Buchauszug Julian Heißler: „Traum und Albtraum. Amerika und die vielen Gesichter der Freiheit“

Julian Heißler (Foto: PR/Herder Verlag)
Freie Wirtschaft
Wenn Jason Abraham über sein Anwesen spaziert, sind Lola und Lady immer dabei. Die beiden Shih-Tzu-Hunde tollen zwischen den Beinen des Ranchers herum, fahren in seinem Pickup-Truck mit über die unbefestigten Wege auf seinem Grundstück außerhalb des Örtchens Canadian im Norden des US-Bundesstaats Texas und toben durch die Pferdeställe, die an das Haupthaus der Mendota Ranch angeschlossen sind. Lady, zweieinhalb Jahre alt, ist immer in Bewegung, folgt jedem Geräusch, jedem Duft und jedem Schatten. Lola, mit 16 schon eine ältere Dame in ergrautem Fell, lässt es hingegen ruhiger angehen, rollt sich auch gern auf den gepolsterten Sesseln in Abrahams Büro zusammen oder hüpft auf die weichen Hocker in seinem Labor. Sonderlich ähnlich sehen sich die beiden auf den ersten Blick nicht. Doch schaut man genauer hin, sieht man durchaus Gemeinsamkeiten in ihren Gesichtern. Die Größe der Nase, der Augenabstand, die Form des Mauls. Sind Lola und Lady Mutter und Tochter? Schwestern? Abraham schüttelt den Kopf. „Klone“, sagt er.
Mit einem klassischen Wissenschaftler hat Abraham, ein durchtrainierter Mittfünfziger mit festem Händedruck, breitem Cowboyhut über der hohen Stirn und riesiger Gürtelschnalle, nicht viel gemeinsam. Kein Wunder, er ist ja auch keiner. Sein Studium der Ranching Studies schmiss der selbst erklärte „extreme Legastheniker“ nach einigen Semestern. Seitdem ist für ihn Schluss mit formaler Bildung. Trotzdem hat er schon einige Karrieren hinter sich. Seine erste Ranch kaufte er noch im Studium, später machte er sich als Rodeo-Reiter einen Namen. Heute verdient er sein Geld unter anderem damit, auf seinem Grundstück Scharfschützen auszubilden und Touristen das Zielschießen auf Wildschweine aus einem Hubschrauber heraus beizubringen. So weit, so gängig im ländlichen Teil des Lone Star States. Doch über die Jahre erschloss sich Abraham auch eine eher ungewöhnliche Einnahmequelle: In einem holzvertäfelten Raum hinter seinen Pferdekoppeln begann er, Tiere zu klonen.
Abrahams Geschichte kann so wohl nur in den USA spielen. Wo sonst in der westlichen Welt könnte ein Studienabbrecher auf seinem Privatgrundstück ohne große Schwierigkeiten ein erfolgreiches Genlabor hochziehen? Staatliche Einschränkungen und Regulierungen fallen hier traditionell zurückhaltender aus, als in anderen führenden Wirtschaftsnationen. Freies Unternehmertum gilt als eine der tragenden Säulen der Gesellschaft – und das von Anfang an. „Diese Ufer, so bereit für Handel und Industrie“, beschrieb Alexis de Tocqueville die Vereinigten Staaten bereits 1835. Rund 90 Jahre später betonte der damalige US-Präsident Calvin Coolidge die Bedeutung der freien Wirtschaft für seine Landsleute: „Sie sind zutiefst damit beschäftigt, zu produzieren, zu kaufen, zu verkaufen, zu investieren und in der Welt zu gedeihen“, sagte er. „Ich bin der festen Überzeugung, dass dies für die große Mehrheit der Menschen immer die bewegenden Impulse unseres Lebens sein werden.“ Das wichtigste Business der Amerikaner, so Coolidge, sei Business.
Auf den ersten Blick hat die Mischung aus freier Entfaltung der wirtschaftlichen Kräfte bei sanfter staatlicher Aufsicht dem Land gute Dienste geleistet. Seit 1916 gelten die USA als größte Volkswirtschaft der Welt. Nirgendwo auf dem Planeten ist der Anteil der Milliardäre an der Bevölkerung höher. Kein anderes G7-Land hat ein vergleichbar üppiges Pro-Kopf-Einkommen. Und eines der innovativsten Länder der Welt sind die USA obendrein. Kein Wunder also, dass die Vereinigten Staaten für Anhänger des Laissez-Faire-Kapitalismus als leuchtendes Beispiel gelten. Als Vorbild für das, was freies Unternehmertum erreichen kann.
Der Glaube an die Schöpfungskräfte des freien Individuums ist hier traditionell riesig – und tief verwurzelt in der amerikanischen Kultur. Es ist kein Zufall, dass der Amerikanische Traum im Kern die Hoffnung auf wirtschaftlichen Erfolg ist. Vom Tellerwäscher zum Millionär. In einer freien Gesellschaft mit minimaler staatlicher Regulierung, so das Versprechen, kann es jeder mit Fleiß, Chuzpe und einer guten Idee ganz nach oben schaffen. Es ist eine verlockende Vision, die den selbst bestimmten Einzelnen ins Zentrum der Gesellschaft stellt. Vermeintlich zum Wohle des großen Ganzen.
Doch dieser Fokus auf die wirtschaftliche Freiheit des Individuums hat seine Schattenseiten. Ausgerechnet in den USA wird der Amerikanische Traum für immer weniger Menschen zur Wirklichkeit. Der Aufstieg gelingt zunehmend selten. Laut einer Auswertung des World Economic Forum liegen die Vereinigten Staaten, was die soziale Mobilität angeht, im internationalen Vergleich nur noch auf Platz 27. Kein anderes G7-Land schneidet schlechter ab. Und in keinem anderen ist der Reichtum ungleicher verteilt. Die Zustände in den USA ähneln in diesem Punkt eher Marokko und Mikronesien als Kanada, Japan oder Westeuropa. Seit mehr als 50 Jahren wächst der Anteil der wohlhabendsten 20 Prozent am Reichtum des Landes. Mittlerweile teilen ein Fünftel der Bevölkerung mehr als die Hälfte des amerikanischen Gesamteinkommens unter sich auf. Und der Löwenanteil geht an die wohlhabendsten fünf Prozent. Das heißt: 80 Prozent der US-Bevölkerung teilen sich weniger als 50 Prozent des Vermögens der größten Volkswirtschaft der Welt.
Laut Stanford-Ökonom Gabriel Zucman hat die Konzentration des Reichtums in der Hand einer überschaubaren Elite mittlerweile ein Niveau erreicht, wie es die USA seit dem Gilded Age Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr erlebt haben. Auch damals wuchs die Wirtschaft rasant, machte eine kleine Clique unsagbar reich, während ein großer Teil der Bevölkerung in bitterer Armut lebte. Doch der Erfolg der wenigen überstrahlte lange das Leid der vielen. Vergoldete Zeiten eben. Keine goldenen.
Das ökonomische Auseinanderdriften hat Folgen. Die Entwicklung sei ein Grund für derzeitige politische Polarisierung des Landes, heißt es etwa beim linken Think Tank Center for American Progress. Die Amerikaner seien angesichts der Zustände heute pessimistischer und verlören zunehmend das Vertrauen in die Gesellschaft. Das schürt gesellschaftliche Konflikte. Auch dies ist ein Echo des Gilded Age. „Es herrscht ein vages, aber allgemeines Gefühl der Enttäuschung, eine zunehmende Verbitterung unter den Arbeiterklassen, ein weit verbreitetes Gefühl der Unruhe und der drohenden Revolution“, schrieb der Ökonom Henry George angesichts der Zustände in den Vereinigten Staaten bereits 1879.
Zum Umsturz kam es damals nicht. Doch die Politik reagierte dennoch. Während der Progressiven Ära zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der New-Deal-Jahre nach der Großen Depression begann Washington, den vormals nahezu ungezügelten Trusts und Konglomeraten Schranken zu setzen und mit dem Aufbau eines soziales Sicherungssystems. Erst in den 1980er-Jahren, nach der Wahl von Ronald Reagan zum US-Präsidenten, nahm der Fokus auf den Ausbau des Regulierungsstaats wieder ab. Heute gelten viele Regulierungsbehörden als unterfinanziert – vor allem auf der lokalen und bundesstaatlichen Ebene. Die Grenzen für die Freiheit der Wirtschaft sind damit weniger strikt als in vergleichbaren Industrieländern. Laut einer Auswertung des Cato Institute, einem libertären Think Tank, gehören die Vereinigten Staaten weiterhin zu den freiesten Volkswirtschaften der Welt. Im Ländervergleich des jährlich veröffentlichten Economic Freedom of the World Reports, landen die USA auf Platz 7.
Es ist diese lange Tradition der unternehmerischen Freiheit, die auch Jason Abraham seine besondere Karriere ermöglichte. Ein gewisses Verständnis von Fruchtbarkeit gehörte schon immer zu der Berufsbeschreibung von Ranchern. Das Züchten von Rindern oder Pferden ist Teil des Jobs. Doch Abraham ging diese Aufgabe schon früh in seiner Karriere mit besonderer Faszination an. Er wollte das Verfahren verfeinern, Hindernisse überwinden. Also begann er, zu experimentieren. Vor knapp 20 Jahren schockte er die Fachwelt, indem er ein Maultier schwängerte. Das galt eigentlich als unmöglich. Die Kreuzungen aus Pferd und Esel verfügen über eine ungerade Chromosomenzahl, sind daher steril. Doch Abraham wollte sich von vermeintlichen biologischen Zwängen nicht aufhalten lassen. Er pumpte seine Maultierstute Lou mit Hormonen und Medikamenten voll, überprüfte mit regelmäßigen Ultraschallen den Zustand ihrer Gebärmutter und transferierte schließlich einen Pferdeembryo. Am 14. April 2006 kam auf der Mendota Ranch das gesunde Fohlen Candy Lou auf die Welt. Eine Sensation, die Abraham in der überschaubaren Welt der texanischen Reproduktionsveterinärmedizin bekannt machte. Bis heute ist er stolz auf seinen Durchbruch. „Ich habe genau einen Versuch gebraucht“, sagt der Rancher.
Der Erfolg brachte Abraham nicht nur die Anerkennung der Fachwelt. Ein Unternehmen in der Hauptstadt Austin wurde auf ihn Aufmerksam. Die Firma versuchte, Haustiere und Pferde zu klonen, hatte aber Schwierigkeiten, die reproduzierten Embryonen zum Einnisten zu bringen. Abraham konnte helfen – und nutzte die Gelegenheit, um sich das Klonverfahren von seinen neuen Auftraggebern abzuschauen. Zurück auf der Mendota Ranch baute er sich nach und nach ein kleines Labor auf. Dann begann er, auf eigene Faust zu klonen. Um Erlaubnis fragte er – natürlich – niemanden.
Hört man Abraham zu, dann war an seinem neuen Betätigungsfeld nichts weiter schwierig. Der Autodidakt wendete lediglich das Verfahren an, mit dem schottische Wissenschaftler 1996 – zehn Jahre vor der Geburt von Candy Lou – das legendäre Schaf Dolly reproduziert hatten. Dolly war eine Weltsensation, ein Triumph der Gentechnik, vergleichbar nur mit dem Start des sowjetischen Satelliten Sputnik oder der Mondlandung. Doch die zugrundeliegende Technologie ist, glaubt man dem Rancher, nicht sonderlich kompliziert. Tatsächlich ist das Klonen von Nutztieren wie Schweinen und Rindern in den USA mittlerweile recht gängig. Seit 2008 erhebt die amerikanische Lebensmittelaufsichtsbehörde FDA keine Einwände mehr gegen den Verzehr des Fleisches oder der Milch geklonter Tiere, was allerdings angesichts der hohen Kosten nur selten tatsächlich geschieht. Auch wird die Technik genutzt, um vom Aussterben bedrohte Arten zu retten. Im Dezember 2020 etwa präsentierten Forscher der Organisation Revive & Restore in Colorado der Welt den Schwarzfußiltis Elizabeth Ann – geschaffen aus Genmaterial eines Tieres, das bereits in den Achtzigerjahren verendet war. Das Weibchen soll der vom Verschwinden bedrohten Spezies das Überleben sichern. Andere Rettungsklone folgten.
Für Abraham war das Verfahren hingegen ein reines Geschäft. Zunächst reproduzierte er hauptsächlich Pferde – um die 400 dürften es über die Jahre gewesen sein, schätzt er. Auch heute hat er noch einige Klone in seinen Ställen stehen. Dann, 2009, meldete sich ein Züchter bei dem Rancher mit einer Frage, die den Verlauf seiner Karriere für immer verändern würde: Kannst Du auch Hirsche klonen?
Konnte er nicht. Doch Abraham war zuversichtlich, dass er die Technik auch an die Besonderheiten dieser Spezies anpassen können würde. Schließlich hatte er über die Jahre alle möglichen Tierarten geklont – nicht nur Pferde, sondern auch Schweine, Schafe, Ziegen und Rinder. „Ich habe ihm gesagt: Das kostet 150.000 Dollar. Und er meinte: kein Problem“, erinnert sich Abraham. Also machte er sich an die Arbeit. Zwei Jahre später kamen auf der Mendota Ranch die ersten geklonten Hirschkälber auf die Welt.
Doch warum sollte jemand einen sechsstelligen Betrag ausgerechnet für einen geklonten Hirsch bezahlen? Kaum ein anderes Wildtier ist in den USA weiter verbreitet. Schätzungen zufolge streifen stolze 35 Millionen Weißwedelhirsche durch die Vereinigten Staaten, allein in Texas dürften es mehr als fünf Millionen sein. Doch Hirsch ist nicht gleich Hirsch – vor allem nicht für Jäger. Seit jeher kommt es denen bei der Pirsch nicht nur auf das Verfolgen und Erlegen eines Wildtieres an, sondern vor allem auf die Trophäe, die später über ihrem Kamin hängt.
Die Nachfrage nach meterlangen Geweihen steigt unter wohlhabenden Jägern seit Jahren stetig. Das treibt die Preise. Auf einigen Grundstücken in Texas werden mittlerweile mehrere Zehntausend Dollar für Jagdausflüge fällig, um besonders prächtige Hirsche abzuschießen. Zum Vergleich: Ein einfaches Wald-und-Wiesen-Tier auf öffentlichem Boden zu jagen kostet im Lone Star State für Besucher gerade einmal 315 Dollar Lizenzgebühr. Einheimische zahlen weniger. Einen Superbock dürfte man bei einem solchen Jagdausflug allerdings kaum vor die Flinte bekommen. „Genetischer Abfall“ seien die in der Natur geborene Tiere, findet Abraham.
Längst hat sich in Texas deshalb ein ganzer Industriezweig gegründet, um die Ansprüche der Luxusjäger zu bedienen. Knapp 1000 Züchter kreuzen mittlerweile besonders ansehnliche Männchen mit den schönsten Weibchen, um immer wertvollere Hirsche zu produzieren, die dann auf teils eingezäunten Grundstücken ausgesetzt und zum Abschuss freigegeben werden. Jagdpuristen halten das zwar für unsportlich, doch der zwölfendigen Trophäe an der Wand sieht man das später nicht an.
Die Zucht ist nicht gerade unkompliziert. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Selbst die vielversprechendsten Hirschkühe produzieren nicht immer die gewünschten Kälber mit Ausnahmegeweihen. Damit laufen die Züchter Gefahr, teures Hirschsperma einzusetzen, ohne die gewünschten Supertrophäen zu bekommen.
An dieser Stelle kam Abraham ins Spiel. Hatte ein Weibchen bewiesen, dass es regelmäßig hochwertige Nachkommen auf die Welt bringt, klonte der Rancher es für verschiedene Züchter. Die Kopien dieser Hirschkuh konnten dann mit dem Sperma stattlicher Männchen befruchtet werden und so die Zahl der Premiumhirsche in den Jagdrevieren deutlich erhöhen – und damit den Profit der Veranstalter.
Abraham war nicht der erste Hirschkloner der Welt. Bereits 2003 hatte ein Forscher an der Texas A&M University einen Weißwedelhirsch namens Dewey reproduziert. Doch was der Rancher tat, war etwas anderes. Er klonte das Wildtier nicht in einem staatlichen Labor zu wissenschaftlichen Zwecken, sondern auf einer privaten Ranch zum Geldverdienen. Ohne Aufsicht und Kontrolle. Lange ging das gut für ihn – und rechnete sich. 50.000 Dollar konnte er für eine geklonte Weißwedelhirschkuh aufrufen. Für ein Exemplar der selteneren Maultierhirsche verlangte er gar 75.000 Dollar. Das Geschäft lief ordentlich. Zwischen 35 und 45 Hirschkühe habe er bis 2020 geklont, sagt Abraham. Doch dann wurde der Staat auf ihn aufmerksam – und untersagte die Reproduktion von Hirschen im ganzen Bundesstaat. Die entsprechende Verordnung traf nur Abraham, schließlich klonte niemand sonst in Texas die Tiere. „Sie haben mir ohne Vorwarnung die Geschäftsgrundlage entzogen“, ärgert er sich.
Es waren keine ethischen Bedenken, die den Rancher um sein Geschäft brachten. Vielmehr hätten medizinische Gründe den Staat zum Eingreifen gezwungen, heißt es bei der zuständigen Wildtierbehörde TPWD. Schließlich kam es in der Vergangenheit unter den texanischen Hirschen immer wieder zu Fällen von CWD, einer Krankheit, die in etwa mit BSE bei Rindern vergleichbar ist. Um die Ausbrüche zu kontrollieren, müsse die Behörde in der Lage sein, alle Hirsche in Texas zurückzuverfolgen, so ein TPWD-Vertreter. Nur so könnten im Falle eines Ausbruchs Quarantänen und Notschlachtungen auf einzelne Gehege beschränkt bleiben. Deshalb sei jeder gezüchtete Hirsch im Staat registriert und müsse eindeutig identifizierbar sein – im Zweifel über einen DNA-Abgleich. Existierten allerdings Klone in der Population, so die Behörden-Begründung, könnten Tiere nicht mehr eindeutig zurückverfolgt werden. Nicht alle Experten halten dieses Argument für überzeugend. Schließlich gebe es in freier Wildbahn und in Gehegen auch eineiige Zwillinge, die sich per DNA-Abgleich nicht von ihren Geschwistern unterscheiden ließen. Und Klone seien genetisch nichts anderes als das.
Doch es gibt noch eine rechtliche Besonderheit in diesem sehr speziellen Geschäft: Alle Wildtiere seien, so heißt es beim TPWD, Eigentum des Staates Texas. Ohne eine formale Erlaubnis hätte Abraham nichts mit den Hirschen anstellen dürfen. Und eine Genehmigung hatte der Rancher selbstredend nicht. Ob diese Einschätzung vor Gericht Bestand hätte, ist unklar. Doch auf einen Rechtsstreit wollte es Abraham nicht ankommen lassen. Zeitweise versuchte er, das Klonen von Hirschen formal legalisieren zu lassen, doch ein entsprechender Gesetzesentwurf blieb im texanischen Repräsentantenhaus stecken. Deshalb ist für ihn jetzt Schluss mit der Reproduktionstechnik. Sein Labor hat er längst aufgelöst. Dass er sich erneut an das Klonen von Hirschen herantraut, glaubt er nicht. „Wenn man eine Regierungsbehörde gegen sich hat, dann lohnt sich der Aufwand nicht“, sagt er. „Die finden schon einen Grund, um mir das Leben wieder schwer zu machen.“
Im Fall von Abraham hat der Staat also durchgegriffen, seiner wirtschaftlichen Freiheit klare Grenzen gesetzt. Den Rancher ärgert das bis heute. „Ich habe sehr hart daran gearbeitet, diese Technik zu entwickeln“, sagt Abraham. „Und dann kommt Regierung und macht mir den Laden dicht.“ Er habe eine Dienstleistung angeboten, für die es auf dem freien Markt eine Nachfrage gegeben habe. Nicht anderes interessierte ihn. „Wenn die Idee dumm gewesen wäre, dann wäre ich von allein Bankrott gegangen“, schimpft er. „Dafür braucht es nicht den Staat Texas.“
Mit dieser Staatsskepsis ist Abraham nicht allein. Laut einer Umfrage im Auftrag des Wirtschaftslobbyverbandes Chamber of Commerce halten mehr als 80 Prozent der US-Bevölkerung Wettbewerb auf dem freien Markt und nicht staatliche Regulierung für den Treiber hinter amerikanischer Innovation. Laut Meinungsforschungsinstitut Gallup sind rund 60 Prozent der Amerikaner unzufrieden mit dem Zustand des Regulierungsstaats. Der Großteil dieser Gruppe will weniger staatliche Eingriffe in die freie Wirtschaft – nicht mehr.
Myron Smart hingegen hat nicht das Gefühl, dass den amerikanischen Konzernen zu sehr auf die Finger geschaut würde. Der 60jährige steht am Rande eines schneebedeckten Kraters im Norden des US-Bundesstaats Nevada, kurz hinter der Grenze zu Oregon. Es ist ein kalter Tag im Februar. Schneidender Wind pfeift von den nahegelegenen Santa Rosa Mountains über die flache Wüstenlandschaft des Großen Beckens. Ansonsten ist es still.
Smart kommt oft hierher. Das riesige Loch im Boden befindet sich nur eine kurze Autofahrt von seinem Wohnhaus im Reservat des Fort McDermitt Paiute and Shoshone Stammes entfernt. Es ist das Überbleibsel einer Mine, aus der über Jahrzehnte Quecksilber gefördert wurde. Seit den späten 1980er-Jahren steht die Produktion still, 1994 wurde der Tagebau endgültig für beendet erklärt. Eigentlich hätte der Krater längst wieder zugeschüttet werden, die Landschaft möglichst in ihren Urzustand zurückversetzt werden sollen. Doch dazu kam es nie – sehr zum Ärger von Smart und anderen Mitgliedern des Stammes. Das Land hier hat eine große Bedeutung für die Paiute und Shoshonen. Doch ihre Interessen spielten nach dem Ende der Förderung keine große Rolle mehr. Ein Stück weiter den Hügel hinauf hat das Bergbauunternehmen einen windschiefen Aufzug und ein mit weißen Beuteln vollgestopftes Lagerhaus einfach stehen gelassen. Am löchrigen Zaun um die Anlage warnt ein Schild vor Giftstoffen.
Doch das sind nur die sichtbaren Hinterlassenschaften des Quecksilberabbaus. Wie die Umweltbehörde EPA feststellte, sind der Boden und das Trinkwasser auf dem ehemaligen Minengebiet unter anderem mit Arsen belastet. Das hat Auswirkungen auf den Stamm. Dass die Krebsraten im Reservat ungewöhnlich hoch sind, hält nicht nur Smart für eine Folge des Tagebaus in der Region. Doch kaum jemand interessiere sich dafür, beklagt der 60jährige.
Wenn es um die Anliegen des Bergbaus geht, dann schlagen sich die Offiziellen hier im Norden Nevadas tatsächlich in der Regel auf die Seite der Industrie. Der Wirtschaftszweig ist wichtig für die Region. In Humboldt County, dem Landkreis, in dem auch das Reservat größtenteils liegt, ist die Bergbauindustrie der größte Arbeitgeber. Ihr Wort hat hier Gewicht. Das bekam Smart erst kürzlich wieder zu spüren. Derzeit entsteht unweit des Stammesgebiets das Thacker-Pass-Projekt – die größte Lithiummine der Vereinigten Staaten. Rund 40.000 Tonnen des Edelmetalls sollen hier ab 2026 jedes Jahr gefördert werden, später sogar 80.000. In den ganzen USA sind es bisher gerade mal 5000 Tonnen jährlich.
Das Projekt sei wegweisend für den grünen Umbau der größten Volkswirtschaft der Welt, sagen seine Anhänger. Denn Lithium ist einer der entscheidenden Rohstoffe für die Energiewende. Das Edelmetall steckt in modernen Akkus, ist damit etwa ein integraler Bestandteil elektrisch betriebener Autos. Deshalb ist die Thacker-Pass-Mine politisch gewollt. Genehmigt wurde sie noch, als Donald Trump im Weißen Haus regierte, doch auch Joe Bidens Administration steht hinter dem Projekt.
Hinzu kommt, dass die Mine dauerhaft gutbezahlte Jobs in den abgelegenen Winkel des Silver State bringt. Doch Smart ist trotzdem nicht überzeugt. Die Angst vor den unerwünschten Nebeneffekten eines solchen Megaprojekts in unmittelbarer Nähe zu seiner Heimat ist groß. „Der Wind wird wieder alle möglichen Stoffe wieder in unsere Richtung tragen“, sagt er. „Doch unsere Interessen zählen nicht viel.“
Smart spricht nicht für den ganzen Stamm. Viele Mitglieder sehen im Thacker-Pass-Projekt vor allem eine Chance. 1000 Arbeiter werden in den kommenden Jahren gebraucht, um die Mine und die angeschlossenen Werke zu errichten. Das bietet Gelegenheiten für die Bewohner des Reservats. Wenn der Betrieb einmal aufgenommen wurde, sind immer noch 500 Jobs zu vergeben. Und die kann der Stamm brauchen. In McDermitt, der kleinen Siedlung im Reservat, liegt die Armutsquote bei mehr als 35 Prozent.

Julian Heißler: „Traum und Albtraum. Amerika und die vielen Gesichter der Freiheit“ – Herder Verlag, 22 Euro, 240 Seiten https://www.herder.de/geschichte-politik/shop/p4/82589-traum-und-albtraum-klappenbroschur/
Wie viele der Jobs tatsächlich an Mitglieder des kleinen Stammes gehen werden, ist allerdings eine andere Frage. Gesucht werden vor allem Fachkräfte – und davon gibt es im Reservat nur wenige. Gerade die Jüngeren sind oft längst weggezogen. Auch Smart selbst lebte viele Jahre nicht hier, schlug sich mit Jobs im nahegelegenen Winnemucca durch, der Hauptstadt von Humboldt County. Erst als seine Mutter starb, kehrte er ins Reservat zurück, um das Haus der Familie zu übernehmen. Heute bewohnt er es allein. Seine Tochter, von deren Mutter er getrennt lebt, studiert in Reno Waldbewirtschaftung. Zu Besuch kommt sie nur selten.
Doch mit dem Alter ist auch Smarts Verbindung zu seiner Herkunft wieder gewachsen. Seit seinem 60. Geburtstag gilt er offiziell als Stammesälterer – ein Begriff, den er ungern hört. Sein Vater war Teil der Verwaltung des Reservats, doch für ihn sei das nichts, sagt er. Stattdessen zieht er sich in diesen Tagen wieder häufiger in die Berge zurück, führt Rituale durch um „in Kontakt mit den Geistern und dem Schöpfer“ zu bleiben, wie er es nennt.
Auch auf dem Thacker Pass – Peehee Mu’huh in der Sprache der Paiute – habe er früher häufig gebetet, sagt Smart. Der Ort hat für den Stamm besondere kulturelle Bedeutung. 1865, kurz nachdem Nevada als Staat in die USA aufgenommen wurde, massakrierte die amerikanische Kavallerie in der Region dutzende Paiute. Laut Stammesmitgliedern fand das Gemetzel auf dem Gebiet statt, wo bald das Lithium abgebaut werden soll. Auch Gräber befänden sich noch dort. Die US-Regierung widerspricht, versichert, der Überfall habe 15 Meilen vom Bergbauprojekt entfernt stattgefunden. Doch trotz der Beteuerungen bleibt bei den Kritikern das Gefühl, ihre Interessen würden nicht ernst genommen. Und die Anliegen der Unternehmen stünden über allem.
Wenn Smart über Freiheit spricht, dann kommt das Wort Wirtschaft nicht vor. „Ich will saubere Luft atmen und frisches Wasser trinken“, sagt er. Doch zwischen Baumaschinen sei dies kaum möglich. Die neue Mine, das vermeintliche Zukunftsprojekt, ist für ihn deshalb vor allem eine Bedrohung. Allein ist er mit dieser Meinung nicht. Im Reservat hängen gut sichtbar Protestplakate an Zäunen, die sich gegen das Thacker-Pass-Projekt aussprechen. Dass das Unternehmen hinter dem Lithium-Abbau versprach, dem Stamm ein neues Gemeindezentrum mit angeschlossenem Kindergarten zu spendieren, konnte den Widerstand nicht brechen. Dies sei nur eine Geste, findet Smart, um Kritiker ruhigzustellen. Dass die Stammesführung darauf eingegangen sei, kann er nicht nachvollziehen. „Sie haben sich kaufen lassen“, sagt er.
Damit ist Smarts Eindruck von der Rolle des Staates mit Blick auf die Wirtschaft das exakte Gegenteil von dem, den Abraham gewonnen hat. Der Texaner sieht in ihm einen übergriffigen Akteur, der ihm ein einträgliches Geschäft zerstört hat. Das Stammesmitglied hingegen sieht in den Behörden bestenfalls Handlanger der Interessen der Konzerne. In ihrer Freiheit eingeschränkt, fühlen sie sich beide.
Für andere hingegen ist der Staat überlebensnotwendig. Ohne finanzielle Unterstützung durch die Allgemeinheit wäre für viele Amerikaner eine halbwegs selbstbestimmte Existenz nicht vorstellbar. Mehr als 92 Millionen Menschen sind auf Medicaid oder CHIP angewiesen – staatliche Krankenversicherungssysteme, die den ärmsten in der Bevölkerung offenstehen. Lebensmittelmarken beziehen mehr als 42 Millionen Menschen. Und mehr als 26 Millionen Kinder und Jugendliche haben Anrecht auf kostenloses oder preisreduziertes Schulessen. Doch es sind nicht nur Individuen, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Ganze Industriezweige könnten ohne Hilfe aus Washington nicht überleben. Jedes Jahr bekommen sie Milliarden aus dem öffentlichen Haushalt zugewiesen, um ihre Funktion zu erfüllen – zum Wohle des ganzen Landes.
Der glänzende Bolzen ist auf dem Grasboden kaum zu erkennen, doch Dave Struthers weiß sofort, dass etwas nicht stimmt. „Da ist was rausgefallen, das muss ich später noch reparieren“, sagt der Mittfünfziger in weißem T-Shirt mit der Baseball-Mütze eines Saatgutherstellers auf dem Kopf. Struthers steht neben einem kleinen Traktor, der alte Dieselmotor tuckert vor sich hin. Seit vielen Jahren fährt er mit dieser Maschine auf seine Felder in der Nähe des Örtchen Collins, eine gute Autostunde von Des Moines, Iowa, entfernt. Die Pannen der Maschine werden mit dem Alter nicht weniger. An Ersatz ist derzeit allerdings nicht zu denken. Das Geld des Farmers sitzt im Moment nicht gerade locker.
Struthers arbeitet bereits sein ganzes Leben als Landwirt. Seine Familie bestellt seit Generationen das Land hier im Mittleren Westen. Zum Highschool-Abschluss teilten ihm seine Eltern ein Stück des Hofes zu, auf dem er eigenverantwortlich arbeiten durfte. Struthers zog eine kleine Schweinezucht hoch, die sich über die Jahre stetig vergrößerte. Als Mitte der 1980er-Jahre im Zuge des Wirtschaftsabschwungs das Höfesterben die Region erfasste, erweiterte er mit seinen Angehörigen klug den Betrieb, diversifizierte, dachte voraus. Heute bestellt die Familie Struthers rund 450 Hektar Land mit Mais und Soja, zieht neben den Schweinen auch einige Rinder groß und baut für ein Saatgutunternehmen Pflanzen an. So stellte sich der Betrieb breit auf, sicherte sich gegen die üblichen Marktschwankungen ab, mit denen Bauern seit Jahrhunderten leben müssen. Eigentlich krisenfest, sollte man meinen.
Es ist ein sonniger Freitagnachmittag im Spätsommer 2019. Im Weißen Haus regiert Donald Trump, über Coronaviren sprechen nur Experten. Trotzdem hat Struthers bereits Grund zur Sorge. Seit Monaten liefert sich der Präsident einen Handelskrieg mit China. Für den Farmer ist das ein Problem. Wie viele andere Bauern hatte er sich über die Jahre einen verlässlichen Abnehmerkreis für seine Produkte in Fernost erarbeitet. Doch seit sich Washington und Beijing gegenseitig mit Zöllen überziehen, haben seine Kunden sich umorientiert. Aufträge brachen weg. Zehntausende Dollar habe ihn der Zollstreit bereits gekostet, rechnet Struthers vor. Ein Ende ist an diesem Septembertag nicht abzusehen.
Und es traf ja nicht nur Struthers. Der ganze Landwirtschaftssektor ächzte in diesem Jahr unter der Handelsauseinandersetzung. Die Administration reagierte, legte milliardenschwere Hilfsprogramme für die Bauern auf. Das konnte die Probleme abfedern, aber nicht lösen. Die Zahl der Familienfarmen, die 2019 in die Pleite schlitterten, stieg im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent. Ohne staatliche Unterstützung wären es wohl noch deutlich mehr gewesen. Und diejenigen, die überlebten, bezogen übers Jahr gerechnet fast ein Drittel ihres Nettogesamteinkommens von der Regierung.
Die Rettung kostete viel Geld. Mehr als 22 Milliarden Dollar pumpte die Trump-Administration 2019 an Direktzahlungen in den Landwirtschaftssektor – in etwa doppelt so viel wie noch zwei Jahre zuvor. 2020, im Zuge der Covid-Krise, stiegen die Zuwendungen gar auf mehr als 45 Milliarden Dollar. Heute, nach Handelskrieg und Pandemie, fallen die Zuschüsse niedriger aus. Viel Geld ist es allerdings immer noch – rund 10 Milliarden Dollar. Indirekte Hilfsmaßnahmen und Subventionen sind da noch gar nicht mitgerechnet.
Der Handelskrieg erschütterte etwas in Struthers. Staatlich Zuwendungen waren immer Teil der Kalkulation des Bauern. Doch die Abhängigkeit der Krisenjahre hat ihm nicht gefallen. Eigentlich wollte er keine Zuwendungen. Er wollte seinen Job machen, gutes Fleisch und Getreide zu fairen Preisen an seine Kunden verkaufen. Doch er wusste auch: Verweigert er sich, dann geht wohl auch sein Hof unter. Also nahm er die Hilfszahlungen an, tat weiter sein Bestes – und manövrierte sein Unternehmen so durch die Krise.
Vier Jahre später sitzt Struthers am Steuer seines Futterwagens. Ein graumelierter Bart ziert das ehemals glattrasierte Kinn, ansonsten hat er sich kaum verändert. Noch immer bestellt er seine Felder und betreibt seine Zucht. Seine Farm hat überlebt. Mehr als das: Sie steht heute wieder sehr gut da.
Die Krisenjahre seien schon lange vorbei, erklärt Struthers. Nach Handelskrieg und Covid-Schock hätten die Marktpreise bald angezogen. Die Ernten der vergangenen Jahre seien gut gewesen, und sogar die durch die Inflation gestiegenen Preise für Chemikalien, Dünger oder Saatgut habe er durch glückliche Termingeschäfte gut abfedern können. „Wir können uns wirklich nicht beschweren“, sagt Struthers. Wenn er mit seiner Frau heute darüber spricht, den Hof aufzugeben, dann ist das Szenario ein gewinnbringender Verkauf, nicht mehr der Bankrott.
Nicht, dass Struthers wirklich bereit wäre, zu verkaufen. Für den Ruhestand sei es noch viel zu früh, findet er – anders als seine Gattin. Trotzdem ist er froh, dass die Entscheidung über die Zukunft der Farm nun wieder in seiner Hand liegt. Sein Neffe arbeitet mittlerweile auf dem Hof mit, die nächste Generation der Familie stünde also bereit, den Betrieb zu übernehmen. Für Struthers ist das nicht unwichtig. Seit dem 19. Jahrhundert besitzen seine Vorfahren hier in Iowa Land, säen und züchten. Diese Tradition soll möglichst nicht mit ihm enden. Für den Farmer zeichnet sich damit ein Happy End ab – dank üppiger staatlicher Unterstützung.
Struthers ist das sehr bewusst. Sein unternehmerisches Talent allein hätte womöglich nicht ausgereicht, um den Betrieb durch die vergangenen schwierigen Jahre zu führen. Dabei ist er ein begabter Geschäftsmann – das beweist allein die Tatsache, dass sein Hof noch existiert. Die Zahl der Farmen sink in den USA seit Jahrzehnten stetig. Immer mehr Betriebe werden zusammengelegt oder von Großkonzernen aufgekauft.[34] Die Familienfarm – über Generationen das Rückgrat der amerikanischen Wirtschaft – wird vielleicht nicht verschwinden, doch sie verliert zunehmend an Bedeutung. Dass es sie noch gibt, hängt mit dem politischen Willen zusammen, sie am Leben zu erhalten. Mit der Vorstellung einer freien Wirtschaft ohne Rolle für den Staat, passt dieser Umstand allerdings nicht gut zusammen. Mit dem Ideal des selbstverdienten Reichtums durch harte Arbeit ebenfalls nicht. Das heißt jedoch nicht, dass der Amerikanische Traum überall ausgeträumt wäre.
An ihre erste Fahrt in einem Auto kann sich Linda Zhang noch genau erinnern. „Ich war acht Jahre alt – und es war faszinierend“, erzählt sie. Ihr Vater, Mitte der 1980er-Jahre Dozent an der Purdue University im US-Bundesstaat Indiana, hatte seine Familie aus dem ländlichen China in die Vereinigten Staaten geholt. Am Flughafen von Chicago sammelte er Frau und Kind mit einem geliehenen Auto ein, um sie in ihre etwa drei Stunden entfernte neue Heimat zu fahren. Zhang war begeistert. Draußen war es längst dunkel, doch trotz ihrer stundenlangen Anreise konnte sie nicht einschlafen. „Ich saß auf dem Rücksitz und war wie im Siebten Himmel“, erinnert sie. Die Lichter entlang des Highways, das Leuchten der Anzeigen im Innenraum des Fahrzeugs, haben sich in ihr Gedächtnis gebrannt. Sie habe sich gefühlt, „wie eine Prinzessin in der Kutsche.“
Für Zhang war die Nachtfahrt durch den Mittleren Westen mehr als nur ein einschneidendes Kindheitserlebnis. Die Spritztour war der Ausgangspunkt für eine Karriere, die sie durch harte Arbeit an die Schaltstellen des fünftgrößten Automobilherstellers der Welt führte. Denn Zhang fährt nicht nur bis heute gern Autos – sie baut sie auch. Direkt nach dem Studium heuerte sie bei Ford in Michigan an, ging durch mehrere Projekte und Abteilungen, bis sie vor vier Jahren auf ihrer aktuellen Position landete: Als Chefingenieurin leitete sie die Entwicklung des Ford F-150 Lightning – der vollständig elektrifizierten Version des beliebtesten Autos der Vereinigten Staaten.
Man kann die Bedeutung dieser Aufgabe für den Autobauer aus Detroit kaum überbetonen. Mehr als 16 Millionen Exemplare der F-Serie fahren derzeit durch die Vereinigten Staaten. In 30 von 50 Bundesstaaten sind die Trucks der Baureihe die am häufigsten verkauften Fahrzeuge überhaupt. Der Ford-Pick-Up „generiert mehr Umsatz als alle amerikanischen Sportsligen zusammen und übertrifft den mehrerer Fortune-100-Unternehmen wie Nike, Coca-Cola, Netflix und Tesla“, heißt es in einem Bericht der Boston Consulting Group. Der einzige amerikanische Konsumartikel, der noch mehr Einnahmen für seinen Hersteller generiert, ist das iPhone. Seit 46 Jahren hat kein Konkurrent in den USA mehr Pick-Up-Trucks verkauft als Ford. Überhaupt ist der F-150 seit 41 Jahren das am häufigsten verkaufte Auto der Vereinigten Staaten. Durchschnittlich alle 49 Sekunden erwirbt ein Amerikaner ein Modell aus der F-Serie.
Zhangs Aufgabe ist es nun dafür zu sorgen, dass das so bleibt. Die notwendige Erfahrung brachte sie in jedem Fall mit. Die Faszination mit Autos hat sie nach der Nachtfahrt vor mehr als 30 Jahren nie losgelassen. Als Schülerin begeisterten sie die futuristischen Gefährte aus dem Fernseher: Das Bat-Mobil. K.I.T.T. aus Knight Rider. „Ich habe Autos immer als etwas mit großem Potenzial gesehen“, sagt Zhang. Zu ihren 16. Geburtstag, den Führerschein frisch in der Tasche, hoffte sie dann auch direkt ihre eigenen vier Räder – ein Wunsch, den sich die Familie damals nicht leisten konnte. Doch sobald Zhang ihr eigenes Geld verdiente, kaufte sie sich ihr erstes Auto: Einen Ford Probe. Das Modell stand damals schon kurz vor der Einstellung, doch Zhang hielt dennoch ihre ersten Gehaltsschecks zusammen, um schnell noch einen Probe zu kaufen. „Ich wollte ihn unbedingt haben, weil seine Scheinwerfer in der Motorhaube versenkt werden konnten“, sagt sie. „So wie bei K.I.T.T.“
Nach dem Studium machte sie ihre Leidenschaft zum Beruf. 1996, nachdem sie ihre Ausbildung als Elektroingenieurin an der University of Michigan abgeschlossen hatte, heuerte sie bei Ford an, arbeitete unter anderem an SUVs Explorer und Escape mit und schließlich am benzinbetriebenen F-150. Ein klassischer Lebenslauf also, der jeden Ingenieur auf die Arbeit am Lightning vorbereitet hätte. Doch dass die Neugestaltung dieser amerikanischen Ikone in der männerdominierten Autobranche von einer Einwanderin übernommen wurde, die bei ihrer Ankunft in den Vereinigten Staaten noch kein Wort englisch sprach, ist womöglich ein Zeichen dafür, dass der Amerikanische Traum zwar in der Krise steckt, aber noch am Leben ist.
Zhang selbst spricht nur ungern über die symbolische Bedeutung ihres Erfolgs. „Ich sehe mich nicht als weibliche Ingenieurin, sondern als Ingenieur“, sagt sie. Herkunft und Geschlecht spielten für ihre Arbeit keine Rolle. Im Mittelpunkt stünden nicht die Identitätsmerkmale des Teams, sondern die Kundenerfahrung. Das mag stimmen, doch in einer Zeit, in der das amerikanische Aufstiegsversprechen immer seltener eingelöst wird, muss Zhang fast zwangsläufig zur Projektionsfläche werden – zur unwilligen Freiheitsstatue. Das Time Magazine nahm sie im November 2021 auf seine Titelseite. Einige Monate später kürte USA Today sie zu einer der Frauen des Jahres. Auch die Fachpresse überschüttete sie mit Auszeichnungen und Aufmerksamkeit. Zhang verdient zweifelsohne jede dieser Ehrungen, doch der Fokus auf ihre Person zeigt auch, wie groß die Sehnsucht nach positiven Beispielen für die Durchlässigkeit des amerikanischen Systems mittlerweile geworden ist. Der Glaube an die Kraft der freien Wirtschaft allein reicht anscheinend nicht mehr aus. Es braucht Belege, um den Glauben an den Amerikanischen Traum aufrecht zu erhalten.
Nicht, dass Zhang das einige Beispiel wäre. Doch in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sind Geschichten wie ihre seltener geworden. „In den USA ist die Einkommensmobilität zwischen den Generationen relativ gering, insbesondere im Vergleich zu anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften, und die Mobilität scheint seit 1980 abgenommen zu haben“, heißt es nicht etwa bei einem progressiven Think Tank, sondern in einer Studie der Federal Reserve Bank of Chicago. Im Klartext: Die Chance für Kinder wirtschaftlich einmal besser dazustehen als ihre Eltern, sinkt seit Jahrzehnten. Die Zeiten, in denen der Großteil der Mittelschichtsfamilien davon ausgehen konnte, dass es der nächsten Generation noch besser gehen würde, sind vorbei.
Anthony Scaramucci bedauert das. Wenn es einen Amerikanischen Traum gibt, dann hat er ihn gelebt. Scaramuccis Vater war Bauarbeiter auf Long Island. Mehr als einen Highschool-Abschluss hatte er nicht, arbeitete mit seinen Händen. Seine Frau schmiss den Haushalt und kümmerte sich um die drei Kinder. Trotzdem reichte das Geld für ein Haus und ein Auto – die Statussymbole der amerikanischen Mittelschicht.
Die Stabilität, die das Gehalt des Vaters der Familie lieferte, ermöglichte es seinem zweiten Sohn, größer zu denken. Anthony war clever, musste sich in der Highschool nicht anstrengen, um einen ordentlichen Abschluss zu machen. Das eröffnete ihm Perspektiven. Eine Collegeausbildung war möglich. Scaramucci entschied sich für Tufts, eine angesehene Privatuniversität in Massachusetts. „Das war etwas teurer als es eine staatliche Schule gewesen wäre, aber ich dachte, wenn ich an den Wochenenden arbeite, kann ich die Studiengebühren stemmen“, erinnert er sich. Nach dem Abschluss bewarb er sich an der Harvard Law School, der wohl angesehensten juristischen Fakultät des Landes. Und wurde akzeptiert. Ohne Großspende der Familie oder Strippenziehen im Hintergrund. Geld für eine Zuwendung oder Verbindungen, die man anzapfen könnte, hatte die Familie ohnehin nicht. „Die Bedeutung, die das für meine Familie hatte, lässt sich kaum ermessen“, sagt Scaramucci. Amerika wirkte für ihn in dieser Zeit sehr flach, erinnert er sich. „Ich habe ein Gehirn und ich habe mir den Arsch abgearbeitet“, so Scaramucci. Das habe ausgereicht, um als Enkel von Einwanderern an eine der besten Universitäten der Welt zu kommen. „Für mich ist das die Essenz von Freiheit“, sagt Scaramucci.
Die Ausbildung katapultierte den Sohn eines Bauarbeiters nach oben. Nach seinem Abschluss 1989 arbeitete er nicht als Anwalt, sondern ging direkt zur Investment Bank Goldman Sachs, wo er schnell gefeuert wurde. Das passte ihm nicht. Also rief er in den folgenden Wochen immer wieder in der Bank an, nervte so lange, bis man ihm schließlich zwei Monate nach dem Rausschmiss einen Job in einer anderen Abteilung anbot. Nach sieben Jahren verließ er Goldman, legte seinen ersten eigenen Investment-Fonds auf. Er war angekommen in der Hochfinanz. 2005 gründete er Skybridge Capital, den Fonds, den er auch heute noch leitet. Eigenen Angaben zufolge verwaltet Skybridge 2,2 Milliarden Dollar.Scaramuccis Privatvermögen wird auf rund 200 Millionen Dollar geschätzt.
Doch nicht nur in der Unternehmenswelt schaffte er es weit nach oben. Am 21. Juli 2017 berief US-Präsident Donald Trump den Geldverwalter zum Kommunikationschefs des Weißen Hauses. Offiziell sollte er den Job erst Mitte August antreten, doch Scaramucci, Spitzname „The Mooch“, stürzte sich sofort in die Aufgabe. Zehn Tage später – Scaramucci sagt elf – war er den Job allerdings schon wieder los – zwei Wochen vor seinem offiziellen ersten Tag. Nachdem er einem befreundeten Journalisten ein mit Schimpfwörtern gespicktes Interview über seine neuen Kollegen gegeben hatte, setzte ihn Trumps zweiter Stabschef John Kelly vor die Tür. Besonders kurze Amtszeiten werden in Washington seitdem in Scaramuccis gemessen.
Seinen Ausflug in die Politik habe er nie bereut, sagt der Investor. Er sitzt in einer Bar in Tampa, Florida. Brioni-Anzug, gestreifte Krawatte, glitzernder Stars-and-Stripes-Anstecker am Revers. „Für Trump zu arbeiten war eine besondere Lernerfahrung“, sagt er. „Und es hat meine Bekanntheit auf der ganzen Welt enorm gesteigert.“
An Selbstbewusstsein hat es Scaramucci noch nie gemangelt. Doch ihm ist auch sehr bewusst, wie eng sein Aufstieg mit den spezifischen Zuständen in den Vereinigten Staaten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zusammenhängt. Mit dem Gehalt eines Bauarbeiters wäre der Lebensstil der Familie Scaramucci heute längst nicht mehr zu finanzieren. „Wäre ich 35 Jahre jünger, würden wir vermutlich in einer Mietwohnung leben und Unterstützung von der Regierung bekommen“, sagt er. Auch seine Ausbildung wäre für ihn heute unerreichbar. Als The Mooch in den 1980er-Jahren Tufts besuchte, betrugen die Studiengebühren inklusive Wohnkosten etwas mehr als 12.000 Dollar. Das konnte die Familie irgendwie stemmen. Heute jedoch liegt der Preis bei mehr als 88.000 Dollar. Selbst wenn man die Inflation mit einrechnet, ist die Steigerung enorm. Die Flachheit des Landes, die Scaramucci während seines Studiums spürte, ist längst verschwunden. Die Hoffnung auf den wirtschaftlichen Aufstieg sei aus der Arbeiterklasse verschwunden. „Wir haben wirtschaftlich aufstrebende Menschen in wirtschaftlich verzweifelte Menschen verwandelt“, sagt er. „Alles zerbricht gerade.“
Damit kommt der Hedgefonds-Manager und ehemalige Trump-Mitarbeiter in der Analyse zum gleichen Ergebnis, wie das linke Center for American Progress: Wirtschaftliche Ungleichheit schürt gesellschaftliche Konflikte. „Mein Vater war nicht wütend“, sagt Scaramucci. „Er war sehr patriotisch – auch weil sein Sohn es so weit bringen konnte.“ Doch heute, wo man anhand der Postleitzahl eines Kindes ablesen kann, ob es eine gut ausgestattete Schule besucht, ist das Gefühl der Chancengleichheit, der Fairness, für viele verschwunden. Der Fokus auf eine möglichst unbeschränkte Wirtschaft, auf einen schwachen Staat und geringe Umverteilung, hat den Amerikanischen Traum nicht etwa befördert, sondern ihn für einen großen Teil der Bevölkerung unerreichbar werden lassen. Wirtschaftliche Freiheit ist damit mehr als unbeschränkte Entfaltungsmöglichkeiten für das Individuum. Sie ist nur erreichbar, wenn die Chancen auf Teilhabe am Wohlstand der Gesellschaft erreichbar bleiben. Und das scheint ohne staatliche Eingriffe nicht zu funktionieren. Als Anthony Scaramucci 1964 geboren wurde, lag der Spitzensteuersatz in den Vereinigten Staaten bei 70 Prozent. Heute sind es 37 Prozent. Damals war der gesellschaftliche Aufstieg die Regel. Heute ist er die Ausnahme.
Hinweis: Fußnoten sind im Buch
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