Buchauszug Ruth Westheimer: „Vom Glück der Verbundenheit. 100 Wege aus der Einsamkeit.“

Buchauszug Ruth Westheimer: „Vom Glück der Verbundenheit. 100 Wege aus der Einsamkeit.“ Erkenntnisse aus meinen ersten 96 Jahren

Allison Gilbert & Pierre Lehu

 

Ruth Westheimer (Foto: Ariston PR/ Pierre A. Lehu)

 

Community

Vermutlich sind Sie bereits Teil mehrerer Communi­tys, die Ihnen beim Kampf gegen die Einsamkeit sehr hilfreich sein können. In diesem Kapitel möchte ich Ih­nen zeigen, wie Sie Ihre Scheuklappen loswerden können. Ich möchte, dass Sie das große Ganze sehen und erken­nen, dass bedeutungsvolle Verbindungen an Orten auf Sie warten, die Sie bis jetzt zu wenig nutzen oder kom­plett übersehen, überall um sie herum gibt es Gruppen von Menschen, die sich aus spezifischen Anlässen und Gründen zusam­menfinden. Communitys finden Sie im beruflichen Zu­sammenhang (Kolleginnen und Kollegen, professionelle Netzwerke) ebenso wie im Ausbildungsbereich (ehema­lige Schülerinnen und Schüler, Universitätsabsolventen).

Dann gibt es religiöse und spirituelle Gemeinschaften (Kirchen-, Moschee-, Tempel- und Synagogengemein­ den sowie andere religiöse Organisationen), Gruppen, die durch ein bestimmtes Hobby miteinander verbun­den sind (z.B. Tanzen, Kochen, Gaming, Laufen … ), Selbsthilfegruppen (Trauergruppen, Anonyme Alkoholiker und ähnliche Vereinigungen, pflegende Angehörige und andere). Es gibt ehrenamtlich arbeitende Gruppen in Ihrer Wohngemeinde (Seniorenclub, Bücherei, Gartenbauverein, bürgerschaftliche Vereine, freiwillige Feuer­ wehr) und natürlich Wohltätigkeitsorganisationen aller Art (Tafel, Tierschutzverein und so weiter).

Haben Sie in eine dieser Communitys schon mal reingeschnup­pert? Oder hier und da sogar ein bisschen mitgemacht? Wenn Sie ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickeln wol­len, müssen Sie in diesem Bereich konsequenter werden und Schritte unternehmen, um wirklich dazuzugehören. Ich finde es sehr gut, dass so viele Menschen in ihrer Community aktiv sind, um anderen zu helfen. Doch ich möchte Ihnen ausdrücklich erlauben, sich dabei gleich­ zeitig auf Ihre eigenen Bedürfnisse zu konzentrieren. Bei der Entscheidung, bei welcher Organisation oder Ak­tivität Sie sich engagieren wollen, dürfen Sie durchaus überlegen, ob Sie dort tatsächlich neue Verbindungen zu anderen Menschen knüpfen können. Es kann nicht Ihr Ziel sein, so viele Leute wie möglich kennenzulernen, Sie müssen genau hinsehen und filtern. Der Aufbau neuer Beziehungen hat etwas von einer Schatzsuche – suchen Sie bewusst nach den schönsten Edelsteinen!

In all den Jahren, in denen Menschen zur Therapie zu mir kamen, hörte ich oft, dass sie sich zu Hause am ein­samsten fühlten. Abendessen vor dem Fernseher, jeden Abend allein ins Bett … Ich habe diesen Menschen immer denselben Rat gegeben: Gehen Sie raus!

Gehen Sie zum Abendessen in ein Restaurant. Unter­ nehmen Sie einen Spaziergang. Raus mit Ihnen! In die Bücherei, in den Park, was auch immer! Die Menschen sind da draußen vor Ihrer Haustür.

 

Machen Sie Ihre Stadt kleiner

Als ich jung war, verbrachte ich viel Zeit in Gemeinschaft: zuerst im Waisenhaus, später in zwei verschiedenen Kib­buzim. Da konnte man sich nicht verstecken. New York City war eine vollkommen andere Erfahrung für mich. Auf einmal musste ich mir richtig Mühe geben, mich den Nachbarn vorzustellen und Kontakte zu knüpfen. Bei bei­dem entdeckte ich etwas ganz Entscheidendes: Ich musste dafür sorgen, dass sich New York City kleiner anfühlte.

Also schloss ich mich Organisationen an, nahm an Ak­tivitäten in meinem Stadtviertel teil. Ich ließ mich in den Vorstand der Young Men’s & Young Women’s Hebrew As­sociation (YM & YWHA) in Washington Heights wählen und diente diesem Verein jüdischer junger Menschen elf Jahre als Vorsitzende. Seit ich dort Mitglied bin (und das sind jetzt 55 Jahre!), habe ich an unzähligen Versamm­lungen und Treffen teilgenommen und dabei viele gute Freunde gefunden. Meine Zugehörigkeit zur Y hat dafür gesorgt, dass ich mich auch mit New York City verbun­den fühle, so als gehörte ich hierher.

Ihr erster Auftrag lautet also: Suchen Sie sich eine kleine Gemeinschaft innerhalb einer größeren, irgend­ eine, die für Sie leicht zugänglich ist. Waren Sie schon mal bei einem Straßenfest? Wenn Sie nächste Woche nicht aus der Wohnung kämen, würde das irgendjemandem auffallen? Sollten Sie eine dieser beiden Fragen mit Nein beantwortet haben, ändern Sie sofort etwas! Sie dürfen sich nicht ständig abwesend melden, und Sie müssen Ihre Stadt verkleinern.

 

Verstellen Sie sich nicht

Ich verstehe, dass so ein Anschluss an die Vereine im Stadtviertel ein unglaublich großer Schritt sein kann. Wenn Sie als Ausrede anführen, dass Sie zu beschäftigt sind, lesen Sie weiter, wir kommen noch zu diesem Punkt. Doch wenn es eigentlich die Angst ist, die Sie zurückhält, sprechen wir über eine ganz andere Art von Gegenwind. Am leichtesten überwinden Sie Ihre Hemmungen, indem Sie ganz genau die richtige Organisation oder Aktivität auswählen – eine, die gut zu Ihnen passt. Suchen Sie sich nichts aus, was sich vielleicht gut auf Ihrem Lebenslauf ausmachen könnte oder jemand anderem wichtig ist. Es muss Sie selbst interessieren, das ist entscheidend. Ihre Begeisterung kann die Angst besiegen helfen.

Mir ist klar, dass es sich wirklich schlimm anfühlen kann, sich einer Gruppe von Fremden zu nähern. Doch bedenken Sie: Menschen, die sich ehrenamtlich engagie­ren, sind in der Regel freundlich und hilfsbereit. Mür­rische, hochnäsige und egoistische Leute haben norma­lerweise keinerlei Interesse daran, etwas zurückzugeben.[ … ]

 

Ruth Westheimer: „Vom Glück der Verbundenheit. 100 Wege aus der Einsamkeit. Erkenntnisse aus meinen ersten 96 Jahren“ – 193 Seiten, 20 Euro, Ariston Verlag

https://shop.penguinrandomhouse.de/shop/article/52645731/ruth_k_westheimer_allison_gilbert_pierre_lehu_vom_glueck_der_verbundenheit.html

 

 

Sinnvolle Geschäftigkeit

Viel zu viele Menschen prahlen geradezu damit, dass sie auf vielen Hochzeiten tanzen. Dabei gibt es viele Gründe, warum man sich eben nicht verzetteln sollte. Zum einen: Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit zu sehr verteilen, werden Sie in Ihrer Community nicht genug Einfluss ausüben. Zum zweiten verlieren Sie den verborgenen Lohn, den eine dauerhafte Verpflichtung mit sich bringt, nämlich die Chance zum Aufbau von Verbindungen mit Substanz. Wie sieht so etwas in der Praxis aus? Im Grunde ge­nommen ist es ganz einfach: Wenn Sie, sagen wir, jeden Dienstagabend ehrenamtlich tätig sind, werden Sie dort wahrscheinlich immer wieder dieselben Leute treffen. Eine stetige, dauerhafte Routine kann Ihnen helfen, Be­ziehungen aufzubauen, die wirklich etwas bedeuten.

Abgesehen vom Y war ich 25 Jahre lang Mitglied in einem Komitee für den Schutz und Erhalt des Fort Tryon Park im Nordwesten von Manhattan. Dieser Park liegt in der Nähe meiner Wohnung, dort habe ich Miriam und Joel im Kinderwagen spazieren gefahren, und bis heute verbringe ich viele Nachmittage dort, um die frische Luft und den Sonnenschein zu genießen. Weil der Park mir so wichtig ist, fühlt es sich gut an, etwas für ihn zu tun. Nach dem Tod meines Mannes Fred brachte das Komitee an einer Bank in diesem Park ein Schild mit seinem Namen an. Ich gehe gern dorthin und meditiere. Hätte ich nicht so viele Jahre ehrenamtlich für den Park gearbeitet, hätte ich nicht so viel Mühe in genau diese Beziehungen inves­tiert, dann wäre die Bank mit Sicherheit heute nicht da.

Widerstehen Sie der Versuchung, in der Stadt herum­ zuflattern, hier ein paar Plätzchen zu verteilen und dort bei einem Charity-Verkauf mitzuwirken. Gehen Sie sorg­ sam mit Ihrer Zeit um. Suchen Sie sich eine Organisation aus, der Sie sich regelmäßig widmen. Sinnvolle Geschäf­tigkeit ist immer wirkungsvoller als blinder Aktionismus. [ … ]

 

Gehen Sie ins Büro

 Ich finde es fantastisch, dass heute so viel darüber gespro­chen wird, wo gearbeitet wird: zu Hause, im Büro oder teils, teils. Doch für Menschen, die unter Einsamkeit lei­den, gibt es keine bessere Option, als Zeit mit Kollegen zu verbringen. Ich weiß, mobiles Arbeiten ist viel leichter mit der Betreuung alter Eltern oder kleiner Kinder unter einen Hut zu bringen, zumal wenn man sonst eine wei­tere Strecke pendeln müsste. Doch Sie geben damit auch die Chance auf, Leute zufällig im Aufzug oder in der Tee­küche zu treffen.

Das Büro ist der Ort, wo potenzielle Freunde sind. Sie können eine Tasse Kaffee mit einem Kollegen trinken oder spontan zusammen zu Mittag essen. Als ich meine Show im Kabelfernsehen machte, wurden immer ein paar Sendungen am Nachmittag aufgezeichnet, be­vor dann eine Live-Sendung am Abend lief. Erst gegen 23 Uhr war der Arbeitstag zu Ende. Dann ließ ich im­mer Wein und Käse ins Studio kommen, damit alle, die an der Produktion beteiligt waren, ein Gefühl hatten, ge­meinsam etwas geschafft zu haben. Diese Form der Kol­legialität kann man kaum entwickeln, wenn die meisten Kolleginnen und Kollegen nur hin und wieder ins Büro kommen.

Vor Ort zu arbeiten, sollte also relativ weit oben auf Ihrer Prioritätenliste stehen, auch wenn diese Arbeits­form unbequemer ist. Tatsächlich empfehle ich Ihnen, sich ein Unternehmen zu suchen, das von seinen Leuten Präsenz verlangt, mindestens für einen Teil der Woche. Von komplettem Remote-Arbeiten halte ich gar nichts. Damit mache ich mich sicher nicht bei allen beliebt, aber das stört mich nicht weiter. Es mag bequemer sein, von der Couch aus zu arbeiten, aber für Ihr soziales Wohlbe­finden ist es wirklich besser, wenn Sie sich zur Präsenz­arbeit durchringen.

 

 

Schaffen Sie Online-Verbindungen

Ich bin zwar definitiv der Ansicht, dass Präsenzarbeit das Beste ist, was Sie gegen Einsamkeit tun können, doch das heißt nicht, dass Ihr Leben in Verzweiflung endet, wenn Sie mobil arbeiten. Es gibt viele Wege, um die Verbin­dung mit Kolleginnen und Kollegen zu stärken, auch mit Menschen, die Sie wahrscheinlich nie persönlich treffen werden.

Der Bestsellerautor und Psychologe Adam Grant schreibt in seinem Buch Give and Take (dt. Ausgabe: Ge­ben und Nehmen) über den »Fünf-Minuten-Gefallen«. Seiner Ansicht nach können wir alle unsere Beziehun­gen vertiefen, indem wir proaktiv großzügig mit unserer Zeit umgehen. Zum Beispiel, indem wir Menschen ein­ander vorstellen, die von der Bekanntschaft profitieren könnten, indem wir eine ehrlich empfundene Dankesmail schreiben, die der andere nicht erwartet, aber erfreut zur Kenntnis nimmt. Das Ziel besteht darin, Arbeitsbe­ziehungen, die vielleicht sogar nur online existieren, per­sönlicher und befriedigender zu gestalten.

Der Fünf-Minuten-Gefallen ist zwar sehr wirksam, doch er ist nicht Adams Empfehlung Nummer eins. »Meine Lieblingsoption ist der Reziprozitäts-Ring, eine Übung, die von den Soziologen Wayne und Cheryl Baker geschaf­fen wurde«, sagte er zu mir. So ein Ring funktioniert unab­hängig davon, ob die Beteiligten persönlich anwesend sind oder nicht. Und das ist das Prinzip: Alle Mitglieder einer Gruppe von Menschen bitten um etwas, was sie brauchen oder sich wünschen, und die Gruppe überlegt dann, wie sie die Bitte mithilfe ihres gemeinsamen Wissens, ihrer Res­ sourcen und Verbindungen erfüllen kann.

Wenn Adam solche Reziprozitäts-Ringe mit Studie­renden an der University of Pennsylvania durchführt, wo er lehrt, verteilt er große leere Blätter Papier im Raum und lädt alle ein, anonym ihre persönlichen oder auf die Arbeit bezogenen Bitten aufzuschreiben. Einige sei­ner Studierenden wurden in Interviews gebeten, ihre Erfahrungen wiederzugeben, und berichteten, dass sie die Übung genossen hatten, weil sie ihnen dabei half, ihre Mitstudierenden auf einer tieferen Ebene kennenzuler­nen. Ziele wie »Neue Wege, um chronischen Schmerz zu managen« und »Ich möchte lernen, Gitarre zu spielen« setzten Gespräche zwischen den Studierenden in Gang, die sonst kaum möglich gewesen wären.

Reziprozitäts-Ringe bauen Verbundenheit auf, weil sich alle Teilnehmenden gut fühlen, sowohl die »Bittenden« als auch die »Gebenden«. Wayne Baker sagt, die Zahl von Teilnehmenden bei einem Reziprozitäts-Ring, der via Zoom angestoßen wird, könne beliebig groß sein, allerdings brauche man Kleingruppen, die nicht mehr als fünf oder sechs Personen umfassen.

 

Freundschaften am Arbeitsplatz pflegen

Ich habe mein Leben lang außer Haus gearbeitet und dabei einige meiner liebsten Freundinnen und Freunde kennengelernt. Bei Planned Parenthood, wo ich 1967 im Forschungsbereich angestellt wurde, bot sich mir die erste Gelegenheit, mit Klienten über Empfängnisverhü­tung und Abtreibung zu sprechen. Innerhalb einer Wo­che war mir klar, dass der Job perfekt zu mir passte. Ich liebte Sexualerziehung und sprach gern über Familien­planung. Außerdem gefiel es mir, Zeit mit so vielen Men­schen zu verbringen! Doch es gab noch einen weiteren Vorteil: Ich lernte meinen Chef Stuart Cattell kennen, und unsere Verbindung zog Kreise weit über Planned Parent­hood hinaus.

Sie erinnern sich vielleicht, dass ich im Kapitel über die Familie davon erzählt habe, wie ich mit meinem Mann Fred Zeit am Lake Oscawana verbracht habe, der etwa eine Stunde nördlich von unserer Wohnung in New York City lag. Es stellte sich heraus, dass Stuart dort ganz in der Nähe wohnte, woraus sich eine Freundschaft zwischen uns ergab, die nichts mit unserer Arbeit zu tun hatte. Wenn ich am See war, wanderten wir zusammen, redeten viel miteinander, gingen segeln und genossen viele großartige Mahlzeiten gemeinsam. Manchmal schloss sich Fred uns an, manchmal machte er sein eigenes Ding. Heute würde ich Vorgesetzten und Mitarbeitenden niemals empfehlen, miteinander Zeit zu verbringen, wie Stuart und ich das taten, selbst wenn die Beziehung so platonisch ist, wie unsere es war. Die Zeiten haben sich geändert, ich möchte niemanden in Schwierigkeiten brin­gen. Doch abgesehen davon, ist es eine sehr gute Idee, auch für Freundschaften am Arbeitsplatz offen zu sein, zumal Sie so viel Zeit dort verbringen.

Wenn Sie in einem großen Büro arbeiten, gibt es viel­ leicht Angebote mit Neigungsgruppen, zum Beispiel zum Thema junge Eltern oder Frauenförderung. Schließen Sie sich solchen Communitys unbedingt an! Womöglich gehen Sie auch mit einem Kollegen zu einer Sportveranstal­tung oder einem Konzert. Und erinnern Sie sich noch an meine Bemerkungen zum Thema Kontext? Freunde, die Sie durch die gemeinsame Arbeit kennenlernen, können leicht auch Freunde im richtigen Leben werden, wenn Sie außerhalb der geschäftlichen Umgebung Zeit miteinan­der verbringen. Halten Sie ruhig Ausschau nach solchen Momenten. Sie werden Ihnen helfen, befriedigende Be­ziehungen aufzubauen.

Wenn es in Ihrem Büro keine formellen Angebote gibt, wo sich Mitarbeitende zwanglos treffen können, müssen Sie selbst aktiv werden. Bei Planned Parenthood hatten wir keine sozialen Programme, doch wir hatten etwas anderes, was sich in der Rückschau als echter Vorteil er­ weist: Wir hatten keine Computer. Um unsere Arbeit zu schaffen, mussten wir vom Schreibtisch aufstehen und persönlich mit unseren Kolleginnen und Kollegen sprechen.

Zwingen Sie sich im Laufe Ihres Arbeitstages so oft wie möglich, aufzustehen und den Flur hinunterzugehen. Sa­ gen Sie »Hallo« zu Kolleginnen und Kollegen. Fragen Sie, wie die Arbeit läuft. Bieten Sie Hilfe bei kniffligen Aufga­ben an. All das tut Ihnen nicht weh und sorgt dafür, dass sich Ihre Arbeitsumgebung weniger einsam anfühlt – das kann ich Ihnen versprechen.

 

 

Freundschaften außerhalb der Arbeit

Durchaus denkbar, dass Freundschaften unter Kollegin­nen und Kollegen für Sie nicht das Richtige sind. Wenn Ihre Arbeit zu Ihrer Isolation beiträgt, bauen Sie sich ein Netzwerk außerhalb Ihres unmittelbaren Arbeitsumfel­des auf. Schließen Sie sich Berufsorganisationen an, die dazu gemacht sind, Menschen zusammenzubringen, die sich auf der gleichen Karrierestufe befinden, im selben Bereich arbeiten oder mit ähnlichen Problemen zu kämp­fen haben.

Ann Shoket ist CEO von TheLi.st., einer Vereinigung von weiblichen und nicht-binären Führungskräften. Wie ich schon in dem Abschnitt über Verletzlichkeit erwähnt habe, als es um innerfamiliäre Beziehungen ging, sagt auch Ann: Die Fähigkeit, ehrlich über berufliche Schwierigkeiten zu sprechen, hilft Frauen, sich im Arbeitsumfeld weni­ger einsam zu fühlen. Allerdings mit der Einschränkung, dass vielen Frauen solche Gespräche leichter fallen, wenn sie mit Kolleginnen geführt werden, die nicht in derselben Firma arbeiten: »Oft stehen wir beruflich im Wettbewerb und müssen um Ressourcen, Aufmerksamkeit und Rollen konkurrieren, die nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen. Dann ist die Außenperspektive enorm wertvoll und hilft, ein Gefühl echter Verbundenheit herzustellen.«

Der Arbeitsplatz muss kein Ort sein, an dem Sie sich elend und einsam fühlen. Indem Sie sich einer entspre­chenden Gruppe anschließen, und sei es die örtliche Han­delskammer, schaffen Sie Gelegenheiten, um Höhen und Tiefen mit anderen zu teilen. Ich weiß, es ist nicht leicht, in diesem Bereich ehrlich zu sprechen. Doch wenn Sie zu­ lassen, dass man Sie als ganzen Menschen sieht, können Sie vielleicht die Zahl Ihrer Verbindungen erhöhen – und die Qualität dieser Verbindungen vertiefen.

 

 

Konferenzen und Tagungen

Sollten Sie in einem Unternehmen arbeiten, das seinen Angestellten Gelegenheit gibt, Fortbildungen und Tagun­gen zu besuchen – gehen Sie unbedingt hin! Lassen Sie diese hervorragende Möglichkeit, neue Leute zu treffen, auf keinen Fall aus, nur weil Sie lieber im eigenen Bett schlafen als im Hotel. Das ist eine Ausrede, und Ausreden halten Sie davon ab, Ihr Ziel zu erreichen, nämlich neue und starke Verbindungen zu knüpfen.

Außerdem gibt es ja nicht nur Tagungen und Konfe­renzen, die Ihre Arbeit betreffen. Es gibt auch Konferenzen von Menschen, die Familienforschung betreiben, Fotoalben basteln, Comics lesen, Gaming machen und so weiter.

Ich persönlich habe mein Leben lang Musik geliebt und deshalb viele Male das North American Jewish Cho­ral Festival besucht. Bei diesem Sommerfestival geht es hauptsächlich ums Singen, aber es ist auch eine Tagung im klassischen Sinne. Die Teilnehmenden hören Vorträge von führenden Leuten auf dem Gebiet der Chormusik (schließlich nehmen fast zwei Dutzend angesehene Chöre aus der ganzen Welt daran teil). Und es gibt immer jede Menge Gelegenheit, aus Fremden Freunde zu machen.

Meine Freundschaft mit Matthew Lazar, dem Begrün­ der des Festivals, vertiefte sich mit den Jahren, weil ich immer wieder dort auftauchte. So sehr, dass sich diese Freundschaft weit über das Singen hinaus erstreckte. Wir waren oft zusammen essen und haben einige Male Tanglewood besucht, die beliebte Konzertstätte im Westen von Massachusetts. 2015 lud er mich ein, ein Konzert in der Avery Fisher Hall im Lincoln Center zu dirigieren, wo ein Chor aus 400 Studierenden sang. Die Musik brachte mich zum Weinen, so sehr erinnerte sie mich an meinen Vater und meine Kindheit in Frankfurt. Fast konnte ich die Hand meines Vaters spüren, wenn wir zusammen am Freitagabend zur Synagoge gingen. Matthew Lazar, oder Matty, wie wir alle ihn nennen, machte diesen denkwür­digen Abend für mich möglich.

Wenn wir Freundschaften in einer speziell ausgewähl­ten Umgebung schließen, macht das alles viel einfacher. Nutzen Sie die Offenheit, die in einer solchen Umgebung herrscht. Nutzen Sie jeden Konferenztag, um neue Verbindungen herzustellen. Sie wissen schon, dass Sie ge­meinsame Interessen haben, also gibt es auch jede Menge Gesprächsstoff.

 

 

Nutzen Sie Netzwerke

Nate Berkus wusste schon, warum er mich in seiner Fern­sehshow haben wollte: Ich bin ein Hamster. Als er 2011 in meine Wohnung kam, schämte ich mich, weil sie so vollgestopft war mit Papieren, Aktenordnern und allerlei Nippes, dass ich kaum noch jemanden zu mir nach Hause einlud. Der ganze Müll erstickte mein soziales Leben. Doch Nate beruhigte mich und sagte, ich müsste nicht alles wegwerfen. Stattdessen brachte er mir bei, auf neue Weise mit meinen geliebten Besitztümern umzu­gehen. Und die Lektion, die ich von ihm lernte, weist er­staunliche Parallelen zu unserem Thema Einsamkeit auf. Es ist nämlich gut möglich, dass Sie noch Zugang zu Listen mit Mailadressen und Telefonnummern ha­ben, die einmal sehr aktiv waren, aber nicht mehr ge­ nutzt werden. Vielleicht war einer Ihrer Freunde lange im Krankenhaus und Sie hatten die Aufgabe, Freunde und Verwandte über seinen Zustand auf dem Laufen­ den zu halten. Oder Ihr Kind spielte in einer Fußball­mannschaft, und Sie führten die Adressenliste, um Fahrgemeinschaften zu den Spielen zu organisieren. Solche Listen sind hervorragende Ressourcen, die innovativ und bewusst genutzt werden können.

 

Die Leute, die sich auf diesen Listen finden, waren vermutlich keine engen Freunde von Ihnen. Sie mochten viele von ihnen, aber dann ging das Ganze auseinander, weil der Anlass wegfiel. Doch ich sage immer: Bewahren Sie sich die alten Freunde! Freundschaften sind Schätze, die man auch schätzen sollte. Statt diese Listen ungenutzt herumliegen zu lassen, schicken Sie ein kurzes Update, das den Mitgliedern der Gruppe etwas bedeuten könnte. Vielleicht interessieren sich die Fußballeltern ja für die neue Turnierreihe, die Sie entdeckt haben. Die Antwor­ten werden Sie aufmuntern, vielleicht ist sogar eine Ein­ladung zum Mittagessen dabei. Und womöglich ergeben sich daraus wieder tiefere Freundschaften.

Wenn Ihnen das albern vorkommt, denken Sie daran: Viele Menschen sind von der Epidemie der Einsamkeit betroffen. Es ist durchaus denkbar, dass sich wenigstens eine Person auf diesen Listen ebenfalls mehr Verbunden­heit wünscht. Dieser Person könnte Ihre Mail aus blauem Himmel sehr willkommen sein. Und dann hat Ihre Initia­tive schon ihren Zweck erfüllt.

 

 

 

 

 

 

 

 

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