
Alex Steffen (Foto. PR)
Strategien des Forschers
Denkmuster lenken mit Achtsamkeit
Während die körperliche Hygiene selbstverständlich ist für unsere Gesundheit, erscheint uns die Gedankenhygiene durch Meditation als eher befremdliche Idee. Bei solchen Achtsamkeitsübungen geht es aber nicht immer nur um eine spirituelle Erfahrung oder um Stressreduktion. Für beides ist die Meditation gut geeignet, aber darauf liegt hier nicht der Fokus. Mir geht es darum, eine Übung zu präsentieren, mit der wir nachgewiesenermaßen ein Bewusstsein für die eigenen Gedankengänge entwickeln können. Das ist die Grundlage dafür, unsere Adaptive Intelligenz zu trainieren und anzuerkennen, dass es stets einen alternativen Lösungsweg gibt. Ich argumentiere in diesem Kapitel also dafür, dass Praktiken wie Meditation uns helfen können, mit den Hürden beim institutionellen Wandel umzugehen, indem sie die eigene Adaptive Intelligenz und damit das agile Mindset fördern und schärfen.
Zuerst einmal eine Klarstellung: Mit Meditation ist nicht Stillsitzen und Atmen gemeint. Das wäre eine Methode für einen ruhigen Geist. Wir aber bewegen uns weg von der Spiritualität und hin zur Toolbox für Hochleistung. Mein Ziel ist es, dass Menschen in Situationen, in denen der Plan versagt, über mehr Kompetenzen und Spielraum verfügen. Ich will dir helfen, zu erkennen, wo der Fokus deiner Gedanken liegt, und zu lernen, und wie du ihn bewusst umlenkst. Wie du über eine Beobachtung urteilst und welche alternativen Beurteilungen es gibt. Wie dir eine hohe Refresh Rate bei deinen Glaubenssätzen gelingt.
Denken ist eigentlich eine Art Selbstgespräch. Basierend auf deinen individuellen Erwartungen und Erfahrungen (Sensibilität, Traumata, Wünsche, Ängste und so weiter) folgt dieses Selbstgespräch stets einem bestimmten, von der Persönlichkeit abhängigen Schema. Der Eine stuft einen Kommentar als Anmerkung ein, die andere empfindet ihn als persönlichen Angriff. Während das Schema deine erlebte Realität widerspiegelt, hat es aus der Vogelperspektive keine Allgemeingültigkeit. Es ist nur ein Legostein in einem Ozean von Legosteinen, von denen in jeder erdenklichen Situation zahlreiche Stücke passen.
Der Neurowissenschaftler Andrew Huberman ist überzeugt, dass man mit Bewusstseinsübungen wie Meditation seine emotionale Stabilität wiederherstellen kann, wenn sie ins Wackeln gerät.
Machen wir also direkt eine praktische Übung: Sicherlich sind deine Gedanken schon das ein oder andere Mal abgeschweift, während du dieses Buch liest. Dafür hast du vermutlich entweder mich oder einen äußeren Umstand (wie zum Beispiel Nachrichten auf dem Smartphone, Verkehrslärm oder verführerischen Essensgeruch) oder möglicherweise auch dich selbst verurteilt. „Ich kann mich nicht konzentrieren. Das Kapitel ist unverständlich. Die Musik nebenan ist zu laut. Ich bin zu wenig fokussiert.” Erlaube dir diese Gedanken, aber höre ihnen zu, wie du Vögeln vor deinem Fenster zuhörst. Und jetzt kannst du dich aktiv dafür entscheiden, diese Verurteilung(en) fallen zu lassen und deine Gedanken sanft wieder auf die Lektüre umzulenken. Gratulation – du hast gerade meditiert!
Dein Verstand wird jetzt möglicherweise direkt protestieren. „Humbug! Es ist doch gar nichts passiert! Ich hab doch schon Kontrolle über meine Gedanken!” Vielleicht stimmt das. Vielleicht aber auch nicht. Wissenschaftlich bewiesen ist jedenfalls, dass jeder Mensch den allergrößten Teil seiner Entscheidungen im Verlauf eines normalen Tages unbewusst fällt. Existierende Denkkonzepte lenken also fast alle Beurteilungen und Entscheidungen. Und zwar zwischen 95 und 98 Prozent, je nachdem, welche wissenschaftliche Quelle man zu Rate zieht. Lass dich also von diesen unbewussten Konzepten nicht mehr automatisch leiten. Die linke Gehirnhälfte will für alles eine Bewertung finden. Eine gesunde Skepsis gegenüber den Machenschaften des sogenannten rationalen Hirns ist aus meiner Sicht jedenfalls gesund.
Falls du Gefallen an der Übung gefunden hast, kannst du sie direkt in weiteren Situationen erproben und deinen Change-Muskel trainieren. Wenn du später am Tage eine Unterhaltung hast, dann versuche einfach, dass Abschweifen deiner Gedanken zu beobachten, wie ein Außenstehender. Nun kannst du die Initiative übernehmen, wie du über ein Ereignis denkst, statt dem Automatismus zu folgen. Du unternimmst eine Umdeutung deiner Beobachtung. Als nächstes versuchst du es wieder heute Abend im Bett. Und dann morgen früh in der Dusche. Die Schritte, die nötig sind, um deine Gedanken aktiv umzulenken, folgen immer derselben Systematik:
- Ein Gedanke kommt auf.
- Du erkennst ihn ohne Beurteilung an.
- Du entscheidest dich bewusst dafür, anders über den Sachverhalt zu denken.
Je öfter und in je mehr Lebenslagen du genau das tust, desto mehr trainierst du deinen Change-Muskel. Möglicherweise fragst du dich jetzt, warum es den zweiten Schritt gibt: den Gedanken anzuerkennen. Sicherlich gibt es Gedanken, die dich sehr frustrieren, zum Beispiel ein bestimmtes Verhalten eines Kollegen oder ein eigener Misserfolg. Toleranz ist das letzte, an was du denkst. Aber genau das ist die Krux: Der Ärger lässt dich am Gedanken selbst festhalten, und die alternative Betrachtungsweise bleibt in weiter Ferne. Neu denken erfordert es, vorübergehend nicht zu denken. Das neu Bewerten (Schritt 3) erfordert, das Alte zu betrachten und dann gehen zu lassen (Schritt 2). Buddhisten sagen: „What you resist persists, what you look at disappears.”
Warum das gut ist? Das, was wir als Kontrollbedürfnis bezeichnen, kann über diese Methode aktiv reduziert werden. Das Resultat ist ein flexiblerer Geist. Du wirst weniger verbissen und zugänglicher für neue Ideen. Eine kreative Lösung kann entstehen. Schleichend gewinnst du die geistige Grundlage, um aufgeschlossen an neue Situationen heran- gehen zu können.

Vorsprung durch Sprache: Die Macht der Worte
Die Sprachpsychologin Lera Boroditsky erforscht, wie die Sprache unser Denken formt. So enthüllt sie, wie wir Wissen erzeugen und die Realität konstruieren. Boroditsky ist Assistenzprofessorin für kognitive Psychologie an der Stanford University in Kalifornien. „Was die Forscher ‚Denken‘ nennen, ist offenbar in Wirklichkeit eine Ansammlung linguistischer und nichtlinguistischer Prozesse”, sagt sie. In unzähligen Studien haben Forscher bewiesen, was Johann Gottfried Herder (1744–1803) und Wilhelm von Humboldt (1767–1835) ihrerzeit schon vermuteten: Unsere Sprachgewohnheiten formen unsere Realität und damit unser Handeln.
Die Jagd nach Anglizismen und Buzzwords ist in Besprechungen und bei Konferenzen geradezu zum Volkssport herangewachsen. Man darf den selbsternannten Sprachkontrolleuren ein gewisses Verständnis schenken. Natürlich lebt Sprache vom gemeinsamen Verständnis. Jeder, der einen Satz aus zehn Wörtern mit fünf Akronymen, Anglizismen und Kunstwörtern zumüllt, kommuniziert nicht effektiv und verstört seine Zuhörer. Nur wenn ein gemeinsames Verständnis gegeben, ist, können wir gemeinsam etwas erreichen. Doch dieser Volkssport verbirgt einen viel wichtigeren Trend. Viele Menschen, die so überempfindlich auf Buzzwords und Anglizismen reagieren, merken gar nicht, dass sie, neben der Komfortzone Deutsch, auch die Komfortzone Abkotzen nicht verlassen haben. Ganz oft stelle ich fest: Ihre Wortwahl ist zwar sprachlich korrekt und verzichtet auf die (manchmal praktischeren und treffenderen) englischen Begriffe aus der Business-Sprache, demotiviert ihre Teammitglieder aber zutiefst. Unser Problem sind nicht Anglizismen, sondern toxische Sprache am Arbeitsplatz.
Der Kommunikationsstil der Vorgesetzten spielt eine große Rolle für den Kulturwandel. Er kann Werkzeug und Taktgeber zur Lösung von Problemen sein und im Idealfall gute Gefühle vermitteln und Antrieb geben. Er kann aber auch als Waffe verwendet werden, indem die Sprache der Chefs Vorgehensweisen diskreditiert, neue Ideen grundsätzlich anzweifelt und Menschen verletzt. Anne M. Schüller beschreibt in diesem Zusammenhang die Forschung der Harvard-Psychologin Teresa Amabile. Diese kam zu dem Schluss, dass Kritiker oft als intelligenter wahrgenommen werden. Man spricht ihnen ein schärferes Urteilsvermögen zu. „Schwarzseher erscheinen leicht als scharfsinnig und weitsichtig, während positive Äußerungen schnell als naiv abgetan werden“, sagt Amabile.
Der Wirtschaftspsychologe Hans Eicher erklärt in seinem Buch Die verblüffende Macht der Sprache: „Hält jemand ein Ziel für nicht erreichbar, obwohl es innerhalb des Möglichen liegt, wirken Worte wie ‘Das schaffst du nie!’ gleichsam als Befehl und Aufforderung an das Gehirn, von diesem Ziel wieder abzulassen. ‘Negatives Hellsehen’ hat die gleiche Wirkung. Das sind Gedanken, die einen Menschen glauben lassen, er könne ein Ziel nicht erreichen, beispielsweise: ‘Ich fürchte, da habe ich keine Chance.’”
Ich wünsche mir eine Debatte um konstruktive Sprache am Arbeitsplatz. Bei konstruktiver Sprache steht der Ton im Vordergrund. Formale Kriterien, also welche Fachbegriffe als solche anerkannt werden oder wie „in“ ein Wort gerade ist, sind nachgelagert. Manche englischen Begriffe sind von Haus aus positiver oder präziser als ihre deutsche Übersetzung. Dazu zählen für mich Ausdrücke wie das Substantiv (unternehmerischer) hustle (zu deutsch weder Eile noch Betrügerei, wie im Duden beschrieben, sondern in etwa das „unentwegte erkämpfen von kecken Lösungen”), oder das Adjektiv resourceful (das knackige deutsche Wort „findig” trifft es leider nicht ganz, denn hierbei handelt es sich eben auch um die Fähigkeit einer Person, zügig fachfremde Konzepte in die Lösungsfindung einfließen zu lassen). Beim Versuch einer Übersetzung verrenkt sich die deutsche Sprache entweder, oder es kommt zu einem Minimalkompromiss (siehe Worte in Klammern oben).
Leonie Sanke erklärt in ihrem jetzt-Beitrag „Anglizismen sind besser als ihr Ruf“ ihren Lieblingsanglizismus this is not helping. „Etwa, wenn [man] in einer ausweglosen Situation einen unangebrachten Ratschlag [bekommt]. Jedes Mal, wenn mir selbst dieser Satz auf der Zunge lag, überlegte ich, wie er sich elegant und ähnlich lustig übersetzen lässt. Nicht hilfreich? Das hilft nicht? Bringt das Gefühl beides nicht richtig rüber.“ Sanke schreibt weiter, „viele Anglizismen drücken etwas aus, das die deutsche Sprache einfach nicht hinbekommt. Manchmal sind andere Sprachen einfach flexibler, knackiger oder massentauglicher.“ Das gilt übrigens für bestimmte deutsche Begriffe im Englischen (z.B Schaden- freude) ebenfalls.
Viel schädlicher als Anglizismen jedenfalls sind Killerphrasen, schreibt Anne M. Schüller in ihrem Buch Bahn frei für Übermorgen-Gestalter! Diese kann man im eigenen Büro oder Team ganz einfach sammeln und auf einem physischen oder einem digitalen Poster (dem Friedhof) für alle anderen sichtbar machen. Der Grundstein für die Selbstreflexion und konsequenten Wandel der Sprachgewohnheiten ist somit gelegt.
Friedhof für Killerphrasen (8 Beispiele)
- Das haben wir hier schon immer so gemacht.
- So tickt unsere Firma einfach nicht.
- Sowas wollen die Kunden nicht.
- Das wird nie funktionieren.
- Es ist nicht unsere Aufgabe, das zu ändern.
- Davon haben Sie doch gar keine Ahnung.
- Never Change a Running System.
- Sie müssen noch sehr viel lernen.
Genau hier tritt der Pionier-Archetyp des Forschers auf die Bühne. Er fragt: „Ist das wahr? Wollen die Kunden das wirklich nicht, wie der Zweifler vorgibt? Oder ist das nur eine Ausrede? Wird es wirklich nicht funktionieren oder nutzen wir einfach nur eine eingeschränkte Methodik?” Er will die Wahrheit erkennen, statt sich mit defensiven Aussagen zufrieden zu geben. Seine Vehemenz ist der Startpunkt für Wandel. Ohne sie wird die Transformation im Keim von Killerphrasen erstickt.
Zum Glück gibt es auch eine Fülle von motivierenden, aufgeschlossenen Phrasen, die das kreative Denken anregen und ergebnisoffen auf Neuerungen zusteuern. Hier ein paar Beispiele, um die eigene Liste zu erschaffen und zu pflegen:
Schatztruhe für Powerphrasen (11 Beispiele)
- Wie könnte es funktionieren?
- Wer hat die notwendigen Möglichkeiten?
- Hat es schon mal jemand versucht?
- Probieren Sie es aus!
- Ist unsere Vorgehensweise geeignet?
- Ich weiß zwar nicht wie, aber ich glaube daran!
- Wenn es jemandem gelingt, dann Ihnen!
- Welche unserer Prozesse stehen dem im Weg?
- Das ist mir nicht gelungen, ich versuche es erneut.
- Was brauchen Sie, um daran zu arbeiten?
- Ich bin froh, dass Sie das anpacken, und ich unterstütze Sie!
Diese Form der Kommunikation erfordert vom Chef ein hohes Maß an Bescheidenheit. Er muss vermitteln, dass er etwas nicht weiß und der bestehende Prozess es manchmal nicht kann. Zweitens muss der Vorgesetzte das Risiko eingehen, dass der neuartige Lösungsversuch (wieder- holt) scheitert und die dafür verwendete Arbeitszeit verschwendet wurde.
Wie Monique demonstriert, kann man mit solcher Bescheidenheit und Zuversicht Respekt ernten. Das Mitarbeitererlebnis floriert.
Fazit: Wie kommuniziert wird, entscheidet über den Erfolg. Power- phrasen verbinden immer zwei Elemente: Empathie und Entschlossenheit. Denn ein Mangel an Selbstbewusstsein kann die Autorität schnell untergraben. Aber ein überzogenes (und unbegründetes) Selbstbewusst- sein vermittelt toxische Überlegenheit statt Ergebnisoffenheit.

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