Buchauszug Roman Gaida: „Working Dad. Vereinbarkeit von aktiver Vaterrolle und Karriere leben“
Roman Gaida hat vierjährige Zwillinge und ist selbst Topmanager. Er zeigt, wie man Karriere und Familie verbinden kann.

Gaida (Foto: Campus PR/Andi Werner)
Was bedeuten Erfolg und Karriere für dich?
»Ein Mensch ist reich im Verhältnis zur Zahl der Dinge, auf die er verzichten kann.« Henry David Thoreau
»Erfolgreicher Aufstieg im Beruf« – so beschreibt der Duden das Wort Karriere. Sicherlich haben sich viele Generationen haargenau an diese Definition gehalten und diesem höheren Ziel vieles geopfert: Freundschaften, Ehen und sicherlich auch viel Zeit mit ihren Kindern. Ungewöhnlich war und ist dies sicher nicht. Als normal empfindet man ein Verhalten, das in der Gesellschaft vorherrscht, allgemein üblich ist. In diesem Fall sieht das so aus: Man(n) geht arbeiten und kauft ein Haus, ein Auto, Aktien. Das Ziel lautet »höher, schneller, weiter«. Kinder und Familie kommen irgendwann dazu und laufen nebenher. Gewollt oder ungewollt passiert es dann doch, dass die normale Gesellschaft einen mit sich mitzieht und man irgendwann mitten in dieser Karriere steckt und sich fragt, wo die ganzen Jahre hin sind.
Wenn der erfolgreiche Aufstieg im Job geschafft ist, die klassische Karriere gemacht ist, wenn die Kinder schon groß sind, dann kommt die Sinnkrise. Nun versucht man, Verlorenes wieder aufzuholen, mit dem Engagement in einer NGO oder einem Porsche. Per se spricht nichts dagegen.
Carrière kommt aus dem Französischen und bedeutet so viel wie Rennbahn oder Laufbahn. Und wenn wir ehrlich sind, trifft es das doch ganz gut. Wir laufen und laufen und laufen und vergessen zu leben. Ich kann hier nicht wirklich mitreden, denn in meiner Familie hatte Karriere keinen Stellenwert. Ich kannte bis zu meiner Ausbildung das Ziel »Karriere machen« ehrlich gesagt nicht einmal. Mein Vater arbeitete als Schichtarbeiter, und meine Mutter war Hausfrau. Auch im Bekannten- und Verwandtenkreis gab es diese Terminologie nicht.
Im Nachhinein bin ich sehr froh darüber. Mir fehlte zwar eine Blaupause und das Netzwerk, dafür blieben mir allerdings viele vorgefertigte Wege erspart, und ich konnte meine eigene Definition von Karriere entwickeln. Auch ich bin nicht frei von dem Wunsch, beruflich erfolgreich zu sein, aber noch mehr möchte ich nichts bereuen. Ich will weder meine beruflichen Entscheidungen bereuen und schon gar nicht den Verlust der kostbaren Zeit, die mir mit meinen Kindern bleibt.

Vor allem für uns Väter ist es an der Zeit, Karriere neu zu definieren – weg von gesellschaftlichen Normen und vermeintlichen Selbstverständlichkeiten hin zu individuellen Lebensmodellen. Andere zu führen, ist etwas Schönes, wenn es einem Spaß macht. Es sollte aber nicht als einziges erstrebenswertes Ziel einer Karriere gesehen werden.
Was müssen wir Väter also tun, um Karriere für uns selbst und unsere Familie neu zu definieren?
Zuallererst müssen wir aufhören, uns gegenseitig etwas vorzumachen. Egal, wo ich auf der Welt unterwegs war – von Kapstadt bis New Orleans –, überall zeigen Geschäftsreisende stolz ihr schönes rotes Senator-Batch am Köfferchen. An diesem kleinen Lederetui erkennt man ihren Status als Vielflieger. Auf dem Fake Market in Shanghai wurden mir solche Kofferanhänger tatsächlich mit den Worten »You wanna have status?« angepriesen. Das sollte uns den Spiegel vorhalten. Wollen wir uns echt dadurch definieren?
Ich will damit nicht sagen, dass wir stattdessen unsere Koffer – auf durchaus auch nötigen Geschäftsreisen – mit Familienfotos bekleben sollten. Wenn wir aber die Zeit, die für unsere berufliche Karriere nötig ist, in dem Bewusstsein opfern, dass wir genauso wichtig für unsere Kinder sind wie die Mutter, dann wird jede Minute zu sehr teurer Handelsware. Wir sind nicht nur wichtig für unsere Kinder, sondern unsere Kinder sind auch wichtig für uns Väter.
Bevor du den nächsten Schritt deiner beruflichen Laufbahn tust, ist es wichtig, dass du dir vor Augen führst, was Erfolg und Karriere für dich ganz individuell bedeuten. Dazu kannst du dir die folgen- den Tool-Fragen stellen – ganz bewusst nur dir selbst. Nimm weder Freund:innen noch Eltern und schon gar keine Social-Media-Persönlichkeiten als Referenz für deine Antworten. Am Ende bist nämlich du es, der dieses Leben führen muss, und niemand sonst.
Tool
Fragen, die du dir regelmäßig stellen solltest (schreib dir die Antworten am besten auf ):
• Was macht mich glücklicher: Arbeit oder Familie?
• Arbeite ich in dem Beruf, den ich mir wirklich wünsche?
• Lebe ich nach den Erwartungen anderer oder richte meine beruflichen Wünsche danach aus?
• Wenn es nicht um das Gehalt gehen würde, würde ich etwas anderes tun?
• Was bedeutet Erfolg im Job für mich?
• Will ich die Beförderung überhaupt oder nur das vermeintlich höhere Gehalt?
• Was reizt mich an Karriere wirklich?
• Welche meiner Bedürfnisse bleiben in meinem Job unbefriedigt?
• Glaube ich an die Ziele, die ich mir vorgenommen habe?
• Was bedeutet die Erreichung der Ziele für meine Familie, für meine Kinder?
• Was hindert mich daran, meine beruflichen Ziele zu erreichen?
• Warum komme ich nicht vom Träumen ins Tun? Was hält mich auf?
Hacks
#1 Vergleiche dich nicht. Es gibt immer Menschen, bei denen es augenscheinlich besser läuft und die dir suggerieren, dass du nur diese eine Sache tun musst, um Karriere zu machen.
#2 Liebe, was du tust. Und mach, was du gut kannst. Der Erfolg stellt sich dann meist über kurz oder lang von selbst ein.
#3 Hör auf die Signale deiner Familie. Wenn du mal zu viel arbeitest oder schlecht gelaunt von der Arbeit kommst, wird dir das dein Umfeld spiegeln.
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Vielen Dank für diesen tollen Beitrag Frau Tödtmann. Ich habe mich sehr gefreut.
Roman Gaida