Buchauszug Thomas Sajdak:

Thomas Sajdak (Foto: Wiley Verlag/PR)
Das Gespräch mit dem eigenen Chef – bewusst „nach oben“ wirken
Führen in beide Richtungen
Führung wird meist nur „von oben nach unten“ gedacht. Das heißt, als Führungskraft liegt unser Fokus stark auf dem eigenen Verantwortungsbereich und damit auf denjenigen Gesprächen, die wir mit unseren Mitarbeitern führen. Grundsätzlich ist es natürlich als Führungskraft möglich, dass Sie Ihre Arbeit mit der Einstellung ausführen, dass es ausreicht, wenn in Ihrem eigenen Verantwortungsbereich alles gut läuft und die Aufgaben erledigt werden. Demnach wäre es dann nicht erforderlich, Gespräche mit dem eigenen Vorgesetzten zu suchen, weil man sich unter Umständen zu weit aus dem Fenster lehnen könnte, zusätzliche Aufgaben aufhalst oder ein heißes Eisen anfasst, an dem man sich verbrennen könnte oder andere sich schon verbrannt haben.
Das wäre jedoch meiner Ansicht nach eine bequeme Haltung, denn unsere Aufgabe als Führungskraft ist es, das Bestmögliche zu bewirken, zu tun oder herauszuholen. In Unternehmen wird sich gerne darüber beschwert, dass etwas manchmal wenig Sinnvolles top-down „von oben“ angeordnet worden ist und nun umgesetzt werden soll. Doch haben die Führungskräfte auf verschiedenen Ebenen vorher denn immer die Chance genutzt, bottom-up „nach oben“ zu wirken, um möglicherweise eine bessere Lösung vorzuschlagen, zu finden und zu entwickeln?
Jeder wusste, dass es so kommen musste
Analysiert man im Nachhinein den Zusammenbruch einiger Unternehmen, so stellt sich heraus, dass eigentlich jeder im Hause wusste, dass es „so kommen musste“ – aber dennoch hat vorher niemand etwas getan, um die Situation zu verbessern oder das Unglück zu verhindern. Anstatt sich durch Gespräche einzubringen und gemeinsam nach einem Weg zu suchen, um die Gefahr abzuwenden, sind alle wie eine Schar von Lemmingen blindlings in Richtung Abgrund gelaufen.
Es wollte anscheinend niemand das Risiko eingehen, etwas Unbequemes zu sagen oder etwas Unkonventionelles auszuprobieren und dafür vielleicht kritisiert zu werden. Alle haben den Kopf eingezogen und geschwiegen. Die Psychologie spricht hier von erlernter Hilflosigkeit. Das ist die auf negativen Erfahrungen basierende Überzeugung, dass man „sowieso nichts ändern“ kann.
Ich bin der Ansicht, dass es unsere Aufgabe als Führungskraft ist, nicht nur in Richtung unserer eigenen Mitarbeiter zu führen, sondern auch „nach oben“ zu wirken. Dazu ist nicht nur Engagement, sondern manchmal auch Mut nötig.
Wir sollten demnach als Führungskraft auch proaktiv Gespräche mit unserem eigenen Vorgesetzten suchen. Dabei muss es selbstverständlich nicht immer um heiße Eisen im Unternehmen gehen. Wenn es ausschließlich um kritische Themen geht, hat man meist schon viele Gelegenheiten, ein Gespräch zu führen, ungenutzt verstreichen lassen. In solchen Fällen steht schon eine wütende, aufgebrachte Elefantenherde vor der Tür – und die steht nur darum dort, weil vorher niemand die Mücke beachtet hat, aus der ein einzelner Elefant und schließlich eine Herde geworden ist. Probleme sollten grundsätzlich gelöst werden, solange sie noch klein und überschaubar sind.

(Foto: Wiley PR)
Wiley-VCH – Handbuch Mitarbeitergespräche 256 Seiten, 24,99 Euro, Wiley Verlag
Tipp:
Suchen Sie als Führungskraft proaktiv und regelmäßig das Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten. Die Anlässe dafür können vielseitig sein und sollten keineswegs nur problemgetrieben sein: Unterstützung des Vorgesetzten, die eigene berufliche Weiterentwicklung, gemeinsame Suche nach Lösungen, Aufbau und Pflege einer guten Beziehung.
Vorgesetzte sind genau wie Mitarbeiter auch nur Menschen: Sie möchten wahrgenommen und wertgeschätzt werden, sie brauchen hier und da Unterstützung und möchten in einem guten Klima arbeiten. Auch sie möchten gerne einmal „Held“ sein.
Übrigens: Auch wenn Sie keine Gespräche mit Ihrem Vorgesetzten suchen und sich nicht einmischen, wirken Sie. Als Führungskraft können Sie „nicht nicht wirken“. Das heißt, auch Ihr Schweigen und Ihre Nichteinmischung wird auf eine bestimmte Weise von Ihrem Vorgesetzten wahrgenommen und interpretiert.
Vorbereitung und Durchführung
Vor dem Gespräch
Überlegen Sie, aus welchem Grund Sie ein Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten führen wollen, und setzen Sie sich „seine Brille“ auf, um zu verstehen, wie er die Situation sehen könnte.
Folgende Fragen dienen als Anregung:
Welche Ziele hat Ihr Vorgesetzter?
Welche Konstellationen oder mögliche Engpässe sehen Sie darin?
Worin sehen Sie Handlungsbedarf oder Verbesserungspotenziale, die bisher unerkannt geblieben sind?
Welche Themen im Unternehmen sollten einmal angesprochen und vorangebracht werden?
In welcher Weise könnten Sie Ihren Vorgesetzten unterstützen?
Wo sehen Sie für sich und Ihren beruflichen Weg Weiterentwicklungsmöglichkeiten, die Sie gerne nutzen möchten?
Was möchten Sie einmal Ihrem Vorgesetzten gegenüber anerkennend zum Ausdruck bringen?
In den Fragen verbergen sich eine Reihe möglicher Themen, die für ein Gespräch in Frage kommen. Doch sollten Sie sich pro Gespräch auf ein bis zwei Themen beschränken.
Selbstverständlich bieten Gespräche mit Ihrem Chef auch die Möglichkeit, Ihre beruflichen Ziele und Bedürfnisse zu kommunizieren und auf Ihrem Karriereweg zu erhalten, wenn dies auch keineswegs immer im Vordergrund stehen sollte. Mit einer strategischen Herangehensweise und einer klaren Kommunikation können Sie positiven Einfluss auf Ihre berufliche Entwicklung nehmen und diese vorantreiben.
- Ihre Zielsetzung: Definieren Sie klare Ziele für das Gespräch – und gerne auch darüber hinaus für die Zusammenarbeit.
- Zielsetzung Ihres Vorgesetzten: Welche Ziele hat Ihr Chef?
- Agenda erstellen: Erstellen Sie eine Agenda für das Gespräch und leiten Sie sie vorab Ihrem Chef zu.
- Entscheidungsgrundlage vorbereiten: Wenn es um neue Projekte, Verbesserungspotenziale, neue Zielvereinbarungen usw. geht, bereiten Sie eine schriftliche Entscheidungsgrundlage vor, die etwa drei verschiedene Vorschläge enthält.
Die Durchführung
- Begrüßung mit kurzem Smalltalk: Beginnen Sie das Gespräch respektvoll und professionell.
- Anliegen Ihres Chefs: Teilen Sie Ihre Beobachtungen mit und betonen Sie Ihre Bereitschaft zu einer kooperativen Zusammenarbeit. Sprechen Sie die Ziele Ihres Chefs an und fragen Sie nach, ob Sie sie richtig eingeschätzt bzw. verstanden haben.
- Ihr Anliegen: Stellen Sie Ihre Vorschläge, Verbesserungspotenziale, Kooperationsangebote oder sonstigen Anliegen klar und strukturiert dar. Verwenden Sie Beispiele und Fakten, um Ihre Argumente zu untermauern.
- Entscheidungsgrundlage präsentieren: Vermutlich wird Ihr Chef Ihnen anschließend die wohlbekannte Frage stellen: „Was schlagen Sie vor?“ Jetzt können Sie Ihre Entscheidungsgrundlage präsentieren, darüber sprechen und fragen: „Welche Variante ziehen Sie vor?“
- Vereinbarung treffen: Machen Sie eine verbindliche Zusage, dass Sie die vereinbarten Ziele einhalten, und legen Sie einen Termin fest. Bedanken Sie sich für das Gespräch.
Die Nachbereitung
Halten Sie die getroffenen Vereinbarungen schriftlich fest und sorgen Sie für eine Nachverfolgung.
Setzen Sie die vereinbarten Maßnahmen um und halten Sie Ihren Chef über die Fortschritte auf dem Laufenden.
Melden Sie sich unaufgefordert für ein Folgegespräch an, sobald Sie das Ziel erreicht haben.
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