Buchauszug Ingo Hamm: „Wie wir Arbeit (wieder) lieben lernen: Lust auf Leistung“

Buchauszug Ingo Hamm: „Wie wir Arbeit (wieder) lieben lernen: Lust auf Leistung“

 

Ingo Hamm (Foto; Beck Verlag/PR/ Julian Beekmann)

LEISTUNGSLUST DURCH SUCHE NACH ERFOLGEN STATT VERMEIDEN VON MISSERFOLGEN

»I never dreamed of success. I worked for it.«
Estée Lauder

Das Geheimnis des Glücks

… in Beruf und Leben ist also: Leistungslust. Wenn das so ist, dann: Wollen wir!
Brauchen wir! Bitte mehr davon! So schnell wie möglich, so viel wie möglich, so
intensiv wie möglich. Aber:

Ausgesprochene Leistungslust als Basis für ein erfülltes Leben: Wie soll das
gehen? Muss man damit nicht geboren sein? Ist das nicht vererbt? In die Wiege
gelegt? Wer sich bei der Geburt die falschen Eltern ausgesucht hat, hat eine Niete
gezogen? Dieses Argument der genetischen Prädisposition, des DNS-Determinismus
hore ich oft: ≫Ja, verstehe, im Machen liegt das Gluck. Aber ich war nie so
ehrgeizig und leistungsgetrieben wie zum Beispiel einige Kollegen im Betrieb oder
Mitglieder meiner Familie. So bin ich nun eben. In meinem Alter ändert sich das
auch nicht mehr.≪ Richtig.
Ab einem bestimmten Alter andern sich gewisse Dinge nicht mehr, viele körperliche
Merkmale werden vererbt. Leistungslust nicht.

Leistungslust wird nicht ererbt, sondern erworben. Prinzipiell, generell, ausnahmslos.
Und was man bislang noch nicht erworben hat, kann man jetzt erwerben.
Jederzeit, jedermann/frau, überall. Leistungslust ist wie körperliche Fitness:
nicht vererbt, sondern Trainingssache. Sie brauchen keinen Hometrainer oder
Ab-Roller dafür. Das Training kostet auch kein Geld. Leistungslust braucht keine
60-Minuten-Trainingseinheit täglich – so viel Zeit hat ohnehin niemand mehr.
Alles in allem also ideale Voraussetzungen für ein erfolgreiches Training. Ein
Wunder, dass nicht viel mehr Menschen Leistungslust trainieren und erwerben.
Die Grunde dafür kennen wir bereits: kulturelle Leistungsverweigerung. Wobei
diese kulturell verordnete Leistungsabneigung das beste respektive das schlechteste
Argument dafür ist, dass Leistungsmotivation nicht vererbt, sondern erlernt
ist. Denn unsere kulturelle Leistungsunlust haben wir nicht ererbt, sondern via
Kultur erlernt. Kulturelle Indoktrination ist nichts anderes als ein Lernprozess.
Für Erwachsene. Denn als Kinder haben wir etwas ganz anderes gelernt. Kinder
sind extrem leistungsorientiert, oft bedeutend mehr als ihre Eltern – bevor Letztere
Ersteren die Leistungslust gründlich austreiben.

Schon Kinder lernen Leistungslust

Sie lernen Leistungslust ganz natürlich, automatisch, authentisch, menschlich,
normal. Leistungslust liegt in der Natur des (jungen) Menschen. Ohne dieses
Lernprogramm wäre die Menschheit langst ausgestorben. Das Erlernen von Leistungslust erst macht Menschen aus uns. Das wissen alle, die jemals kleine Kinder
beim Großwerden beobachtet haben. Tun wir das, fallt uns früher oder später auf,
was die beiden Pädagogen Manfred Holodynski und Rolf Oerter in vier Phasen
aufgedeckt haben:

1. Freude am Effekt, ab drei Monaten: Die menschliche Leistungsmotivation entwickelt
sich bereits so früh. Klein-Susi zum Beispiel hat von ihrem Patenonkel eine
schöne neue Rassel in die Krippe gereicht bekommen, die nicht viel kann: Sie rasselt
halt. Susi hält sie beseelt lächelnd mit ihren kleinen Händchen, wedelt und rasselt
damit, und als ihr stolzer Vater den Kopf in die Krippe steckt und »Oh, wie süß!«
macht, zieht Susi ihm damit eins über, quietscht danach hörbar und sichtlich vergnügt.
Warum? Beobachten wir hier frühe Symptome einer späteren Psychopatin,
der es Freude bereitet, andere zu quälen? Nein: Leistungslust. So sieht Leistungslust
im Alter von wenigen Monaten aus. Susi denkt, nein, empfindet eher: »Der Große
macht ›Autsch!‹. Ich kann das! Ich habe diesen Effekt ausgelöst!« Freude am
Effekt.

Das ist die erste Lernphase beim Erwerb von Leistungsmotivation. Deshalb
stoßen kleine Kinder mit großer Begeisterung Klötzchentürme um oder werfen Besteck
vom Tisch. Das ist keine Zerstörungswut, keine Provokation der am Rande
des Nervenzusammenbruchs changierenden Erziehungspersonen, sondern reine,
pure, unverfälschte Lust am Effekt, ein erstes Kennenlernen der Selbstwirksamkeit.
Kinder lernen ganz früh nicht (nur) Essen und Trinken, sondern vor allem: Leistung – im ureigenen Sinne einer bewirkenden Tätigkeit – wird belohnt, fühlt sich
gut an! Die Geburtsstunde der Leistungsmotivation. Und so geht das weiter:

2. Verständnis der Urheberschaft, ab circa zwei Jahren: In diesem Alter erkennt und
versteht das Kind die Urheberschaft des lohnenden Effekts seiner Handlung: Das
bin ja ich! Ich bewirke das! Nicht die Rassel! Bis zu diesem Zeitpunkt hat das
kleine Kind den Effekt nur sehr vage verstanden. Setzt jedoch das Aha-Erlebnis
der Urheberschaft ein, signalisieren sie den Erwachsenen danach gehäuft »Selber
machen wollen!« Sie lassen Papa nicht mehr die kleinen Schuhe zumachen – sie
wollen selber. Auch und gerade, wenn sie das nicht einmal annäherungsweise können:
So lernt man, so genießt man die eigene Urheberschaft. Leistungslust. Viele
Kinder wollen in diesem Alter auch nicht mehr mit dem Löffel gefüttert werden, sie
greifen ständig selber danach, obwohl sie mit Brei das Zimmer dekorieren, sobald
sie den Löffel tatsächlich zu fassen kriegen. Ein Schlüsselmoment der Entwicklung
von Leistungsmotivation. Stolz. Urheber-Stolz. Werkstolz. Ohne die Erkenntnis der
Urheberschaft gibt es keine Leistung. Für uns ist das selbstverständlich. Es ist selbstverständlich – das war es zwei lange Jahre jedoch nicht. Wir haben das erst lernen müssen: Ich. Kann. Das.

 

Ingo Hamm: „Wie wir Arbeit (wieder) lieben lernen: Lust auf Leistung“. Verlag Franz Vahlen, 2024, 24,90 Euro, 288 Seiten

 

3. Erkenntnis der eigenen Kompetenz, ab ungefähr drei Jahren: Das Kind schreibt das
Ergebnis seiner Taten mehr und mehr allein seiner Urheberschaft und vor allem
auch der der eigenen Tüchtigkeit, Fähigkeit, Kompetenz, Skills zu – und hier beginnt
der Einfluss der sozialen Umwelt. Sie nimmt Einfluss, indem sie wertet: »Das
hast du gut gemacht!« Damit wird die Kompetenz ganz im Sinne von B.F. Skinner
verstärkt, konditioniert. Oder die Erwachsenen sagen nichts oder meckern. Dadurch
wird die betreffende Fähigkeit geschwächt. Das Kind lernt in dieser Lernphase
der Leistungslust, nicht mehr so sehr effektorientiert als stärker leistungsorientiert
zu handeln: Effekt + Wertung = Leistung. In dieser frühen Phase bilden sich zwei
Motive heraus, die unser ganzes Leben beherrschen werden: Erfolgsmotivation und
Misserfolgsmotivation. Erfolg motiviert zur Wiederholung der Handlung, Misserfolg
motiviert zu deren Vermeidung. Klein-Susi lernt: Rassel auf den Kopf von Papi
hauen bringt zwar einen Effekt, wird auf Dauer aber als Leistung nicht honoriert –
dafür strahlen alle Großen, wenn ich mein Glockenspiel an der Krippe selbst aufziehe.
Damit hat Susi zwei für das Überleben eines jungen Menschen und einer
ganzen Spezies extrem wichtige Dinge gelernt: Erfolgs- und Misserfolgsmotivation.

4. Festlegen des Anspruchsniveaus, ab circa viereinhalb Jahren: Kleine Menschen lernen jetzt, sich Ziele zu setzen aufgrund vergangener Erfahrungen mit Erfolgs- und
Misserfolgsmotivation: Den Klötzchen-Turm noch ein wenig höher bauen als beim
letzten Mal, ein noch schwierigeres Lego-Modell komplett zusammenbauen – und
sich über den Kompetenzzuwachs zu freuen: Leistungslust.

Fazit: Nach diesen vier Lernphasen wussten und konnten wir alles, was Leistung
bringt und wurden dafür mit Leistungslust belohnt. Damit war das Lernen nicht

Leistungslust durch Suche nach Erfolgen statt Vermeiden von Misserfolgen
beendet. Als Schuler, Jugendliche und Erwachsene lernten wir dank unserer westlichen
Kultur hinzu, zum Beispiel: Leistung ist uncool, weil Strebertum, weil herausstechen,
weil Ellenbogen. Streng dich bloß nicht zu sehr an! Chill mal, Alter!
Daher verlernten wir nach und nach: Leistungslust ist etwas vollkommen Natürliches,
Biologisches, Ur-Menschliches. Sie entwickelt sich, indem der Mensch sich
entwickelt. Wir erwerben sie, indem wir sie erlernen. Wir haben schon ganz fruh
gelernt, uns an Leistung zu freuen – bevor uns Erziehung, Kultur und Sozialisation
diese Freude durch soziokulturelle Wertung nicht selten vermiest oder genommen
haben. Wie wir mit Leistung umgehen, haben wir fruh gut gelernt, danach wieder
verlernt – also können wir es wieder lernen, neu lernen. Das ist nicht kompliziert.
Im Prinzip können wir uns dabei auf nur zwei Handlungsmotivationen konzentrieren:
Erfolgs- und Misserfolgsmotivation. Ist wie beim Fußball.

Sind Sie lieber Stürmer oder Verteidiger?

Leistungsmotivation hat zwei zentrale Dimensionen: Wir suchen Erfolg und versuchen,
Misserfolg zu vermeiden. Jede Fußballmannschaft (und jedes Team jeder
anderen Ballsportart) macht es ebenso: Die ≫Offense≪ sorgt für Tore und so für den
erhofften Erfolg, wahrend die ≫Defense≪ den drohenden Misserfolg verhindern,
indem sie den Gegner am Toreschießen/-werfen hindert. Konzentrieren wir uns
auf diese beiden Handlungsmotive: Erfolg suchen und Misserfolg vermeiden.

Wie jedes sportliche Team verspürt auch jeder Mensch täglich beide Handlungsmotive.
Wir alle wollen Erfolg und meiden Misserfolg. Das ist nicht die Frage. Die
Frage ist: In welchem Verhältnis? Sturmen Sie zum Beispiel im Beruf ständig ungestüm
nach vorne und vernachlässigen dabei die ≫Verteidigung≪ Ihrer errungenen
Erfolge? Oder verhalten Sie sich so defensiv, ≫mauern≪, bremsen Sie Ihr Leben so
stark aus, dass es fast zum Stillstand kommt? Anders gefragt: Wer sind Sie?
Eher Sturmer oder eher Abwehrspieler? Was überwiegt?
Einige wenige Fragen helfen bei der Aufklarung der eigenen Motiv-Balance.
Sturmer mit überwiegender Erfolgsmotivation fühlen sich angesprochen von
folgenden Aussagen (machen Sie gedanklich oder mit Stift Ihre Kreuzchen, und
zwar grundsätzlich bzw. unabhängig davon, ob Sie dies in Ihrem aktuellen Job so
umsetzen können):

□ Ich setze mir gerne anspruchsvolle Ziele (also knapp über meinem aktuellen Kompetenzniveau).
□ Es macht mir Freude, mich Herausforderungen zu stellen.
□ Ich sehe in jeder Herausforderung eine Chance.
□ Ich bin täglich daran interessiert, meine Fähigkeiten zu erweitern.
□ Ich vervollkommne gern mein Können durch mein Tun.
□ Ich fürchte mich nicht vor Fehlern – ich lerne gerne hinzu.
□ Erfolg ist mein Treibstoff!

Wie viele Kreuze haben Sie gemacht? Bei welcher Aussage war das Kreuz am
stärksten, haben Sie die intensivste affektive Aktivierung verspürt? Wenn Sie sich
von diesen Aussagen angesprochen fühlen, wenn diese etwas Positives in Ihnen
auslosen, haben Sie das Naturell eines Stürmers in Beruf und Leben. Wenn Sie sich
bei keiner dieser sieben Aussagen angesprochen und richtig wohlgefühlt haben,
sprechen Sie wohl eher folgende Statements an:
□ Ich verhalte mich in Beruf und Leben umsichtig, vorsichtig, warte lieber mal ab,
also direkt loszustürmen.
□ Fehler sind ärgerlich, und kein vernünftiger Mensch sollte leichtsinnig unnötige
Risiken eingehen.
□ Man sollte sich immer der Konsequenzen des eigenen Handelns bewusst sein, dann
auch lieber mal »Nein« oder »Stop!« sagen.
□ Ich betrachte jede Chance als Herausforderung.
□ Bei Misserfolgen fühle ich mich einfach mies, das kann ich nicht so leicht wegstecken.
□ Ich setze mir lieber leichte als schwere Ziele, denn dann prasselt auch weniger
Kritik auf mich ein.
Wer also sind Sie? Bei welchem der beiden Fragenblocke haben Sie mehr Kreuze gemacht?
Das ist natürlich kein wissenschaftlicher Test. Das sind bloß einige exemplarische
Fragen, mit Hilfe derer Sie sich selbst auf die Schliche kommen können. Also:
Sind Sie lieber »Erfolgssucher« oder »Misserfolgsvermeider«?
Raumen wir ein häufiges Missverständnis aus: Es gibt keine Erfolgs- und Misserfolgsmenschen.

Es gibt keinen lebenden Menschen, der bei den ersten sieben
Aussagen sieben Kreuz macht und bei den zweiten sechs keines – oder umgekehrt.
Es gibt keine Menschen, die nur die eine, aber nicht die andere Motivation spuren
(abgesehen von schwer Depressiven, Traumaopfern, Bipolaren oder ähnlichem).
Jeder Mensch erfolgsmotiviert sich in bestimmten Situationen, Gesprächen,
Lagen, Kontexten und misserfolgsmotiviert sich in anderen. Wenn Sie also das
Champions League-Upgrade dieses kleinen Tests machen wollen, dann beantworten
Sie beide Blocke situationsbezogen a la: ≫Wenn ich mit meiner Chefin rede,
bin ich dann eher erfolgs- oder misserfolgsmotiviert?≪, ≫Wenn ich mit meinem
Beziehungspartner rede …≪, ≫Wenn plötzlich die Steuerprüfung ansteht, kriege
ich dann Panik (Misserfolgsmotivation) oder freue ich mich, einer Finanzbeamtin
meine tadellose Buchhaltung zu erläutern (Erfolgsmotivation)?≪
Sie fühlen sich von diesen tiefgründigen Fragen intellektuell angeregt? Dann
spuren Sie gerade Erfolgsmotivation. Sie finden die Fragen eher impertinent oder
schambesetzt? Misserfolgsmotivation. Was von beiden ist richtig? Beide. Es geht
nicht darum, dass eine Motivation besser ist als die andere. Es geht darum, zu erkennen, wann wir auf welche setzen und wann wir es lieber lassen sollten.

Ein Mensch, der erfolgreich Beruf und Leben bestehen mochte, braucht beide
Motivationen – und das ist auch gar nicht anders möglich, so wie eine Fußball-
Mannschaft auch Offensive und Defensive braucht. Eine Mannschaft, die bei
einem von beiden Schwachen hat, mag zwar hin und wieder ein Spiel gewinnen
oder zumindest nicht verlieren. Aber eine Meisterschaft gewinnt man so nicht.
Deshalb sind Menschen mit kontextuell überwiegender Misserfolgsmotivation
auch keine ≫Loser≪. Sie verhalten sich ganz im Gegenteil absolut rational, indem
sie Risiken vermeiden. Das ist zwar vernünftig, hat jedoch einen Haken: Wer Risiken
vermeidet, vermeidet damit oft ungewollt auch Chancen. Das ist nicht mehr
rational, sondern insbesondere auf Dauer selbst schädigend: So kann man sich
Beruf und Leben kaputtmachen. Indem man zu oft blind voran stürmt oder zu oft
so heftig bremst, dass das eigene Leben zum Stillstand kommt. Beides ist ärgerlich,
aber wie gesagt: vorwiegend unterbewusst verursacht.

Nur Pessimisten sind »hinterher immer schlauer«

Meist kommen wir erst hinterher drauf: ≫Ich hatte meinem Chef nicht 20 neue
Kunden versprechen dürfen, wenn ich schon zehn kaum schaffe!≪ Bereut der kontextuelle Uber-Sturmer sein Ungestüms. Oder: ≫Als alle Kumpels Krypto kauften,
hab’ ich erst mal vorsichtig abgewartet. Jetzt sind einige der Kumpels reich, und ich
kann kaum meine Wohnungsmiete bezahlen.≪ Die Klage des situativen Bremsers.
Hinterher sind wir immer schlauer – leider nutzt das nichts, weil wir selten
draus lernen. Besser als hinterher schlauer zu sein ist es, im Voraus schlauer zu
sein. Das schaffen alle, die ihre leistungsmotivatorische Dysbalance zum Beispiel
dank heuristischer Tests wie dem obigen erkannt haben und dann zum Beispiel
im Coaching sagen:

• »Im Mitarbeitergespräch morgen mit der Chefin werde ich meinen inneren Verteidiger
die letzten fünf Minuten vom Gespräch vom Feld nehmen, damit mein innerer
Stürmer endlich auf das Tor schießt und ich vielleicht die Gehaltserhöhung bekomme,
die ich schon lang verdient aber nie erreicht habe, weil ich in solchen kritischen
Gesprächen zu oft nur mauere!«

• »Nächste Woche im Projektmeeting nehme ich meinen Stürmer an die Zügel, damit
er nicht noch mehr Arbeitspakete annimmt und große Leistung verspricht. Mir wird
es sonst vielleicht langsam zu viel, und das nur zur übertriebenen Selbstdarstellung.«
Wie das Orakel zu Delphi sagte: ≫Nosce te ipsum.≪ Wer sich selbst erkennt, kann
sich andern. Nur wer seine eigene Leistungsmotivation (er)kennt, kann hinzulernen,
sich in kritischen Situationen anders zu verhalten. Was absolut rational ist.
Apropos rational: Sind Sie beim letzten Statement des obigen Tests auch leicht
zusammengezuckt? Kam Ihnen das auch etwas irrational vor, ja geradezu paradox?
Da haben Sie recht.

Das Misserfolgs-Paradoxon der zu leichten und zu schweren Aufgaben

Es fallt auf, dass Menschen mit überwiegender Misserfolgsmotivation oft entweder
viel zu leichte oder aber viel zu schwere Aufgaben wählen. Ersteres ist leicht zu
verstehen: Ist die Aufgabe viel zu leicht, kann ich mich dabei nicht durch Misserfolg
blamieren, weil ich die Aufgabe locker bewältige. Ich schütze dadurch mein
Selbstwertgefühl vor Abwertung. Unvermeidlicher Nachteil: Ich unterschätze mich
konsequent und prinzipiell. Ich mache es mir zu oft zu leicht, bleibe also unter
meinen Möglichkeiten, wachse daher nicht in meinen Fähigkeiten, lerne wenig und
erfahre daher auch keine oder kaum noch Leistungslust.

Wenn ich es mir im Leben viel zu leicht mache, erlebe ich so gut wie nie Misserfolge!
Ich bringe es nur eben nicht sehr weit und habe auch kaum Freude an
Erfolgen (weil sie so selten sind, wenn man hauptsachlich defensiv lebt). Die Vermeidung von Misserfolgen spendet nicht dieselbe Freude und Zufriedenheit wie
das Erringen von Erfolgen. Das klingt logisch. Doch warum sollten viel zu hohe
Ziele demselben Zweck dienen?

Weil auch und gerade im Misserfolgsfall die Blamage ausbleibt, denn: ≫Sieht
doch jeder, dass diese Aufgabe viel zu schwer für mich war!≪ Auch die anderen
werden sicher denken: ≫Das hat nicht gutgehen können. Dafür kann sie/er doch
nichts!≪ Damit ist ebenfalls das Ziel des Selbstwertschutzes durch Defensivverhalten
erreicht. Der Misserfolg wird nicht dem eigenen Mangel an Fähigkeiten
zugeschrieben, sondern der überwältigend schweren Aufgabe – die sogenannte
externale Attribution, dazu gleich mehr.

Diese Taktik vermeidet zwar die Selbstbildbeschädigung, doch sie führt immer
weiter weg von der lustvollen Erfolgsmotivation. Man steigert mit den gestiegenen
Anforderungen nicht die eigene Kompetenz und erfahrt daher viel zu selten die
Selbstwirksamkeit des Stürmers: zu viel Defensive, zu wenig Offensive. Für ein
gutes Fußballspiel und ein gutes Leben braucht man aber beides in einem ausgewogenen Verhältnis. Was heißt das?
Man mochte als Mensch doch auch Tore schießen und gewinnen und nicht
einfach immer nur nicht verlieren. Nicht wegen irgendeines Pokals, eines Bonus,
eines Wettbewerbs oder Siegerkranzes oder des schlichten Besser-sein-Wollens,
sondern weil man nur mit Erfolgsmotivation erfahrt, was man draufhat, was man
alles bewegen, erreichen kann, sich in seiner eigenen Starke, Kraft und Kompetenz
erlebt: Selbstwirksamkeit, Leistungslust.
Das heißt aber auch: Wir müssen aufhören, hinter der Möhre her zu laufen. Wir
sollten uns nicht wegen der Möhre anstrengen, sondern wegen unseres Selbstbildes
und Seelenheils, unseres Selbstwertgefühls und einer gesunden, nachhaltigen
Selbstwirksamkeitserfahrung.
Genau deshalb sind heutzutage doch so viele Menschen so unzufrieden mit
Beruf, Familie und Leben. Nicht, weil sie keinen Bonus bekommen haben, sondern weil sie an jedem Tag ihres Lebens nicht ausreichend mitbekommen,
was sie alles draufhaben, was sie alles bewegen konnten – wenn man sie nur ließe
und wenn sie sich nur selber ließen. Und wie schnell wird aus der vermeintlichen
Erfolgsmotivation (≫Bonus≪) eine permanente Defensive, ein Verteidigen des Status
Quo (≫Bonus respektive bequemen Job bloß nicht verlieren, sonst steht man
als Loser dar≪)

Der Ballast der kindlichen Erlebnisse

Sollten Sie noch Zweifel haben, wie entscheidend ein ausgewogenes Verhältnis von
Erfolgs- und Misserfolgsmotivation sich auf unser Leben auswirkt: Hier die Ergebnisse
einer etwas älteren psychologischen Studie von C. H. Mahone, die heute
noch Gültigkeit besitzt, weil sie einen grundlegenden Mechanismus menschlichen
Erfolgs und Lebensglucks aufdeckt und beschreibt:

• Überwiegend erfolgsmotivierte Menschen wählten der Studie nach zu 94 Prozent
Berufe, die in der Beurteilung der studienbegleitenden Psychologen realistisch zu
bewältigen sind, betrachtet man Können und Kompetenz der Studienteilnehmer.
• Überwiegend misserfolgsmotivierte Menschen wählten zu 83 Prozent hochgradig
unrealistische Berufe (die im oben diskutierten Sinne viel zu einfach oder viel zu
schwer waren).

Das heißt: Wer in der Kindheit die falsche Balance der Leistungsmotivationen erlernt
hat, wählt eher den falschen Beruf und leidet ein ganzes Leben lang darunter.
Was deterministisch klingt, aber es nicht ist. Denn genauer formuliert müssen wir
erkennen: Wer in der Kindheit zu defensiv erzogen und kulturell beeinflusst wurde
– und seither nichts dazu gelernt hat in Bezug auf seine schlagseitige Handlungsmotivation
– der leidet ein Leben lang unter dem falschen Beruf. Mit einem Risiko
von 83 Prozent. Wie George Santayana sagte: ≫Those who don’t remember the past
are condemned to repeat it.≪ Wer dagegen sein Erbe der Kindheit erkennt, kann es
ablehnen und hinzulernen, indem er seine Leistungsmotivation wieder in Balance
bringt, denn – nochmal in aller Klarheit – Erfolgs- und Misserfolgsmotivation wird
erlernt und ist reversibel.
Wer als Kind die falsche Leistungsmotivation lernte – und seither nicht umlernte
– ergreift fast zwangsläufig den falschen Beruf. So viel zum Thema ≫Traumberuf
≪. Trotzdem ist das Problem natürlich lösbar: Was Hänschen gelernt hat, verlernt
Hans locker – wenn er sich dazu aufraffen kann. Was Hänschen gelernt hat, kann
und sollte Hans verlernen. Oder noch entwicklungsorientierter ausgedruckt: Ich
hore im Alter von sieben Jahren nicht auf zu lernen, sondern lerne auch und gerade
uber meine Leistungsmotivation immer noch und immer weiter dazu. Denn sonst
wache ich als 45-Jahriger Mensch eines unschönen Morgens in einem Beruf auf,
den ich mir mit dem Mindset eines (Klein)Kindes unterbewusst gewählt habe. Das
ist leider die Crux am Motivationsproblem: Wir erlernen beide Leistungsmotive

Attribution: Wer hat’s verbockt? Und wer hat’s geleistet?

im Grunde völlig unterbewusst – und so wirken sie auch. Nirgends sieht man das
deutlicher als bei der Frage: Wer ist schuld?
Attribution: Wer hat’s verbockt? Und wer hat’s geleistet?
Zurück zur Sportmetapher: Unser Team hat schon wieder verloren! Wie kann
das sein? Sind wir so schwach oder die Gegner so stark? Was stimmt mit unserer
Leistung nicht? Wo haben wir Leistungsdefizite? Oder haben uns etwa die Schiedsrichter auf dem Kieker? Oder fehlt uns der Rückhalt der Fans?
Was zur Antwort auf diese Fragen fuhrt, nennt man in der Psychologie ≫Attribution
≪ (Zuordnung, Zuschreibung): An wem oder was liegt es? Wem ordnen
wir – meist völlig unterbewusst – die Verantwortung für ein Resultat zu? Wir
unterscheiden zwei diametrale Attributionsstile, die entscheidend unser Lebensglück,
unsere Leistungslust und unseren Erfolg determinieren – auch wenn das
die meisten Menschen noch nicht bemerkt haben, weil Attribution wie gesagt
unterbewusst passiert:

• Die internale Attribution: Ich habe es selbst geschafft, habe die Aufgabe erfolgreich
gemeistert, aus eigener Tüchtigkeit, Leistung und Kompetenz heraus oder wie Goethe
in seiner Sturm-und-Drang-Zeit (im »Prometheus«) meinte: »Hast du’s nicht alles
selbst vollendet, heilig glühend Herz?«
• Die externale Attribution: »Danke fürs Kompliment – aber ich hatte auch ein gutes
Team (Glück, günstige Umstände, Hilfe durch den Zufall, ein großzügiges Budget).«
Ja, wir alle kennen Menschen, die ihre Erfolge external attribuieren, sie also wegerklären und den Erfolg anderen oder günstigen Umstanden zuschreiben. Das wirkt
bescheiden bis altruistisch und sorgt dafür, dass external attribuierende Menschen
selten bis nie die Fruchte ihres Erfolgs genießen können, weil sie diese Fruchte
dankend ablehnen und immer gleich an andere verteilen. Wir kennen den Ausdruck
≫die Schuld auf andere schieben≪. Nun, external Attribuierende mit ausgeprägter,
einseitiges Misserfolgsmotivation schieben ausgerechnet den Erfolg (ja, den haben
sie tatsachlich manchmal) anderen zu. Warum sie das tun, führt an dieser Stelle zu
weit (über die tiefenpsychologischen Ursachen dieser fast schon charakterlichen
Eigenart, dieses Traits, sind ganze Bibliotheken geschrieben worden). So tief wollen
die meisten Menschen auch gar nicht gehen. Ihnen reicht die Erkenntnis: ≫Ja, da
kenne ich auch einige super bescheidene Mauerblümchen.≪ Oder: ≫Stimmt – damit
mache ich mir oft das Leben schwer.≪ Wie der Volksmund sagt: Bescheidenheit ist
eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.

Als sei dies im Erfolgsfall nicht schon selbstsabotierend genug, kommt bei
solchen Menschen im Misserfolgsfall noch etwas hinzu: Ist irgendwo irgendwem
ein Fehler passiert, attribuieren sie nun internal: ≫Ja, mein Fehler (nein, war es objektiv
betrachtet nicht oder nicht komplett), geht voll auf meine Kappe (warum das
denn? Andere tragen doch auch Verantwortung), ich hau ständig daneben (ständig?
Stimmt doch gar nicht). Ich hab’s halt nicht drauf (wegen eines banalen Fehlers
die komplette eigene Kompetenz negieren?). Ich kapier’ das nie (Selbstwertgefühl
endgültig im Keller). So war ich schon immer (Kommentar erübrigt sich).≪
Misserfolg wird internal attribuiert, Erfolg external – was brüllend unlogisch
ist: Für den Misserfolg des gesamten mich umgebenden Biotops bin ich selbst,
nur ich und nur ich allein verantwortlich, aber für meinen Erfolg immer nur die
anderen? Das ist zwar nicht logisch, dafür aber psychologisch. So attribuieren
Misserfolgsmotivierte: external für Erfolg, internal für Misserfolg. Es gibt kein
wirksameres, nachhaltigeres oder tödlicheres Rezept für anhaltend tief empfundenes
Unglück in Leben, Beziehung, Familie und Beruf. Und das machen
die Betroffenen völlig freiwillig (aber eben unbewusst)! Die Holle auf Rädern.
Fehlattribution ist mieses Karma im Kubik. Daher meine Empfehlung, nein, mein
dringender Wunsch:

Hören Sie auf, sich selbst ein motivatorisches Bein zu stellen!

Was der Erfolgs-externale und Misserfolgs-internale Attributionsstil mit dem eigenen
Selbstwertgefühl und den eigenen Erfolgsaussichten in der Zukunft anstellt, ist
nicht selten verheerend. Wer so einen Attributionsstil (natürlich völlig unbewusst
und unabsichtlich) pflegt, braucht keine Feinde und kann sich den Spruch von Pogo
übers. Bett hängen: ≫We have seen the enemy and he is us.≪ Auch Raymond Chandler variierte (in ≫The Long Goodbye≪) dieses universelle Motto der Selbstsabotage:

≫There is no trap so deadly as the trap you set for yourself.≪ Eben, indem man Erfolg
external und Misserfolg internal attribuiert. Es sollte genau umgekehrt sein:
Attribuieren Sie (auch mal) Erfolge internal, Misserfolge external!
Also zum Beispiel nach einer gelungenen Projektpräsentation: ≫Ja, mein Team
war wieder einmal toll. Doch die Folien habe ich wirklich gut erklärt. Alle im Publikum
haben spontan mit dem Kopf genickt. Das Erklären hab’ ich einfach gut
drauf.≪ Das ist Eigenlob, das stinkt? Ja und nein. Es ist Eigenlob, aber dass es stinkt,
denken und sagen wirklich nur – wer?

Richtig geraten: Misserfolgsmotivierte. Es hilft ihnen (Ihnen?) schon, wenn
man ihnen und/oder wenn sie sich täglich ein Dutzend Mal sagen: ≫Eigenlob
stimmt!≪ Das ist vielleicht nicht immer sachlich gerechtfertigt, doch Eigenlob
stimmt eigentlich immer in Bezug worauf? In Bezug auf unser Selbstwertgefühl.
Dieses kann in unseren Weltkrisenzeiten gar nicht genug Lob bekommen.
Es heißt ja nicht nur deshalb ≫Selbstwert≪, weil dieser Wert alles über uns selbst
aussagt, sondern weil wir diesen Wert auch komplett selbst definieren können –
wenn wir ihn bewusst definieren, zum Beispiel mit bewusster statt unbewusster
Attribution. Manchmal gelingt das ganz leicht: ≫Ja, stimmt, ich hatte zwar auch
ein gutes Team, aber die entscheidenden Impulse fürs Projekt kamen dann doch
klar von mir. Dazu stehe ich.≪ Bravo! Gut attribuiert! Erfolg? Internal attribuiert,
Selbstwertgefühl wachst! Leider selten. Häufiger höre ich:

≫Aber ich hatte doch wirklich ein gutes Team! Ist doch eigensüchtig, wenn ich
den Erfolg ganz fur mich allein vereinnahme!≪ Nein, ist es nicht, sondern einfach
nur mental-hygienisch erforderlich, angemessen und verhältnismäßig. Außerdem:
Gehörst du nicht auch zum Team? Also was soll die übertrieben altruistische und
kodependente Verschiebung des errungenen Erfolgs nur und ausschließlich aufs
Team (also auf die anderen)? Warum sich selbst herausnehmen? Weil der situativ
falsche aber leider unreflektierte Attributionsstil uns das diktiert. Wir sind die
Sklaven seines Diktats – nicht des Schicksals, nicht des Lebens, nicht der widrigen
Umstande: So, wie der Mensch attribuiert, so ist er auch. Nämlich erfolgreich,
wenn er bei gegebenem Anlass Erfolge internal attribuiert oder unzufrieden,
unterfordert und unglücklich, wenn er hauptsachlich nur external attribuiert.
Daher die Eine Faustregel der Erfolgs- und Misserfolgs-Attribution
Nein, das heißt nicht, dass wir Misserfolge external stets andern in die Schuhe
schieben: Bitte nicht immer so haltlos übertreiben! Und es heißt auch nicht, dass
wir uns ständig internal mit fremden Federn schmücken. Wie jede Faustregel will
auch diese mit Fingerspitzengefühl angewandt werden:

  • Sehen Sie und stehen Sie zu Ihrem persönlichen Anteil am Erfolg!
    • Auch wenn er noch so klein und »unbedeutend« sein mag. Erfolg und Erfolgsbeteiligung
    ist niemals unbedeutend – nicht für Ihr Selbstwertgefühl.
    • Denken Sie daran: Erfolg haben Sie sich verdient.
    • Gönnen Sie sich diese Leistungslust!
    Und auf der anderen Seite:
    • Verfallen Sie bei Misserfolgen nicht in Toxic Self-Blaming: »Alles wieder meine
    Schuld! Bin einfach zu blöd dafür.«
    • Vereinnahmen Sie lediglich Ihren Anteil am Fehler und lassen Sie anderen deren
    Anteil. Erinnern Sie die Gemeinschaft an der gemeinsamen Verantwortung.
    • Akzeptieren Sie lediglich Ihren Problemanteil – und nicht die Schuld der ganzen
    Welt.

Sich der eigenen, auch kleinen Erfolge bewusst werden
Mit Fehlattribution aufzuhören geht nicht so leicht, wenn man das seit 20, 30, 60
Jahren praktiziert? Doch. Nehmen Sie zum Beispiel Ihren Werdegang. Sie sind,
wo Sie sind, sind vielleicht zufrieden, stolz oder im Gegenteil frustriert über ihren
aktuellen Bullshit-Job. Im letzteren Fall können Sie jammern, fluchen, auf Ihre
Inkompetenz fehlattribuieren. Sie können sich aber auch bewusstwerden, was Sie
bis hierhin alles schon geleistet, bewerkstelligt, gelost, gelernt haben. Plötzlich ist
es nicht mehr der aktuell miese Job, sondern eine weite Karriere, die eigentlich
Respekt zollt.

Was haben Sie eben gespurt? Ein klein wenig Stolz wegen des hervorragenden
Studiums, auch wenn dies schon ein wenig her ist? Ein wehmutiger Ruckblick auf
Ihre Leistungen in Ihrem ersten Job? Dann attribuieren Sie richtig (Erfolgs-internal).
Oder ging bei Ihnen das spontane Bauchgefühl eher in die Richtung: ≫Soviel
gemacht, soviel probiert, und nun bin ich hier…≪ Inzwischen wissen Sie, was das
ist. Nicht gut. Gar nicht gut. Wenn Ihre Erfolgs-externale Attribution noch Hand in
Hand mit Ihrer Misserfolgs-internalen Attribution geht, werden Sie vielleicht selbst
schon gespurt haben, wie dieser Attributionsstil Sie in Leben und Beruf behindert
und unglücklich macht – und sich dafür insgeheim schämen; was bedeutet: noch
mehr schädliche Misserfolgs-internale Attribution. Hören Sie auf damit!

Jetzt. Sofort. Und sagen Sie sich: ≫Stimmt eigentlich. Mein ganzer Werdegang
ist Leistung. Ich habe vieles gut und gerne gemacht, klar, nicht alles, aber doch
einiges!≪ Und das wird sich immer besser anfühlen, je öfter Sie korrekte, leistungsgerechte, selbstwertforderliche und glücksinduzierende Attribution lernen,
neu lernen, wieder lernen und sich jeden Tag die nötige, notwendige und selbstwerterhaltende bis selbstwertforderliche Dosis gönnen. Als Kinder konnten wir das noch alle. Der Klötzchenturm steht? Freude! Er fallt? Dito Freude! Weil wir beides
mit eigener Hände Leistung schafften. Wir sollten diese zutiefst menschliche Leistungslust nicht unterschätzen.

Denn wer nicht Erfolgs-internal denkt, attribuiert sich direkt in die latente bis
galoppierende Depression, Lebenskrise und resignative Berufsunzufriedenheit. So
schlimm das ist: Es kommt noch schlimmer.

 

Der Anstrengungs-Leistungs-Disconnect

Was passiert schlimmstenfalls, wenn ein Mensch seinen Erfolg anderen in die Schuhe
schiebt und jeden Misserfolg auf die eigene Kappe nimmt? Er durchtrennt praktisch
mit dem ersten Tag, der ersten Fehlattribution die geradezu naturgesetzlich
vorgegebene Verbindung zwischen eigener Anstrengung und verdienter Leistung.
Er strengt sich an, bringt Leistung und erzielt Erfolg – zu dem er nicht steht?
≫Ihre Verbindung wurde leider unterbrochen!≪ Er tut nichts, macht nichts, bringt
keine Leistung und macht sich trotzdem für sich einstellenden Misserfolg verantwortlich? Dito Leistungsunterbrechung.

Auf Dauer zerstört das den Selbstwert jedes Nobelpreisträgers und Olympiasiegers.
Das fuhrt in die chronifizierte Opferhaltung der erlernten Hilflosigkeit,
bei der sich die Misserfolge häufen, weil man sie quasi selbst produziert, indem
man falsch attribuiert. Weil man denkt, man sei Spielball des Schicksals, dunkler
Machte, sadistischer Führungskräfte, nerviger Ellenbogen-Kollegen, fieser Lehrer
oder verständnisloser Beziehungspartner. Aus dieser Opferhaltung kommen Spruche,
Bucher und Filme a la ≫Das Schicksal ist ein mieser Verräter≪. Das ist der Titel
eines sehr populären Films, aber auch einer noch viel populäreren Fehlattribution:
Das Schicksal diktiert mein Leben, nicht ich, ich (armes altes krankes etc.) Opfer.

Fallt Ihnen etwas auf? Stichwort Verschwörungstheorien. Nota bene: Viele arme
alte kranke Menschen sind arm, alt und krank – und haben trotzdem beide Hände
am Steuerrad ihres Lebens. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, wie
auch Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie wusste: ≫Zwischen Reiz und
Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer
Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.≪26
Wer dagegen glaubt, dass ihm das Schicksal (wer oder was auch immer das sein
mag) keine Wahl lasst, erfahrt auch keine, weil er keine ausübt. Aber das ist jetzt
fast schon philosophisch. Kehren wir lieber zurück auf die Ebene des konkreten
Lernens von Leistungslust.

Wie gute Führung bei Erfolgsattribution unterstützt

Vielleicht kam Ihnen auch schon der Gedanke: Die Parallelen zwischen Attribution
und Führungskompetenz sind frappierend. Wir alle kennen Vorgesetzte (Eltern,
Lehrer, Ausbilder, Trainer …), die uns jede Fehlentwicklung (des Marktes, von Lieferanten, Geschäftspartnern, Umstanden, Wetter, höhere Gewalt …) pseudo-internal
attribuierend in die Schuhe schieben, wahrend sie unsere Erfolge ignorieren, external
attribuieren (≫Sie hatten doch blos Gluck!≪) oder gar für sich vereinnahmen.
Leaders from hell. Toxic Leaders.

Es gibt leider nicht viele Führungskräfte in Wirtschaft, Familie, Politik und
Gesellschaft, die wertschätzend und konstruktiv attribuieren (können und wollen).
Steile These? Dann verraten Sie mir doch mal, wann Sie das letzte Mal von einer
Führungskraft im Misserfolgsfall Satze gehört haben wie:
• »Das ging daneben – kein Ding, wir machen das Beste draus!«
• »Mund abputzen, weitermachen, einfach mehr anstrengen, dann packen wir (!) das
auch!«
• »Wenigstens haben wir (!) was daraus gelernt und machen es das nächste Mal
besser.«
• »Wegstecken und beim nächsten Mal: besseres Konzept, mehr Budget, bessere
Vernetzung – damit schaffen wir’s (!) dann!«
Und jetzt die peinlichere Frage: Wann haben Sie das letzte Mal solche oder ähnliche
Satze gesagt? Zu Ihren Kolleginnen und Kollegen, in Ihrer Familie, beim Hobby,
beim Sport, im Verein?

Wir leben in Krisenzeiten. Ständig wird uns das von Medien und Politik gepredigt.
Zum Beispiel: Die Rezession droht! Sagen alle. Denken alle: Opferdenke.
Wirklich selten hort man jemanden sagen: ≫Okay, der Markt ist schwach – dafür
hauen wir umso starker rein!≪ Das ist Motivation, das ist eine Erfolgsstrategie.
Weil solche Satze auf die internale Attribution von Erfolgen referieren. Und nur
die internale Attribution von Erfolgen fuhrt zu Leistung: Ich kann’s, also mache
ich’s. Das ist das Geheimnis von Erfolg, oder wie die Amerikaner sagen: It works,
if you work it. Der einzige Garant für Erfolg: eigene Anstrengung. Man kann diese
Garantie eigentlich nicht überschätzen – aber übertreiben.

Flogging a Dead Horse – Attribution hat Grenzen

Wer Erfolg internal attribuiert und sich daher voll engagiert für das, was man tut,
erntet unweigerlich psychologische Erfüllung, und nicht selten auch Erfolg. Mit
einer Ausnahme: klinisch tote Projekte. Sich für diese zu engagieren, ist Zeitverschwendung.
Trotzdem tun wir’s (zu) oft. Weil wir emotional zu sehr daran hangen.
Wir können nicht loslassen. Sollten wir aber.
Weil selbst mit größter Anstrengung nichts mehr zu holen ist. Dass Erfolg
hauptsachlich ein Produkt unserer Anstrengung ist, sollte uns nicht zum
Jimmy-Cliff-Übergeneralisierungsschluss verleiten: You can get it if you really want
it! Nein, kannst du nicht. Nicht immer, nicht in jedem Fall.
Nicht alles im Leben ist Resultat eigener Skills, Kompetenz, Leistung und
Anstrengung. Es gibt auch Zu- und Unfalle, Gluck, Pech, höhere Gewalt und fiese
Konkurrenten, die mit üblen Tricks spielen. Pessimisten missbrauchen dieses Naturgesetz zur Fehlfolgerung: ≫Sag ich schon immer: Es lohnt nicht, sich zu engagieren!

≪ Typisch Misserfolgsmotivation. Wer sich nicht engagiert, blamiert sich auch
nicht – denkt der Misserfolgsmotivierte. Doch in einer erfolgsmotivierten Kultur tut
er das gerade durch seine Leistungsverweigerung (gut, dass wir keine Erfolgskultur
haben). Erfolgsmotivierte Menschen kommen zu einer anderen Schlussfolgerung.
Sie denken und sagen: ≫Ich weis, dass es Projektkiller und Shop Stopper gibt.
Doch den Kill Point, den Point of no Return, an dem ich das Projekt aufgebe – den
bestimme allein ich!≪ So sieht Selbstbestimmung, Leistungsethos und Erfolgsmotivation im Angesicht von unüberwindlichen Hindernissen aus. So fühlt sich das an. Stark, weil selbstwirksam.

 

 

 

 

 

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