Frank Dopheide über Moralapostel: Wenn Werte zur Ware verkommen. Ein Gastbeitrag

Moralapostel. Wenn Werte zur Ware verkommen

Gastbeitrag von Frank Dopheide, Gründer der Beratung Human Unlimited

 

Frank Dopheide (Foto: C. Tödtmann)

Und die Frage: Wie moralisch können Firmen eigentlich sein?

Gemeinsame Wertvorstellungen helfen das Zusammenleben und -arbeiten im Sinne aller zu organisieren. Die Moral ist wirkungsvoll: sie hält die Egos im Zaum, den Laden am Laufen und Gesellschaften zusammen. Wer gegen gemeinsame Grundsätze verstößt wird an den Pranger gestellt, eine seit Jahrhunderten geübte Praxis.

Dabei gilt: je größer das Unternehmen, das Gehalt oder die Lichtgestallt, desto größer die Lupe, unter die man genommen wird. Alles wird ins grelle Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Eine Schmerztherapie, die echte Behandlungserfolge aufweist: die Fortschritte in Umgang, Gleichberechtigung und Freiheit sind enorm. Allerdings wird die Schraube des Anspruchs weiter und weiter gedreht und setzt auch die Unternehmen unter enorme Spannung. Gesetzestreue allein genügt hier nicht mehr.

Unmoralisches Agieren wird mit einem Shitstorm der Stärke zehn bestraft

Die digitale Welt hat den Pranger zum globalen Gerichtssaal umgebaut, die Jury ist ein Millionenpublikum. Das Urteil wird in Sekundenschnelle gesprochen und kostet eine Menge: Reputation, Börsenpunkte, Kunden- und Mitarbeiterloyalität. Die Empörungswelle hat schon so manchen von Bord gespült.

Die Wesensänderung der Moral zur Werbebotschaft und heiligem Mittel der Selbstdarstellung

Und dadurch bekommt die Moral einen finanziellen Gegenwert. Sie wird zum Statussymbol. Etwas, das man gerne hätte und das Glanz verleiht. Ein kalkulierbarer Ansehenswert, als Gegengewicht zum Profitstreben. Ein Investment in Moral ist das neue Ding, um den eigenen Wert erhöhen – als Mensch und als Unternehmen.

Das verändert das Wesen der Moral. Sie wird zur Werbebotschaft und heiligen Mittel der Selbstdarstellung.

Der Antrieb ist nicht mehr, das Richtige zu tun, sondern dafür Applaus zu kassieren

Das treibt mitunter seltsame Blüten, Menschen auf die Barrikaden und Unternehmen in den Wahnsinn. Wer in den sozialen Medien das Spiel des Schönen und Reichen nicht mitspielen will, findet in der Moral ein neues Spielfeld. Dort kann sich jeder als „gut“ darstellen, ohne Schönheitsfilter und kostspielige Accessoires. Es dokumentiert für alle sichtbar die Zugehörigkeit zur Gruppe der Guten und erhöht die eigene Attraktivität. Je gnadenloser die moralischen Verfehlungen adressiert werden, desto höher der Wahrnehmungsgewinn. Von Anerkennungssucht getrieben mutieren Zeitgenossen zu Moralaposteln. Auch im Spiel der Moralisten gibt es eine Weltrangliste. Mit jeder Aktion steigt der eigene Bewunderungsscore. Darunter leidet das Fair Play.

Vorbei die Zeiten in denen jemand fünf gerade sein und die Vergangenheit ruhen ließ

Heute wird jedes Wort auf die ewige Goldwaage und gegen den anderen ausgelegt. Die Moral verliert ihre verbindende Kraft. Sie wird zur Spalt-Axt und treibt Keile zwischen Generationen, Mitarbeiterschaft, Steakliebhaber und Vegetarier.

Unternehmen als Sympathisanten, denen es genügt, das Firmenlogo in Regenbogenfarben einzufärben

Die Firmen stehen heute rund um die Uhr unter Rechtfertigungsdruck. Um nicht selbst in den Sturm der Entrüstung zu geraten, sehen sich Firmen genötigt zu allem und jedem Stellung zu beziehen und moralisch einwandfreies Verhalten zu dokumentieren. Sie haben sich dabei für der Rolle des Sympathisanten entschieden. Ihre Lieblingsdisziplin ist das Flagge zeigen. Sie hoffen durch das Einfärben des Markenlogos in Regenbogenfarben moralische Bonuspunkte zu sammeln, ohne großes Risiko.

Der Diversitybeauftragte ohne Handlungsspielraum – im Raum neben dem Kopierer

Eine Art visuelle Vorsorge, auch wenn hinter den Kulissen nicht viel dahinter ist. Die Unternehmen machen mit, aber machen es nicht zu ihrer Sache. Die Diversitybeauftragte bekommt einen Platz auf der Homepage, doch im Alltag ist ihr Büro neben dem Kopierer, ohne jeden Gestaltungsraum.

Das provoziert die nächste Empörungswelle: Greenwashing, Pinkwashing, Bluewashing, das volle Farbwasch-Programm. Die Glaubwürdigkeit leidet. Die Geschäftsführung verhandelt über einen Ablasshandel. Die E-Autos im Fuhrpark als Freibrief, um für das nächste Führungskräftetreffen nach Dubai zu fliegen. Das Sponsoringbudget, als sozialer Klingelbeutel, damit bei sensiblen Themen die Kirche im Dorf bleibt. Dieses Verhalten gießt Öl ins Fegefeuer und treibt die Gegenseite zur Weißglut, die Missionare werden zu Kreuzrittern. Der Ton verschärft sich. Im Kampf der Weltanschauungen werden Worte ans Kreuz genagelt. Ein Gendersternchen kann im Unternehmen Glaubenskriege auslösen.

Wie gehen wir damit um? Wir können davon ausgehen, dass die Moral weiter an Wert gewinnt.

Das Verbindende ist das Entscheidende

Wortgefechte schaffen Verletzungen, aber keinen Fortschritt. Entblöße die Themen und Scheingefechte bei denen alle nur verlieren können. Purpose und Unternehmenswerte wirken dabei als Knotenpunkte, sie definieren den gemeinsamen Handlungsrahmen und das gemeinschaftliche Wie. Damit kann jeder arbeiten und argumentieren und sie sind jede Diskussion wert.

Möge die Macht mit Dir sein 🙂

PS: Und da wir gerade über gute Taten reden – Ich freue mich, wenn Du diesen Newsletter in alle Welt trägst.

 

 

 

 

 

 

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