Buchauszug Peter Brandl: „Kommunikation 3.0 – Die wichtigste Kompetenz unserer Zeit erfolgreich nutzen“

Peter Brandl (Foto: PR/Jamie Lee Arnold)
Wir liegen häufiger falsch, als wir glauben
In den vorangegangenen Kapiteln haben wir ja schon ansatzweise darüber gesprochen, wie die Wahrnehmung funktioniert. In diesem Kapitel gehen wir noch ein ganzes Stück weiter. Wir schauen uns die wichtigsten Kommunikations-Hemmnisse an, und außerdem steigen wir tiefer in die Wahrnehmungspsychologie ein und untersuchen die relevantesten und gleichzeitig gravierendsten Verzerrungseffekte. Diese Effekte gibt es bei jedem, also auch bei Dir und mir. Sie sind natürlich unterschiedlich stark ausgeprägt, aber, und das ist das Schlimme, sie können Dich zu katastrophalen Fehleinschätzungen führen.
So wie das „Gedankenlesen“: „Ich weiß, was Du sagen willst“, „Ich weiß, was Dir jetzt gut tut“, „Ich weiß, wie Du das meinst“ – so oft glauben wir zu wissen, was in dem anderen vorgeht. Wenn Du Menschen beobachtest, die etwas emotional erregt sind, zum Beispiel, weil sie sich über etwas ärgern, dann siehst Du ganz oft, dass der eine den anderen gar nicht ausreden lässt.
Der eine Gesprächspartner hat seinen Satz noch nicht mal zur Hälfte gesprochen, da fällt ihm der andere schon ins Wort. Kannst Du Dich noch an die Übung vom Anfang dieses Buches erinnern? Die mit dem Geschäftsmann, der die Lichter löscht, und dem Mann, der den Laden betritt? Wir sind nicht in der Lage, eine kurze Geschichte so aufzunehmen, dass wir danach 100 Prozent zuverlässig simple Ja/Nein-Fragen zu der Geschichte beantworten können. Wir kriegen also noch nicht mal mit, was explizit gesagt wurde, wie soll das dann mit den Aussagen funktionieren, die noch gar nicht getätigt wurden?
Eine besondere Form des „Gedankenlesens“ sind übrigens die Interpretationen. „Damit kann der doch nur gemeint haben, dass …“, „Ich habe doch gehört, wie er das gesagt hat. Das kann nur bedeuten, dass …“. Wenn wir noch nicht mal das genau verstehen, was gesagt wurde – wie wollen wir dann verstehen, was nicht gesagt wurde?
Der Grund, warum wir das tun, ist ein ganz einfacher: Im Zusammenleben ist es wichtig, dass man mitbekommt, wie es den einzelnen Gruppenmitgliedern geht – auch wenn sie nicht darüber kommunizieren wollen. Bei unseren Vorfahren (und nicht nur da) war es zum Beispiel überlebenswichtig zu bemerken, wenn ein anderer aggressiv war. Es war und ist genauso wichtig zu erkennen, wenn es einem Gruppenmitglied nicht gut geht und er oder sie Hilfe braucht.
Albert Mehrabian, ein Psychologe, der an der University of California in Los Angeles lehrte, fasst das in einer einfachen Formel zusammen: In ambivalenten, also uneindeutigen Situationen oder bei inkongruenten Botschaften erschließen wir die Botschaft des anderen nur zu 7 Prozent aus dem, was wirklich gesagt wurde, also aus den Wörtern. Zu 38 Prozent leiten wir die Wirkung aus der Art ab, wie es gesagt wurde, und zu 55 Prozent aus Körpersprache und Mimik. (Obacht: Mehrabian hat nie gesagt, dass Worte nur 7 Prozent der Botschaft ausmachen – auch wenn das leider immer noch regelmäßig so erzählt wird.)
Es geht hier wirklich nur um die uneindeutigen Situationen, in denen Worte und Körpersprache z. B. im Widerspruch stehen. Stell Dir zum Beispiel vor, Dein Partner/ Deine Partnerin sagt zu Dir: „Das hast Du ganz toll gemacht.“ Dabei verschränkt er oder sie die Arme, der Oberkörper ist leicht nach hinten geneigt und die Augenbrauen sind hochgezogen. Ich glaube, wir sind uns einig, dass das wahrscheinlich kein Lob war. Wir wissen einfach, dass man mit Worten leicht lügen kann – mit dem Körper ist das deutlich schwieriger.
Doch genau hier wurzelt auch das Dilemma: Eigentlich ist unser Vorgehen, eine uneindeutige Situation zu interpretieren, ganz sinnvoll. Problematisch wird das Ganze nur, wenn wir unsere Interpretation als Tatsache setzen. In diesem Moment stülpen wir nämlich unsere Wahrnehmung über den anderen. Also, wenn Du Gedanken lesen kannst, oder wenn Du jemanden kennst, der es kann, dann nimm bitte unbedingt mit mir Kontakt auf. Ich hätte da so eine Businessidee. Wenn Du es aber nicht kannst, dann lass es bitte
Kommunikationsbarrieren
Neben dem Gedankenlesen gibt es aber weitere bestimmte Muster, die immer wieder auftauchen und die die Kommunikation zumindest stark erschweren. Obwohl es eigentlich offensichtlich ist, dass uns diese Dinge im Weg stehen, scheinen sie so tief im Betriebssystem unseres Gehirns eingegraben zu sein, dass sie regelmäßig immer wieder aufploppen. Im Folgenden nehmen wir einige davon unter die Lupe:
- Killerphrasen,
- Harmoniesucht
- Biases
„Das haben wir schon immer so gemacht“, „Das haben wir noch nie so gemacht“, „Wenn das so leicht wäre“ – ich bin mir ziemlich sicher, dass Du solche Sprüche kennst. Das Problem bei Killerphrasen ist, dass sie den anderen quasi mundtot machen. Da bringst Du zwei, drei gute Ideen oder Vorschläge, und ich rolle jedes Mal mit den Augen und sage: „Na, das war ja klar, das so was wieder von Dir kommt.“ Wie wahrscheinlich ist es, dass Du weiterhin Vorschläge machst? Genau, mit ziemlicher Sicherheit wirst Du in Zukunft einfach Deine Klappe halten und denken: Das macht ja sowieso keinen Sinn.
In schwierigen Situationen ist es aber wichtig, dass alle Beteiligten sich artikulieren und sagen, was sie denken und was sie wollen. Killerphrasen jedoch unterbinden das.
Okay, vielleicht hast Du gerade festgestellt, dass es in Deinem Umfeld Leute gibt, die gern mit Killerphrasen um sich werfen. Wie kriegst Du sie dazu, das in Zukunft sein zu lassen? Das Schöne an Killerphrasen ist, dass man sie verhältnismäßig leicht loswird.
Das Killerphrasen-Poster
In meinen Workshops empfehle ich den Teilnehmern und Teilnehmerinnen dann immer, sich einfach ein Killerphrasen-Poster zu machen. Und das geht so:
Schnapp Dir einfach einen Flipchart-Bogen, schreib oben „Killerphrasen-Poster“ drauf und dann kleb das Ding irgendwohin, wo es möglichst jeder immer wieder sieht, z. B. an die Wand von Eurem Meetingraum. Jetzt schreibst Du alles auf dieses Poster, was Dir so an Killerphrasen um die Ohren fliegt. Killerphrasen können nur unerkannt, quasi im Dunkeln, existieren. Sobald sie ans Licht kommen und thematisiert werden, lösen sie sich auf. Manche meiner Coachees halten es dann für eine gute Idee, immer auch die Quelle der Killerphrase mit anzugeben, also dazuzuschreiben, wer das gesagt hat. Kann man wohl machen. Allerdings musst Du dann davon ausgehen, dass die Leute um Dich herum auch das aufschreiben, was Du so von Dir gibst. Das nennt man dann Feedback.

Harmonie oder Desinteresse?
Harmoniesucht ist wahrscheinlich die gravierendste Kommunikationsbarriere. Klar, es macht Sinn, in einer Beziehung nach Harmonie zu streben, egal ob privat oder am Arbeitsplatz. Die große Gefahr ist nur, dass aus diesem Harmoniestreben ein „Konflikten-aus-dem-Weg-Gehen“ wird. Dieses „Aus-dem-Weg-Gehen“ löst ja nun aber ein Problem nicht.
Ich habe vor längerer Zeit mal ein Interview mit einem älteren Ehepaar gelesen. Beide haben gesagt, sie hätten sich in den mehr als vierzig Ehejahren niemals gestritten. Gut, unterstellen wir, das wäre die Wahrheit – was muss das für ein Leben gewesen sein. Kann es vielleicht sein, dass die beiden einfach nur tierische Angst vor einem Konflikt hatten? „Bloß nichts ansprechen – es könnte mir um die Ohren fliegen.“ Oder könnte es sein, dass die beiden sich einfach nur egal waren, nach dem Motto: „In Gottes Namen machen wir halt, was Du willst. Mir doch egal.“
Ich glaube, Konflikte und Reibereien gehören zum Leben mit anderen dazu. Wenn Menschen gemeinsam und engagiert an etwas arbeiten, dann muss es doch Punkte geben, wo Meinungen oder Interessen vielleicht sogar diametral auseinandergehen. Wenn ich mit Teams arbeite, die scheinbar super harmonisch sind und in denen es keine Konflikte zu geben scheint – dann zeigt sich meistens ziemlich schnell, dass die Konflikte, die es natürlich auch gibt, einfach unter den Teppich gekehrt werden und das Team den Weg des geringsten Widerstandes geht. Dass diese Strategie nicht effektiv ist, ist offensichtlich, oder? Ich glaube: Wenn Menschen zusammenleben und/oder zusammenarbeiten und nie einen Konflikt haben, dann sind sie noch nicht mal in der Nähe ihrer Möglichkeiten.
Das zeugt dann von Desinteresse an den oder dem anderen und am Job. Wenn man mit dem Herzen, mit Engagement dabei ist, dann gibt es auch Emotionen, dann kocht auch mal was hoch, dann rumst es eben auch mal, aber das ist gut so – das zeigt, dass Leben in der Sache ist, dass es wichtig ist, dass es sich lohnt, sich dafür einzusetzen.
Ja, schon wieder eine Banalität. Natürlich ist Desinteresse eine Kommunikationsbarriere. Aber ganz ehrlich: Interessiert uns wirklich immer, was der andere sagt und denkt? Dumm ist es, wenn es eigentlich unser Job wäre, sich für den anderen zu interessieren. Wie oft hast Du schon ein Telefonat mit irgendeiner Hotline geführt und dich dabei gefragt, ob der andere dir überhaupt zuhört. Wie oft hast Du schon erlebt, dass Du mit einem Verkäufer sprichst, und der lässt Dich überhaupt nicht zu Wort kommen, geschweige denn, dass er versucht herauszufinden, was Dein echter Bedarf ist. Klar ist man im Alltag oft auch mit eigenen Gedanken beschäftigt, und außerdem machen wir unseren Job ja nicht erst seit gestern und sind deswegen so routiniert, dass wir alles praktisch nebenbei machen können. Beides zusammen aber, Routine und Abgelenktsein, führt dann dazu, dass wir irgendwo sind, aber eben nicht bei unserem Gesprächspartner. Dass dann keine erfolgreiche Kommunikation zustande kommt, versteht sich. Zu einem effektiven Gespräch gehören eben Aufmerksamkeit und Mitdenken, Nachfragen und Zuhören.
Interessiert uns wirklich, was der oder die andere denkt bzw. was er/sie will?
Ich stehe jetzt seit über 25 Jahren auf Bühnen, halte Vorträge, gebe Seminare und coache Top-Manager. Ich übernachte zwischen 120- und 150-mal pro Jahr im Hotel. Dazu kommen noch die ganzen Empfehlungen für Kunden, die nach einer geeigneten Location für ihr Event suchen. Ich würde schon sagen, dass ich mich mit Hotels aus der Sicht eines Kunden ein bisschen auskenne. Aber glaubst Du, dass ich deswegen von Hotels nach fundiertem Feedback gefragt werde? Fehlanzeige! Wenn ein Hotel es wirklich ernst nimmt mit dem Servicegedanken, dann würde es doch sicher helfen, zu wissen, was mich gestört hat, aber auch, was die Gründe waren, weswegen ich bei ihnen gebucht habe. Von dem einen könnten sie weniger und von dem anderen mehr machen – zumindest, wenn sie öfter mal nachfragen würden. Dafür müssten wir aber ins Gespräch kommen, und das geht halt nur, wenn Interesse da ist. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, es wird extra nicht gefragt – man könnte ja etwas hören, was einem nicht gefällt.
Check doch für Dich mal, gegen welche dieser Barrieren Du immer wieder rennst und welche Du womöglich unbewusst aufbaust. Und natürlich gilt auch hier wieder:
Es geht nicht darum, etwas als richtig oder falsch, als gut oder schlecht zu bewerten. Es geht schlicht darum, die Kommunikations-Bremsen zu lösen und nicht immer wieder in dieselbe Sackgasse zu fahren.
Cognitive Biases
Die meisten der Punkte, über die wir bisher gesprochen haben, sind individuell. Ob Dir zum Beispiel eher positive oder eher negative Abweichungen auffallen, ist individuell. Was Dich aufregt, ist individuell, was Dich motiviert aber auch. Und das Gute dabei: Mehr oder weniger alle Punkte, über die wir bisher gesprochen haben, kannst Du ändern. Nimm Dir einfach vor, was Du ändern willst, etabliere ein System, das Dich daran erinnert, am Ball zu bleiben, und lies Dir noch mal den Abschnitt über das Kleinhirn durch – Du brauchst Selbstdisziplin und Ausdauer, um eine Persönlichkeitseigenschaft zu ändern.
Bei den Punkten, die jetzt kommen, ist das anders. Diese Punkte sind nicht individuell, sondern allgemein. Sie sind mehr oder weniger in der Hardware angelegt. Voreingestellt, per Default quasi. Im Computerjargon würde man diese Dinger wahrscheinlich „Bugs“, also Fehler im Programm nennen. Wenn Du Dich jetzt fragst, warum wir diese Bugs haben, denk einfach daran, dass unser Gehirn, also unsere Hardware, für eine ganz andere Umgebung konstruiert wurde. Die Informationsmenge und die Geschwindigkeit, mit der Informationen und Reize heute auf uns einströmen – damit hat einfach niemand gerechnet, als unser Gehirn konstruiert wurde. Aber unser Gehirn hat eine Lösung: Shortcuts, also Abkürzungen bzw. Heuristiken.
Unter „Heuristiken“ versteht man Methoden, mit denen man trotz begrenztem Wissen in kurzer Zeit zu praktikablen Lösungen bzw. zu wahrscheinlichen Aussagen kommen kann. Und Du ahnst es wieder: Dieses Verfahren ist kosten-/nutzenoptimiert, d.h. es funktioniert meistens. Manchmal reitet es uns aber auch direkt in den Mist. Wenn unser Gehirn einen Beipackzettel mit Nebenwirkungen hätte, würde hier stehen, warum das so ist. Die Nebenwirkungen der Heuristiken, also der Lösungen unseres Gehirns für die Verarbeitung der Flut an Informationen, nennen wir Cognitive Bias oder kognitive Verzerrungen.
Es gibt eine ganze Reihe von Verzerrungen, die unsere Wahrnehmung, unser Denken und unsere Entscheidungen beeinflussen. Wenn Dich dieses Thema vertieft interessiert, dann kannst Du Dir das Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahneman besorgen oder, wenn Du es kompakter möchtest, mein Buch „Entscheidungen treffen“, das auch hier bei Gabal in der 30-Minuten-Reihe erschienen ist.
An dieser Stelle habe ich drei Bias herausgesucht, die für das Gelingen von Kommunikation besondere Relevanz haben:
- Focus Bias
- Emotional Tagging/Labeling
- Halo-Effekt
Focus Bias
Das, worauf Du Deinen Fokus richtest, beeinflusst das, was Du wahrnimmst. Klingt erst mal simpel und einleuchtend, hat aber relativ weitreichende Konsequenzen. Weiter vorn in diesem Buch haben wir schon über den Filter des Interesses gesprochen: Du siehst, wonach Du schaust. Der Focus Bias umfasst aber noch ein ganzes Stück mehr. Und hier hilft es, kurz darüber nachzudenken, warum Du Deinen Fokus auf etwas richtest, aber eben auch, warum nicht. Ein ganz simples Beispiel dafür kennt wahrscheinlich jeder: Stell Dir vor, Du machst einen Städtetrip, bummelst gerade bei wunderschönem Wetter durch die historische Innenstadt – und musst nach einer Weile dringend aufs Klo, aber richtig dringend. Von den Sehenswürdigkeiten bekommst Du ab jetzt nicht viel mit, aber die Information, wo dann letztlich die Toilette war, die Dein Problem gelöst hat, wirst Du noch nach Jahren abrufen können. Dein Fokus wird aber auch von früheren Erlebnissen und Erfahrungen beeinflusst. Wenn Du zum Beispiel von einem Menschen sehr enttäuscht worden bist, dann werden Dir kleinste Inkongruenzen im Verhalten dieses Menschen deutlich stärker auffallen als bei anderen. Du misst mit zweierlei Maß, weil Du Deinen Fokus bei dem einen Menschen von vornherein auf das Negative richtest, während Du bei anderen auf das Positive siehst.
Labeling/Emotional Tagging
Emotional Tagging und Labeling sind, streng genommen, zwei verschiedene Bias. Für unsere Zwecke passt es aber, beide zu einem Phänomen zusammenzufassen.
Labeling bezeichnet das, was passiert, wenn Du einem Menschen oder einer Sache einen Stempel aufdrückst. Du redest zum Beispiel von „den Guten“ und „den Bösen“, von „Linken“ und „Rechten“, von „Klimaklebern“, „Querdenkern“, „Gutmenschen“, „Schwurblern“ und „besorgten Bürgern“. Du merkst schon, diese Labels gibt es zuhauf, und sie werden auch inflationär benutzt.
Was nun passiert, ist, dass einzelne Eigenschaften auf das ganze Thema oder, noch gravierender, dass einzelne Eigenschaften einzelner Mitglieder der Labelgruppe auf die ganze Gruppe übertragen werden. Klingt ein bisschen sperrig, kannst Du Dir aber ganz einfach vorstellen: Nimm das Label „Corona-Leugner“, das vor einiger Zeit noch sehr weit verbreitet war. Dieses Label hast Du sehr schnell aufgedrückt bekommen, wenn Du Dich kritisch gegenüber bestimmten Maßnahmen geäußert hast. Vorneweg: Ja, es gab sehr viele Äußerungen, die nur sehr schwer nachvollziehbar waren, und ja, es gab teilweise sehr krude Theorien. Bei diesem Labeling ist aber nun Folgendes passiert: Das Label „Corona-Leugner“ ist mit den negativsten und aberwitzigsten Thesen und Theorien aufgeladen wurden. Wenn jetzt irgendjemand auch nur eine klitzekleine Kritik vorgebracht hat, dann musste man ihn oder sie nur einen „Corona-Leugner“ nennen, und schon war Ruhe. Das negative Label tat seine Wirkung, damit wollte man nicht bedacht werden.
Und hier kommt das Emotional Tagging ins Spiel: „Tagging“ bedeutet im Englischen, z.B. Ware mit einem Etikett zu versehen. Das ist dann so ähnlich wie das Labeling. Das „Emotionale“ kommt dann aber noch on top: Man will – in unserem Beispiel – ja nicht einer von „diesen Corona-Leugnern“ sein und nicht mit denen in eine Schublade gepackt werden. Also hält man sich lieber mit seinen Kommentaren zurück, auch wenn sie lange nicht so überdreht und an den Haaren herbeigezogen sind wie die der „echten“ Leugner.
Versteh mich bitte richtig: Mir geht es überhaupt nicht darum, irgendwelche Maßnahmen zu bewerten. Du kannst dieses Label auch für berechtigt oder angemessen halten – in einem wollten wir uns aber einig sein: Die Kommunikation fördert es ganz sicher nicht. Wenn aber keine Kommunikation, im Sinne von Austausch, auch über unterschiedliche Meinungen mehr stattfindet, dann fallen halt auch potenzielle Lösungsansätze unter den Tisch.
Halo-Effekt
„Halo“ kommt aus dem Englischen und heißt so viel wie „Heiligenschein“ oder „Lichthof“. Der Halo-Effekt meint, dass eine Eigenschaft oder ein Merkmal so dominiert – wie eben ein Heiligenschein –, dass alles andere dahinter verblasst und dem untergeordnet wird. Auch hier macht es sich unser Gehirn einfach: Es schließt von einem Merkmal auf das Ganze.
Für die Kommunikation hat das zwei Auswirkungen:
- Eine bestimmte Eigenschaft der Person überstrahlt alles andere.
Wenn jemand z. B. das gleiche Hobby hat wie Du, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Du diesen Menschen als tendenziell sympathisch wahrnehmen wirst. Du kannst Du es aber zum Beispiel auch mit einer Person zu tun haben, die einen (für Dich) unglaublich süßen Akzent hat. Du findest diesen Akzent super sympa thisch, niedlich und vielleicht sogar etwas anziehend. Ich glaube, Du stimmst mir zu: Ein Akzent sagt vielleicht etwas über die Herkunft aus, aber ganz sicher nichts über Persönlichkeit und Charakter. Nichtsdestotrotz überstrahlt er alles, und wir nehmen die Person viel positiver wahr und werden seine/ihre Handlungen auch tendenziell positiver bewerten. In die negative Richtung geht das übrigens auch.
- Eine einmal gefasste Einstellung überstrahlt alle zukünftigen Informationen.
Auch, wenn diese der Einstellung eigentlich widersprechen würden. Wenn Du Dich irgendwann mal entschieden hast, etwas gut zu finden, dann kann relativ viel Negatives passieren, bis Du Dein Urteil revidierst. Besonders schön kannst Du das zum Beispiel bei Fußballvereinen oder Automarken beobachten – Fans bleiben lange treu, Abstiegen und Modellrückrufen zum Trotz.
Den zweiten Fall kannst Du Dir auch gut vorstellen, wenn Du an den Effekt des ersten Eindrucks denkst. Du weißt: Wenn Du den ersten Eindruck bei Deiner zukünftigen Schwiegermutter versaust, dann werden die nächsten Jahre schwer.
Die Auswirkungen dieser Verzerrung gehen aber noch ein ganzes Stück weiter: Stell Dir zwei verschiedene Situationen vor, die beide etwas mit mir zu tun haben.
Situation eins:
Stell Dir vor, Du wüsstest noch gar nichts von mir: Jetzt erzählt Dir jemand von mir und schwärmt in den höchsten Tönen. So nach dem Motto: „Einer der besten Kommunikationstrainer Deutschlands; trainiert normalerweise nur Top-Vorstände; hält Vorträge vor Tausenden von Menschen.“
Situation zwei:
Jetzt ist es das genaue Gegenteil. Du hörst nur Negatives wie: „Schwätzer, verallgemeinert, einer von diesen ,Speakern‘.“
Du hast also zwei unterschiedliche Briefings (also Vorabinformationen). Und jetzt bekommst Du dieses Buch. Kannst Du Dir vorstellen, dass Du das Buch mit unterschiedlichen Augen lesen würdest? Und was würde mit den Informationen, dem Inhalt dieses Buches passieren? Wahrscheinlich würdest Du auch den Inhalt anders bewerten. In diesem Fall überstahlt eine Vorabinformation alles, was danach kommt.
Achte also immer darauf, was Deine Vorabinformationen sind bzw. was Deine „Vorabeinstellung“ zu Deinem Gesprächspartner ist, und passe sie ggf. an.
Du siehst, Biases sind Teil unserer Informationsverarbeitung. Es gibt sie immer und überall und das ist weder gut noch schlecht. Wichtig ist nur, dass wir ihnen auf die Spur kommen.
Und natürlich trifft das Ganze auch auf mich zu: Ich habe z. B. Vorlieben für alles, was mit Flugzeugen und gutem Essen zu tun hat. Und ja, die beiden Sachen passen auch hervorragend zusammen. Wenn ich nun einen Menschen kennenlerne, der genau wie ich eine Verbindung zur Fliegerei hat, werde ich diesem Menschen gegenüber wahrscheinlich erst einmal offener und positiver gegenübertreten. Das gilt sicher genauso, wenn Du mich für etwas gewinnen willst. Und in dem Fall ist es sicher ein guter Plan, mich zum Essen einzuladen.
Bis dahin war es vielleicht noch witzig. Problematischer wird es aber dann, wenn es um negative Konsequenzen geht. Ich kann mich gut an eine Situation erinnern, wo mein Fokus mich nahezu hat blind werden lassen. Es ging in diesem Fall um ein ganz bestimmtes Projekt, das bei mir mit vielen Hoffnungen und positiven Emotionen besetzt war. In dieser Zeit lernte ich einen Menschen kennen, mit dem ich dieses Projekt durchziehen wollte. Kennst Du das? Du hast einen Traum und Du hast Partner, bei denen Du sicher bist, dass Du mit Ihnen gemeinsam Deinen Traum erreichen kannst. Vielleicht sogar, dass diese Leute es Dir erst ermöglichen, Deinen Traum zu leben. In meinem Fall war das genauso. Das Problem war jedoch, dass dieser Partner nur heiße Luft produzierte. Die war aber so gut verpackt, dass ich lange Zeit den Köder schluckte, ohne den Haken wahrzunehmen. Mein Fokus (-Bias) war so auf die Chancen gerichtet, dass ich alle Warnsignale konsequent ignorierte. Natürlich ging das nicht ewig – aber es hat ausgereicht, dass ich sehr viel Lehrgeld zahlen musste.
Stufe 3 – kurz gefasst
- Neben den bei uns Menschen von Natur aus vorhandenen „biologischen“ Filtern und Verzerrungen gibt es noch erworbene Verhaltens-bzw. Denkweisen, die die Wahrnehmung beeinflussen.
- Die wichtigsten sind: Killerphrasen, Harmoniesucht und Desinteresse.
- In ambivalenten, also uneindeutigen Situationen vertrauen wir den nonverbalen Äußerungen unseres Gegenübers (also Tonalität und Körpersprache) mehr als den Worten, die er/sie spricht.
- Nach Wahrnehmung und Wahrnehmungsfiltern werden die Informationen im Gehirn weiterverarbeitet (und verändert).
- Um Zeit und Energie zu sparen, benutzt das Gehirn regelmäßig Abkürzungen (Heuristiken bzw. Shortcuts).
- Daraus resultieren dann die Cognitive Bias (Wahrnehmungsverzerrungen).
- Die wichtigsten kognitiven Verzerrungen sind: Focus Bias, Labeling/Emotional
- Tagging und der Halo-Effekt.
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