Buchauszug Robin Sharma: „Der Mönch, der seinen Ferrari verkaufte. Eine bemerkenswerte Geschichte über die Verwirklichung Ihrer Träume. Die Edition zum 25-jährigen Jubiläum.“

Buchauszug Robin Sharma: „Der Mönch, der seinen Ferrari verkaufte. Eine bemerkenswerte Geschichte über die Verwirklichung Ihrer Träume. Die Edition zum 25-jährigen Jubiläum.“

 

Das Buch über die Geschichte vom Prozessanwalt Julian Mantle, der nach einer Herzattacke den Himalaya bereist und in einem Kloster von Mönchen das Geheimnis des Glücks lernt. Das Werk ist ein Bestseller und wurde jetzt, 25 Jahre nach seiner Entstehung, vom Autor Robin Sharma mit einer neuen Einführung versehen.

 

Robin Sharma (Foto: PR/David Leyes)

 

Die wundersame Verwandlung von Julian Mantle

Ich konnte nur staunen über den neuen, völlig veränderten Julian Mantle.

»Wie konnte jemand, der noch vor wenigen Jahren wie ein erschöpfter alter Mann aussah, jetzt so lebendig und vital wirken?«, fragte ich mich ungläubig. »War es eine Wunderdroge, die ihn so jung gemacht hat? Was hat diese außergewöhnliche Verwandlung ermöglicht?«

Julian ergriff als Erster das Wort. Er erzählte mir, dass die erbitterte Konkurrenz in der Juristerei ihren Tribut von ihm gefordert habe, nicht nur in physischer und emotionaler Hinsicht, sondern auch geistig. Die ständige Hektik und die endlosen Anforderungen hätten ihn ausgelaugt und erschöpft. Er erklärte, dass er körperlich zu einem Wrack geworden sei und sein Geist seinen Esprit eingebüßt habe. Sein Herzinfarkt sei nur ein Symptom für ein tiefer reichendes Problem gewesen. Der ständige Druck und der fordernde Terminkalender eines Spitzenanwalts hätten auch seine wichtigste – und vielleicht menschlichste – Gabe zerrüttet: seinen Geist. Als ihn sein Arzt vor die Wahl stellte, entweder seinen Beruf oder sein Leben aufzugeben, sei ihm klar geworden: Hier biete sich eine Möglichkeit, das innere Feuer, das er in seiner Jugend gekannt hatte, wieder neu zu entfachen – ein Feuer, das erloschen war, als seine anwaltliche Tätigkeit immer weniger eine Freude und immer mehr zu einem Geschäft für ihn geworden war.

 

Sichtlich erregt erzählte Julian, wie er all seine privaten Besitztümer verkauft und sich aufgemacht hatte nach Indien, ein Land, dessen alte Kultur und mystische Traditionen ihn schon immer fasziniert hätten. Er bereiste viele kleine Dörfer, manchmal zu Fuß, manchmal mit dem Zug, lernte neue Bräuche kennen, besichtigte zeitlose Sehenswürdigkeiten und entwickelte zunehmend mehr Zuneigung zu den indischen Menschen, die Wärme und Güte ausstrahlten und ihm eine erfrischende Vorstellung vom wahren Sinn des Lebens nahebrachten. Selbst Menschen, die nur wenig besaßen, öffneten ihre Häuser – und ihre Herzen – für diesen ermüdeten Besucher aus dem Westen. Während die Tage in dieser wundervollen Umgebung zu Wochen wurden, begann sich Julian allmählich wieder als lebendiger und ganzer Mensch zu fühlen, vielleicht zum ersten Mal seit seiner Kindheit. Seine Neugier und seine Begeisterungsfähigkeit kehrten langsam zurück, und seine Lebensgeister erwachten aufs Neue. Er begann sich wieder freudvoller und ruhiger zu fühlen. Und er konnte wieder lachen.

 

Er habe jeden Augenblick in diesem exotischen Land genossen, erzählte mir Julian, und doch habe es sich bei seiner Reise nach Indien um mehr gehandelt als um einen schlichten Erholungsurlaub für seinen überarbeiteten Geist. Er beschrieb seine Zeit in diesem fernen Land als eine »Odyssee meines Ichs«. Er vertraute mir an, dass er herausfinden wolle, wer er wirklich sei und was sein Leben ausmache, bevor es dafür zu spät sei. Deshalb habe er versucht, sich mit der Kultur dieses riesigen Landes auseinanderzusetzen, das über einen reichen Vorrat an alten Weisheiten darüber verfügt, wie man ein lohnenderes, erfüllteres und glücklicheres Leben führen kann.

»Auch wenn es für dich vielleicht sonderbar klingt, John, aber es war, als hätte ich einen Befehl von innen erhalten, eine innere Anweisung, die mir sagte, dass ich eine spirituelle Reise antreten solle, um den Funken, den ich verloren hatte, wieder zu entzünden«, erklärte Julian. »Es war eine außerordentlich befreiende Zeit für mich.«

Je mehr er in diese Welt eintauchte, umso öfter hörte er von indischen Mönchen, die weit über hundert Jahre alt geworden waren, von Mönchen, die sich trotz ihres hohen Alters eine nahezu jugendliche Vitalität bewahrt hatten. Je länger er im Land umherreiste, umso öfter erfuhr er von Yogis, deren Alter keiner mehr kannte, die die Kunst der Gedankenbeherrschung gemeistert hatten und spirituell erwacht waren. Und je mehr er sah, umso stärker wurde sein Wunsch, die geheimnisvolle Kraft zu verstehen, die die Menschen zu solchen Wundern befähigten, in der Hoffnung, diese Lebensphilosophien auch auf sein eigenes Leben anwenden zu können.

 

 

 

Der Mönch, der seinen Ferrari verkaufte – Eine bemerkenswerte Geschichte über die Verwirklichung Ihrer Träume. Die Edition zum 25-jährigen Jubiläum. (m-vg.de) 18 Euro, 320 Seiten, Finanzbuch Verlag

 

In den frühen Phasen seiner Reise suchte Julian viele bekannte und hoch angesehene Lehrer auf. Er erzählte mir, dass sie alle ihn mit offenen Armen und offenen Herzen empfangen hätten und mit ihm die Einsichten teilten, die sie im Laufe ihres Lebens erlangt hatten, das sie in schweigender Kontemplation über die erhabenen Fragen ihrer Existenz verbracht hatten. Julian versuchte auch, mir die Schönheit der alten Tempel zu beschreiben, die über die Landschaft dieses geheimnisvollen Landes verstreut waren, Bauwerke, die als getreuliche Torwächter für die Weisheit der Jahrhunderte standen. Er sagte, die sakrale Atmosphäre dieser Orte habe ihn tief berührt.

»Es war ein sehr aufwühlender Abschnitt meines Lebens, John. Da stand ich nun, ein abgehalfterter alter Anwalt, der sein ganzes Hab und Gut verkauft hatte, vom Rennpferd bis zur Rolex, und alles, was ihm noch geblieben war, in einen großen Rucksack gepackt hatte. Dieser Rucksack sollte mich auf meinem Weg zu den zeitlosen Traditionen des Ostens ständig begleiten.«

»War es schwer, wegzugehen?«, fragte ich laut, unfähig, meine Neugierde zu zügeln.

»Eigentlich war es das Einfachste, was ich je getan habe. Die Entscheidung, mein Büro und alle meine weltlichen Habseligkeiten aufzugeben, erschien mir wie etwas völlig Natürliches. Albert Camus hat einmal gesagt: ›Die wahre Großzügigkeit gegenüber der Zukunft besteht darin, alles dem Gegenwärtigen zu widmen.‹ Nun, genau das habe ich getan. Ich wusste, dass ich mich ändern musste – also beschloss ich, auf mein Herz zu hören und es auf sehr radikale Weise zu tun. Mein Leben wurde mit einem Schlag einfacher und sinnvoller, als ich den Ballast meiner Vergangenheit abstreifte. In dem Moment, als ich aufhörte, so viel Zeit mit der Jagd nach den großen Vergnügungen des Lebens zu verbringen, fing ich an, seine kleinen Freuden zu genießen, zum Beispiel, wenn ich beobachtete, wie die Sterne am mondbeschienenen Himmel tanzten oder wenn ich die Sonnenstrahlen an einem herrlichen Sommermorgen in mich aufnahm. Und Indien ist ein Land, das den Geist so sehr anregt, dass ich nur noch selten an das dachte, was ich zurückgelassen hatte.«

Diese ersten Begegnungen mit den Gebildeten und Gelehrten dieser exotischen Kultur faszinierten Julian, brachten ihm aber nicht das Wissen, nach dem er strebte. Die Weisheiten, die er kennenlernen wollte, und die praktischen Methoden, von denen er hoffte, dass sie die Qualität seines Lebens verändern würden, blieben ihm in diesen frühen Tagen seiner Odyssee noch verborgen. Erst nachdem Julian ungefähr sieben Monate in Indien verbracht hatte, erlebte er seinen ersten wirklichen Durchbruch. In Kaschmir, einer verschlafenen Region mit alten, mystischen Traditionen, die am Fuße des Himalajas liegt, hatte er das Glück, einem Mann namens Yogi Krishnan zu begegnen. Dieser schmächtige Mann mit kahlgeschorenem Kopf war in seiner »vorherigen Inkarnation« ebenfalls Anwalt gewesen, wie er oft mit breitem Grinsen scherzte. Da ihm die Hektik, die das moderne Neu-Delhi kennzeichnet, zu viel geworden war, hatte auch er seine materiellen Besitztümer aufgegeben und sich in eine Welt größerer Einfachheit zurückgezogen. Durch die Betreuung des Dorftempels, die er übernommen hatte, sei es ihm möglich geworden, sagte Krishnan, sich selbst und seine Aufgabe im großen Ganzen des Lebens besser zu erkennen.

»Ich war es leid, ständig gewissermaßen im Alarmzustand zu leben. Ich erkannte, dass es meine Aufgabe ist, anderen zu dienen und in irgendeiner Weise dazu beizutragen, diese Welt zu einem besseren Ort zum Leben zu machen. Jetzt lebe ich, um anderen etwas zu geben«, erklärte er Julian. »Ich verbringe alle meine Tage und Nächte in diesem Tempel und führe ein strenges, aber auch erfülltes Leben. Ich gebe meine Erkenntnisse an all jene weiter, die hierherkommen, um zu beten. Ich diene Menschen, die in Not sind. Ich bin kein Priester. Ich bin einfach ein Mann, der seine Seele gefunden hat.«

Julian erzählte dem Anwalt, der zum Yogi geworden war, seine eigene Geschichte. Er erzählte von seinem früheren Leben als bekannter und privilegierter Anwalt. Er erzählte Yogi Krishnan von seinem Hunger nach Reichtum und seiner Besessenheit von Arbeit. Erregt schilderte er seine innere Zerrissenheit und berichtete von seiner spirituellen Krise, in die er geraten war, als das einst helle Licht seines Lebens im Wind eines aus dem Gleichgewicht geratenen Lebens gefährlich zu flackern begonnen hatte.

»Auch ich habe diesen Weg beschritten, mein Freund. Auch ich habe den Schmerz gefühlt, den Sie gefühlt haben. Doch ich habe gelernt, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht«, sagte Yogi Krishnan mitfühlend. »Jedes Ereignis hat einen Zweck und jeder Rückschlag enthält eine Lektion. Ich habe erkannt, dass Scheitern, sei es im persönlichen, im beruflichen oder auch im spirituellen Bereich, für die persönliche Entwicklung von wesentlicher Bedeutung ist. Es ermöglicht inneres Wachstum und bringt eine ganze Reihe von psychischen Belohnungen mit sich. Bedauern Sie niemals Ihre Vergangenheit. Nehmen Sie sie vielmehr als den Lehrer an, der sie ist.«

Nachdem er diese Worte gehört hatte, erzählte mir Julian, habe er eine große Erleichterung verspürt. Vielleicht, dachte er, hatte er in Yogi Krishnan den Mentor gefunden, den er suchte. Wer sollte ihn besser in die Geheimnisse der Kunst einführen können, sich ein ausgeglicheneres, faszinierenderes und freudvolleres Leben aufzubauen, als ein anderer ehemaliger Spitzenanwalt, der auf seiner eigenen spirituellen Odyssee zu einer erfüllenderen Lebensweise gefunden hatte?

»Ich brauche Ihre Hilfe, Krishnan. Ich muss lernen, wie ich mein Leben reicher und erfüllter gestalten kann.«

»Es wäre mir eine Ehre, Ihnen auf jede erdenkliche Weise zu helfen«, bot der Yogi an. »Aber darf ich Ihnen einen Vorschlag machen?«

»Gern.«

»Seit ich mich um den Tempel in diesem kleinen Dorf kümmere, habe ich Gerüchte über eine mystische Gruppe von Weisen gehört, die angeblich hoch oben im Himalaja-Gebirge lebt. Man sagt, dass sie eine Methode entdeckt haben, die die Lebensqualität eines jeden Menschen grundlegend verbessern kann – und zwar nicht nur in körperlicher Hinsicht. Es soll ein ganzheitliches, integriertes System aus uralten Grundsätzen und zeitlosen Techniken sein, mit deren Hilfe man das Potenzial von Geist, Körper und Seele freisetzen könne.«

Julian war fasziniert. Genau das suchte er ja. »Aber wo genau leben diese Mönche?«

»Das weiß niemand, und ich bin leider schon zu alt, um mit der Suche zu beginnen. Aber eines will ich Ihnen sagen, mein Freund: Viele haben versucht, diese Mönche aufzuspüren, und viele sind gescheitert, und zwar oftmals mit tragischen Folgen. Die höheren Regionen des Himalajas sind äußerst tückisch. Selbst der geübteste Bergsteiger ist gegen die natürlichen Gefahren hilflos. Aber wenn Sie wirklich nach dem goldenen Schlüssel zu strahlender Gesundheit, dauerhaftem Glück und innerer Erfüllung suchen, dann verfüge nicht ich über diese Weisheit – sondern diese Mönche haben sie.«

Julian, der ein Mensch ist, der nicht leicht aufgibt, bedrängte Yogi Krishnan weiter. »Und Sie wissen wirklich nicht, wo sie leben?«

»Ich kann Ihnen nur sagen, dass die Einheimischen in diesem Dorf sie als die Großen Weisen von Sivana kennen. In ihrer Mythologie bedeutet Sivana ›Oase der Erkenntnis‹. Diese Mönche werden verehrt, als wären sie göttlicher Natur hinsichtlich ihrer Verfassung und ihres Einflusses. Wenn ich wüsste, wo sie zu finden sind, wäre es meine Pflicht, es Ihnen zu sagen. Aber ehrlich gesagt, ich weiß es wirklich nicht – niemand weiß es.«

Am nächsten Morgen, als die ersten Strahlen der indischen Sonne über den farbenprächtigen Horizont tanzten, machte sich Julian auf den Weg zum verlorenen Land Sivana. Zuerst dachte er daran, einen Sherpa-Führer anzuheuern, der ihm bei seinem Aufstieg durch die Berge helfen sollte, aber aus einem seltsamen Grund sagte ihm sein Instinkt, dass er diese Reise allein machen musste. Daher schüttelte er, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, die Fesseln der Vernunft ab und setzte Vertrauen in seine Intuition. Er spürte, dass er sicher sein werde. Er wusste irgendwie, dass er finden würde, was er suchte. Also begann er zuversichtlich seinen Aufstieg.

In den ersten paar Tagen war es einfach. Manchmal holte er einen der fröhlichen Bewohner des Dorfes unten ein, der zufällig auf einem der Pfade unterwegs war, vielleicht auf der Suche nach dem geeigneten Stück Holz für eine Schnitzerei oder auf der Suche nach der Zuflucht, die dieser unwirkliche Ort all jenen Wanderern bot, die sich so hoch in den Himmel hinaufwagten.

Zeitweilig wanderte er allein und nutzte die Zeit, um still darüber nachzudenken, wo er in seinem Leben schon überall gewesen war – und wohin er jetzt unterwegs war. Es dauerte nicht lange, bis das Dorf unter ihm nicht mehr als ein winziger Fleck auf dieser wunderbaren Leinwand der Natur war. Die majestätischen schneebedeckten Gipfel des Himalajas ließen sein Herz schneller schlagen und raubten ihm zeitweise den Atem. Er fühlte sich ganz und gar eins mit seiner Umgebung; es war eine Art Verwandtschaft, wie sie vielleicht zwei alte Freunde empfinden, die viele Jahre lang ihre innersten Gedanken ausgetauscht und über die Witze des anderen gelacht haben. Die frische Bergluft machte seinen Kopf frei und belebte seinen Geist. Julian hatte schon viele Weltgegenden bereist und dachte, er würde alles kennen. Aber eine Schönheit wie diese hatte er noch nie gesehen. Er ließ die zauberhafte Welt, die er hier entdeckt hatte, mit allen Sinnen auf sich wirken und wurde selbst Teil dieser gewaltigen Symphonie der Natur. Gleichzeitig fühlte er sich freudig, beschwingt und sorglos. Hier, hoch oben in den Bergen, wagte sich Julian langsam aus dem Kokon des Gewöhnlichen heraus und begann, die Welt des Außergewöhnlichen zu erkunden.

»Ich erinnere mich noch an die Worte, die mir da oben durch den Kopf gingen«, sagte Julian. »Ich dachte, dass es im Leben letztlich immer um Entscheidungen geht. Das Schicksal entfaltet sich je nach den Entscheidungen, die man trifft, und ich war mir sicher, dass die Wahl, die ich getroffen hatte, die richtige war. Ich wusste, dass mein Leben nie mehr dasselbe sein würde und dass etwas Unglaubliches, vielleicht sogar ein Wunder, mit mir geschehen würde. Es war ein erstaunliches Erwachen.«

Als Julian in die einsamen Regionen des Himalaja-Gebirges gelangte, habe ihn eine gewisse Ängstlichkeit überkommen, erzählte er. »Aber es war diese positive Art von Nervosität, wie ich sie zum Beispiel vor der Begegnung mit prominenten Leuten hatte oder kurz vor dem Beginn eines aufregenden Prozesses, wenn mich die Medien vor den Stufen zum Gerichtssaal bestürmten. Und obwohl ich weder einen Führer noch eine Karte hatte, war der Weg klar, und ein schmaler, wenig begangener Pfad führte mich immer höher in die entlegensten Regionen dieser Berge. Es war, als trüge ich eine Art inneren Kompass in mir, der mich sanft in Richtung meines Ziels lenkte. Ich glaube, selbst wenn ich es gewollt hätte, hätte ich nicht aufhören können, immer weiter die Berge hinaufzusteigen«, erzählte Julian aufgeregt. Seine Worte sprudelten wie ein Gebirgsbach nach einem Regenschauer aus ihm heraus.

Julian wanderte noch zwei Tage lang weiter auf dem Weg, der ihn, wie er hoffte, nach Sivana führen würde. Dabei schweiften seine Gedanken zurück zu seinem früheren Leben. Er fühlte sich völlig befreit von dem Stress und der Belastung, die seine frühere Welt ausmachten. Dennoch fragte er sich, ob er den Rest seines Lebens wirklich ohne die intellektuelle Herausforderung verbringen konnte, die ihm sein Beruf als Jurist seit seinem Abschluss an der Harvard Law School geboten hatte. Dann schweiften seine Gedanken zurück zu seinem eichengetäfelten Büro in einem glitzernden Wolkenkratzer in der City und zu dem idyllischen Sommerhaus, das er für wenig Geld verscherbelt hatte. Er dachte an seine alten Freunde, mit denen er die edelsten Restaurants in den vornehmsten Gegenden besucht hatte. Er dachte auch an seinen teuren Ferrari und erinnerte sich, wie sein Herz höher schlug, wenn er den Motor anließ und seine ganze unbändige Kraft mit einem Aufheulen zum Leben erwachte.

Als er immer weiter in die Tiefen dieser mythenumwobenen Bergwelt vordrang, wurden seine Gedanken an die Vergangenheit schnell von den atemberaubenden Wundern dessen überlagert, was er hier zu sehen bekam. Während er die Schönheit der Natur in sich aufnahm, geschah etwas Verblüffendes.

Aus dem Augenwinkel bemerkte er eine andere eigenartig gekleidete Gestalt. Sie trug ein langes, wallendes rotes Gewand, das von einer dunkelblauen Kapuze gekrönt wurde, und ging langsam vor ihm auf dem Gebirgspfad. Julian wunderte sich, jemanden an diesem abgelegenen Ort zu sehen, zu dem zu gelangen er sieben Tage gebraucht hatte. Da er viele Kilometer von jeglicher Zivilisation entfernt war und immer noch nicht wusste, wo sein Ziel Sivana zu finden war, rief er seinem Mitwanderer etwas zu.

Die Gestalt reagierte nicht und beschleunigte ihren Schritt auf dem Pfad, den sie hinaufstiegen, ohne Julian auch nur eines Blickes zu würdigen. Bald fing der geheimnisvolle Wanderer zu laufen an. Sein rotes Gewand flatterte anmutig hinter ihm her wie wehende Baumwolltücher, die an einem windigen Herbsttag an einer Wäscheleine hängen.

»Bitte, Freund, ich suche Sivana. Können Sie mir helfen?«, rief Julian. »Ich bin seit sieben Tagen unterwegs und habe nun fast kein Essen und kein Wasser mehr. Ich glaube, ich habe mich verirrt!«

Die Gestalt blieb plötzlich stehen. Julian näherte sich vorsichtig, während der Wanderer eigenartig still und schweigend dastand. Sein Kopf bewegte sich nicht, seine waren reglos und seine Füße blieben an ihrem Platz. Julian konnte nichts von dem Gesicht unter der Kapuze sehen, aber der Inhalt des kleinen Korbes, den der Wanderer in den Händen hielt, fiel ihm auf. In dem Korb befand sich eine Sammlung der erlesensten und schönsten Blumen, die Julian je gesehen hatte. Die Gestalt umklammerte den Korb fester, als Julian näher kam, als wolle sie ihre Liebe zu diesen wertvollen Besitztümern wie auch ihr Misstrauen gegenüber dem hochgewachsenen Fremden zum Ausdruck bringen, der in dieser Gegend so selten war wie Tau in der Wüste.

Julian starrte den Wanderer neugierig an. Als kurz ein Sonnenstrahl durch die Wolken brach, zeigte sich, dass sich unter der locker sitzenden Kapuze das Gesicht eines Mannes befand. Aber Julian hatte noch nie einen Mann wie diesen gesehen. Obwohl er höchstens so alt war wie er selbst, hatte er markante Gesichtszüge, die Julian in ihren Bann zogen und ihn dazu brachten, einfach stehen zu bleiben und den Mann anzustarren, was ihm wie eine Ewigkeit vorkam. Die Augen des Mannes waren katzenhaft und so durchdringend, dass Julian den Blick abwenden musste. Seine olivfarbene Haut war geschmeidig und glatt. Sein Körper wirkte stark und kraftvoll. Und obwohl die Hände des Mannes verrieten, dass er nicht mehr jung war, strahlte er eine derartige Jugendlichkeit und Vitalität aus, dass Julian sich wie hypnotisiert fühlte, ähnlich wie ein Kind, das dem Zauberer bei seiner ersten Zaubershow zusieht. Das muss einer der großen Weisen von Sivana sein, dachte Julian bei sich und konnte seine Freude über seine Entdeckung kaum unterdrücken.

»Ich bin Julian Mantle. Ich bin gekommen, um von den Weisen von Sivana zu lernen. Wissen Sie, wo ich sie finden kann?«, fragte er.

Der Mann betrachtete den erschöpften Besucher aus dem Westen nachdenklich. Die heitere Gelassenheit und der Frieden, die er ausstrahlte, ließen ihn wie einen Engel erscheinen. Der Mann sprach mit leiser Stimme, fast flüsternd: »Warum suchst du diese Weisen, mein Freund?« Julian spürte, dass er tatsächlich einen der geheimnisvollen Mönche gefunden hatte, die viele andere vor ihm gesucht hatten. Er öffnete spontan sein Herz und erzählte dem Fremden von seiner Odyssee. Er berichtete von seinem früheren Leben und von der spirituellen Krise, mit der er zu kämpfen gehabt hatte; wie er seine Gesundheit und seine Energie gegen die flüchtigen Belohnungen eingetauscht hatte, die ihm seine Anwaltstätigkeit einbrachte. Er schilderte, wie er den Reichtum seiner Seele gegen ein dickes Bankkonto und die illusorische Befriedigung durch ein Leben nach dem Motto »Lebe schnell, stirb jung« eingetauscht hatte. Und er erzählte dem Fremden von seinen Reisen durch das geheimnisvolle Indien und von seiner Begegnung mit Yogi Krishnan, dem ehemaligen Strafverteidiger aus Neu-Delhi, der sein früheres Leben ebenfalls aufgegeben hatte, in der Hoffnung, innere Harmonie und dauerhaften Frieden zu finden.

Der Reisende blieb still und ruhig. Erst als Julian von seinem brennenden, fast zwanghaften Wunsch sprach, sich die uralten Prinzipien des erleuchteten Lebens anzueignen, sprach der Mann wieder. Er legte Julian einen Arm auf die Schulter und sagte freundlich zu ihm: »Wenn du wirklich von ganzem Herzen den Wunsch hast, die Weisheit eines besseren Weges kennenzulernen, dann ist es meine Pflicht, dir zu helfen. Ich bin in der Tat einer der Weisen, nach denen du auf der Suche bist. Du bist der erste Mensch, der uns seit vielen Jahren gefunden hat. Ich beglückwünsche dich. Ich bewundere deine Hartnäckigkeit. Du musst wirklich ein guter Anwalt gewesen sein.«

Er hielt kurz inne, als sei er sich nicht sicher, was er als Nächstes tun solle, und fuhr dann fort. »Wenn du willst, kannst du als mein Gast mit mir zu unserem Tempel kommen. Er liegt in einem versteckten Teil dieser Berggegend, noch viele Stunden von hier entfernt. Meine Brüder und Schwestern werden dich mit offenen Armen empfangen. Wir werden uns gemeinsam bemühen, dich in die alten Prinzipien und Methoden einzuweihen, die unsere Vorfahren über die Jahrhunderte überliefert haben. Aber bevor ich dich in unsere eigene Welt mitnehme und dich an unserem gesammelten Wissen teilhaben lasse, um dein Leben mit mehr Freude, Kraft und Sinn zu erfüllen, muss ich dich um ein Versprechen bitten«, sagte der Weise. »Nachdem du dir diese zeitlosen Wahrheiten angeeignet hast, musst du in deine Heimat im Westen zurückkehren und sie mit all jenen teilen, die sie ebenfalls erfahren müssen. Obwohl wir hier in diesen geheimnisvollen Bergen abgeschieden leben, wissen wir, wie schlimm es in eurer Welt zugeht. Rechtschaffene Menschen kommen von ihrem Weg ab. Du musst ihnen die Hoffnung bringen, die sie verdienen. Und was noch wichtiger ist: Du musst ihnen die Mittel an die Hand geben, wie sie ihre Träume verwirklichen können. Das ist alles, worum ich dich bitte.«

Julian erklärte sich sofort mit den Bedingungen des Weisen einverstanden und versprach ihm, dass er ihre wertvolle Botschaft in den Westen tragen werde. Als die beiden Männer den Bergpfad zum verlorenen Dorf Sivana weiter hinaufstiegen, ging die Sonne Indiens langsam unter, ein roter Feuerball, der nach einem langen und ermüdenden Tag in einen sanften, erholsamen Schlummer fiel. Julian erzählte mir, die Erhabenheit dieses Moments sei ihm unvergesslich geblieben. Und so schritt er mit einem alterslosen indischen Mönch, für den er eine Art brüderliche Liebe empfand, jenem Ort entgegen, den er schon lange gesucht hatte, um all seine Wunder und Geheimnisse zu entdecken.

»Das war eindeutig der denkwürdigste Augenblick meines Lebens«, vertraute er mir an. Julian hatte immer schon geglaubt, dass es in einem Leben nur einige wenige Schlüsselerlebnisse gebe. Dieses war eines von ihnen. Tief in seiner Seele spürte er, dass dies der erste Augenblick seines künftigen Lebens war, eines Lebens, das bald viel mehr Sinn enthalten würde als jemals zuvor.

 

 

 

 

 

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