer alles loszulassen, indem

du dankbar das genießt, was da ist oder doch für eine Zeit

dagewesen ist.

 

2.

Mache dir immer wieder bewusst, dass dein Lebensglück nicht

in äußeren Gütern und Verhältnissen zu finden ist, sondern in

deinen inneren Werten, Haltungen und Anschauungen und

deinem Bemühen, diesen in all deinem Denken und Tun zu

entsprechen.

 

3.

Sage dir bei allem, was du tust und beginnst, gleich zu Anfang:

»[…] wenn nichts dazwischen kommt.« Bereite dich auf diese

Weise innerlich darauf vor, dass sich die Dinge auch anders

entwickeln können, als du gedacht und erhofft hast.

 

 

 

 

 

 

 

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