Buchauszug Birgit Schumacher: „

Birgit Schumacher (Foto: Privat)
Die Neurobiologie hinter der psychologischen Sicherheit
Um Teams oder einzelne Menschen bestmöglich dabei begleiten zu können, in ihre psychologische Sicherheit zu kommen, ist es wichtig, die Symptome von Unsicherheit zu kennen und sie auch in unserem Gegenüber und in uns selbst wahrnehmen zu können. Dabei hilft uns sehr, das Nervensystem in den Blick zu nehmen und mithilfe des sogenannten Stresstoleranzfensters zu verorten, wo sich ein Mensch gerade befindet.
Der Zustand der psychologischen Sicherheit ist komplex und von vielen Faktoren abhängig, nicht nur dem Außen. Um diesen Zustand ausreichend erfassen zu können und das Gefühl von Sicherheit greifbarer zu machen, ist es wichtig zu verstehen, was neurobiologisch in uns abläuft, wenn wir uns sicher oder unsicher fühlen.
Es geht also auch darum, die autonomen Zustände des Nervensystems erkennen und unterscheiden zu können. Wir schulen unseren Blick – was durch das Hintergrundwissen möglich wird – dafür, Angst und deren Stressreaktionen zu erkennen und auch die latenten und subtileren Zustände nicht zu übersehen. Dadurch wird es uns möglich, passende Angebote für den gegenwärtigen Moment zu machen. Das ist der Grund, warum ich in den nächsten Kapiteln in die Tiefe unseres Nervensystems und unseres Gehirns einsteige. Ich erläutere die Neurobiologie von Angst und Stress. Wie entsteht Angst, woran zeigt sie sich neurobiologisch, was passiert in unserem Körper und wie können wir neurobiologisch wieder in einen Zustand von Sicherheit kommen?
Es kann sein, dass du an der ein oder anderen Stelle beim Lesen in die Innenschau gehen wirst und eine Art Selbst-Check machst. Das ist gut und von mir auch so angedacht. Denn nur eine Person, die sich ihrer selbst bewusst und darüber selbstsicher ist, kann ein Umfeld entstehen lassen, in dem Menschen sicher arbeiten und leben können.
Die Suche nach der Sicherheit im Außen
Unser Nervensystem ist so aufgebaut, dass es über Rezeptoren ununterbrochen und ganz automatisch die Umgebung nach Gefahren absucht. Es will damit unser Überleben schützen.
Heute ist es weniger der Säbelzahntiger, der um die Ecke kommt und unser Leben bedroht. Im einundzwanzigsten Jahrhundert kann es viel mehr ein Auto sein, das aus einer Seitenstraße geschossen kommt. Nicht so unmittelbar wie das Auto, aber genauso bedrohlich kann eine Gruppe von Menschen auf mich wirken, mit denen ich zusammenarbeiten soll, bei denen ich mir aber nicht sicher bin, ob sie mich mit meiner Art akzeptieren. Die Gefahr, abgelehnt zu werden, wirkt heute wie gestern als starke Bedrohung auf uns. Das bedeutet, dass wir ständig unser Außen bewerten und darauf in Millisekunden reagieren. Dabei ist es egal, ob das, was wir sehen, wirklich eine Tatsache ist oder nur eine Vorstellung in unserem Kopf.
Um es an einem Beispiel zu veranschaulichen: Wenn du im Wald spazieren gehst und meinst, einen Bären zu sehen, wird automatisch dein autonomes Nervensystem anspringen und dein Körper wird entsprechend reagieren. Du wirst merken, wie dein Puls schneller geht. Vielleicht wirst du förmlich vor Angst erstarren oder du wirst schneller, als du je gelaufen bist, vor dem Bären davonrennen. Völlig unabhängig davon, ob der Bär wirklich dort steht oder ob es eine Sinnestäuschung war. Entscheidend bei der Reaktion ist deine Bewertung der äußeren Situation.
Neurobiologisch könnte man es wie folgt beschreiben: Zwischen deinem Außen und dem, was du daraus machst, wie du es interpretierst, ist eine Art Filter eingebaut. Dieser Filter nimmt alle Informationen aus der Umgebung auf und sammelt sie. Sicherheit entsteht dann, wenn dieser Filter das Ergebnis ableitet, dass keine Gefahr droht oder besteht.
Der Filter setzt sich aus vier Ebenen der Wahrnehmung zusammen:
- Exterozeption: die Fähigkeit, die Umwelt wahrzunehmen.
- Interozeption: die Fähigkeit, die Innenwelt wahrzunehmen.
- Propriozeption: die Fähigkeit, die Lage des Körpers im Raum wahrzunehmen.
- Neurozeption: die Gesamtheit von Innen und Außen.
- Exterozeption
Wir nehmen unsere Umgebung über unsere Sinne wahr. Wir schmecken, hören, riechen, sehen und fühlen. Darüber werden wir mit Informationen versorgt. Unbewusst und permanent bewerten wir darüber die Situation oder die Umgebung, in der wir uns befinden.
Auch komplexe Wahrnehmungen wie die der Stimmung zwischen Menschen oder der Atmosphäre einer Situation gehören dazu. Du kennst sicherlich das Gefühl, wenn du in einen Raum kommst, in dem vorher gestritten wurde. Du spürst sofort, dass hier etwas nicht stimmt.
Die Wahrnehmung des Außen ist ein Teil unseres inneren Sicherheitssystems und eine wichtige Fähigkeit, um einschätzen zu können, wie sicher wir uns fühlen können.
- Interozeption
Die Interozeption ist die Wahrnehmung unserer Innenwelt, also die Wahrnehmung unseres Körpers und seines Zustandes. Hunger und Durst sind beispielsweise Teil der Interozeption. Auch wenn wir Halsschmerzen bekommen und uns matt und kränklich fühlen, ist das ein Signal unseres inneren Sicherheitssystems, das uns meldet: »Achtung, schone dich besser.«
- Propriozeption
Um die Liste zu vervollständigen, sei hier auch die Propriozeption genannt. Sie bezeichnet die Wahrnehmung des eigenen Körpers nach dessen Lage im Raum. Für unser Thema wird dies nicht weiter relevant sein.
- Neurozeption
Intero- und Exterozeption sind in einem ständigen Wechselspiel. Sie hängen miteinander zusammen und werden in dieser Verbundenheit Neurozeption genannt. Du kannst dir das in etwa so vorstellen wie die Sicherheitssysteme in deinem Auto. Sie sind aufeinander abgestimmt, laufen im Hintergrund mit, ohne etwas dafür tun zu müssen. Dieses Frühwarnsystem wertet kontinuierlich die komplexen neurobiologischen Abläufe im Innern aus und es meldet uns, wenn wir in Gefahr sind. Es sichert damit unser Überleben.
Wie sensibel unser System reagiert, wird maßgeblich davon beeinflusst, was wir im Laufe unseres Lebens über Gefahr und Sicherheit gelernt haben. Insbesondere, wie viel Stress wir in unserer Kindheit und Jugend erlebt haben. Deshalb sollten wir uns oder andere Menschen auch nicht abwerten, wenn wir ängstlich oder unsicher sind. Was für den einen noch sicher ist, fühlt sich für den anderen unsicher an. Und beides ist im Sinne der jeweiligen Neurozeption wahr und richtig.
1.1.2 Sicherheit ist ein subjektives Erleben
Die Interozeption, Exterozeption und Neurozeption eines Menschen entwickeln sich bereits im Mutterleib und sie bilden sich im Laufe der Kindheit weiter aus.
Wie oben beschrieben hilft uns unser Frühwarnsystem, zu erkennen, wann etwas gefährlich ist und wann nicht. Dafür muss dieses System mit Informationen darüber versorgt werden, was sicher, was bedrohlich und was lebensbedrohlich ist. Dies geschieht im Kindesalter. Hier schon wird unser Frühwarnsystem programmiert. Durch eigene Erfahrung und die – im besten Fall – gute Begleitung der verantwortlichen Erwachsenen oder durch das Abgucken des Verhaltens bei ebendiesen.
Um es noch etwas konkreter zu machen: Kinder, die in einem bedrohlichen Umfeld aufwachsen, entwickeln eine Exterozeption, die angespannt und übersteuert ist. Die Exterozeption von Kindern, die in einem sicheren Umfeld aufwachsen, reagiert hingegen entspannt aufmerksam.
Es gibt also Menschen, die überall Gefahren sehen und den Teufel an die Wand malen, und Menschen, die entspannter mit dem umgehen können, was sie im Außen vorfinden. Sie entscheiden sich dabei nicht aktiv für ihre Bewertung, es ist ein automatischer Prozess, der in ihrem Innern abläuft. Diesen Prozess kann man jedoch beeinflussen und daran arbeiten – dazu wirst du im zweiten und im letzten Kapitel mehr Informationen finden.
Eine Interozeption, die die inneren Wahrnehmungen schnell als bedrohlich einstuft, entsteht, wenn Kinder früh mit körperlichem Schmerz oder einer Krankheit konfrontiert werden. Hier werden körperliche Symptome früh und stark wahrgenommen. Dadurch können Ängste entstehen, die das weitere Verhalten bestimmen. Wenn Kinder die Welt als gefährlichen und lieblosen Ort kennenlernen mussten, wenig körperliche Berührung bekamen oder Bezugspersonen ausgesetzt waren, die ein schädigendes Verhalten auf das Kind hatten, entwickelt sich daraus eine Neurozeption, die beständig Gefahr meldet.
»Psychologische Sicherheit ist immer ein subjektives Empfinden.«
Bis hierhin lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen, die für das weitere Verständnis wichtig sind:
- Die Basis für das, was wir grundsätzlich als sicher empfinden, basiert auf den Erfahrungen unserer frühen Kindheit.
- Da wir immer auf der Suche nach Sicherheit sind, ist unser Verhalten darauf ausgerichtet. Wir machen nichts, was für uns gefährlich sein könnte.
Diese Zusammenhänge erklären, weshalb verschiedene Menschen sich in ein und derselben Situation unterschiedlich sicher fühlen oder warum bestimmte Menschen mit Veränderungen besser klarkommen als andere. Das gilt auch und gerade für das Verhalten in Beruf und Arbeitsleben.
Dazu ein Beispiel aus meinem Coaching-Alltag:
In meiner Rolle als Coach durfte ich ein Team begleiten, das ein großes Projekt stemmen sollte. Auf dem Projekt lag viel »Management-Attention« und damit lastete ein hoher Erfolgsdruck auf dem Team und der Projektleitung. Das Projekt musste in der vorhergesehenen Zeit und mit dem vorgegebenen Budgetrahmen zum Erfolg gebracht werden. Ein vorhergehender Projektleiter war bereits von dem Projekt abgezogen und durch einen neuen ersetzt worden.
Es gab innerhalb des Projektteams eine Kollegin, die bezogen auf ihre fachliche Kompetenz sehr geschätzt und immer beratend hinzugezogen wurde. Sie war in ihren Aussagen klar, dabei aber auch persönlich abwertend, wenn Dinge nicht sofort verstanden oder so gemacht wurden, wie sie es sich vorgestellt hatte. Diese Art ihrer Kommunikation wurde toleriert, auch von den Führungskräften.
Ein weiteres Teammitglied war Angelika. Ich nahm sie als eine sehr aufmerksame und schlaue Frau wahr. Sie bekam alles mit, auch die Schwingungen in- und außerhalb des Teams. In meinen Augen brachte sie alle Kompetenzen mit, die es brauchte, um aktiv dazu beitragen zu können, das Projekt zu einem Erfolg werden zu lassen.
Und obwohl sie nicht nur kognitiv stark war, sondern auch hervorragende Antennen für die zwischenmenschlichen Töne hatte, traute sie sich nicht, nach vorn zu treten und Verantwortung zu übernehmen. Sie fühlte sich nur sicher in Besprechungskonstellationen, in denen auch ein Kollege dabei war, der für das Team sprach und die Entscheidungen traf.
Mit der Zeit sprach sich das herum und man lud sie zu immer weniger Besprechungen ein. In der Folge bekam sie immer weniger Aufgaben und Verantwortung übertragen. Das frustrierte nicht nur sie, sondern auch das übrige Team. Ihr wurde zum Vorwurf gemacht, dass sie sich nicht traute, Themen allein zu klären und in die Auseinandersetzung mit anderen Unternehmensbereichen zu gehen.
Über persönliche Gespräche bekam ich ein wenig Einblick in ihre Geschichte. Wirklich sicher hatte sie sich nie fühlen können. Sie hatte nie die Bestätigung bekommen, dass sie gut war, wie sie ist. Sie wuchs zunächst in einem strengen Elternhaus auf, wurde oft kritisiert und mit ihrem großen Bruder verglichen. Angelika hatte Angst davor, einen Fehler zu machen und dafür beschämt zu werden. Das offen zu kommunizieren traute sie sich in ihrem Arbeitsumfeld aber nicht, sie spürte, dass über sie gesprochen wurde.
Angelikas Verhalten in dem Projekt war eine reine Schutzreaktion. Es lag nicht daran, dass sie unmotiviert war oder die Kollegen nicht mochte. Sie hatte einfach nur Angst. Angst vor einem dummen Spruch und Angst davor, in einer Gruppe abgewertet zu werden. Das Gefühl von Beschämung kannte sie noch zu gut aus ihrer Kindheit. Die Erlebnisse waren so schlimm für sie gewesen, dass sie alles dafür tat, es nicht mehr fühlen zu müssen.
Bevor wir also das Verhalten von Menschen verurteilen, sollten wir uns immer die Frage stellen: »Wozu ist das für die Person gut? Wovor schützt es sie?« Denn wie wir gelernt haben, ist unser Nervensystem darauf programmiert, Gefahr abzuwehren. Negative Erlebnisse wie Abwertung, Ausschluss oder Abweisung können dabei genauso als Gefahr wahrgenommen werden wie ein Säbelzahntiger vor über zwanzig Millionen Jahren. Das macht für das Gehirn keinen Unterschied. In Gefahrensituationen gilt dann: Unser Verhalten wird wie zu Säbelzahntigerzeiten vom Stammhirn gesteuert. Verstand und Ratio ade.
Die empfundene Sicherheit bestimmt also unser Verhalten. Sicherheit ist die Voraussetzung, um überhaupt gut arbeiten und offen für Neues sein zu können. Sie ist die Essenz dafür, dass wir das, was an Potenzial in uns steckt, überhaupt leben können.
Diese Tatsache sollte immer berücksichtigt werden, wenn mit Menschen gearbeitet wird. Insbesondere dann, wenn man in einer Form für sie oder den gemeinsamen Prozess verantwortlich ist. Beispielsweise in der Rolle als Führungskraft oder Coach.
Reflexionsfragen
Wie fühlt sich für dich Sicherheit an? Gibt es ein Bild in dir dazu?
Wann fühlst du dich sicher? In welchen Situationen, mit welchen Menschen,
in welcher Umgebung?
Was benötigst du, um dich sicher fühlen zu können?
Was nimmst du aus diesem Abschnitt an Erkenntnissen und Gedanken mit?

Buchauszug Birgit Schumacher: „BusinessVillage Verlag – Psychologische Sicherheit – Das Entwicklungselixier für persönliches Wachstum, Teams und Organisationen
Woran kann man das Gefühl von Sicherheit messen?
Der Zustand von Sicherheit und Unsicherheit ist neurobiologisch abbildbar. Dafür hat der amerikanische Psychologe und Achtsamkeitsforscher Daniel Siegel das Stresstoleranzfenster beschrieben (»Window of tolerance«). Es dient als Modell für die einfache Veranschaulichung unseres Nervensystems: Es meldet uns entweder Sicherheit oder Gefahr.
Wir erinnern uns: Ein Mangel an (empfundener) Sicherheit führt zu Stress. Die Stressreaktionen geben uns Auskunft darüber, wo wir uns in unserem Toleranzfenster aufhalten.
Es gib drei Bereiche des Erregungsniveaus:
- Den Bereich des optimalen Erregungsniveaus: dort, wo wir uns sicher fühlen.
- Den Bereich der Übererregung unter Unsicherheit. In diesem Zustand ist unsere Wahrnehmung stark geweitet. Wir stehen unter Anspannung, sind gestresst und nehmen unser Außen als bedrohlich wahr. Unsere Exterozeption steht förmlich unter Feuer.
Beispielhafte Symptome der Übererregung können sein:
- innere Unruhe,
- Konzentrationsschwierigkeiten,
- körperliche Unruhe,
- Schlaflosigkeit,
- Gedankenkarussell,
- Reizbarkeit,
- Den Bereich der Untererregung unter Unsicherheit: Wir nehmen weniger von unserem Außen wahr. Auch die Interozeption ist abgeschwächt.
Beispielhafte Symptome der Untererregung können sein:
- wenig Ausdruck in Mimik und Gestik,
- Leere im Kopf,
- Verlust von Konzept und Zusammenhang,
- Schwierigkeiten, Entscheidungen und Planungen umzusetzen,
- Gleichgültigkeit,
- Verlust von Motivation,
- Unterstützung wird nicht gesucht,
- Rückzug, Vermeidung sozialer Kontakte,
- keine Präsenz.
Wie gut wir mit Stress umgehen können und wie schnell wir außerhalb unseres Stresstoleranzfensters gelangen, ist abhängig davon, wie groß unser Stresstoleranzfenster ist. Das wird wiederum, wie oben beschrieben, zu einem Großteil durch unsere frühen Prägungen im Sinne von Erfahrungen und Erlebnissen in Bezug auf Gefahr und Sicherheit bestimmt. Wenn sich das Nervensystem eines Kindes ungestört entwickeln kann, wird es im Erwachsenenalter ein breites Stresstoleranzfenster haben. Umgekehrt gilt dasselbe. Erfahrungen in Kindheit, Jugend und Schule können das Stresstoleranzfenster auch verkleinern. Die Größe des Stresstoleranzfensters ist also sehr individuell. Auch diskutieren Experten darüber, inwieweit das Stresstoleranzfenster genetisch vordefiniert ist. Es spricht einiges dafür, dass auch das ein Faktor ist.
Wenn wir also ein Umfeld psychologischer Sicherheit erschaffen wollen, ist es wichtig, diesen Zusammenhang bewusst vor Augen zu haben. Das umgebende System sollte so sicher sein, dass jeder innerhalb seines Stresstoleranzfensters agieren kann – unabhängig davon, wie weit es ausgeprägt ist. Wir sollten immer die Erwartung haben, dass Menschen sehr unterschiedliche
Sicherheitsbedürfnisse haben und sich unterschiedlich verhalten. Ein solches für eine Gruppe von Menschen passendes Umfeld können wir nicht allein erzeugen, es ist eine Aufgabe, die besser gemeinsam mit dem Team angegangen werden sollte. Führende sollten nicht in die Falle laufen, dass sie sich allein für die Herstellung psychologischer Sicherheit verantwortlich fühlen.
Reflexionsfragen
Erinnere dich an Situationen, in denen du in der Mitte deines Stresstoleranz-fensters warst und dich ruhig und sicher fühltest. Was sind das für Situationen?
Wie fühlt sich dieser Zustand in deinem Körper an?
In welchen Situationen gerätst du in die Übererregung und außerhalb deines Toleranzfensters? Welche körperlichen Symptome zeigen sich dann bei dir?
Kennst du die Symptome der Untererregung aus deinem eigenen Leben?
Schau noch mal in die Situationen, in denen du dich sicher fühlst. Was tust du in diesen Situationen? Könnten dich diese Aktivitäten wieder in dein Stresstoleranzfenster holen, wenn du mal draußen bist?
Bei Gefahr und Sicherheit übernimmt unser autonomes Nervensystem
Der Teil unseres Nervensystems, der unser Verhalten in Sicherheit und Gefahr bestimmt, ist das autonome oder vegetative Nervensystem. Es regelt alle organischen Funktionen, die nicht mit dem Willen beeinflusst werden können. Blutdruck, Herzschlag, Lungenfunktion, Verdauung und viele andere Prozesse unseres Körpers werden darüber gesteuert.
Neben dem enterischen Nervensystem gehören zum autonomen Nervensystem zwei weitere Bereiche, die wir uns in den folgenden Abschnitten genauer ansehen werden: das sympathische und das parasympathische Nervensystem.
Die beiden Anteile agieren im Wechselspiel miteinander, wenn es um Anspannung und Entspannung geht. Daher erleben wir auch unterschiedliche körperliche Symptome, wenn wir uns sicher und entspannt fühlen oder angespannt und gestresst.
Das sympathische Nervensystem: der Energieverteiler bei Gefahr
Wenn du dich in die letzte Situation hineinversetzt, in der du einen Vortrag gehalten hast oder erschrocken bist, wirst du den sympathischen Anteil deines Nervensystems spüren. Er versetzt dich in einen fokussierten Zustand, gibt dir Energie und fördert deine Aufmerksamkeit.
Du atmest schneller, dein Herz schlägt schneller und dein Blutdruck erhöht sich. Dir wird die Energie gegeben, die du benötigst, um mit den Anforderungen umgehen zu können. Je höher dabei die Herausforderung im Außen ist, desto stärker reagiert der Sympathikus. Er ist also der Teil, der uns in Gefahrensituationen in einen Zustand versetzt, in dem wir sofort reagieren können. Er fungiert dabei als ein optimaler Energieverteiler, denn er mobilisiert sie in den Organen unseres Körpers, die notwendig sind, um in Gefahr fliehen oder angreifen zu können. Dazu gehört zum Beispiel eine gesteigerte Durchblutung unserer Muskeln. Gleichzeitig wird aber die Durchblutung der Haut verringert.
Weitere Beispiele für die Wirkungsweise des Sympathikus:
- Herz: Beschleunigung des Herzschlags
- Lunge: Erweiterung der Bronchien
- Augen: Erweiterung der Pupillen
- Drüsen: Speicheldrüse: weniger Speichelproduktion; Schweißdrüsen: erhöhte Schweißproduktion
- Magen-Darm-Trakt: verringerte Bewegung, geringere Produktion von Verdauungssekreten
- Blase: Harn wird zurückgehalten
»Im Zustand von Angst steuert das autonome Nervensystem unser Verhalten. Deshalb fühlen wir uns in diesen Momenten oft fremdbestimmt.«
Dass dabei kein Säbelzahntiger vor uns stehen muss, damit sich diese Körperreaktionen zeigen, spürst du, wenn du aufgeregt bist: Du bekommst kalte, schwitzige Hände, einen trockenen Mund und dein Herz schlägt schneller. Die Interpretation dessen, was wir wahrnehmen, hat demnach unmittelbare körperliche Auswirkungen, die wir nicht aktiv steuern können. Es ist eine autonome Reaktion unseres Körpers, um unser Überleben in Gefahr zu sichern.
Das parasympathische Nervensystem: Rest and Reset in Sicherheit
Wenn du dich an deinen letzten schönen Urlaub erinnerst und dich gedanklich noch einmal in die Hängematte legst, mit Blick auf das Meer, könnte sich dein parasympathisches Nervensystem melden und dich erneut in diesen entspannten Zustand bringen. Denn genau dafür ist dieser Teil unseres Nervensystems da: zur Regeneration und Entspannung.
Das parasympathische Nervensystem besteht aus vielen Nervenzellen, die im Hirnstamm und im Sakralmark des Rückenmarks liegen, sozusagen am unteren Ende deines Kopfs und am Ende deines Rückenmarks. Damit umrahmt der Parasympathikus den Sympathikus in seiner Lage im Rückenmark.
Das parasympathische Nervensystem reguliert viele innere Organe in der Ruhephase:
- Herz: Verlangsamung der Herzfrequenz
- Lunge: Verengung der Bronchien
- Verdauungstrakt: vermehrte Bewegung, erhöhte Produktion von Verdauungssekreten
- Augen: Pupillenverengung
- Drüsen: Speicheldrüsen: erhöhte Speichelproduktion; Bauchspeicheldrüse: erhöhte Produktion von Verdauungsenzymen
Wenn du das nächste Mal auf dem Sofa liegst und deinen Bauch gluckern hörst, weißt du nun, dass du entspannt bist und dein Parasympathikus angesprungen ist. Auch hier zeigt sich an den Körperreaktionen, wie wir unser Außen interpretieren. In diesem Fall: sicher und entspannt.
Im nächsten Schritt schauen wir uns den zehnten Hirnnerv des parasympathischen Nervensystems an, den Vagusnerv (Nervus vagus). Er spielt eine bedeutungsvolle Rolle, wenn es um das Gefühl von Sicherheit geht.
Der Vagusnerv hat zwei unterschiedliche Pfade, den ventralen (vorderseitigen) und den dorsalen (rückseitigen) Pfad. Diese beiden Teile haben nach dem Neurowissenschaftler Stephen Porges, dem Begründer der Polyvagal-theorie, zwei unterschiedliche Aufgaben im Kontext von Sicherheit beziehungsweise Gefahr (= Stress).
Der ventrale Vagus: der Möglichmacher von sozialer Interaktion
Wenn wir über das Thema psychologische Sicherheit sprechen, meinen wir dabei vorrangig die soziale Sicherheit in unserem umgebenden System. Das bedeutet, wie verlässlich sind die Verbindungen zu den anderen Menschen, mit denen ich lebe und arbeite. Kann ich davon ausgehen, dass ich so, wie ich bin, angenommen werde?
Um das einschätzen zu können, muss der ventrale Vagus aktiv sein. Denn wir müssen die Gefühlslage anderer Menschen über deren Körpersprache, Mimik, Gestik und deren Tonfall wahrnehmen und dabei hilft uns der ventrale Vagus. Nur mit ihm können wir in die Verbindung zu einem anderen Menschen gehen. Je mehr wir uns dabei gesehen und angenommen fühlen, desto tiefer empfinden wir dabei die Verbundenheit.
Jeder, der schon mal ein sehr vertrauensvolles Gespräch mit einer nahestehenden Person hatte, wird das Gefühl kennen, das sich dabei in einem ausbreitet. Wenn wir mit Sprache versuchen, dieses Gefühl zu beschreiben, dann wären die passenden Worte, es als ein wohliges und warmes Gefühl zu formulieren, das mir signalisiert: »Hier und jetzt ist alles gut, hier bin ich sicher«. Das Empfinden tiefer Verbundenheit führt zu psychologischer Sicherheit und wirkt einer sympathikotonen Erregung entgegen. Das heißt, über ventral-vagale Interaktionen können wir wieder in unser Stresstoleranzfenster gelangen.
Verbundenheit ist dabei das zentrale Element, da der ventrale Vagus der biologische Teil unserer zutiefst sozialen Natur ist. Allerdings kann er auch unser Verhalten in eine andere Richtung beeinflussen. Unter zwischenmenschlichem Stress ist dieser Teil des Parasympathikus auch an einer Überlebensreaktion beteiligt.
Anders als beim Sympathikus, der unter Gefahr unsere Überlebensenergie für Flucht und Kampf mobilisiert, führt uns der ventrale Vagus in die Unterwerfungsreaktion (die sogenannte Fawn Response): Wir verhalten uns beschwichtigend, anbiedernd und gefällig, um nicht ausgestoßen oder abgewertet zu werden.
Das bedeutet: Wenn du beispielsweise bei der Arbeit Kollegen hast, bei denen du ein solches Verhalten beobachtest, kann das ein Zeichen dafür sein, dass sich diese Personen in ihrem sozialen Umfeld nicht sicher fühlen. Sie wollen anderen gefallen, um sich zu schützen. Je nach den gemachten Erfahrungen in der Vergangenheit kann das heutige soziale Umfeld mehr oder weniger bedrohlich wirken.
Der dorsale Vagus: der Hauptschalter unseres Sicherungskastens
Der dorsale Pfad hat ebenfalls zwei gegensätzliche Wirkmechanismen, je nachdem, ob wir uns sicher oder unsicher fühlen. In absoluter Sicherheit ermöglicht er uns zu entspannen und zu genießen, wenn wir bewegungslos sind. Das sind Situationen wie bei einer wohltuenden Massage oder wenn du bei deinem Partner im Arm liegst und ihr gemeinsam das knisternde Feuer eures Kamins beobachtet. In solchen Situationen regenerieren wir tief und erleben ein wunderschönes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.
Anders ist es, wenn wir einer extremen Bedrohung ausgeliefert sind, der wir selbst mit der mobilisierten Energie des Sympathikus nicht begegnen können. Unser Nervensystem ist überlastet und Flucht oder Kampf können uns nicht mehr aus der Situation retten. Dann entfaltet der dorsale Vagus eine ähnliche Wirkung wie ein FI-Schalter im heimischen Sicherungskasten. Der FI-Schalter ist eine Schutzvorrichtung, die bei Fehlerströmen einen Stromkreis einfach abschaltet. Der dorsale Vagus macht dasselbe. Er schaltet uns gewissermaßen ab.
Er schaltet uns in diesem Moment aus und versetzt unseren Körper in einen Zustand der Immobilität. Dieser Zustand wird auch Shutdown genannt. In der Tierwelt kann man das bei Fluchttieren beobachten, die von ihrem Jäger erbeutet werden. Sie scheinen tot zu sein, so regungslos liegen sie am Boden. Aber sobald der Jäger einen Moment unaufmerksam ist, schaffen sie es von einem auf den anderen Moment aufzuspringen und wegzulaufen.
Die autonomen Abläufe des Nervensystems sind hier in der Abfolge klar zu erkennen: Der dorsale Vagus führt in den Shutdown und der Sympathikus verhilft dem Tier anschließend zur rettenden Flucht. Ein beeindruckender Mechanismus, um das Überleben in der Natur zu sichern.
Wie wir bei fehlender Sicherheit aus unserem Lebensfluss geraten können
Wie sieht nun ein Shutdown bei uns Menschen aus? Dazu nehme ich euch in eine Arbeitswoche von Nathalie mit.
Nathalie ist eine sehr engagierte Mitarbeiterin in der IT, die grundsätzlich viel Freude an ihrer Arbeit hat. Über den Tag hinweg bewegt sie sich wie jeder Mensch wellenförmig durch ihr Stresstoleranzfenster.
Sie steht morgens auf, trinkt ihren ersten Kaffee, geht dann an den Schreibtisch und überfliegt die neuen E-Mails, die seit dem gestrigen Feierabend eingegangen sind. Ihre Aufmerksamkeit geht dabei sofort auf die Absenderadressen oder Betreffzeilen, die ihr Gefahr melden könnten: ihre Chefin, die mit einem neuen Auftrag um die Ecke kommen könnte, der bis heute Abend fertig sein soll. Oder die Betreffzeile, die Probleme heraufbeschwört. Ihr Sympathikus übernimmt das Ruder, und je nachdem, wie sehr sie die Nachricht beunruhigt, bemerkt sie einen höheren Grad der Erregung in sich. Wie ihr Gehirn den Inhalt der E-Mail bewertet, entscheidet darüber, wie stark ihr Sympathikus sie an den oberen Rand ihres Toleranzfensters bringt oder sogar darüber hinaus.
Findet sie eine Lösung oder zumindest eine Herangehensweise für das Problem, nimmt die Energie, die der Sympathikus bereitgestellt hat, wieder ab. Ihr Puls beruhigt sich. Solange sie sich innerhalb ihres Toleranzfensters befindet, kann sie ihrer Arbeit fokussiert und entspannt nachgehen.
An einem Morgen springt ihr eine Nachricht direkt ins Auge. Betreff: Systemausfall! Sie merkt augenblicklich, wie ihr das Blut in den Kopf schießt und ihr Puls anfängt zu rasen. Das IT-System eines Kunden, bei dem unter anderem sie einen neuen Prozess entwickelt hat, scheint in die Knie gegangen zu sein. Der Kunde hat sich bei ihrer Chefin über sie beschwert und es werden ihr Vorwürfe gemacht.
Sie ruft sofort ihre Chefin an, um die Hintergründe zu verstehen und das Thema zu klären. Ihre Chefin beruhigt Nathalie und gibt ihr dadurch die Sicherheit, dass sie es wieder geradebiegen kann. Nathalie kommt wieder zurück in ihr Stresstoleranzfenster und kann in diesem Zustand in die Ursachenforschung gehen. Dabei fällt ihr auf, dass der Fehler von Kollegen aus einer anderen Abteilung begangen wurde. Erleichtert und auch ein wenig stolz, dass sie die Ursache des Problems so schnell gefunden hat, schreibt sie eine E-Mail an alle, die diese Information bekommen sollten, um das System des Kunden wieder schnell zum Laufen zu bekommen.
Was danach passiert, wirft sie komplett aus der Bahn: Es folgen E-Mails mit Anschuldigungen und die Geschäftsführung bekommt Kopien dieser E-Mails. Nachts kann sie nicht schlafen und auch in den nächsten Tagen beruhigt sich die Lage nicht. Ihre Chefin geht auf Distanz zu ihr. Selbst nachdem der Vorfall geklärt werden konnte und das IT-System wieder läuft, scheinen die Dinge bei der Arbeit anders zu laufen.
Monate vergehen, in denen sich Nathalie in einer Art Mobbingsituation befindet. Sie versucht, Kontrolle über die Lage zu bekommen, indem sie sich noch mehr anstrengt und noch länger arbeitet. Sie will zeigen, dass sie eine gute Mitarbeiterin ist. Über die Zeit wird sie immer fahriger und unruhiger. Sie läuft schon seit Wochen oberhalb ihres Stresstoleranzfensters. Ihr Sympathikus ist dauerhaft in Aktion und lässt sie nicht mehr zur Ruhe kommen. Ihr ganzes System ist im Alarmzustand und wittert überall Gefahr. In jeder E-Mail kann die nächste Bösartigkeit lauern. Es fühlt sich für sie wie ein Überlebenskampf an.
Der FI-Schalter ihres Körpers, der dorsale Vagus, zieht jetzt die Notbremse: Er reißt sie aus der Übererregung. Allerdings entzieht er ihr dabei wirklich sämtliche Energie, sodass sie unterhalb ihres Stresstoleranzfensters gerät. Nathalie fühlt sich völlig antriebslos. Sie kommt morgens nicht mehr aus dem Bett und selbst die einfachsten Dinge fallen ihr schwer, sodass sie auch nicht mehr arbeiten kann. Der dorsale Shutdown wird vom Arzt als Burn-out diagnostiziert.
Reflexionsfragen
Wenn du dir einen typischen Arbeitstag von dir anschaust, in welchem autonomen Zustand befindest du dich am häufigsten? Bist du beispielsweise eher in der Übererregung, also so stark gestresst, dass du dich zeitweise ohnmächtig und machtlos fühlst?
Findest du deinen Arbeitslebensfluss gut oder möchtest du gerne etwas daran ändern? Wenn du etwas ändern möchtest, was könnte dich dabei unterstützen?
Wann hast du das letzte Mal deinen Sympathikus in einer positiven Weise gespürt? Wann warst du das letzte Mal freudig aufgeregt?
- Was hast du dafür getan?
- Wie hat sich das im Körper angefühlt?
- Würdest du davon gerne mehr in deinem Leben haben? Wenn ja, was könntest
• du dafür tun?
Wann war das letzte Mal dein Parasympathikus im positiven Sinne aktiv? Wann warst du das letzte Mal so richtig tiefenentspannt und hast den Moment genießen können?
- Was war ursächlich für die Entspannung?
- Wie hat sich das im Körper angefühlt?
- Was kannst du tun, um häufiger in diesen Zustand zu kommen?


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