Buchauszug Jakob Schwerdtfeger: „Ich sehe was, was Du nicht siehst, und das ist Kunst“

Buchauszug Jakob Schwerdtfeger: „Ich sehe was, was Du nicht siehst, und das ist Kunst“

 

Jakob Schwerdtfeger (Foto: PR/Marvin Ruppert)

 

Ihr habt bestimmt auch schon mal den Kopf geschüttelt, wenn in
den Nachrichten von einer Kunstauktion berichtet wurde, wo es
um Millionenbeträge für irgendein Bild ging. Die Rekordsumme
für ein Gemälde liegt bei 450 Millionen US-Dollar, knapp eine halbe
Milliarde für ein bisschen Farbe auf Leinwand. Wie kann das sein?
Und warum kostet ein kaputt geschreddertes Werk von Banksy fast
19 Millionen Euro? Ist die Kunstwelt völlig wahnsinnig oder gibt es
gute Gründe für solche Rekordpreise? Dieses Kapitel bringt etwas
Licht in die Mechanismen des Kunstmarktes und die Maschen der
Fälscher, die genau dieses System ausnutzen. Außerdem erfahrt
ihr, wie man auch ohne Riesenvermögen schöne Werke für zu Hause
bekommt.

 

WARUM IST KAPUTTE KUNST NOCH WERTVOLLER?
BANKSYS SCHREDDERBILD

Knisternde Stimmung im Saal, erbitterte Bietergefechte und tosender
Applaus beim Zuschlag: So habe ich mir früher Kunstauktionen vorgestellt,
doch das entspricht selten der Realität. Bei der ersten Versteigerung,
die ich besucht habe, wirkte die Auktionatorin ungefähr so enthusiastisch,
als würde sie seit zehn Jahren die immer gleichen Ansagen beim Autoscooter
machen. Über Stunden hinweg wurden dort Hunderte Kunstwerke
verkauft, eine Massenabfertigung, sachlich und genau. Wirkliche
Überraschungen sind bei Auktionen ausgesprochen selten, daher schlug
Banksys Schredderaktion ein wie eine Bombe.

 

Am 5. Oktober 2018 neigte sich ein langer Tag beim Auktionshaus
Sotheby’s dem Ende zu, das letzte aufgerufene Werk war Mädchen mit
Ballon von Banksy, dem berühmtesten Street-Artist der Welt. Der Zuschlag
erfolgte bei 1,18 Millionen Euro, es gab verhaltenen Applaus und
dann passierte das Unglaubliche: Ein Schredder im Rahmen aktivierte
sich und schnitt die Hälfte des Bildes in Streifen, die nun unten herausbaumelten.
Plötzlich hatte das Banksy-Bild lange Fransen wie die Lederjacke
eines Typen in der Midlifecrisis, der noch mal Easy Rider spielen
möchte.

 

Angeblich hatte der Künstler den Schredder lange vorher eingebaut,
falls das Bild eines Tages zu einer Auktion kommt. Wieso ist unklar,
eventuell, um einer weiteren Wertsteigerung seiner Kunst entgegenzuwirken.
Höchstwahrscheinlich sollte das Mädchen mit Ballon komplett geschreddert
werden, aber die Maschine stoppte etwa bei der Hälfte. War
das Bild nun zerstört und wertlos? Ganz im Gegenteil! Kurze Zeit später
erklärte Banksy das Ganze zu einem neuen Kunstwerk und gab ihm den
Titel Die Liebe ist im Eimer. Damit erhielt das Werk einen wertvollen Echtheitsstempel von Banksy. 2021 wurde das Bild erneut versteigert, dieses Mal jedoch für 18,89 Millionen Euro. Warum ist kaputte Kunst plötzlich das 16-Fache wert? Ist ein Schredder eine Gelddruckmaschine? Und wie funktioniert der Kunstmarkt?

 

DER KUNSTMARKT UND DIE KIRCHE

Bis weit ins Mittelalter kam der Preis von Kunst durch Materialaufwand
und Arbeitsstunden zustande. Mittlerweile hat sich das geändert,
Kunst hat einen ideellen Wert, sie wird mit Bedeutung aufgeladen. Das ist
ein bisschen wie mit den Oblaten in der Kirche. Eigentlich handelt es sich
um staubtrockenes, geschmackloses Esspapier, das einem sofort am Gaumen
klebt. Aber beim Abendmahl sind Oblaten plötzlich der Leib Christi.
Kein Wunder, dass man einen ordentlichen Schluck aus dem Kelch
braucht, um das runterzukriegen. Ähnlich verhält es sich auch mit Papiergeld,
dem wir einen hohen Wert geben, obwohl es sich um ein fast wertloses
Druckerzeugnis handelt, das man nicht mal essen kann.

 

»Gut im Geschäft zu sein ist das Faszinierendste an Kunst.
Geld verdienen ist Kunst, arbeiten ist Kunst, und gute Geschäfte
sind die größte Kunst.«
Andy Warhol

 

Wie kommt also der Wert von Kunst zustande, wenn nicht durch das
Material wie Farbe, Leinwand etc.? Ein wichtiger Faktor ist der Name des
Künstlers oder der Künstlerin, der oft wie eine Marke funktioniert. In der
Modewelt ist das nicht anders: Der Name der Luxusmarke Vetements
beispielsweise steht für einen bestimmten Status, Lifestyle und für Qualität.
Dadurch konnte die Marke sogar gelb-rote DHL-Paketboten-Shirts
auf den Markt bringen und für 245 Euro verkaufen. Das ist viel Geld
dafür, dass man auf der Straße dauernd für verspätete Pakete angeschnauzt
wird.

 

Der Name Banksy nimmt auf dem Kunstmarkt eine sagenumwobene
Sonderrolle ein. Seine wahre Identität ist bis heute ungeklärt, diesen
Künstler umgibt ein Mythos. Jede Spekulation über seine Person verschafft Banksy weitere Aufmerksamkeit. Über keinen anderen Künstler
berichtet die Tagesschau bei jedem neu aufgetauchten Werk. Wie absurd
wäre es, wenn »Gerhard Richter malt ein neues Bild« eine Headline wäre?
Banksy-Werke finden sich oft in prekären Stadtvierteln Englands und sollen
auf soziale Missstände aufmerksam machen. Jedoch werden die Arbeiten
in der Regel dort schnell herausgefräst, abtransportiert und für
Millionen verkauft – ein richtiger Dagobert-Duck-Move. Ich kann mir
bildlich vorstellen, wie er Donald schickt, um das zu erledigen. Gegen
diese freche Vermarktung seiner Kunst wehrt sich Banksy, indem er immer
wieder Objekte aus der unmittelbaren Umgebung in seine Werke integriert.
So bindet er etwa eine Straßenecke, Bushaltestelle oder öffentliche
Bank ein und sprüht darum herum. Das macht es schwieriger, seine
Kunst aus dem Entstehungsort herauszureißen.

 

Das Bild-Schreddern war vermutlich ebenfalls als kritischer Kommentar
auf den Kunstmarkt gemeint. Ironischerweise steigert genau dieses
Auflehnen gegen das System Banksys Marktwert. Es gibt ihm ein authen- ….

 

WOMIT VERDIENT BANKSY SEIN GELD?

Wenn ein Banksy-Werk bei einer Auktion für Unsummen verkauft wird, verdient
der Künstler daran nichts. Denn bei Versteigerungen wird die Kunst
ohne seine Beteiligung weiterverkauft. Und auch seine öffentlichen, illegal
angebrachten Bilder werfen kein Geld ab. Wovon lebt Banksy also? Vermutlich
hauptsächlich von Drucken seiner Arbeiten, die er in limitierter Auflage
verkauft. Selten überträgt er auch Motive auf Leinwand und veräußert diese
Arbeiten. Wegen der ganzen Fälschungen und Imitate hat Banksy eine Website
eingerichtet, die seine Kunst offiziell vertreibt und den passenden Namen
»Schädlingsbekämpfung« trägt. Zusätzlicht veröffentlich Banksy Fotobücher
seiner Arbeiten, allesamt Bestseller. Und sein Film Exit Through the Gift Shop
spielte allein in den USA über drei Millionen Dollar ein. Also macht euch
um Banksys Finanzen keine Sorgen.

 

…. tisches und rebellisches Image. Indem man seine Kunst kauft, erwirbt
man Street Credibility, Untergrundkultur und ein Stück wildes Leben.
Wer das kauft? Keine Ahnung. Aber es gibt auch Menschen, die sich teures
Schlammspray kaufen, damit ihre SUVs aussehen, als hätten sie ein
richtiges Abenteuer erlebt. Und ja, dieses Spray gibt es wirklich.
Wichtig für den Wert eines Kunstwerks ist außerdem, ob es dem aktuellen
Geschmack entspricht. Banksys Ästhetik und seine gesellschaftskritischen
Themen passen perfekt in unseren Zeitgeist, gleichzeitig überfordern
die Werke niemanden und sind nicht zu bissig. Banksys Kunst ist
Sozialkritik, unter der sich prima Weinproben abhalten lassen. Er ist einer
der ganz wenigen Künstler, die voll im Mainstream angekommen sind, so
wurde Mädchen mit Ballon 2017 zum beliebtesten Bild Großbritanniens
gewählt. Das simple Motiv lässt sich sofort erfassen, entweder verliert,
versendet oder empfängt das Mädchen mit dem Herzballon Liebe. Es ist
ein Kalenderspruch in Bildform.

 

Jakob Schwertfeger: „Ich sehe was, was Du nicht siehst, und das ist Kunst“. dtv. 22 Euro, 220 Seiten. Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist Kunst von Jakob Schwerdtfeger – Hardcover | dtv Verlag

 

DIE MARKETINGMASCHINERIE

Seltenheit ist ein weiterer Faktor, der Kunst teuer macht. Das war beim
Mädchen mit Ballon eigentlich nicht gegeben. Banksy sprühte das Motiv
über Jahre hinweg an mehreren Orten und variierte es dabei leicht. Erst
durch den Schredder wurde das Bild 2018 zu Die Liebe ist im Eimer und
damit zu einem echten Unikat. Gekauft wurde es von einer europäischen
Sammlerin, die das Werk trotz des Schadens behielt und dafür besagte
1,18 Millionen Euro zahlte.

 

Um eines Tages mit den eigenen Werken im Museum zu hängen, müssen
Kunstscha ende einen langen Weg gehen, doch Banksy hat eine Abkürzung
gefunden. 2005 schmuggelte er seine eigene Höhlenmalerei ins British
Museum in London und montierte sie unbemerkt zwischen die anderen
Ausstellungsstücke. Das Werk zeigt eine rudimentäre Zeichnung mit Bison
und Strichmännchen. Allerdings schiebt die Figur unübersehbar einen Einkaufswagen
– entspanntes Steinzeit-Shopping? Offensichtlicher hätte Banksy
seinen Witz nicht platzieren können. Doch die Aktion flog erst auf, als der
Street Artist auf seiner Homepage darauf aufmerksam machte.

 

FUN FACT

Promo-Tour durch zwei deutsche Museen geschickt. Ich habe das Original
in der Staatsgalerie Stuttgart gesehen. Gerne würde ich sagen, dass es
ein beeindruckendes Erlebnis war, aber ich fand hauptsächlich, dass das
Werk aussah wie ein Abrisszettel auf der Straße, wenn jemand Nachhilfe
anbietet. Das eigentliche Highlight war der Museumsshop mit Merchandise
zu dem Banksy-Werk: Frühstücksbrettchen, Fußmatten, Einkaufstaschen,
Mauspads und bauchfreie Shirts mit runterhängenden Fetzen.
Sogar Ikea hat Banksy in einer Werbung aufgegriffen und einen Teppich
in einen Rahmen gepackt, sodass die Fransen unten heraushängen. Dazu
die Unterzeile »Meisterwerk, das alle besitzen können«.

 

Warum spielen Museen in diesem Vermarktungszirkus mit? Weil sie
sich solche Spitzenwerke von ihren Ankaufsetats niemals leisten könnten.
Es ist ein gängiges Vorgehen, dass Privatpersonen und Unternehmen ihre
Werke an Museen ausleihen und damit den Wert ihrer Sammlung steigern.
Museen sind prestigeträchtige Orte. Was hier hängt, wird teurer, denn
Museen schaffen Ansehen und Vertrauen, sie sind gewissermaßen die Stiftung
Warentest der Kunstwelt. Für die Staatsgalerie hat es sich ebenfalls
gelohnt, denn die Publikumszahlen haben sich durch den Banksy
verdoppelt.

 

Eine Win-win-Situation – vor allem für die Sammlerin, die das
Kunstwerk danach mit 1 500 Prozent Gewinn verkaufen konnte.
Berücksichtigt man all diese Aspekte, erstaunt es vielleicht ein bisschen
weniger, dass ein kaputtes Kunstwerk so viel wert ist. Als der Banksy
2021, also drei Jahre nach der Schredderaktion, wieder zur Auktion kam,
wurde sich um dieses Werk regelrecht gekloppt. Es gab neun Bietende, so
ein direkter Wettbewerb treibt natürlich Preise zusätzlich in die Höhe. Wer
Liebe ist im Eimer schlussendlich ersteigert hat, ist unbekannt. Klar ist, hier
kauft man nicht nur ein Bild, sondern eine Story. Es gibt kaum ein besseres
Statussymbol als das meistbesprochene Kunstwerk der Welt zu besitzen.
Wenn das bei dir zu Hause hängt, hast du immer ein Gesprächsthema,
und sei es die Frage: »Bist du völlig bescheuert, dafür so viel Geld
auszugeben?«

 

DEM MARKT KANN MAN KAUM ENTFLIEHEN

Ich mag es, über Flohmärkte zu schlendern, weil ich es faszinierend
finde, was für kuriose Sachen dort angeboten werden. In Friedrichshafen
habe ich mal einen Stand gesehen mit dem Hinweis »Erotik-DVDs auf
Anfrage« und dieses Schild klebte auf einem Rollator. Besonders
gerne wäre ich aber 1983 in New York auf dem Flohmarkt gewesen.
Hier verkaufte der Künstler David Hammons seine äußerst
ungewöhnlichen Werke: es handelte sich um Schneebälle. Die
waren der Größe nach sortiert und fein säuberlich aufgereiht,
man hätte damit eine Schneeballschlacht perfekt ausarten lassen
können.

 

Wie viel die Schneebälle kosteten und ob es Mengenrabatt
gab, weiß ich leider nicht. Angeblich soll Hammons insgesamt
20 US-Dollar eingenommen haben.
Die Menschen reagierten amüsiert auf die Schneebälle und
diese abstruse Idee. Niemandem dürfte bewusst gewesen sein, dass es sich hier um eine Kunstperformance handelte, denn der Künstler hatte es nirgendwo angekündigt. Er hatte lediglich einem Fotografen Bescheid gesagt. Mit seiner Aktion machte sich
Hammons nicht nur über den Kunstmarkt lustig, sondern reflektierte
auch die Lebensrealität vieler Schwarzer in den USA. An den Rand der
Gesellschaft gedrängt, blieb ihnen oft nichts anderes übrig, als an Straßenecken
verschiedene Waren anzubieten. In seinen Werken greift Hammons
bis heute immer wieder politische Themen auf und thematisiert
soziale Missstände.

 

Hammons lehnt seit Beginn seiner Karriere in den 1969er-Jahren die
etablierte Kunstwelt und den Kunstmarkt ab. Er stellte schon damals ganz
bewusst Werke her, die schwer verkäuflich waren. Seine Schneebälle dürften
das erste Kunstwerk sein, für das es eine ununterbrochene Kühlkette
gebraucht hätte – so nah können sich Kunst und Tiefkühlpizza kommen.
Von den Schneebällen hat keiner überlebt und auch sonst arbeitete Hammons
viel mit vergänglichen Materialien. Sowieso tat er eigentlich alles,
um nicht bekannt zu werden. Der Künstler hatte lange keine Galerie, die
ihn vermarktete, sondern stellte in Friseurläden und Bars aus. Bis heute
hat er keine Homepage. Trotzdem oder vielleicht genau deshalb liebt ihn
die von ihm verachtete Kunstwelt. Wenn der Markt verwertbare Werke
von ihm in die Hände kriegt, werden diese teils für Millionenbeträge verkauft.

 

»Das Kunstpublikum ist das schlimmste der Welt. Es ist übermäßig gebildet,
es ist konservativ, es kritisiert bloß, versteht nichts und hat niemals Spaß.
Warum sollte ich meine Zeit mit so einem Publikum verschwenden?«
David Hammons

 

Hammons bringt eine astreine Underdog-Geschichte mit. Wir alle
lieben Stars, die es von ganz unten bis an die Spitze geschafft haben – die
halbe Rap-Welt lebt von diesem Mythos. Hammons ist dazu noch der
widerspenstige Künstler, der das alles nicht mal wollte, mehr Realness
geht nicht. Mittlerweile wurde er längst vom Kunstmarkt geschluckt,
bleibt aber dennoch edgy. 2002 stellte der Künstler in einer stockdunklen,
leeren Galerie aus. Das Publikum bekam Taschenlampen und musste im
Dunkeln nach den Kunstwerken suchen, nur gab es dort gar keine – das
war wie Topfschlagen, aber ohne Topf.

 

WIE PERFORMANCE ZUM PRODUKT WIRD

Solche Aktionen stellen eine Herausforderung für den Kunstmarkt
dar, denn sie sind schwierig zu vermarkten. Die Kunstform der Performance
kam in den 1960er-Jahren auf und umfasst Live-Darbietungen
jeglicher Art. Wie verkauft man so etwas? Hier ein Beispiel: 1974 führte
die wohl berühmteste Performancekünstlerin Marina Abramović eine
sechsstündige Aktion namens Rhythmus 0 durch. Vor der Künstlerin war
ein Tisch aufgebaut mit 72 Gegenständen, darunter Rosen, Parfüm,
Scheren, ein Skalpell, eine Metallstange und eine geladene Pistole.
Abramović forderte das Publikum auf, diese Gegenstände an ihr zu benutzen.
Sie machte sich bewusst zum Objekt und teilte vorher mit, dass
sie die volle Verantwortung für alles übernehme.

 

Wie weit würde das Publikum gehen? Weit, viel zu weit! Zunächst war
alles recht harmlos, es wurde ein bisschen auf der Künstlerin herumgemalt
wie auf Schlafenden im Schullandheim. Aber nach ein paar Stunden
stieg den Leuten die Macht zu Kopf. Abramović wurde ein Arm umgedreht,
Rosendornen wurden in ihren Bauch gestochen, sie wurde begrapscht,
entkleidet und mit einer Rasierklinge am Hals geschnitten.
Jemand trank sogar das Blut aus der Wunde. Als ihr die geladene Pistole
an den Kopf gehalten wurde, kam es zu einem Tumult, da ein Teil des
Publikums und die Angestellten der Galerie die Künstlerin schützen wollten.
Schüsse fielen am Ende keine, doch von dem Rasierklingenschnitt
trägt Abramović bis heute eine Narbe am Hals. Die Performance erzählt
viel über aggressive Gruppendynamik und sexuelle Übergriffigkeit. Es ist
ein Sozialexperiment mit schockierendem Ausgang und wirft sofort die
Frage auf, wie wir selbst wohl gehandelt hätten.

 

Der geschäftstüchtige Kunstmarkt macht auch aus dieser Aktion ein
Produkt: Verkauft wird das Kunstwerk als eine Art Einkaufsliste, darauf
stehen die 72 Objekte, die ursprünglich für Rhythmus 0 verwendet wurden.
Diese kann man sich nun besorgen und dann zu Hause oder im
Museum Abramovićs Gabentisch nachbauen. Dazu gibt es noch einen
Projektor und ein Video der ursprünglichen Performance als DVD – und
schon kann das Abendessen unter Kunstfreunden so richtig eskalieren.
Das Werk ist übrigens kein Unikat, denn warum sollte man nur ein Mal
Geld machen? Es gibt insgesamt fünf Versionen der Liste, mit der die
Künstlerin den Nachbau der Aktion offiziell erlaubt. Das macht die Arbeit
von Abramović zwar für den Markt verwertbar, aber sie transportiert
kaum noch, worum es bei der Performance ging – nämlich genau um die
Grenzüberschreitung und die Teilhabe des Publikums.

 

DAS TEUERSTE BILD DER WELT: EIN FEHLKAUF?

Zwischen all den Erfolgsgeschichten auf dem Kunstmarkt gibt es aber
auch Fälle, die richtig schiefgehen. Einer betrifft ausgerechnet das teuerste
Bild der Welt: Möglicherweise wurde hier knapp eine halbe Milliarde
versenkt. Wie konnte das passieren? Und was sagt das über den Kunstmarkt
aus? Das Gemälde Salvator mundi (Der Welterlöser) stammt angeblich
von Leonardo da Vinci höchstpersönlich. 2017 wurde das Bild,
das aussieht, als hätte jemand Jesus den Joint aus der Hand retuschiert, für
unglaubliche 450 Millionen US-Dollar versteigert. Es gibt allerdings etliche
Ungereimtheiten.

So existieren erhebliche Zweifel, ob es sich bei dem Salvator mundi um
ein eigenhändiges Gemälde von Leonardo handelt. Viele Fachleute gehen
davon aus, dass ein Schüler Leonardo da Vincis das Werk gemalt hat,
eventuell unter Aufsicht und Beteiligung des Meisters. Damit hätte es
aber nur einen Bruchteil des Wertes. Erst Anfang des 21. Jahrhunderts
wurde das Bild überhaupt Leonardo zugeschrieben. Vorher galt es als
Werkstattarbeit und wurde 1958 für läppische 45 britische Pfund verkauft.
Verglichen damit sind 450 Millionen US-Dollar schon ein paar
Nullen mehr. Der Salvator mundi war lange in einem sehr schlechten Zustand,
bis 2005 eine umfangreiche Reinigung und Restaurierung begann,
wobei manche darin eher eine Schönheits-OP sehen. Mutmaßlich wurden dabei wesentliche Veränderungen vorgenommen, denn nach der Restaurierung soll das Bild
deutlich mehr nach Leonardo da Vinci ausgesehen haben als vorher.
Offenbar wurde hier nach der klassischen Pippi-Langstrumpf-Methode restauriert: »Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt.«

Damit Werke in dieser Preisklasse mitspielen können, ist außerdem
eine lückenlose Provenienz wichtig, also eine gesicherte
Herkunftsgeschichte. Im Idealfall ist es möglich, von der Entstehung
bis zum heutigen Besitzer alle Stationen des Bildes nachzuvollziehen.
So kann ausgeschlossen werden, dass es sich um eine
Fälschung oder eine fehlerhafte Zuschreibung handelt. Die Provenienz
ist beim Salvator mundi jedoch sehr dürftig. Wann genau ist das
Bild entstanden? Wer hat es in Auftrag gegeben? Warum gibt es keinen
Zeitgenossen Leonardos, der das Werk erwähnt? Wem genau hat das Bild
bis Anfang des 20. Jahrhunderts gehört?

 

Diese Fragen sind erstaunlicherweise allesamt offen. Trotz der Zweifel und ungeklärten Fakten wurde der Salvator mundi der Öffentlichkeit 2011 als wiederentdeckter Leonardo da Vinci präsentiert. Das war eine Weltsensation, denn es gibt nur etwa
15 Gemälde, die Leonardo sicher zugeordnet werden können. Ein paar
Expertinnen und Experten bestätigten die Zuschreibung, sogar die National
Gallery in London stellte das Bild als Original aus und adelte es damit.

 

KUNST ALS SPEKULATIONSOBJEKT

Der Salvator mundi wurde zum Wanderpokal. Im Jahr 2013 wechselte
das Bild gleich zwei Mal den Besitzer, jeweils mit stark steigenden Preisen.
Das Werk wurde dabei nicht gekauft, um es sich an die Wand zu hängen,
sondern um Geld zu machen. Es ist ein überkommenes Image, dass
Kunst nur zum privaten Genuss von elitären Schöngeistern mit seidenen
Einstecktüchern erworben wird. Auf dem Markt ist Kunst ein Investment
und Spekulationsobjekt. Reiche Menschen haben Kunst standardmäßig
in ihrem Vermögensportfolio genau wie Aktien, Immobilien, Oldtimer
oder La Martina-Hemden mit gigantischen Polopferden.

 

Zudem lässt sich mit teuren Bildern sehr einfach viel Geld transportieren, ein Haus ist
deutlich sperriger als eine kleine Leinwand – ein Traum für Geldwäsche.
Mit Kunst wird viel spekuliert und teilweise rigoros gezockt. Hier gibt es
sogenannte Flipper, leider sind damit weder knuffige Delfine noch kultige
Spielautomaten gemeint. Beim Art Flipping werden Werke gekauft und
schon nach kurzer Zeit wieder gewinnbringend abgestoßen, der Salvator
mundi ist das Musterbeispiel dafür.

 

Der Rekordpreis von 450 Millionen US-Dollar für den Leonardo kam
schließlich 2017 zustande, als das renommierte Auktionshaus Christie’s
das Gemälde zum Verkauf anbot. Allerdings wurde vorher noch mal kräftig
die Werbetrommel gerührt. Das Bild ging auf Welttournee und es wurden
aufwendige Werbeclips gedreht. In einem sieht man den Schauspieler
Leonardo DiCaprio tief gerührt vor dem Gemälde stehen: Leonardo vor
Leonardo – ein Wortspiel der Superlative.

 

Verkauft wurde der Salvator mundi in den arabischen Raum, vermutlich
an das saudische Königshaus. Und auch nach der Versteigerung hörten
die Merkwürdigkeiten nicht auf: Das Bild sollte 2018 in dem erst kurz
zuvor eröffneten Museum Louvre Abu Dhabi gezeigt werden, jedoch
wurde die Präsentation kurzfristig ohne Begründung abgesagt. 2019 gab
es eine große Leonardo-Ausstellung im Pariser Louvre, hier fehlte der
Salvatormundi ebenfalls. Bis heute ist das Bild nicht wieder öffentlich aufgetaucht.
Gab es so starke Zweifel an der Authentizität? Es bleibt ein sehr
kostspieliges Mysterium.

Der Salvator mundi ist das bislang teuerste Bild der Welt, aber ist es
auch das beste? Heutzutage wird der Preis für ein Werk oft mit Qualität
und Relevanz gleichgesetzt. Dabei wissen wir doch alle aus Erfahrung,
dass nicht alles, was viel kostet, automatisch gut oder wichtig ist. Zum
Beispiel Austern: Die kosten ein Vermögen, schmecken wie gesalzener
Glibber und satt machen sie auch nicht. Für Außenstehende ist es schwierig
nachzuvollziehen, wie die Preise für Bilder und Skulpturen zustande
kommen, denn der Kunstmarkt ist undurchsichtig, komplex und wird
von vielen Faktoren bestimmt – ähnlich wie der Aktienmarkt. Auch mir
erschließen sich viele Beträge nicht, die für Kunst aufgerufen werden,
obwohl ich mich viel mit der Materie beschäftige.

 

Auf Kunstmessen stehe ich immer wieder vor Bildern, gucke auf den
Preis und denke mir in aller Ausführlichkeit: »Hä?« Dabei kann ich mich
schon glücklich schätzen, wenn überhaupt ein Preisschild neben einem
Werk hängt. Galerien sind sich nämlich in der Regel zu fein dafür. Stattdessen
wird neben die Werke »Preis auf Anfrage« geschrieben. Wird der
Preis je nach Person angepasst? Was soll das? Wieso wird ein künstliches
Geheimnis daraus gemacht? Wie bei Menschen, die man nicht nach ihrem
Alter fragen darf und stattdessen nervig herumraten muss.

 

STEILVORLAGE FÜR STEUERHINTERZIEHUNG

Die Kunstszene setzt grundsätzlich sehr auf Verschwiegenheit, was
sich besonders bei einem Phänomen zeigt: den sogenannten »Zollfreilagern«. Das sind spezielle Lagerhäuser, die eigentlich dafür geschaffen
wurden, importierte Waren kurzfristig, steuerfrei und unverzollt zwischenzulagern,
bis sie weiterexportiert werden.

 

WIE MAN GÜNSTIG KUNST KAUFEN KANN
Auch wenn euer Budget etwas kleiner ist als das für den Salvator mundi,
könnt ihr schöne Kunst kaufen. Hier ein paar günstige Möglichkeiten: Trödelläden
sind eine gute Adresse für billige Bilder. In Frankfurt habe ich für
ein Landschaftsbild von 1903 nur 45 Euro bezahlt. »1903« kann zwar jeder
draufpinseln, aber um ahnungslose Gäste zu beeindrucken, reicht es. Selbst
bekanntere Künstlerinnen und Künstler bringen ihre Werke teilweise als
handsignierte Druckgrafi ken heraus. Dadurch, dass es von den Werken mehrere
Exemplare gibt, sind diese oft schon für ein paar hundert Euro zu haben.
Außerdem gibt es in Deutschland über dreihundert Kunstvereine.
Wenn ihr Mitglied werdet, könnt ihr dort preiswerte Kunst kaufen, die sogenannten
Jahresgaben. Das sind Unikate oder in kleiner Auflage gedruckte
Kunstgrafiken. Und wenn ihr mal so richtig verzaubert seid von einem berühmten
Gemälde, das ihr irgendwo gesehen habt, dann scheut euch nicht,
es in einem Online-Shop als gerahmtes Poster zu bestellen. Auch ein Kunstdruck
für 20 Euro kann einem viel Freude bereiten. Vermeidet nur vielleicht
die Mona Lisa als Motiv, denn die haben alle – es ist das Audrey-Hepburn-
Poster unter den Kunstdrucken.

Im Prinzip ist das ein Duty-free-Shop für Bilder, nur ohne Zigarettenstangen und gigantische Toblerone-Packungen. Allein in der Schweiz soll der Gesamtwert der eingelagerten Waren in Zollfreilagern bei über 100 Milliarden Franken liegen. Und das ist eher eine konservative Schätzung.
Fachleute bezeichnen das Zollfreilager in Genf als »das größte Museum
der Welt«, weil hier so viel Kunst untergebracht ist. Es ist ein gigantischer
Bilderbunker, in dem unter anderem die zweitgrößte Picasso-
Sammlung der Welt mit ca. 300 Werken lagert. Alles im Verborgenen, alles
perfekt klimatisiert und hermetisch abgesichert. Es gibt sogar eigene
Showrooms mit Sofas und allen Annehmlichkeiten, um Sammlungen angemessen
präsentieren und verkaufen zu können.

So wechseln Bilder teilweise mehrmals ihre Besitzer, ohne das Lager jemals zu verlassen. Für sehr wohlhabende Menschen gibt es kaum einen besseren Ort, um ihre
Sachwerte zu verstauen. Kein Wunder also, dass der Salvator mundi sich
laut Gerüchten in einem Schweizer Zollfreilager befindet. Andere sagen,
das Bild sei auf einer Megayacht. Angeblich soll für das Gemälde demnächst
ein eigenes Museum in Abu Dhabi gebaut werden. Wo auch immer
es sich mittlerweile befindet und was damit passiert, es ist ein Lehrstück:
Informiert euch gut, wenn ihr 450 Millionen für ein Bild ausgebt.

 

DIE KUNST UND DAS GELD

Das Verhältnis von Kapitalismus und Kultur ist ein Thema, das in etlichen
Kunstwerken aufgegriffen und reflektiert wird. Beispielsweise stand
2022 auf der Kunstmesse Art Basel ein Geldautomat des Kunstkollektivs
MSCHF. Anstatt Geld abzuheben, konnte man hier damit angeben. Denn
nach Einführen der Bankkarte wurde weithin sichtbar der Kontostand
angezeigt und dazu ein Foto der Person gemacht. Die Gesichtsausdrücke
waren fast so schön wie bei den obligatorischen Überraschungsfotos aus
der Achterbahn. Auf der Art Basel erfreute sich der Geldautomat großer
Beliebtheit und sagte damit schon viel über das Publikum aus. Rasch
entwickelte sich ein Wohlstandswettbewerb, den Highscore holte ein Pärchen
mit einem Kontostand von 9,5 Millionen US-Dollar. Sie hätten sich
genauso gut einen Zettel mit »Raubt uns aus« auf den Rücken kleben
können.

 

ES GEHT NUR UMS GELD

Der Geldautomat war ein richtiger Hingucker, besonders bei TikTok gingen Videos davon viral. Genau diese Art von Publicity ist auf dem Kunstmarkt zu
einer Währung geworden. Der geschredderte Banksy stieg vor allem
deshalb so stark im Wert, weil so viel darüber berichtet wurde.
Christa Sommerer und Laurent Mignonneau treiben diese Art der
Wertsteigerung auf die Spitze. Ihre Arbeit Der Wert der Kunst –
Schafskopf besteht aus einem alten Gemälde von einem Schaf. Unter
dem Bild ist ein Bewegungssensor angebracht, der misst, wie lange
Leute vor dem Bild stehen. Je länger das Werk betrachtet wird, desto
mehr steigt sein Wert. Dieser wird konstant unter dem Bild auf
einen Kassenbon gedruckt. Es kann so einfach sein: Kunstwerk
kaufen, den ganzen Tag davorstehen, Preis steigern, reich werden.
Warum kommt dieses Erfolgsrezept in keinem Finanz-Coaching-
Video auf YouTube vor?

DER PREIS IST HEISS

Dass die Preise für Kunst durchaus etwas beliebig sein können, zeigt
ein Experiment von Yves Klein. Ich habe euch bereits seine immateriellen
Werke erläutert, aber vor allem ist Klein bekannt für seine einfarbigen
Bilder in leuchtendem Blau. 1957 stellte der Künstler elf seiner blauen
Gemälde aus, alle waren identisch in Format und Farbe. Allerdings verlangte
er für jedes Werk einen anderen Preis und sein Plan ging tatsächlich
auf: Die Leute wählten gewissenhaft ihre Lieblingsbilder aus und alles
wurde verkauft.

Auf dem Kunstmarkt muss man mitunter Geduld mitbringen, um sein
Geld überhaupt loswerden zu können. Es gibt Künstlerinnen und Künstler,
deren Werke so begehrt sind, dass es Wartelisten für noch nicht gemalte
Bilder gibt. Jedoch ist das nur die Spitze des Kunstmarkts, die meisten
Werke werden für unter zehntausend Euro gehandelt. Die
Medienberichte über Rekordpreise und Erfolgsgeschichten verzerren
daher die Realität und kreieren den Eindruck, Kunst sei insgesamt unbezahlbar.

 

Man muss auch festhalten: Nur die wenigsten Kunstschaff enden
sind wirtschaftlich richtig erfolgreich. Ein Großteil kann von der Kunst
allein nicht leben und finanziert sich über Zweitjobs. In seinen Werken
thematisiert der kapitalismuskritische Künstler Oliver Breitenstein die
prekären Verhältnisse in der Kunstbranche. Seine Kontoauszüge, allesamt
im Minus, machte er einmal zu großen Plakaten in einer Berliner UBahn-
Station. Es ist der exakte Gegenentwurf zu dem Geldautomaten
auf der Art Basel.

 

FASZINIEREND, ABER FAKE: DIE MEISTER DER FÄLSCHUNG

»Ich konnte meiner Ergriffenheit beim ersten Anblick dieses Meisterwerkes
nur schwer Herr werden […] Komposition, Ausdruckskraft und
Farbgebung – sie alle wirken einträchtig zusammen und bilden eine Einheit
von höchster Kunst und größter Schönheit.« So hochtrabend beschrieb
der Kunsthistoriker Abraham Bredius das Bild Christus und die
Die Schweizer Künstlerin Katharina Hohmann verkauft ihre Kunst an einem
ungewöhnlichen Ort: im Finanzamt in Karlsruhe. Ihr Werk befi ndet
sich in kleinen Flakons, denn die Künstlerin hat den Geruch von Geld nachgebaut.
Dieser besteht unter anderem aus Feigenblättern, Wildleder und
erstaunlicherweise auch aus Cannabis. Jetzt verstehe ich, warum Geld das
Leben entspannter machen soll.

 

FUNFACT

Jünger in Emmaus von dem Künstler Jan Vermeer. Seine Lobeshymne wurde
jedoch zur Blamage, denn das Gemälde entpuppte sich als Fälschung.
Immer wieder wird die Kunstwelt mit unechten Werken hinters Licht
geführt, denn wo Geld ist, ist auch Betrug. Schätzungen gehen davon aus,
dass etwa 30 Prozent aller Werke auf dem Kunstmarkt gefälscht sind.
Das ist ein ernsthaftes Problem, weil dadurch wissenschaftliche Erkenntnisse
verzerrt werden können. Außerdem richten Fälschungen erheblichen
finanziellen Schaden an. Nichtsdestotrotz sind Fakes faszinierend,
weil sie die Regeln brechen und das System austricksen. Die Kriminellen
gehen dabei sehr unterschiedlich vor, von geschickt bis plump ist alles
dabei. Hier sind sechs der spannendsten Geschichten:

 

DER PLAKAT-PRANK

2011 wurde die Druckgrafik Onkel Rudi von Gerhard Richter für
3 500 Euro versteigert. Bald stellte sich heraus, dass das deutlich überteuert
war. Denn eigentlich handelte es sich um ein stinknormales Ausstellungsplakat
für 15 Euro. Bei dieser frechen Fälschung wurde die Schrift auf dem Poster einfach abgeschnitten und die Künstlersignatur imitiert. Dreistigkeit siegt!

FAKE FOR TRUMP
Donald Trump ist nicht unbedingt bekannt als Liebhaber der Bildenden
Künste, dennoch besitzt er ein Bild des berühmten französischen
Impressionisten Auguste Renoir, die Zwei Schwestern von 1881. Das Werk
hing eine Zeit lang in einem seiner Jets, wo Kunst nun mal so hängt.
Trump hat immer wieder damit angegeben, dass ihm ein echter Renoir
gehört. Es gibt nur eine kleine Unstimmigkeit: Im Art Institute of Chicago
hängt seit 1933 genau das gleiche Bild. Und Renoir hat keine zwei Versionen
davon gemalt. Das Museum kann eine lückenlose Herkunftsgeschichte
für das Gemälde vorweisen, Trump nicht – er muss folglich
eine Fälschung besitzen. Das sind dann wohl diese Fake News, von denen
er immer spricht.

 

DER PHANTOM-KÜNSTLER

Bohumil Samuel Kečíř war ein unbekannter jüdischer Künstler aus
Tschechien. Er wurde 1904 geboren, studierte in Paris und wurde von
den Nazis verfolgt. Später war er lange in einer psychiatrischen Klinik, wo
ein Großteil seiner Werke entstand. Es ist eine tragische Künstlerbiografie
mit dem nicht unwichtigen Detail, dass dieser Maler wohl nie existiert
hat. Offenbar hat sich hier jemand gedacht: Warum sollte man Bilder eines
bestimmten Künstlers fälschen, wenn man einfach einen neuen
Künstler erfinden kann? Angeblich stammte Kečíř aus Holuci in Böhmen.
Allerdings existiert diese Stadt auf keiner Landkarte, der Fantasiekünstler
kam also passenderweise in einem Fantasieort zur Welt. Insgesamt
lassen sich keine stichhaltigen Beweise für Kečířs Existenz finden.
Trotzdem werden seine Bilder rege gehandelt, es sollen sich bis zu
5 000 Arbeiten im Umlauf befinden. Der Marktwert von Kečířs Gesamtwerk
wird auf mehrere Millionen Euro geschätzt. Falls ihr Interesse habt:
Bei eBay werden viele Bilder von Kečíř angeboten. Seine Biografie ist
vielleicht nicht echt, aber immerhin ist die Story gut.

ATTACKE AUF ARCHIVE

Wie findet man heraus, ob man es mit einer Fälschung zu tun hat? Ein
wichtiger Weg ist die Recherche in Archiven, um zu überprüfen, ob es
Aufzeichnungen und Erwähnungen zu dem vorliegenden Kunstwerk
gibt. Deshalb ging der Fälscher John Drewe genau dorthin und manipulierte
Dokumente. Er trennte Seiten aus Büchern oder setzte neue
ein, klebte Fake-Abbildungen in Kataloge oder fälschte gleich ganze
wissenschaftliche Publikationen. Anschließend brachte Drewe gefälschte
Bilder von seinem Komplizen John Myatt in den Handel. Wenn nun die
Auktionshäuser und Galerien bei den Archiven anfragten oder selbst
nachschauten, fanden sie Hinweise auf die Werke, die genauso gefälscht
waren wie die Bilder. Drewe verschaffte den falschen Gemälden auf diese
Weise einen glaubwürdigen Background. Das gerissene Verbrecher-Duo
verkaufte knapp zehn Jahre lang etwa 200 Fälschungen von Marc Chagall
bis Henri Matisse. Drewe und Myatt haben wohl sogar Staub aus ihrem
Staubsauger geklaubt, um ihre Bilder damit auf alt zu trimmen. Die ganze
Masche flog nur auf, weil die verlassene Ex-Freundin des einen Fälschers
aus Rache bei der Polizei auspackte und zeitgleich ein Galerist skeptisch
wurde.

 

GEFÄLSCHTER FÄLSCHER

Fernand Léger ist ein berühmter Künstler, der vor allem in der ersten
Häfte des 20. Jahrhunderts wichtige Impulse für die moderne Malerei gesetzt
hat. In fast allen bedeutenden Museumssammlungen ist er vertreten,
doch das war nicht immer so. Am Anfang seiner Karriere war Léger komplett
unbekannt und vor allem bitterarm. Seine Motive fanden keine Abnehmer,
also verkaufte er teilweise die Spannrahmen seiner Bilder, weil
sich Leute wenigstens für das Holz interessierten. Demütigender geht es
wohl kaum. Aber immerhin kam die Wertschätzung noch, denn mittlerweile
liegt der Auktionsrekord von Léger bei 39,2 Millionen US-Dollar.
Wow, hätte ich mich geärgert, wenn ich statt eines Gemäldes nur ein paar
Bretter des Künstlers gekauft hätte.

Kurz vor Légers Tod kam dann ein erstaunliches Geständnis: Aus lauter
Geldnot hatte der Maler zeitweise in einer Fälscherwerkstatt gearbeitet.
Hier hatte er Werke des Künstlers Camille Corot gefälscht, ein Vorreiter
des Impressionismus. Offenbar ging Léger dabei sehr geschickt vor,
denn bisher konnten seine Fakes nicht identifiziert werden. Am Ende
schließt sich der Kreis, denn heute ist Léger ein Künstler, der gerne mal
gefälscht wird.

 

VIER MILLIONEN BRIEFMARKEN MIT EINER FÄLSCHUNG

Restauratorinnen und Restauratoren bemühen sich stets, den Originalstatus
eines Kunstwerks wiederherzustellen. Wenn kleine Bildstellen
abgeplatzt sind, werden sie neu gemalt, streng nach Originalvorlage. Sobald
allerdings die kaputten Partien so groß sind, dass man sich ausdenken müsste, was dort einmal war, wird so etwas nicht restauriert. Einer
sah das jedoch entschieden anders: der Künstler Lothar Malskat. Dieser
spezialisierte sich nach einer Malerausbildung in den 1930er-Jahren auf
das Restaurieren von Kirchen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er in
Lübeck eingesetzt, da die dortige Marienkirche und die mittelalterlichen
Wandmalereien stark beschädigt waren. Vor den Stellen, wo so gut wie
nichts mehr erhalten war, machte Malskat nicht halt. Er malte hier einfach
das, worauf er Lust hatte. Fachleute waren von dem Ergebnis zunächst
begeistert.

Es wurden insgesamt vier Millionen Briefmarken von den
wundersamen Wandmalereien gedruckt. In Sammlerkreisen sind diese
echten Briefmarken mit dem falschen Motiv bis heute sehr beliebt.
Letztendlich gestand Malskat seine Fälschung und gab außerdem zu:
Er hatte bereits im Nationalsozialismus in Kirchenmalerei aus dem
13. Jahrhundert eigene Motive reingemalt, unter anderem tauchten dort
Truthähne auf. Die gab es im Mittelalter aber noch gar nicht in Deutschland.
Diese Tiere kamen erst deutlich später aus Amerika nach Europa.
Die Nazis sahen in den Wandmalereien jedoch den Beweis dafür, dass die
Wikinger als Erste Amerika entdeckt hatten. Die Geschichte wurde kurzerhand
umgeschrieben. Fälschungen können also erheblichen Einfluss
haben, in diesem Fall auf die Dummheit der Nazis.

 

Es war das Gemälde Rotes Bild mit Pferden, das dem Fälscher Wolfgang
Beltracchi schließlich das Genick brach. 2006 wurde das Bild für 2,9 Millionen
Euro versteigert. Erst nach der Auktion wurde eine materialtechnische
Analyse vorgenommen. Warum sollte man auch vor einem millionenschweren
Verkauf das Kunstwerk genauer unter die Lupe nehmen?

Die Analyse offenbarte ein schockierendes Ergebnis: Das Bild enthielt das
chemische Farbpigment Titanweiß, obwohl es das zur angeblichen Entstehungszeit
1914 noch gar nicht zu kaufen gab. Leider stammte das Werk
nicht aus Zurück in die Zukunft, sondern war schlichtweg eine Fälschung.
Auf einmal brach ein riesiges Lügenkonstrukt in sich zusammen und der
größte Fälschungsskandal Deutschlands kam ans Licht.
Wolfgang Beltracchi hatte über Jahrzehnte Gemälde von verschiedenen
Künstlern gefälscht. Laut eigener Aussage waren es um die 300 Werke,
wobei man gerade Fälschern nicht alles glauben sollte, was sie sagen.

 

Beltracchis Taktik war nicht neu, aber clever: Er malte hauptsächlich verschollene
Bilder, Rotes Bild mit Pferden ist ein gutes Beispiel dafür. Geschaffen
wurde das Werk vom Künstler Heinrich Campendonk. In einem
alten Ausstellungskatalog wird es aufgelistet, jedoch ohne eine Abbildung.
Im Zweiten Weltkrieg ging das Gemälde verloren, nur der Titel wurde
überliefert. Niemand wusste mehr, wie das Bild aussah, und so ließ
Beltracchi es eigenhändig wieder auferstehen, ganz im Campendonk-Stil
gemalt. Damit seine Werke authentisch wirkten, benutzte Beltracchi alte
Leinwände und kreierte einen muffigen Geruch, indem er die Bilder
Zigarettenqualm aussetzte. Rauchen gefährdet also nicht nur die Gesundheit,
sondern auch die Kunstszene.

 

Eine gute Fälschung ist allerdings nur die halbe Miete, es braucht vor
allem eine plausible Geschichte. Diese lieferte Wolfgang Beltracchis Ehefrau
Helene. Kurzerhand wurde ihrem verstorbenen Großvater Werner
Jägers eine große Kunstsammlung angedichtet. Dafür spielte Helene Beltracchi
sogar Familienfasching: Sie verkleidete sich als ihre Großmutter,
hängte alle möglichen gefälschten Bilder an die Wände und stellte historische
Fotos nach. Diese dienten als sichtbarer Beweis für die Existenz der
Kunstsammlung und zeigten gleichzeitig jede Menge unbekannte Gemälde,
die nun verkauft werden konnten.

 

Der Handel und die Fachwelt reagierten enthusiastisch auf die wie von
Zauberhand erscheinenden Bilder, lange funktionierte der Betrug, die
Beltracchis und ihre Gehilfen verdienten Millionen. Wirklich mutig ist,
dass sie ihre Fälschungen teilweise zu Fachleuten brachten und echte Expertisen
einholten. Das machte die falschen Bilder besonders glaubwürdig.
Über seine Festnahme hinaus blieb Beltracchi ausgefuchst. 2014 erschien
der Film Beltracchi – Die Kunst der Fälschung, der sein Image als
lustiger Lebemann maßgeblich geprägt hat. Die Dokumentation wurde
aber interessanterweise vom Sohn seines Anwalts gedreht. Das macht sie
ungefähr so glaubwürdig, als würde meine Mutter die Rezension über
dieses Buch schreiben. Aber Fälscher wissen nun mal sehr gut, wie man
Menschen beeinflusst. Oft werden sie als Scharlatane gefeiert, die der
Kunstwelt den Spiegel vorhalten. Dabei geht es am Ende auch hier vor
allem ums Geld – und da sind sich Kunstmarkt und Fälscher ja gar nicht
so unähnlich.

 

 

 

 

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