Buchauszug Tillmann Prüfer: „Vatersein: Warum wir mehr denn je neue Väter brauchen“

Buchauszug Tillman Prüfer: „Vatersein: Warum wir mehr denn je neue Väter brauchen“

 

Tillmann Prüfer (Foto: PR/Kindler/ Max Zerrahn)

Schluss mit der Väter-Verunsicherung

Als ich vor zwanzig Jahren das erste Mal Vater geworden war, gab es niemanden, der mich nur irgendwie darauf vorbereitet hätte. Ich war 25 und schon auf Etliches im Leben schon trainiert worden. Auf Bundesjugendspiele, auf die Konfirmation, auf den Führerschein. Man fand es wichtig, dass ich eine Wurzelgleichung lösen konnte, ich wusste, wie der Zitronensäurezyklus funktioniert und wann der Dreißigjährige Krieg war. Aber wie es werden würde, Vater zu sein, darüber erzählte mir niemand etwas. Es schien sich um ein merkwürdig vorausgesetztes Wissen zu handeln. So fundamental, dass man es nicht einmal erwähnen musste.  Oder besser gesagt es hat kein Schwein interessiert.

 

Mittlerweile habe ich vier Töchter, sie sind neun, 15, 16 und 22 Jahre alt. Vatersein ist meine Hauptbeschäftigung. Wenn ich meinen 50. Geburtstag feiere, werde ich länger Vater sein als irgendetwas anderes im Leben.

 

Und heute wird sehr viel über die  Väter diskutiert ¬– doch trotzdem gibt es ein seltsames Schweigen. Nämlich das der Väter. Sie sagen nicht, was sie wollen, sie äußern nicht, was sie sich von ihrer Vaterschaft versprechen. Sie sprechen nicht aus, was die wichtigsten Dinge sind, die sie ihrem Kindern vermitteln wollen.  Dank des Feminismus und der Hinterfragung konservativer Lebensmodelle wissen wir nun, dass es gerechter, angemessener und besser ist, wenn sich Männer an der Cara-Arbeit beteiligen und nicht nur stiernäckig ihre Karrieren verfolgen. Aber was Kinder von ihren Väter haben sollen und was Väter ihren Kindern geben wollen – davon ist keine Rede.

 

Stattdessen macht sich unter Vätern eher ein leichtes Beleidigtsein breit. Als würden irgendwelche Feministinnen  ständig neue Forderungen stellen, denen man irgendwie pflichtschuldig nachkommen muss, um nicht auf der Seite des toxischen Patriachats verortet zu werden. Als hätten wir unsere Schuldigkeit getan, indem wir einen bestimmten Betrag auf eine Quality Time Konto einzahlen – und könnten dann einfach irgendwie weiterwurschteln. Als hätten sich die Aufgaben eines Vaters schon darin erschöpft, dass er brav seine Elternzeit absitzt, regelmäßig mit dem Kinderwagen um den Block schiebt und sich am Abwasch beteiligt. Reicht die väterliche Phantasie zu mehr nicht?

 

Ich finde, sie muss. Denn der neuen Feminismus ist vor allem eine große Chance für Väter. Es ist eine historische Möglichkeit, selbst aus dem Muster der tradierten Männer-Rollen auszubrechen, und sich klar zu machen. Was will ich? Was will ich selbst verändern?  Und was sollen meine Kinder davon haben? Wie werden wir alle glücklicher? Keine Generation von Vätern hatte dazu so gute Möglichkeiten wie unsere.

Aus meiner Sicht ist das Wichtigste, dass wir Männer eine eigene Haltung zum Vatersein definieren. Dass wir uns klar werden, wie viele Vaterideen uns im Kopf rumschwirren, die wir für uns selbst gar nicht gebrauchen kann. Die gute Nachricht ist ja: Die Neudefinition der gesellschaftlichen Rollen müssen wir nicht als Bedrohung begreifen, sondern wir können selbst kreativ werde. Zum ersten Mal in der Geschichte haben wir die Möglichkeit, unsere Rolle aktiv zu gestalten. Dieser Freiraum ist durch den Feminismus erst eröffnet worden. Dafür können Männer  vor allem dankbar sein. Die wichtigste Arbeit haben die Frauen gemacht, jetzt sind wir dran. Denn das Ende des Patriarchats ist nicht nur eine gute Nachricht auch für Frauen und Mütter – sondern noch eine viel bessere für die Väter.

Wir Männer rühmen uns doch gerne, dass die das Auto, die Glühbirne und die Mondrakete erfunden haben. Da dürfte die Neuerfindung der männlichen Rolle in der Familie doch ein Klacks sein, oder?

 

Vaterschaft scheint heute eine komplizierte Angelegenheit zu sein.  Man möchte es richtig machen, aber man weiß nicht recht, woran man sich halten soll.  Was eine gute Mutter ist, davon haben viele Menschen klare Vorstellungen:  Die gute Mutter ist fürsorglich, empathisch und opferbereit.  Aber der gute Vater? Der wird ständig neu ausgerufen: In Papa-Blogs, Papa-Podcasts und Papa-Magazinen. Mal ist er der perfekte Assistent der Mutter, mal das beschützende Vorbild, mal der beste Kamerad der Kinder – und dabei natürlich auch noch ein super Mann, der seiner Frau etwas zu bieten hat. Diese Superpapas geben Tipps wie, „So wirst du ein guter Vater!“ („keine Raketenwissenschaft“).  Manchmal erscheint es sogar, als sei Vatersein eine Funsportart: Väter mit Sechstagebart toben in Werbespots mit ihren Kids in der Natur, in Zeitlupe.  Wenn ich so etwas sehe, frage ich mich, wann ich das letzte Mal mit meinen Kindern in Zeitlupe über eine Wiese gerannt bin und dabei übers ganze Gesicht gelacht habe. Und dann versuche ich mich weiter durch das Vatersein zu manövrieren.

Immerhin kann ich sagen: Es gibt im Leben nichts, was mehr Spaß macht als das. Vatersein ist weder ein Job, noch ist es eine leidige Pflicht, der ein Mann nachkommen muss. Vatersein ist das größte Abenteuer, das ein Mann begehen kann. Nichts wird einen im Leben mehr herausfordern, nichts wird einen mehr befriedigen als die Fürsorge für ein Kind. Und dies ist vermutlich die beste Zeit in der Geschichte der Menschheit, um Vater zu werden. Denn es ist zum ersten Mal der Fall, dass man als Mann ein Kind groß ziehen kann, ohne dabei von der Umwelt gegängelt zu werden. Festgelegt zu werden von allerlei Menschen, die es angeblich besser wissen als man selbst. Die einem vorschreiben, was die „väterlichen Pflichten“  sind, die wissen, was ein „echter Mann“ tun muss. Es gibt keine höhere Autorität mehr, die wir für so unfehlbar halten, dass wir uns von ihr vorschreiben lassen wollen, wie wir mit unsern Kindern zu verfahren haben und wie wir uns dabei fühlen sollen. Nicht die Tradition, nicht die Kirche, ja nicht einmal unsere Arbeitgeber.

Unsere Großväter hatten diese Möglichkeit nicht, unsere Väter hatten sie oft nicht. Nicht einmal ich hatte sie, als ich vor etwas mehr als zwanzig Jahren zum ersten Mal Vater wurde. Endlich können wir im großen Drehbuch des Lebens die Rolle des Vaters selbst schreiben!

Es gibt keine strikten Erwartungen mehr, die uns auferlegt werden. Es gibt keine Checkliste mehr, die wir abhaken, um zu wissen, dass wir als Vater „alles getan“ haben. Es gibt nicht mehr die festgefügten Formate, in die wir uns irgendwie einpassen, um uns danach sagen zu können, wir hätten es richtig gemacht, obwohl es sich falsch anfühlt. Das macht uns unsicher, und es fühlt sich gefährlich an. Und immer, wenn wir das Gefühl haben, jetzt haben wir es raus, dann stehen wir nach der nächsten Wegbiegung garantiert wieder vor einem großen Fragezeichen.

Es wird viel darüber diskutiert, welchen Vater es nun eigentlich gerade braucht und was er können muss. Es gibt Vaterbilder aus der Vergangenheit, die sich nicht mehr ganz wahr anfühlen: der  Beschützer der Familie, der Ernährer, der  Haushaltsvorstand. Und auf der anderen Seite gibt es die Mär vom „neuen Vater“, der jeder gerne sein möchte, von dem man aber nicht so recht weiß, wie er eigentlich aussieht: Ist er eine Art Mama mit Dreitagebart und Sixpack? Ist er Teilzeiternährer und Flatrate-Spielkamerad? Oder ist er der gute alte Vollvater, aber mit einer Art empathisch-emotionalen Softwareupdate? Man weiß gar nicht, für welchen dieser Konfektionsanzüge man sich mit voller Kraft begeistern soll.

Dabei brauchen wir keine Schemata, sondern eine positive, lustvolle Definition von Vaterschaft. Denn bislang wird über Väter oft in Defiziten gesprochen. Was sie sind, sind sie nicht genug. Nicht genug verantwortungsbewusst, nicht genug männlich, nicht genug anwesend. Männern wird vorgeworfen, sich zu wenig im Haushalt zu engagieren und zu viel für die persönliche Karriere. Und als Mann und Vater wird man heute das Gefühl nicht los, man müsse zehntausend Jahre Patriachat innerhalb einer Elternzeit wieder gut machen. Als solle man ganz stolz sein auf das Anderssein und sich gleichzeitig schämen für das Vielleichtdochnichtganzanderssein.

Ich meine: Ein Vater ist ein großer Gewinn für das Leben. Und ein Vater sollte sich überlegen, auf welche Weise er dieser Gewinn sein möchte, und nicht nur, welche problematischen Aspekte er verkörpert.

Die Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Margit Stamm gehört zu den Kritikerinnen der unter negativen Vorzeichen geführten Diskussion über Männlichkeit. Sie ist der Meinung, dass sich die Debatte zu sehr darauf konzentriert, welche Anteile Väter an der Hausarbeit leisten, und dass dabei außer Acht gelassen wird, dass Vatersein noch aus sehr viel mehr besteht, als bei der Hausarbeit zugange und  irgendwie „da“ zu sein. Stamm  bezweifelt die „Überzeugung, dass ein Optimum an zeitlicher Verfügbarkeit des Vaters die Belastung der Mütter automatisch reduziert, die Entwicklung der Kinder fördert und die Partnerschaft glücklicher macht.“  Bisher habe sich das nicht bewahrheitet, denn: „Jenseits der häuslichen Präsenz der Väter spielen offenbar auch andere Faktoren eine wichtige Rolle.“  Für sie ist die zentrale Frage: “Was stellen wir uns denn unter einem guten Mann vor?“

Den Streitern für längere Vater-Elternzeiten wirft die Wissenschaftlerin einen „Tunnelblick“ vor. Sie sagt, in den deutschsprachigen Staaten Europas agiere die Mehrheit der Väter weiterhin als Haupternährer und erwirtschafte drei Viertel des Haushaltseinkommens.  Deswegen seien sie nicht alle schlechte Väter. „Unser Studien zeigen, dass es auch Väter gibt, die relativ viel arbeiten, sich dann aber in der freien Zeit, etwa am Wochenende, sehr stark mit den Kindern beschäftigen.“  Für Stamm ist ein engagierter in Vollzeit arbeitender Vater unter Umständen wertvoller als ein „lustloser Teilzeitler“.

Denn es stimmt eben auch anders herum. Nur weil man als Vater extralange Elternzeit nimmt und ganz viel im Haushalt anpackt, hat man damit noch nicht die Frage beantwortet, was man für die Kinder darstellen möchte.  Ein guter Hausmann ist deswegen noch kein guter Vater. Das heißt nicht, dass Väter keine Elternzeit nehmen sollen und in ihrer alten Rolle des Haupternährers verbleiben sollen – im Gegenteil. Sie müssen sich aber im Klaren sein, dass die Rolle eines Vaters darüber weit hinaus geht. Die gerechte Aufteilung der Hausarbeit ist eine Selbstverständlichkeit zwischen Eheleuten. Aber Kinder interessieren sich nicht so sehr dafür, wer die Hausarbeit macht. Kinder schätzen es, wenn die Eltern sich zueinander wertschätzend verhalten. Ihnen ist es besonders wichtig, dass Eltern ihnen gegenüber zugewandt, liebevoll, respektvoll und interessiert sind.  Wie sie sich die Care-Arbeit aufteilen, ist für Kinder möglicherweise weniger zentral, solange beide Eltern damit zufrieden sind.

Was überhaupt nicht hilft,  ist die bei Männern immer wieder leicht säuerliche Klage, dass es doch früher alles einfacher war. Als die Welt noch okay damit war, dass ein Vater einfach mal arbeiten geht und danach mit den Kumpels noch ein Bier ext. Als man noch wusste, was Papa zu tun hat und was Mamas Aufgabe ist. Die gute alte Zeit des Patriarchats, bevor alles feministisch wurde.

 

 

 

Tillman Prüfer: „Vatersein: Warum wir mehr denn je neue Väter brauchen“, Kindler Verlag, 208 Seiten, 20,– Euro

 

In diesem Buch vertrete ich die gegenteilige These: Jenes Ende des Patriarchats ist für Männer und besonders für Väter eine Befreiung. Denn die Rollen und Aufgaben der Vergangenheit haben vor allem einer Gruppe sehr geschadet: den Vätern. Unseren Vätern. Das Ende des Patriarchats bedeutet für Väter: Zum ersten Mal in unserer Geschichte  haben wir die Chance, so Väter sein zu können, wie wir es uns wünschen. Uns von den Gerüsten zu befreien, die bislang die Idee von Vaterschaft und Männlichkeit umbaut haben. Wir können uns von einem Panzer befreien, der Väter bislang oft genug davon abgehalten hat, glücklich mit ihrer Identität und ihren Leben zu werden. Unter der Zeit, die hinter uns liegt, haben nicht nur die Mütter, sondern auch die Väter gelitten.

Väter haben keinen Grund, nostalgisch nach hinten zu blicken. Sie sind genauso Verlierer eines Systems, von dem einige wenige Männer stark profitieren, viele aber nicht.  Männer verdienen zwar immer noch mehr Geld und werden zum Teil gewohnheitsmäßig bei Beförderungen bevorzugt. Männer besetzen die Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft, 70 Prozent aller Führungskräfte sind männlich. Nur etwa ein fünftel der Vorständen in DAX-Unternehmen sind Frauen. Männer verdienen im Schnitt knapp 20 Prozent mehr als Frauen.  Frauen finden sich auf dem Arbeitsmarkt überproportional in schlecht bezahlten Positionen oder in Teilzeit wieder. Mehr als 80 Prozent der Opfer von familiärer Gewalt sind weiblich. Spätestens seit der #MeeToo-Debatte dürfte es keinen Zweifel mehr daran geben, was Frauen in verschiedensten Berufen (und im Privaten) an Zudringlichkeiten zu ertragen haben.

Aber dass die Gesellschaft unter der Ägide der Männer stand, bedeutet nicht, dass dies für die Männer immer eine schöne Sache gewesen wäre. Mannsein ist eigentlich nicht zu empfehlen, wenn man den Zahlen folgt: Laut Berechnungen der Vereinten Nationen sind 80 Prozent der Opfer tödlicher Gewaltverbrechen Männer (fast immer Opfer anderer Männer). Drei Viertel aller Selbstmorde begehen Männer. Männer bekommen mehr Herz- Kreislauf-Erkrankungen. Etwa  drei Viertel alles Obdachlosen sind Männer. Und Männer haben auch eine mehr als vier Jahre geringere mittlere Lebenserwartung als Frauen. Etwa 8 Prozent der Männer sind arbeitslos, aber nur 6,4 Prozent der Frauen. Medizinischen Studien zufolge liegt das Sterberisiko von Männern nach Operationen um 50 Prozent höher als das von Frauen.  Mehr als 70 Prozent der Unfalltoten sind Männer.

 

Der Wirtschaftswissenschaflter und Männerberater Boris von Hesen hat in seinem Buch „Was Männer kosten“ versucht, eine Bilanz der Kollateralschäden der patriarchalen Welt zu ziehen. Im Jahr 2021 waren 93,96 Prozent aller Gefängnisinsassen männlich. 87 Prozent aller schweren Diebstähle wurden von Männern begangen.  73 Prozent der Alkoholkranken waren Männer. Männer waren für 80 Prozent der Fälle illegalen Drogenkonsums und 88 Prozent der Fälle illegalen Glücksspiels verantwortlich. Der Autor bilanzierte die Mehrkosten von schädlichem und selbstschädigendem Männlichkeitsverhalten auf 63 Milliarden Euro im Jahr.

Nun könnte es ja sein, dass Männer zwar  früher sterben, aber mit der Welt, die sie sich gebastelt haben, trotzdem glücklicher und zufriedener sind. Aber auch das ist nicht der Fall: Fragt man Männer und Frauen nach ihrer Lebenszufriedenheit, dann stellen sich Frauen im Durchschnitt als die zufriedeneren Menschen heraus, zumindest in der Mitter ihres Lebens.

Beispielsweise leiden Männer viel stärker unter Arbeitslosigkeit als Frauen. Eine Studie des israelisch-kanadischen Soziologen Eran Shor von der McGill-Universität in Montreal ergab, dass Arbeitslosigkeit das Sterblichkeitsrisiko der Männer um 78 Prozent erhöht, bei Frauen nur um  37 Prozent. Besonders betroffen sind Männer im Alter von fünfzig Jahren oder jünger. Also in der Zeit, in der sie auch für Kinder sorgen, sofern sie welche haben. Männer leben mit der Vorstellung, Geld für die Familie zu beschaffen sei ihre Naturbestimmung. Dementsprechend verzweifelt sie, wenn das nicht klappt.

Marc Luy, Forschungsgruppenleiter am Institut für Demografie in Wien, erklärte sogar, dass Hausmann  heute einer der gefährlichsten Berufe der Welt ist: Wer als Mann dauerhaft zuhause bleibt, habe ein höheres Sterblichkeitsrisiko als Gerüstbauer, Dachdecker und Bergleute.

Väter haben also jeden Grund, sich veränderte Zeiten zu wünschen. Sie haben auch Grund genug, eine aktive Rolle dabei zu spielen. Gerade weil sie Väter sind und für jemanden ein Vorbild sein werden – genau wie sie sich selbst am eigenen Vater ein Beispiel genommen haben.

Darin liegt für mich die besondere Verantwortung des Vaterseins heute: Sich selbst bewusst zu machen, was man an Erlerntem vorlebt, was man weitergeben möchte und was lieber nicht. „Die meisten Menschen, die Vater werden, kennen  nur einen Mann sehr gut, von dem sie wissen, dass er viel mit Kindern zu tun hatte: den eigenen Vater“, sagt er Psychologe Michal Lamb. Der Amerikaner ist gewissermaßen einer der Urväter der Vaterschaftsforschung und hat das Fach seit den Siebziger Jahren an der Universität von Cambridge geprägt. Ihm zufolge neigen Väter oft zu den Verhaltensweisen, die sie selbst als Kinder von ihren eigenen Vätern vorgelebt bekommen haben. Egal, ob man es als angenehm erlebt hat oder nicht. Es ist eben so, wie es ist.

 

Wo fangen wir an? Zunächst einmal sollten wir Väter mal locker lassen und uns zugestehen: Wir sind alle keine Supermänner und auch keine  Superdads. Wir sind keine Roboterwesen, die es hinbekommen, im Job die reinste Wundermaschine zu sein und dann auch noch in der Familie brillant zu performen. Viele Männer verstehen gute Vaterschaft so, dass sie einfach noch ein Dutzend mehr Bullet Points auf ihre To-Do-List schreiben und sie nacheinander anhaken müssen, um sich selbst zu versichern, was sie schon wieder Tolles geleistet haben: Hausarbeit gemacht? Check. Kind ins Bett gebracht? Check. Vorgelesen? Check. Qualitytime verbracht? Check.

Gerade darum soll es in diesem Buch nicht gehen. Es geht nicht um Anleitungen zum Supervatersein. Nicht darum,  wie viele Stunden am Tag man am besten mit seinem Kind verbringt,  ob man sich drei oder sechs Monate Elternzeit nimmt. Ob man in die Vater-Kind-Kur geht oder sich mit anderen Vätern und ihren Kindern zum gemeinsamen Väter-Grillen trifft. Es geht nicht darum, zu wieviel Prozent man  sich an der Hausarbeit beteiligt (wobei ich persönlich jeder Frau, deren Partner behauptet, er sei zu ungeschickt zum Bügeln und Wischen, raten würde, sich umgehend jemand Geschickteres zu suchen).  Ich möchte hingegen wissen: Was ist das denn heute, ein Vater? Wie findet man seine eigene Rolle, wie begleitet man sein Kind durchs Leben? Darum geht es. Nicht um das Abhaken von  Aufgaben, die dann ergeben, dass man wieder mal alles richtig gemacht hat.

Zuallererst die gute Nachricht: Man hat allen Grund, entspannt zu sein: Denn es gibt keinen „natürlichen“ Part des Vaters, den wir ausfüllen müssen, und schon gar nicht müssen wir als Vater „unseren Mann stehen“. Das sind Konzepte, die in allen Lebensbereichen eine große Rolle spielen, aber nicht bei der Kindererziehung.  Dass unsere Rolle nicht vorgeben ist, bedeutet aber auch, dass wir sie gestalten müssen.  Niemand tut das für uns.

Es gibt also auch eine schlechte Nachricht: Ein solches Vatersein ist anstrengend. Einfach den Pfaden zu folgen, die vorgegeben sind, nimmt einem viel Arbeit ab. Aber nach dem Glück für sich selbst und die eigene Familien zu suchen,  birgt die Gefahr, sich zu verlaufen, manchmal auf dem Weg wieder ein Stück zurück zu müssen, nicht genau zu wissen, wo man gerade steht. Und vor allem: Man muss sich ernsthaft Gedanken über seine eigene Rolle machen. Man muss sie sich bewusst machen – das ist wirklich Arbeit. Aber sie kann glücklich machen.

Und gute Väter werden gebraucht. Nie hatte die Forschung dafür mehr Belege als heute. Der Vater wurde von der Erziehungswissenschaft und der Psychologie lange ignoriert. Man folgte der Sichtweise der Freudschen Psychoanalyse, nach der – verkürzt gesprochen – zwischen Mutter und Kind eine symbiotische Bindung herrscht und der Vater eher als Konkurrent auftritt.

Mittlerweile weiß die Erziehungsforschung, dass Väter wichtig sind. Für die Kinder. Wissenschaftliche Studien zeigen, wenn der Vater die Schwangerschaft eng begleitet, steigen die Chancen auf gesunde Babys. Väter helfen auch den Kindern bei ihrer Durchsetzungsfähigkeit in Gruppen. Und je aktiver Väter sich mit ihren eigenen Werten und Vorstellungen in die Erziehung einbringen, desto eher profitiert das Kind. Manche Forschungsarbeiten legen sogar nahe, dass Väter in bestimmten Bereichen einflussreicher sind als Mütter. So hat der deutsch-griechische Pädagoge Wassilios Fthenakis bereits in den Neunziger Jahren herausgefunden, dass beruflicher Erfolg im Leben und auch seelische Gesundheit im stärkeren Maß von der Beziehung zum Vater abhängen als zur Mutter. Ein Kind, das eine emotional erfüllende Beziehung zu seinem Vater und Wertschätzung von ihm erfahren hat, hat demnach größere Chancen, später ein glückliches Leben zu führen.

 

In den USA hat man schon länger erkannt, wie wichtig engagierte Väter für die Gemeinschaft sind. In seiner Amtszeit als US-Präsident hat Barack Obama eine ganze Reihe von Vaterschafts-Förderprogrammen auferlegt.  2011 hat er in einem Essay für das People-Magazin am Vatertag darüber geschrieben, wie sehr er als Junge darunter litt, ohne Vater aufzuwachsen. Seine Eltern hatten sich getrennt, als er zwei war, danach ist sein Vater bald verstorben. In Obamas Regierungszeit wurde auch die Website Fatherhood.gov aufgelegt, die unter anderem ein Vaterschafts-Toolkit und die Gelegenheit bietet, ein „Vaterschafts-Gelübte“ abzulegen. Das ist nicht nur eine sehr amerikanische Sentimentalität: Der Anteil der Kinder, die in den USA ohne einen Vater im Haus aufwächst, wird auf mehr als 20 Prozent geschätzt — und das wird mit vielen  sozialen Problemen in Verbindung gebracht. Kinder, die ohne Väter groß werden, haben schlechtere Chancen auf gute Bildung und erfolgreiche Berufslaufbahn und weniger Aussicht, später selbst eine funktionierende Familie zu haben. Ein Vater ist also offenbar unter Umständen sehr hilfreich.

Mittlerweile nimmt man auch in Deutschland die Rolle von Vätern in der Erziehung ernster als früher. Die Regierung will  Väter dazu motivieren, länger Elternzeit zu nehmen, und dazu soll dem Vater bei der Geburt des Kindes Urlaub zustehen. Die Vaterschaft wird auch endlich stärker erforscht. Die Berliner Erziehungswissenschaftlerin Lieselotte Ahnert hat etwa ein europaweites Netzwerk für Vaterforschung aufgebaut. Ihre Erkenntnisse sprechen dafür, dass Väter eine stärkere Rolle in der Erziehung spielen sollten. Sie ermittelte außerdem, dass sich Väter in einer viel breiteren Weise für ihre Kinder engagieren, als gemeinhin angenommen. Ahnert hatte zweihundert Väter über einen Zeitraum von einer Woche ihre Tagesaktivitäten  protokollieren lassen. Es zeigte sich, das etwa ein Drittel der Väter den gesamten Alltag des Kindes begleiteten. Ein weiteres Drittel begleitete immerhin bestimmte Aktivtäten, und nur ein Drittel entsprach dem Bild des mäßig interessieren Vaters, der sich nur eingeschränkt seinen Kindern widmet. Dafür sprechen auch Umfragewerte. Im offiziellen „Väterreport“, dessen  jüngstes Update die Bundesregierung 2021 veröffentlicht hat, gaben 69 Prozent der  jüngeren Väter an, sich mehr als die eigenen Väter an der Betreuung ihrer Kinder zu beteiligen – und diese Veränderungen auch als persönlichen Gewinn anzusehen.

Väter machen sich heute mehr Gedanken denn je, wie sie gute Väter sein können. Aber was bedeutet da? Was ist ein guter Vater ? Die Wissenschaft hat da durchaus nach Antworten gesucht und auch etliche gefunden. Der Soziologe Alois Herlth  hat schon in den Neunziger Jahren an der Uni Bielefeld begonnen, positive Vatereigenschaften zu erforschen. Sein Befund: Wichtig ist, dass der Vater Familienorientierung mitbringt, also ein Interesse hat, sich aktiv in die Erziehung einzubringen. Ein zweites zentrales Merkmal ist die sogenannte „Ressourcivität“: der Grad, in dem der Vater selbst den Umgang mit dem Kind als glücklich machend empfindet. Ein Vater, der Kraft daraus zieht, mit seinen Kindern etwas zu unternehmen, ist meist auch einer, der es besser unterstützen kann. Ein dritter wichtiger Faktor ist die Zufriedenheit der Lebenspartnerin oder des Lebenspartners. Insgesamt, so stellte die Bielefelder Forschungsgruppe fest, hängt dabei alles von der „Interpersonalen Sensitivität“ des Vaters ab. Ein Vater, der einfühlsam und interessiert ist, hilft seinen Kindern am meisten. „Ein guter Vater ist offen und empfänglich für emotionale Bedürfnisse“,  sagt Herlth.

 

Wie kommt man da hin? Wie findet man seinen Weg zwischen all den Vatermodellen, die uns offeriert werden?  Wer will man sein? Das hängt letztlich davon ab, welche Rolle man im Leben der eigenen Kinder spielen möchte. Um seine Rolle als Vater bewusst gestalten zu können, muss man aber zunächst einmal verstehen, woher all die gesellschaftlichen Vorstellungen vom Vatersein, sie uns so stark beschäftigen, stammen. Denn all die Ansprüche, die Väter an sich selbst haben und die von außen an sie heran getragen werden, haben eine Geschichte. Und auch die heutigen Väter sind Teil dieser Geschichte. Wie leben in einem Bewusstsein, das unsere Väter und Mütter geschaffen haben. Und wir selbst werden ein solches Bewusstsein an unsere Töchter und Söhne weitergeben.  Ob wir fähig sind, die Beziehung zu unseren Kindern achtsam zu gestalten, liegt zuallererst daran, ob wir verstehen, woher unsere eigenen Werte und Konflikte, Zielvorstellungen und Zwänge stammen. Daher möchte ich in diesem Buch auch zunächst in die Geschichte des Vaterseins zurückgehen – um zu sehen, wie wir wurden, wer wir sind.

Als Vater ist man im Leben des Kindes um so wichtiger,  je mehr es einem gelingt, die Beziehung zu ihm oder ihr mit Inhalten füllt. Und das zu tun, ist auf tausend gute Weisen möglich. Noch nie waren wir so frei darin, zu entscheiden, wie wir das tun. Es ist tatsächlich die allerbeste Zeit, um Vater zu sein.

 

 

 

 

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