Buchauszug Claudia Hupprich: „Überleben im Organisationszoo“

Buchauszug Claudia Hupprich: „Überleben im Organisationszoo“

 

Claudia Hupprich (Foto: PR)

Willkommen im Organisationszoo

Es gibt jede Menge Tiere in der bunten Vielfalt eines Organisationszoos: Kleine und große, harmlose und gefährliche. Zoobewohner, deren Verhalten teils überraschend, erheiternd, beängstigend, beeindruckend oder abschreckend anmutet.

Manche der Bewohner haben scharfe Zähne und greifen tendenziell aus dem Hinterhalt an, andere wiederum sind Fluchttiere, die – so schnell kann man oftmals gar nicht schauen – bei der geringsten Gefahr sich in ihrer Höhle verkriechen. Zack, weg ist es.

Es gibt die flauschigen Gesellen, die nur auf den ersten Blick niedlich sind und es gibt die eher stacheligen Mitglieder, deren Aussehen und Auftreten furchteinflößend sind, aber deren Giftigkeit gemessen an dem der anderen weit unter dem Durchschnitt liegt.

Lassen Sie sich überraschen, welche der nachfolgend beschriebenen Bewohner Sie aus Ihrer eigenen Organisation kennen.

Und vielleicht erkennen Sie ja sogar sich in einem der Bewohner? Möglich ist alles, man weiß ja nie.

Die nachfolgende Liste ist selbstverständlich nicht als vollständig anzusehen, sondern es werden von Organisationszoologen immer wieder neue Spezies entdeckt. Treten Sie daher ein in den Organisationszoo und lassen Sie sich überraschen, welche Tiere Sie dort erwarten.

Übrigens sind die hier aufgeführten Tiere rein metaphorisch zu betrachten. Jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind natürlich rein zufällig.Der Meeting-Gorilla

Motto

Ich bin der King-Kong in der Besprechung!

Erkennungsmerkmale

Engagiert am Thema dran, will die Dinge voranbringen, hat jedoch jede Menge Pelz im Ohr, wenn es darum geht, die Meinung anderer Menschen wahrzunehmen.

Beschreibung

Der Meeting-Gorilla ist in Meetings weder zu übersehen, noch zu überhören. Er wählt seinen Platz so, dass er mittendrin ist und so agiert er dann auch. Sehr engagiert, oftmals auch hochgradig emotional. Wenn es um die Frage geht, wer als Erster am Flipchart ist, dann gewinnt er den ersten Preis. Mit einem lockeren »Darf ich?« nimmt er dem eigentlichen Organisator des Meetings den Stift aus der Hand und bringt seine Gedanken mit ein paar energischen Strichen und Worten auf das Papier. Der Meeting-Gorilla liebt es nämlich vor dem Flipchart oder dem Whiteboard zu stehen, um dem Kollegenkreis die Welt aus seiner Gorilla-Perspektive zu erklären.

Es soll übrigens schon Fälle gegeben haben, in denen er das Notebook des jeweiligen Vortragenden vom Beamer ausstöpselte, um seinen eigenen Laptop anzuschließen. »Ich erkläre Ihnen das mal gerne…« oder »So wird das nicht funktionieren …« sind häufig gehörte Satzanfänge.

Gerne wird von ihm auch gelegentlich die Agenda der Besprechung oder der Sinn und Zweck des Meetings in seiner Gesamtheit infrage gestellt.

Wenn der Organisator der Besprechung nicht aufpasst, droht Gefahr, dass der Gorilla das Meeting für sich und sein Ansinnen vollständig kapert. Andere haben dann das Nachsehen. Denn der Meeting-Gorilla ist mit so viel Kraft und Autorität im Raum unterwegs, dass für andere Sichtweisen kaum noch Platz bleibt.

Während sich einige Teilnehmer nicht trauen, etwas Gegenteiliges zu sagen, geben andere frustriert auf, weil sie den Eindruck erhalten, sowieso keine Chance für den eigenen Auftritt zu erhalten.

Dass der Gorilla mit seinem Verhalten regelmäßig Menschen in Meetings quasi buchstäblich »überfährt« und den vorhandenen Raum für sich vollständig in Anspruch nimmt, ist ihm oft gar nicht bewusst. Denn in Wirklichkeit basiert sein Handeln auf der positiven Absicht, Themen nach vorne zu bringen.

Etwas zu bewegen. Fakten zu schaffen.

Und wenn andere sich nicht an der jeweiligen Diskussion beteiligen, ist das in seiner Wahrnehmung nicht sein Problem. Da hat ja jeder der Anwesenden die gleiche Chance. Eine Sichtweise, die die anderen nicht unbedingt immer teilen.

Spannend wird es, wenn im Besprechungsraum noch ein weiteres Exemplar dieser Spezies anwesend ist, das der Meinung des anderen Primaten nicht zustimmt. Dann können sich alle anderen Anwesenden entspannt zurücklehnen und entweder die Show genießen oder sich einfach nur wundern.

 

Tipp, um den Gorilla zu zähmen

Nehmen Sie ihn bei Gelegenheit einmal mit auf einen Rundgang durch den Organisationszoo, um ihm zeigen, dass es nicht nur seine Spezies gibt, sondern auch andere. Und appellieren Sie an sein Verständnis, dass er auf manche anderen Zoobewohner furchteinflößend oder irritierend wirken kann.

Geschichten aus dem Organisationszoo

»An dieser Stelle möchte ich Ihnen natürlich nicht vorenthalten, wie ich den Meeting-Gorilla entdeckt habe.

Es ist viele Jahre her und ich saß in einer Besprechung mit vier Kollegen aus der Unternehmensberatung, in der ich zum damaligen Zeitpunkt arbeitete.

Wir waren engagiert und emotional am Diskutieren, man könnte auch sagen, dass es argumentativ wirklich hoch herging.

Die Meinungen zum aktuellen Thema waren recht unterschiedlich, als einer der Kollegen auf einmal eine entschiedene Geste machte, genauer gesagt eine bestimmte Körperhaltung einnahm.

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, nahm beide Arme nach oben und verschränkte die Hände hinter seinem Kopf.

Das schien in diesem Moment ein Signal zu setzen, dass er und nur er – quasi der Silberrücken im Raum – derjenige mit dem Durchblick war.

Die Wirkung war wirklich erstaunlich.

Da sich in einer Unternehmensberatung erfahrungsgemäß viele Meeting-Gorillas tummeln, ließ die Resonanz im Raum nicht lange auf sich warten und von den drei anderen Beratern nahmen noch zwei weitere genau die gleiche Pose ein.

Da saßen die drei dann, Arme nach oben und Hände hinter den Kopf verschränkt (da es Sommer war Schweißflecken unter den Achseln inklusive).

Sie hätten sich auch jeder für sich auf die Brust trommeln können.

Der Effekt wäre ähnlich gewesen.«

 

 

Claudia Hupprich:“Überleben im Organisationszoo“ – Tredition, 200 Seiten, 19,99 Euro. https://shop.tredition.com/booktitle/%3fberleben_Im_Organisationszoo/W-1_163201

 

Das Panik-Kaninchen

Motto

Wenn Du das machst, ist alles aus!

Erkennungsmerkmale

Ist darauf fokussiert, Risiken und Fehlschläge in allen Lebenslagen zu vermeiden, kann Mücken in Elefanten verwandeln und Flöhe husten hören.

Beschreibung

Das Panik-Kaninchen hoppelt die meiste Zeit mit einem enormen Stresslevel durch die Organisation. Denn es ist bestrebt, keine Fehler zu machen und vermeidet daher unter größtmöglichem Krafteinsatz organisatorische Baustellen und Schlaglöcher. Und das ist, wie man sich vorstellen kann, eine Quelle von Stress und Leistungsdruck.

Auch wenn der eigene Teller randvoll mit Möhren gefüllt ist, ist das Panik-Kaninchen dennoch besorgt, ob dies auch wirklich ausreichen wird. Was, wenn der Möhrenvorrat nicht reicht, die Möhrenkennzahlen in den Keller rutschen oder der Markt die Möhrenvorräte nicht abnimmt?

Aufgrund dieser Unsicherheit wittert es hinter jeder Ecke eine potenzielle Bedrohung oder einen potenziellen Fressfeind.

Hierarchien beeindrucken es genauso sehr wie ein aus seiner Sicht zu lautes, polterndes Auftreten, wie es gerne der Meeting-Gorilla oder das Krawall-Wildschwein tun. Dann versteckt es sich ruckzuck in seinem Bau und ist für einige Zeit verschwunden.

Für Kolleginnen und Kollegen ist der Grund für die jeweilige Panik-attacke nicht immer sofort erkennbar, oder vielmehr oftmals überhaupt nicht nachvollziehbar.

Man sollte das Gespür des Panik-Kaninchens jedoch auch nicht unterschätzen. Besonders in Teams, in denen es vor Machern, kreativen Köpfen und Menschen mit viel Umsetzungsbegeisterung wimmelt, kann das Panik-Kaninchen helfen, den Blick für vorhandene Risiken zu schärfen und sinnvolle Maßnahmen zur Risikovermeidung oder Risikoreduzierung zu definieren.

Tipp, um das Panik-Kaninchen zu beruhigen

Nicht jede dunkle Wolke am Himmel verwandelt sich später in einen Wirbelsturm. Aber was auch immer sich da manchmal im Organisationsalltag am Horizont zusammenbraut, kann bei einem Panik-Kaninchen schon Herzrasen hervorrufen, während der Rest der Mannschaft tiefenentspannt den Fokus auf anderen Themen hat.

Sollten Sie ein Panik-Kaninchen in Ihrem Team haben, hilft es, die eine oder andere Beruhigungsmöhre für den Notfall dabei zu haben.

Zahlen, Daten und Fakten helfen in der richtigen Dosierung, gepaart mit beschwichtigenden Worten, dass man im Team zusammenhält und gemeinsam durch »dick und dünn« geht.

Und vermeiden Sie, ein Panik-Kaninchen zu Trainingszwecken in Situationen zu schubsen, die es für bedrohlich hält. Sie müssen es nicht auf eine Bühne vor viele Menschen stellen oder in einer Tonne den Wasserfall hinunterschicken, damit es sich seiner Panik stellt.

Gönnen Sie dem kleinen, flauschigen Wesen stattdessen sinnvolle Rückzugsorte.

Und wer weiß, vielleicht ist die Witterung des Kaninchens im nächsten Projekt ja gar nicht so sehr aus der Luft gegriffen, sondern absolut berechtigt und schafft neue Perspektiven für alle Beteiligten.

Die Giftspritzen-Tarantel

Motto

Vorsicht, bissig!

Erkennungsmerkmale

Solange man nicht auf ihrem Zielradar ist, ist alles gut.Aber wehe, wenn sie einen ins Visier genommen hat.

Beschreibung

Die Giftspritzen-Tarantel ist mit äußerster Vorsicht zu genießen, denn sie nutzt jede Gelegenheit, um andere zu provozieren und ihr verbales Gift zu verteilen.

Teils erscheinen ihre Attacken willkürlich, teils sucht sie sich auch gezielt ihre Opfer aus.

Manche ihrer Angriffe sind eindeutig als solche zu erkennen. Da hört der Familienvater, der später als gewöhnlich im Büro erscheint, weil er mit seinem Töchterchen früh morgens zur Kinderärztin musste: »Einen wunderschönen guten Morgen. Auch schon ausgeschlafen?« Solch eine verbale Spitze ist nicht angebracht und kann getrost ignoriert werden.

Anders verhält es sich, wenn der Giftanteil in der Dosis erhöht wird. Dann werden verbale Gemeinheiten ausgepackt, die in eine Art Kostüm aus Wertschätzung gepackt werden, aber alles andere als wertschätzend sind. »Das war gestern eine interessante Präsentation von ihnen. Das hätte ich ihnen so gar nicht zugetraut.«

Nicht immer erfolgt ein Angriff der Tarantel in direkter Konfrontation. Denn auch hinter dem Rücken anderer lässt sich hervorragend Gift verteilen.

Ein Schwätzchen hier, ein kleiner Tratsch dort, Flurfunk und Gerüchteküche bieten optimale Bedingungen, um das Gift unter möglichst viele Menschen zu bringen.

Es soll Taranteln geben, die schon zu regelrechten Pandemien in Organisationen führten.

Während die Giftspritzen-Tarantel andere verbal attackiert, ist sie selbst höchst verletzlich und sensibel. Ein falsches Wort und sie fährt ihre Waffen aus. Denn in ihrem Inneren ist sie in Wirklichkeit deprimiert und besitzt nur ein kleines Ego. Deshalb lästert sie lieber über andere Menschen als im eigenen Hof zu kehren.

Tipp, um nicht Opfer einer Giftattacke zu werden

Sollte Ihnen beim nächsten Urwald-Ausflug einmal eine echte Tarantel das Hosenbein hochkrabbeln, hilft nur eins: Ruhe bewahren.

Denn ein Tarantelbiss ist äußerst schmerzhaft.

Bei einem potenziellen Angriff von einer Giftspritzen-Tarantel in der eigenen Organisation ist es ähnlich: Cool bleiben. Sich nicht provozieren lassen. Bleiben Sie gelassen und lachen Sie über den Angriff. Nichts ärgert eine Tarantel mehr, als wenn ein Angriff ins Leere läuft und ihr Gift nicht wirkt.

Das heißt allerdings nicht, dass Sie jeden Angriff über sich stoisch ergehen lassen sollten.

Wenn Sie im Kreise der Kolleginnen und Kollegen eine Giftspritzen-Tarantel haben, sollten Sie bei Bedarf auch einmal die sprichwörtliche rote Linie ziehen, die Demarkationslinie klarmachen.

Es gibt Angriffe, bei denen es sinnvoll ist, auf die Attacke überhaupt nicht einzugehen. Frei nach dem Motto: »Bitte weitergehen und hier keine Klümpchen bilden!«

Aber wenn es genug ist, ist es genug. Und das sollten Sie einer Giftspritzen-Tarantel frühzeitig und mit Nachdruck klarmachen.

Der Schaumschläger-Hahn

Motto

Schaut alle her, ich bin der Star hier bei uns!

Erkennungsmerkmale

Prahlt und redet über seine angeblichen Erfolge bis zum Abwinken.

Beschreibung

Der Schaumschläger-Hahn ist in der Organisation weder zu übersehen noch zu überhören. Denn er ist (aus seiner Sicht) eine wirkliche Stütze für sein Team, für seinen Bereich und natürlich für die Organisation im Ganzen.

Er redet gerne über das, was er so alles macht und plustert Kleinigkeiten auch gerne einmal größer auf, als sie tatsächlich sind. So werden seine tatsächlich von ihm erzielten mageren Ergebnisse oft zu echten Erfolgsschlagern. Da nimmt er es nicht so genau.

Ähnlich verhält es sich, wenn er nicht Ergebnisse, sondern Fehler bei anderen Menschen identifiziert. Die werden dann auch etwas größer dargestellt und dann lautstark in die Welt hinausgekräht.

In Meetings kann er so viel Schaum schlagen, dass für die anderen Anwesenden das eigentliche Thema kaum noch erkennbar ist und sein Publikum beim Zuhören regelmäßig ins Koma fällt.

Was er aber nicht unbedingt bemerkt, denn er findet das von ihm Gesagte sehr clever bis hin zu schlichtweg brillant. Seine Ausführungen bestehen oftmals aus so viel heißer Luft, dass er es mit einem Haartrockner durchaus aufnehmen könnte.

Der Schaumschläger-Hahn liebt es, Superlative zu verwenden. In Besprechungen wie auch generell im Leben.

Selbstverständlich braust er mit dem coolsten Auto über die Straßen, wedelt die Hänge des angesagtesten Ski-Gebiets runter und besitzt den heißesten Grill der Welt in seinem Domizil. Wenn man jedoch einmal genauer hinschaut, ist sein Leben gar nicht so heiß und hipp, wie er andere glauben lässt.

Da er für seine Ausführungen immer Publikum benötigt, ist er ein exzellenter Smalltalker. Eine Eigenschaft, die zum Beispiel bei Kunden-Veranstaltungen oder beim Erstkontakt von Kunden im Vertrieb durchaus positiv genutzt werden kann. Natürlich mit Maß.

Tipp, um im Schaum nicht zu ersticken.

Der Schaumschläger-Hahn redet gerne und viel. Am besten ohne Punkt und Komma. Hauptsache, sein Publikum hängt an seinen Lippen. Das Dumme ist: Ob das Auditorium dies wirklich tut oder nicht, darüber klaffen die Einschätzungen der Zuschauer und des Schaumschläger-Hahns oft weit auseinander.

Diese Spezies redet gerne und viel und nimmt es dabei nicht immer so ganz genau. Was wiederum vor allem für Menschen, die Zahlen, Daten und Fakten lieben, ein echtes Ärgernis ist.

Wenn Sie einen solchen Gockel im Team haben, egal ob als Kollege oder als Mitarbeiter, dann brauchen Sie in einem ersten Schritt Geduld und Humor. Nehmen Sie die Schaumschlägerei nicht für bare Münze und vermeiden Sie auch höflich Beifall zu klatschen.

Und wenn der Schaumschläger-Hahn seine Grenzen überschreitet, dann gibt es nur eins: Ihm genau diese aufzeigen.

Wertschätzend, höflich und bestimmt.

 

Der Bürokraten-Uhu

Motto

Das können wir SO nicht machen!

Erkennungsmerkmale

Detailorientiert, verliert leicht den Blick für das große Ganze.

Beschreibung

Der Bürokraten-Uhu kann selbst auf große Entfernungen Verordnungen, Prozessanweisungen und Standards aufspüren, von deren Existenz sonst niemand in der Organisation etwas ahnte.

Zu Besprechungen erscheint er immer pünktlich und ist einer der wenigen im Raum, der das Protokoll des letzten Treffens dabei und sogar gelesen hat.

Er hat einen schonungslosen Blick für Details und pocht beharrlich auf die Einhaltung von Standards. Dadurch wird er von einigen Menschen schnell als Erbsenzähler oder Bremser eingestuft, der einigen den letzten Nerv raubt.

Er weist Menschen sehr gerne und detailverliebt auf Punkte hin, die von einigen sonst möglicherweise ignoriert werden würden.

Dies führt wiederum vor allem bei den Kreativen und Machern in der Organisation regelmäßig zu körperlichen Beschwerden wie Herzrasen oder Schnappatmung.

Es hat oft den Anschein, dass der Bürokraten-Uhu Projekte und Vorhaben ausbremsen möchte, dabei stellt er aus seiner Perspektive nur sicher, dass sich alle Beteiligten in dem formal korrekten Raum bewegen und keine wichtigen Vorgaben ignoriert werden.

Im organisatorischen Zoo ist er derjenige, der die Hinweisschilder und Abfallkörbe aufstellt, »Betreten verboten«-Tafeln auf den Grünflächen verteilt und Drehkreuze installiert.

Wenn der Bürokraten-Uhu Sie mit seiner akribischen Art nervt, dann gehören Sie vermutlich zu den Menschen, die mit Standards, Prozessen und Vorgaben in Organisationen nicht so wahnsinnig viel am Hut haben.

Viele Projekte sind jedoch genau daran gescheitert, dass Beteiligte vor lauter Euphorie und Umsetzungsbegeisterung wesentliche Vorgaben und Standards vergessen und nicht eingehalten haben.

Die Verantwortlichen eines berühmt gewordenen deutschen Flughafens können ein Lied davon singen.

Sehen Sie den Bürokraten-Uhu daher lieber als willkommene Ergänzung in Ihrem Team, der eine Rolle einnimmt, die sonst meistens niemand einnehmen möchte.

Tipp: Was Sie unbedingt vermeiden sollten

Diskutieren Sie mit ihm nicht über die Sinnhaftigkeit und den operativen Nutzen von Standards im generellen und stellen Sie die Rechtmäßigkeit von ihm und seinen Ansichten im speziellen nicht infrage.

Und tun Sie sich einen Gefallen und behaupten Sie nicht, dass Sie in der Thematik tiefer drinstecken als er. Die Wahrscheinlichkeit ist extrem hoch, dass Sie sich irren.

Der Bürokraten-Uhu ist übrigens niemand, der durch exzessives Feiern und auf dem Tisch tanzen bei Betriebsfeiern auffällt. Die Idee, ihn bei einer solchen Gelegenheit mit etwas Alkohol aus der Reserve zu locken, ist deshalb eine sprichwörtliche Schnapsidee.

Denn an einen solchen etwaigen Auftritt möchte im Nachhinein niemand von den Anwesenden mehr erinnert werden.

Der Pascha-Koala

Motto

Weck mich auf, wenn’s vorbei ist.

Erkennungsmerkmale

Ruht in fast allen Lebenslagen in sich und ist ein Meister der Arbeitsvermeidung.

Beschreibung

In der freien Natur braucht ein Koala zum Überleben nichts als Eukalyptusblätter und 20 Stunden Schlaf am Tag. Damit ist er Mitglied im Verein der faulsten Tiere der Welt. Der Pascha-Koala unterscheidet sich im Organisationszoo nur unwesentlich von seinen in der freien Natur lebenden Artverwandten. Er kaut zwar keine Eukalyptusblätter und schläft auch nicht ganz so viele Stunden. Seine Dynamik im Arbeitsalltag ist jedoch ähnlich, denn er fällt niemals durch exzessives Arbeiten oder Hektik auf. Stattdessen ist er freundlich zu seinem Umfeld, wirkt gemütlich und harmlos.

Letzteres ist allerdings nur ein erster Eindruck, der sich bei genauem Hinschauen nicht immer so bestätigt.

Denn der Pascha-Koala ist ein wahrer Meister der Arbeitsvermeidung. Er würde sich niemals freiwillig für eine Arbeit im Team melden, wenn es nicht wirklich sein muss. Und Aufgaben, die außerhalb seiner Komfortzone liegen, also weit abseits seiner von ihm geliebten Eukalyptusplantage, sind ihm ein absoluter Gräuel.

Deshalb ist er aufgrund jahrelangem Perfektionierens ein Großmeister, wenn es darum geht, Arbeit nicht nur zu vermeiden, sondern andere dazu zu bewegen, etwas für ihn tun. Mit seiner netten, verbal-flauschigen Art löst er in vielen Menschen eine Art Helfer-Syndrom aus: »Mensch, wie Sie das machen, das können Sie so viel besser als ich. Wirklich bewundernswert. Können Sie mir da nicht vielleicht auch ein bisschen unter die Arme greifen?«

Und während der Angesprochene sich noch geschmeichelt fühlt und das Arbeitspaket übernimmt, hockt der Pascha-Koala schon wieder auf seinem Lieblingsbaum und frisst oder schläft.

Tipp, wie Sie vermeiden, dass der Pascha-Koala Sie für seine Arbeiten einspannt

Wenn Sie einen Pascha-Koala im Team haben, egal ob als Mitarbeitenden oder als Kollegen, sollten Sie es erst einmal mit einer sanften Herangehensweise versuchen und ihn liebevoll, aber konsequent zum eigenverantwortlichen Handeln erziehen.

Sie können gerne helfen, aber der Koala soll danach doch bitteschön selbst ins Tun kommen.

Viele Exemplare lassen sich jedoch mit so netten Umgangsformen nicht von ihren Spielchen abbringen. Nehmen Sie diese Spiele deshalb als das wahr, was sie wirklich sind: psychologische Spiele (mehr dazu in Kapitel 4).

Und lehnen Sie flauschig klingende Einladungen von professionellen Pascha-Koalas konsequent ab.

»Nein« ist ein ganzer Satz. Lernen Sie, »nein« zu sagen.

Und wenn Ihnen das anfangs schwerfällt: Es ist wie beim Sport. Am Anfang fällt es schwer, aber mit der Zeit gelingt es viel leichter.

Bei ganz hartnäckigen Exemplaren dieser Spezies lohnt es sich übrigens, sich dumm zu stellen. »Keine Ahnung wie das geht. Habe ich noch nie gemacht.«

Besonders Menschen, die anderen gerne helfen, fallen schnell auf die Arbeitsvermeidungsstrategien eines solchen Bewohners im Organisationszoo herein. Ziehen Sie deshalb so früh wie möglich die Reißleine und lassen Sie sich nicht von dem Pascha-Koala einlullen.

 

Geschichten aus dem Organisationszoo

»Vor einigen Jahren habe ich in einer Firma gearbeitet, in der ich mich grundsätzlich wohlgefühlt habe.

Wer aber wirklich gewöhnungsbedürftig war, war der Leiter unseres Bereichs. Er hatte eine Arbeitsstrategie, die wirklich erstaunlich war, denn er war ein Meister darin, Arbeit zu vermeiden. Wohlgemerkt für sich selbst, nicht für sein Team.

Ich hatte nie zuvor eine Führungskraft erlebt, die so wenig mit den Standard-Tools umgehen konnte und das auch in Ordnung fand. ‚Ach, mach Du das mal, Du kannst das doch viel besser.‘, war einer seiner Standardsprüche. Klar konnte er eine Powerpoint-Präsentation starten. Aber wenn es darum ging, eine Präsentation mit allem Drum und Dran zu erstellen, sodass man damit auch wirklich zum Kunden gehen konnte, dann war sofort Schluss.

Wir fanden sein Verhalten anfangs im Team sogar noch ganz witzig und haben ihm immer wieder gezeigt, wie was funktionierte. Aber da war weit und breit kein Fortschritt zu sehen. Ich glaube ja heute, dass er überhaupt keine Lust hatte, irgendetwas zu lernen.

Ich kann mich noch gut an eine große Ausschreibung erinnern, bei der wir unsere Bewerbung bis zum nächsten Tag 9:00 Uhr beim potenziellen Kunden haben mussten. Wir haben die ganze Nacht über im Team gerechnet, geschrieben, diskutiert und wieder neu geschrieben. Und das Einzige, was unser Chef machte, war von Platz zu Platz zu gehen und nette Worte zu spenden. Bis heute verstehe ich nicht, wie er über so viele Jahre damit durchkommen konnte, obwohl sein gesamtes Umfeld, d. h. Mitarbeitende, Kollegen und Vorgesetzte von seiner Art irgendwann doch ziemlich genervt waren.«

Das Ideen-Eichhörnchen

Motto

Wow, wie spannend ist das denn?

Erkennungsmerkmale

Schnell zu begeistern, oft etwas hektisch, hat viele tolle Einfälle, vergisst aber auf dem Weg zur Umsetzung meist wieder, wo es diese Ideen versteckt hat.

 

Beschreibung

Das Ideen-Eichhörnchen liebt es, kreativ zu sein, sein Einfallsreichtum ist enorm. Es ist ein wahrer Kreativitätskünstler, geistig flink und wendig. Geistesblitze findet es am laufenden Band, so wie seine Artgenossen in der Natur Nüsse sammeln. Neue Einfälle, etwas vorher noch nicht Dagewesenes zu erkunden, das findet das Hörnchen unglaublich spannend. So rast es im Organisationszoo von einem Nussbaum zum anderen, sprich von einer Projektidee zur nächsten.

So hamstert es jede Menge Ideen, versteckt diese dann als Vorrat und findet sie danach nicht mehr, was Umsetzungsenthusiasten regelmäßig in den Wahnsinn treibt.

Was das Ideen-Hörnchen überhaupt nicht nachvollziehen kann. Es hat so viele spannende Gedanken, so viele Themen an denen es arbeitet. Da ist doch klar, dass es sich oft unter den verschiedenen Alternativen eben nicht entscheiden kann und im Zweifelsfall lieber weiter Nüsschen sammelt, oder etwa nicht?

Es ist schnell genervt von vermeintlichen Bremsern, Menschen, die Risiken abwägen oder mit Bedenken um die Ecke kommen. Bei solchen todlangweiligen Interaktionen verfällt es schnell in eine Art Winterstarre. Agendapunkte, Dokumentationen, Risikoanalysen, das sind alles potenziell Themen, die zur Schockstarre dieses Fell-puschels führen können.

»Ja gut, die Deadline können wir nicht halten, aber dafür ist die neue Idee so phänomenal!«, erklärt es mit verträumtem Blick.

Die innerliche Ohnmacht und Wut von Menschen, die diese Begeisterung nicht teilen können, nimmt das putzige Tierchen kaum wahr.

Warum bitteschön sind terminliche Zusagen, Meilensteine und Deadlines so wichtig?

Tipp, wenn Sie ein Ideen-Hörnchen im Team haben

Zuerst einmal: Freuen Sie sich über den kreativen Tausendsassa im Team und nutzen sie dessen Einfallsreichtum und Fantasie.

Und wenn Sie sicherstellen möchten, dass das Ideen-Hörnchen Aufgaben auch wirklich innerhalb eines vereinbarten Zeitraums erledigt, stellen Sie ihm am besten einen Umsetzungsexperten als Sparringspartner zur Seite. Sie werden sehen: Zusammen werden die beiden ein unschlagbares Team sein.

Bieten Sie als Führungskraft Unterstützung an, damit das Hörnchen lernt, sich zu fokussieren, anstatt sich andauernd in irgendwelchen neuen Ideen zu verlieren.

Ideen-Eichhörnchen sind keine Umsetzungsexperten und das ist vollkommen in Ordnung, denn für unterschiedliche Aufgaben im Team gibt es unterschiedliche Experten.

Als Führungskraft ist es deshalb immer wieder eine spannende Herausforderung, so unterschiedliche Charaktere wie beispielsweise ein Ideen-Eichhörnchen und einen Bürokraten-Uhu im Team erfolgreich zu integrieren sowie die Stärken und Ressourcen der jeweiligen Mitarbeitenden am besten einzusetzen.

Das Krawall-Wildschwein

Motto

Angriff ist die beste Verteidigung.

 

Erkennungsmerkmale

Eskaliert schnell, besitzt eine äußerst geringe Frustrationstoleranz.

Beschreibung

Das Krawall-Wildschwein überrascht sein Umfeld immer wieder, wenn es innerhalb kürzester Zeit mit seinen verbalen Hauern in die Angriffsposition geht. Manchmal reicht eine klitzekleine Meinungsverschiedenheit und die Eskalationsspirale beginnt.

Wobei die Wildsau Eskalation nicht unbedingt als unangenehm empfindet, sondern eher als Wettbewerb. Quasi um zu testen, wer in der Rotte das stärkste Schwein ist und damit auf Platz Nummer eins steht. Denn das Krawall-Wildschwein strebt nach Dominanz.

Dass es im Rahmen der Eskalation zum Leidwesen anderer Beteiligter gerne auch einmal über die Stränge schlägt, nimmt es gelassen in Kauf. Von null auf hundert binnen Sekunden ist durchaus bei ihm möglich. Krawall-Wildschweine verfügen meist über eine geringe Selbstkontrolle, sind leicht erregbar und reagieren übersteigert impulsiv. Auf einer nach oben offenen Eskalationsskala kann dieses von einem verbalen, aggressiven Schnappen bis hin zu einem cholerischen Tobsuchtsanfall reichen.

Interessant sind in diesem Zusammenhang die Studienergebnisse[1], die die beiden Psychologen Gilles Gignac von der University of Western Australia in Perth und Marcin Zajenkowski von der Universität Warschau herausgefunden haben. Deren Studie zeigte nämlich, dass es mehrheitlich einen engen Zusammenhang zwischen Wutausbrüchen und einer verzerrten Selbstwahrnehmung der Betroffenen gibt.

Demnach schätzen sich solche Menschen mehrheitlich als überdurchschnittlich intelligent ein, sind es aber nachgewiesenermaßen nicht. Eine solche Abweichung ist auch als Dunning-Kruger-Effekt[2] bekannt.

Wie so oft im Leben gibt es natürlich auch eine Kehrseite der Medaille. Denn Krawall-Wildschweine sind meistens enorm leidenschaftlich in dem, was sie tun. Darüber hinaus sind sie hochgradig motiviert, verfügen über eine hohe Leistungsbereitschaft, enorme Willensstärke und zeigen ein großes Maß an Eigeninitiative.

Tipps, wie man ein Krawall-Wildschwein bändigen kann

Steigen Sie niemals in die Eskalation mit der gleichen Lautstärke und Gestik ein. Sie können nur verlieren. Versuchen Sie stattdessen ruhig und besonnen zu reagieren. Auch wenn es schwerfällt.

Mitunter hauen Krawall-Wildschweine in einer Auseinandersetzung Killerphrasen raus, die sie so gar nicht meinen. Lassen Sie sich nicht provozieren, sondern haken Sie lieber gelassen und wertschätzend nach.

 

Geschichten aus dem Organisationszoo

»Vor einigen Jahren hatte ich eine leitende Stelle in einem mittelständischen Unternehmen. Der Inhaber hatte das Unternehmen von seinem Vater übernommen und es erfolgreich von einer kleinen, lokal operierenden Firma zu einer international erfolgreichen Firma ausgebaut. Der Markt in dieser Branche war hart umkämpft und so fühlten sich alle auch permanent unter Druck. Allen Mitarbeitenden war klar, er war der oberste Firmenlenker. Was er sagte, war Gesetz und musste umgesetzt werden. Und er war immer 100%ig davon überzeugt, dass seine Lösung für ein bestimmtes Thema die einzig richtige war. Dummerweise verriet er diese vermeintliche Lösung aber nie am Anfang, sondern er gab einem stattdessen einen Arbeitsauftrag und wenn ihm dann die Lösung, die man präsentierte, missfiel, dann ging das Theater los.

Es lief Mal für Mal nach dem gleichen Script ab. Man merkte, dass das, was man ausgearbeitet hatte, nicht das war, was er sich vorgestellt hatte, und dann wurde er immer lauter:

‚Muss ich denn alles hier selbst machen? Ein einziges Mal möchte ich erleben, dass etwas funktioniert, wenn ich nicht da bin!‘

Man hatte den Eindruck, dass er alle Mitarbeitenden, jede Fach- oder Führungskraft bis hin zu seinen Vorstandskollegen für inkompetent, ja für komplette Idioten hielt.

Mir ist es oft passiert, dass ich einen Termin mit ihm in seinem Büro hatte, noch einen Augenblick warten musste und dabei das Gezeter durch die geschlossene Tür mit anhören musste. Das war ein bisschen so, als wenn man im Wartezimmer vom Zahnarzt sitzt und die Leidensgeräusche aus dem Behandlungszimmer hört. Einfach gruselig.«

Wer sind die anderen?

Sie haben in diesem Kapitel jede Menge Bewohner eines Organisationszoos kennengelernt. Und das sind beileibe nicht alle. Der Zoo hat auch noch jede Menge mehr Platz für Dauernörgler, Psychopathen, Nicht-Entscheider, Krawallschachteln, Schwarz-Weiß-Denker, Primadonnen, Querulanten, Eigenbrötler, Erbsenzähler, Jammer-lappen und viele mehr. Und es gibt nicht nur reinrassige Bewohner des Organisationszoos, sondern auch Hybriden.

Man könnte mit der Vielzahl an potenziellen Bewohnern ganze Bände einer Enzyklopädie füllen.

Sie müssen aber gar nicht alle Arten kennen, sondern nur verstehen, wie unterschiedlich und vielfältig die Bewohner eines Organisationszoos sein können.

Denn dann fällt es Ihnen wesentlich leichter, die teils seltsamenEigenarten des einen oder anderen Zoobewohners in Ihrer Organisation mit Humor zu nehmen.

Ganz nach dem Motto: »Jedem Tierchen sein Pläsierchen.«

Im organisatorischen Alltag hilft es ungemein zu verstehen, was die Bewohner eines Organisationszoos umtreibt und warum unter anderem Gorillas, Uhus und Taranteln so unterschiedlich agieren.

Warum hat das Krawall-Wildschwein so einen ganz anderen Blick auf das Geschehen als das Panik-Kaninchen? Warum erscheinen der Bürokraten-Uhu und das Ideen-Eichhörnchen als eher inkompatibel? Wie können der Meeting-Gorilla und der Schaumschläger-Hahn am besten erfolgreich im Team zusammenarbeiten?

Antworten dazu finden Sie im nächsten Kapitel. Lassen Sie uns daher jetzt gemeinsam einen Blick quasi hinter die Kulissen des Organisationszoos werfen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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