Buchauszug Verena Bogner: „Not Your Business, Babe! Alles, was du als Frau über die Arbeitswelt wissen musst“

The Future is solidarisch!
»Haters gonna hate« besagt schon ein altes, weises Sprichwort, das auch vor Rihanna nicht haltmacht. Und ich als Österreicherin bin natürlich besonders gut im »Sudern«, also im Beschweren über alles Mögliche. Bei all den erdrückenden Fakten, Statistiken, Erfahrungswerten und fehlenden Aussichten auf Besserung ist das schließlich auch nur menschlich, oder?
Trotzdem ist es irgendwann an der Zeit, sich neben der Frage, warum die Sachlage so frustrierend ist, wie sie nun mal ist, auch folgende zu stellen: Was muss passieren, damit es besser wird? Eine Frage, von der ich mir manchmal wünschte, dass ich sie mir schon früher gestellt und deren Wichtigkeit ich gerne früher verstanden hätte.
Nachdem wir uns eingestehen mussten, dass der Girlboss doch nicht die Lösung all unserer Probleme sein kann, und wir festgestellt haben, dass unsere Hustle Culture ebenfalls nicht zukunftstauglich ist, gilt es, eine Leere zu füllen. Was könnte anstelle von machtgeilen, gewinnorientierten, egoistischen Frauen als Nächstes kommen? Was kommt nach der Hustle Culture? Achtung, jetzt wird’s deep, aber: Die Antwort auf diese Frage liegt auch ein bisschen an uns, die wir für uns selbst entscheiden können, wie wir die Steine (und Felsbrocken), die uns in der Sphäre der Lohnarbeit in den Weg gelegt werden, aus dem Weg schaffen wollen. Ich bin der Meinung, wir sollten sie vor allem gemeinsam aus dem Weg räumen und nicht als Einzelkämpfer*innen, die sich aus Unwissenheit nicht um die Menschen in ihrem Umfeld scheren.
Frauen halten zusammen! Oder?
Von klein auf wird uns eingetrichtert, dass wir selbst für unseren Erfolg verantwortlich sind. Wen wundert es da, dass wir diese ganze Scheiße internalisieren? Ein Anzeichen dafür ist das sogenannte Queen-Bee-Syndrom – und nein, ich rede gerade nicht von Beyoncé, sondern von richtigen Bienenköniginnen. Expertin Marita Haas kennt das Phänomen aus der Forschung: »Wenn du es als individuelle Frau in stark männlich dominierten Organisationen geschafft hast, dich hochzuarbeiten, dann erwartest du von anderen Frauen oft unglaublich viel.
Du hast es also als Queen Bee geschafft – und die anderen Frauen müssen dir erst mal beweisen, dass sie mindestens so gut sind wie du.« Somit seien Frauen, die den harten Weg gegangen sind und sich einen Platz am Vorstandstisch erkämpft hätten, oftmals diejenigen, die von anderen auch verlangten, denselben Weg zu gehen. »Sie legen oft noch härtere Maßstäbe an den weiblichen Nachwuchs an, als man es von Männern erwartet. Das zeigt, dass sich an unserer Arbeitskultur nichts verändert hat. Wenn man nicht aufgrund seines Geschlechts dazugehört, muss man sich durchkämpfen. Am System hat man aber dadurch nichts verändert«, so Haas.
Wer den Bienenköniginnen allein die Schuld an diesem Verhalten gibt, macht es sich aber auch ein bisschen zu einfach: »Als Frau bleibt dir oft nichts anderes übrig, als dich durchzukämpfen. Deswegen ist es auch wichtig, für Veränderungen bei den Entscheidungsträger*innen anzusetzen, denn sonst muss sich wieder jede einzelne Frau nach oben fighten.« Ein spannender Faktor an dieser Sache, den die Forschende Jane Hurst festhielt, die sich mit Beziehungen zwischen Frauen im beruflichen Kontext beschäftigte: Verstehen sich Männer im Job nicht besonders gut, wird ihr Konflikt nur selten gelabelt. Ist dies unter Frauen der Fall, sind sie direkt »stutenbissig« und unsolidarisch. Von Frauen erwarten wir außerdem viel stärker, dass sie sich auf die zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb des Teams fokussieren. Und somit ist das Ganze wieder mal ein Fall von: Man kann’s auch wirklich niemandem recht machen.
Zu verstehen, wie wir diese Verhaltensweisen möglicherweise hinterfragen und ablegen können, um in weiterer Folge nicht so streng mit uns selbst und anderen zu sein, verlangt uns so einiges an Selbstreflexion und Veränderungswillen ab – und ist natürlich nur ein Teil der Lösung eines umfassenden, systemisch verankerten Problems. Ob wir als einzelne Frauen diesen Willen haben, muss jede von uns für sich selbst herausfinden. Haas hält fest, dass es schwierig sei, von jeder Frau automatisch zu erwarten, dass sie sich solidarisch und feministisch verhalte, stetig die patriarchalen und kapitalistischen Strukturen hinterfrage und besonders sensibel für Ungerechtigkeiten sei, nur weil sie eine Frau ist: »Von Männern erwarten wir das auch nicht. Hier müssen wir auch ein bisschen tolerant sein.«
Dass Awareness in Hinblick auf derartige Strukturen und Verhaltensmuster jedoch unabhängig davon ist, ob man eine Position als Entscheider*in bekleidet oder nicht, weiß auch Vera Steinhäuser aus ihrer Arbeit – und erklärt dies anhand eines anderen Beispiels: »Ich höre von Frauen Anfang 30 oft Aussagen wie ›Mit dem Job, den ich jetzt habe, bin ich happy, weiter hinauf muss ich gar nicht‹. Das Spannende ist dann, zu hinterfragen, woher diese Idee kommt.« Der Hintergrund sei nämlich meistens nicht, dass die Frauen nicht mehr können. Sondern dass sie denken, mehr stünde ihnen nicht zu und mehr könnten sie nicht fordern, erklärt die systemische Coachin. »Das Wichtige ist, dass wir hinterfragen und sehen, was wirklich dahintersteckt. Diese Awareness bringt extrem viel Freiheit und schafft Basis für systemische Veränderung. Denn wenn viele Individuen ihre Awareness schärfen, passiert etwas im Kollektiv.«
Wie diese kollektive Awareness und die darauffolgende Veränderung aussehen können, zeigt sich zum Beispiel auf ganz besondere Weise im Vereinigten Königreich, wo sich immer mehr Frauen und junge Menschen im Allgemeinen Gewerkschaften anschließen. Die Zeit der Girlbosses ist vorbei, jetzt kommen die (Girl-)Unions! Eine britische aktivistische Gruppierung, die hinter dem jährlich am feministischen Kampftag stattfindenden Streik steht, hat sich zum Ziel gemacht, den Feminismus neu zu politisieren, den die Girlbosses und Businessbabes der letzten Jahre übrig gelassen haben. »Wir haben kein Interesse daran, die Gläserne Decke aufzubrechen, wenn das bedeutet, dass die Mehrheit der Frauen die Scherben aufräumen muss«, so ein Statement der Aktivist*innen in ihrem Manifest.
Aber um unsere eigenen Verhaltensweisen (vor allem gegenüber anderen Frauen) aus einem systemischen Blickwinkel zu hinterfragen und uns vielleicht sogar im Kollektiv zu engagieren, müssen wir erst einmal darüber sprechen, was Solidarität eigentlich bedeutet. Der Begriff stammt aus dem Lateinischen, wo »solidus« so viel wie »fest« bedeutet – so weit, so logisch. Laut Begriffsdefinition beschreibt die solidarische Idee eine gewisse Verbundenheit unter Menschen, die beispielsweise ihre Erfahrungen und Werte miteinander teilen. Und jetzt kommt ein besonders wichtiger Punkt: Solidarität ist das Gegenteil von Konkurrenz.
Ich habe schon oft erlebt, sei es im beruflichen oder privaten Umfeld, dass man als Frau hart dagegen ankämpfen muss, sich nicht ständig in Konkurrenz zu anderen zu sehen – oder sogar von außen dazu gedrängt zu werden. Der Drang, mich selbst mit anderen zu vergleichen und mich dadurch in direkte Konkurrenz zu begeben, ist mir nicht fremd. Angefangen von Äußerlichkeiten bis hin zur Leistung im Job: Wie kann sie so gut aussehen, regelmäßig Sport machen, und dann auch noch auf Instagram ihre beachtlichen beruflichen Erfolge mit uns teilen? Wie schafft die das?
Es ist ein bisschen so wie mit Nicki Minaj und Cardi B – den zwei aktuell wohl größten, erfolgreichsten Rapperinnen der Welt. Nicki Minaj war schon lange Teil der Industrie und bescherte uns Hits wie »Anaconda« oder »Super Bass«, als plötzlich Cardi B auf der Bildfläche auftauchte, mit ihrem Hit »Bodak Yellow« die Charts stürmte und alle möglichen Rekorde brach. Die erste Reaktion von Öffentlichkeit und Medien: Es kann nur eine Queen of Rap geben! Immer wieder wurden die beiden Künstlerinnen miteinander verglichen und gegeneinander ausgespielt – aber warum eigentlich? Warum müssen wir uns für eine Königin entscheiden und die andere im gleichen Atemzug schlechtmachen und hassen, wenn sie doch offensichtlich beide toll sind? Das letzte Mal, als ich nachgesehen habe, gab es nämlich auch mehrere sehr erfolgreiche männliche Rapper, die einfach so nebeneinander existieren und sogar kollaborieren können.
Dieses Denkmuster, dass es nur eine geben könne, hinter sich zu lassen, ist gar nicht so einfach, oder? Ich bin Fan von Nicki und Cardi – und finde, wir sollten uns gegenseitig Erfolge gönnen, ja, stellt euch vor, sogar gegenseitig supporten könnten wir uns doch eigentlich, oder? Kennt ihr dieses Meme, das meist mit Captions wie »This is the Future Liberals want« daherkommt und ein Bild einer utopischen und ultra-spacigen Stadt mit fliegenden Autos zeigt? Ungefähr so stelle ich mir unsere Welt vor, wie sie sein könnte, wenn wir unsere Solidarität zueinander neu entdecken würden.
Ein wesentliches Merkmal von Solidarität ist es, sich gegenseitig rein freiwillig und ohne Hintergedanken zu helfen und füreinander einzusetzen – bloße Lippenbekenntnisse auf Instagram reichen da nicht aus. Der Soziologe Jürgen Habermas hielt außerdem fest, Solidarität bedeute, sich darauf zu verlassen, dass das Gegenüber in ähnlichen Situationen genauso handeln würde, und man sogar etwaige Nachteile in Kauf nehme, um sich für andere einzusetzen. Für Gender Consultant Marita Haas spielt Solidarität auch eine große Rolle, wenn es um Phänomene wie die Great Resignation geht: »Viele haben nicht das Privileg, zu entscheiden, dass sie einen Job kündigen. Darum ist es noch wichtiger, sich solidarisch zu zeigen, füreinander einzustehen und sich gegenseitig zu stärken.«

Verena Bogner: „Not Your Business, Babe! Alles, was du als Frau über die Arbeitswelt wissen musst“ – KiWi Verlag, 224 Seiten, 14 Euro Not Your Business, Babe! – Verena Bogner | Kiepenheuer & Witsch (kiwi-verlag.de)
Brauchen wir eine kollektivistische Arbeitskultur?
In den bisherigen Kapiteln habe ich euch unzählige Auswüchse unserer individualisierten Gesellschaft aufgezeigt: Von der Hustle Culture über den Girlboss-Hype und den Selfcare-Trend bis hin zur toxischen Confidence Culture. All diese Phänomene rücken uns als Individuen in den Mittelpunkt, können uns belasten, verlangen uns unglaublich viel ab und lassen uns letzten Endes immer wieder gegen Wände oder gegen Gläserne Decken laufen. Apropos Gläserne Decke: Oftmals ist es so, dass auch Frauen, die die Gläserne Decke durchbrechen, immer noch weniger verdienen als Männer. Der Glass-Ceiling-Index, der die Situation von arbeitenden Frauen misst und Faktoren wie Bildung, Beteiligung am Arbeitsmarkt oder Kosten für Kinderbetreuung mit einbezieht, macht fest, wie »einfach« Frauen in einem jeweiligen Land die Gläserne Decke durchbrechen und in ihren Jobs aufsteigen können.123 Deutschland liegt 2022 auf dem 22. Platz und somit unter dem OECD-Durchschnitt. Frauen haben in Deutschland lediglich 29 Prozent der Managementpositionen inne. Österreich schafft es übrigens auf Platz 13.
Trotz dieser niedrigen Werte hämmern wir so lange gegen die Decken, bis wir merken: Wenn ich nur an mich und meinen eigenen Fortschritt denke, ist das Ganze früher oder später aussichtslos, denn die Strukturen des Patriarchats holen uns immer wieder ein. Der starke Individualismus spiegelt sich auch in der Arbeitskultur wider, die wir täglich erleben. Der Fokus liegt hier auf den Leistungen der Einzelnen, nur selten auf dem Team als Einheit. Der Vorteil dieser Arbeitskultur, die ich nur allzu gut kenne: Wir erleben als Individuen immer wieder Momente des Erfolgs, spüren ein Gefühl der Selbstwirksamkeit und fühlen uns als Personen gesehen.
Der Nachteil: Jede*r kämpft für sich – von Solidarität und Zusammenhalt ist hier häufig keine Spur. Hat nicht jede*r von uns Kolleg*innen, von denen wir wissen, dass sie uns bei der erstbesten Gelegenheit unter den Bus werfen würden (im übertragenen Sinne natürlich), wenn sich für sie ein persönlicher Vorteil daraus ergeben würde? Das, meine Damen, Herren und Non-Binaries, ist die individualistische Arbeitskultur.
Im Gegensatz dazu steht die kollektivistische Kultur, die sich logischerweise durch Zusammenarbeit, Zusammenhalt und gemeinsame Leistung auszeichnet. Hier spielen die Dynamiken innerhalb des Teams eine viel größere Rolle, es wird mehr auf Beziehungspflege, Empathie und Emotionen geachtet, da all diese Faktoren die Ergebnisse beeinflussen, die das Team hervorbringen kann. Hat das Team gute Arbeit geliefert, werden hier alle gelobt, auch wenn möglicherweise manche Personen mehr dazu beigetragen haben als andere. Für fragile Egos ist in so einem Setting, das bis zu einem gewissen Grad auf Selbstlosigkeit basiert, also wenig Platz.
Die Dinge, die wir als Gesellschaft aktuell als erstrebenswert ansehen, gelten in einer kollektivistischen Arbeitskultur als egoistisch. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit hier (wie fast immer) irgendwo in der Mitte. Beide Stile haben ihre Vor- und Nachteile – nur blenden wir aktuell die Nachteile der individualistisch ausgerichteten Arbeitskultur nur allzu gerne aus und melken die Kuh so lange, bis entweder alle Mitarbeiter*innen am Burn-out kratzen oder noch rechtzeitig die Reißleine ziehen und sich umorientieren. Ich finde, die Vorteile einer kollektivistischen Arbeitsweise sollten viel mehr Einzug in unsere Lebensrealität finden – denn ich glaube, dass nur so ein solidarisches Arbeiten funktionieren kann. Nämlich dann, wenn unsere Arbeitgeber*innen uns den richtigen Nährboden dafür bieten.
Expertin Marita Haas findet beispielsweise, dass wir Führungskonzepte grundsätzlich überdenken sollten. Von Schlagworten wie Female Leadership hält sie nicht viel: »Was genau soll das sein? Die weibliche Führung wird gerne als kooperativer und empathischer dargestellt, wodurch wir wieder einen Unterschied herstellen. Eigentlich muss man sagen: Führungskonzepte, wie sie heute sind, sind überholt. Und wir müssen uns überlegen, wie wir sie neu gestalten wollen.«
Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt
Manche Frauen, die sich genau diese Frage nach einer möglichen Neugestaltung stellen, wählen den Weg der Selbstständigkeit und gründen ihre eigenen Unternehmen. Das ergibt auch Sinn, denn die bestehenden Strukturen in einem Unternehmen einfach so zu verändern, ist offensichtlich mehr als schwierig und braucht immer Entscheidungsträger*innen, die bereit sind, einen solchen Prozess mitzutragen. Da sich die Anzahl der Feminist Kings in den Chef*innensesseln der Firmen dieser Welt in Grenzen hält, ist das ein logischer Ausweg für all jene, die es sich leisten können und privilegiert genug sind. Bevor ihr jetzt enttäuscht dieses Buch wegschmeißt, weil ihr denkt, mein Lösungsvorschlag für all unsere Probleme sei, dass wir einfach alle etwas gründen sollten, gebt mir bitte noch einen Moment. Denn wenn wir weiterdenken, ergibt dieser Ansatz schon Sinn.
Angenommen, Frauen, die tatsächlich inklusive, feministische, solidarische Leader*innen werden wollen, die sich nicht an altehrwürdigen männlichen Idealen orientieren, stellen eine Organisation auf die Beine – sie werden auch Arbeitnehmer*innen brauchen, oder? Frauen in Führungsebenen beschäftigen sich außerdem laut einer Studie eher mit den Problemen von Women of Color und anderen diskriminierten Gruppen und machen sich eher gegen Diskriminierung stark.124 Win-win für alle also. Von Frauen gegründete Unternehmen bringen laut Studien übrigens auch mehr »Return on Investment«, da weibliche CEOs risikoärmer und profitorientierter planen.
Ich möchte an dieser Stelle auch alle Männer, die unter den Strukturen des Patriarchats leiden, einladen, zu ebendiesen solidarischen Führungskräften zu werden. Dass es absurd ist, gute Arbeitsbedingungen und sinnvolle Visionen an einem Geschlecht festzumachen, sollten wir nämlich spätestens seit dem Girlboss-Hype wissen.
4 Tipps für solidarisches Verhalten im Job – von Expertin Marita Haas
Such den positiven Dialog. Du wirst immer Personen in deinem Team finden, die auch bereit sind, etwas zu verändern.
Such dir Verbündete! Es gibt immer jemanden, der open-minded ist und der vielleicht wie du im organisationalen Konstrukt feststeckt. Diese Personen sind oft sehr offen für Veränderungsprozesse.
Tritt für andere ein! Ungleichheiten und Ungerechtigkeit aufzeigen kann man immer. Und: Nicht zu lange warten!
Erkenne strukturelle Rahmenbedingungen!
Ein Beispiel: »Stell dir vor, du wirst in einem Meeting nicht gehört, weil es der organisatorische Ablauf nicht erlaubt – und weil unsere Vorstellung von Meetings sehr hierarchisch ist. Wenn du als junge Frau nicht zu Wort kommst oder übergangen wirst, hat das sicher eine Senioritätskomponente, aber auch eine organisationsspezifische. Damit du nicht verzweifelst, solltest du erkennen, dass es Strukturen gibt, die das begünstigen. Überlege dir Lösungsvorschläge: Wie wäre es, wenn jedes Mal jemand anderes im Meeting spricht? Eine Option ist auch, von sich weg und ans Ganze zu denken. Wie könnte man das Meeting für alle verbessern?«
Was ist Erfolg?
»Was ist Erfolg?« ist eine der Fragen, die mich abgesehen von »Meinen wir alle dasselbe, wenn wir etwas als ›Blau‹ bezeichnen?« und »Wann erscheint Lady Gagas nächstes Album?« immer wieder beschäftigen. Urban Dictionary listet verschiedene Definitionen von Erfolg – hier eine kleine Auswahl:126 »Wenn du einmal öfter aufstehst, als du niedergeschlagen wurdest«, »Das Ergebnis von konstantem Streben nach Selbstoptimierung« und »Not Sucking«. Ganz grundsätzlich beschreibt das Wort Erfolg das Erreichen eines gesetzten Zieles. Dieses Ziel kann erst mal ganz individuell sein, denn schließlich wollen wir alle andere Dinge im Leben: eine glückliche Beziehung, eine Wohnung, in der wir uns voll entfalten können, eine Weltreise, ein minimalistisches Leben – was auch immer.
Die Autorin Melissa Orr erklärte in einem Interview mit Forbes, wie Frauen es schaffen können, neue Standards für sich zu setzen und ihr eigenes Narrativ zu verfolgen, anstatt sich von der Gesellschaft vorgegebenen Meilensteinen zu fügen. Sie rät unter anderem, zu verstehen, welche Bedürfnisse im Leben ein Job oder ein Unternehmen nie erfüllen werden (können). Echtes Empowerment sei es, diese Bedürfnisse vom aktuellen Job zu lösen.
Ein Punkt, den sie besonders hervorhebt: eine neue Definition von Erfolg. Sie halte es für sinnvoll, Erfolg rund um sein eigenes Wohlbefinden anstatt um ein Gefühl des Gewinnens zu definieren. In diesem Sinne könne der Begriff »Wohlbefinden« verschiedenste Bedeutungen haben: zum Beispiel das Gefühl der Kontrolle über das eigene Leben und den Weg, den man gehen will, genauso wie ein Gefühl von Authentizität oder einer bewussten Entscheidung für bestimmte Ziele.
Für Gender Consultant Marita Haas bedeutet Erfolg, über sich selbst hinausgewachsen zu sein – auch wenn ihr klar sei, dass es nach wie vor eine sehr »überhöhte« Vorstellung davon gebe, was Erfolg eigentlich bedeutet. »Vielleicht geht es in der heutigen Zeit gar nicht mehr darum, erfolgreich zu sein, sondern darum, ein gutes Leben zu führen. Ein Leben, in dem diejenigen, die ›erfolgreich‹ sind, und die, die es ›nicht sind‹, nicht so weit auseinanderklaffen.« Coachin Vera Steinhäuser findet, dass sich unsere Definition von Erfolg gezwungenermaßen im Laufe der Zeit ändert – und begrüßt diesen Wandel: »Denken wir an die Achtziger. In Filmen wie ›Wall Street‹ wurde Erfolg in der Popkultur extrem männlich dargestellt, mit sehr eindeutigen Symbolen wie Aktenkoffern, Nadelstreif-Anzügen oder Sportwagen. Das ist heute nicht mehr so eindimensional. Ich glaube, wir claimen als Gesellschaft immer mehr die Definition, dass Erfolg auch etwas mit Purpose zu tun hat, und nicht mehr nur mit finanziellen Markern oder Hierarchien, die man erklimmt, egal für welchen Preis, und egal, auf wessen Kosten.«
Die Autorin, Business-Frau und Mentorin Dr. Margie Warrell schrieb in einem Artikel für Forbes, unsere Gesellschaft müsse verstehen, dass wir unser Leben lang einem von anderen definierten, unerreichbaren Ideal nachhecheln werden, wenn wir nicht definieren, was Erfolg für uns persönlich bedeutet.128 Diese Maßstäbe von außen seien meistens davon geprägt, dass sie uns das Gefühl geben, nie genug zu sein und die Erwartungen von anderen erfüllen zu müssen, anstatt unsere eigenen. Das führe zu Situationen, in denen eigentlich erfolgreiche Menschen zutiefst unglücklich mit ihrem Leben seien. Warrell rät dazu, nach einem Sinn im eigenen Tun zu suchen – einer davon könnte sein, dass wir andere empowern und in ihrer Laufbahn bestärken wollen.
Wir müssen bedenken, dass das Suchen und Finden von Sinn in unserem Job zwar positiv sein kann, jedoch im Grunde bloß das System füttert. Denn wie Studien zeigen, sind Menschen, die das Gefühl haben, sinnvolle Arbeit zu verrichten, produktiver und zeigen mehr Einsatz – und verdienen mehr. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz, was nicht bedeuten muss, dass der Ansatz grundfalsch ist. Es wird nur deutlich, dass wir in einem kapitalistischen System niemals gänzlich ohne die zugrunde liegenden Mechanismen werden arbeiten können.
Natürlich muss ich mir an dieser Stelle auch die Frage stellen, was für mich persönlich Erfolg bedeutet. Die Art von Erfolg, die mir in den letzten Jahren als erstrebenswert vorgelebt wurde, hatte in erster Linie mit Finanzen, Zahlen und der eigenen Position im Job zu tun und weniger mit Menschlichkeit, Erfüllung oder gar Solidarität. Bitte versteht mich nicht falsch, ich möchte an dieser Stelle nicht völlig den Bezug zur Realität verlieren und euch sagen, dass wir alle uns vom Streben nach finanzieller Sicherheit und Prestige lösen müssen, um ins nächste Level aufsteigen zu können. Wir leben immer noch in einem kapitalistischen System, in dem wir alle zurechtkommen und überleben müssen, und außerdem verlangt niemand von euch, euch so einfach von den Dingen, die die Gesellschaft uns als erstrebenswert und wichtig verkauft hat, frei zu machen.
Aber wir könnten doch einfach mal darüber nachdenken, was Erfolg im Job für uns in der Zukunft bedeuten könnte. Und im Zuge dessen können wir auch direkt neu framen, welche Verhaltensweisen im Job als schwach und negativ angesehen werden. Stellt euch vor, ihr sitzt bei einem Bewerbungsgespräch und euer Gegenüber fragt euch nach euren Stärken – und anstatt von No-Brainern wie Teamfähigkeit und Ehrgeiz sagt ihr selbstbewusst: »Feminismus, Solidarität und Mental Health!« Und stellt euch vor, der oder die Vorgesetzte wäre schwer beeindruckt von eurer Meinung und würde erkennen, wie wichtig diese Stärken sind und wie deine Werte das gesamte Arbeits- und Firmenumfeld positiv beeinflussen könnten. You’re hired, Girl!
Zu Beginn meiner Karriere fühlte ich mich erfolgreich, wenn einer meiner Artikel gut geklickt wurde – eine nicht sehr nachhaltige Definition, wenn ihr mich fragt. Mein Fokus verschob sich immer mehr und ich feierte es als Erfolg, wenn mir zum Beispiel jemand eine DM schickte, in der er oder sie mir erklärte, dass meine Arbeit für ihn oder sie unterhaltsam, hilfreich oder inspirierend sei. Heute versuche ich immer noch, mein persönliches Erfolgsgefühl in manchen Momenten vom Außen loszulösen und mich so ganz selfcaremäßig zu fragen, was ich eigentlich möchte und anstrebe. Die bestmögliche Antwort, die ich darauf geben kann: Ich bin stolz, erste Schritte weg aus einer toxischen Arbeitskultur gemacht zu haben, die bei mir zu einem problematischen Selbstbild geführt hat. Und diese Schritte mit euch zu teilen. Wenn das kein Erfolg ist, dann weiß ich auch nicht.
Die 7 besten Songs über Solidarität unter Frauen
»Hey Girl, we can make it easy if we lift each other, we don’t have to keep on one-in’ up another«: Wir müssen uns nicht ständig gegenseitig übertreffen, lass uns einander doch bestärken! Diese Botschaft verpacken Lady Gaga und die fabelhafte Florence Welch in ihrem gemeinsamen Song »Hey Girl«, der für mich den Inbegriff von weiblicher Solidarität verkörpert und mir jedes Mal ein Gefühl der Leichtigkeit und einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt, dass wir es gemeinsam vielleicht doch schaffen können. Und ich weiß, ihr werdet es auch spüren.
Hey Girl – Lady Gaga & Florence Welch
I’m Every Woman – Chaka Khan
Rebel Girl – Bikini Kill
Independent Women Part I – Destiny’s Child
Formation – Beyoncé
Q. U. E. E. N. – Janelle Monáe (feat. Erykah Badu)
Wannabe – Spice Girls
Copyright: @Claudia Tödtmann. Alle Rechte vorbehalten.
Kontakt für Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de
Alle inhaltlichen Rechte des Management-Blogs von Claudia Tödtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. Jegliche Nutzung der Inhalte bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung.
Um den Lesefluss nicht zu behindern, wird in Management-Blog-Texten nur die männliche Form genannt, aber immer sind die weibliche und andere Formen gleichermaßen mit gemeint.


