Buchauszug Ward Farnsworth: „Der praktizierende Stoiker. Ein philosophisches Handbuch für den Verstand.“

Buchauszug Ward Farnsworth: „Der praktizierende Stoiker. Ein philosophisches Handbuch für den Verstand.“

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Ward Farnsworth (Foto: FinanzBuch Verlag)

 

URTEIL

Der erste Grundsatz des praktischen Stoizismus lautet: Wir reagieren nicht auf Ereignisse; wir reagieren auf unsere Urteile über sie, und diese Urteile liegen an uns. Auf den kommenden Seiten werden wir mehr darüber erfahren, wie die Stoiker diesen Gedanken entwickeln, aber diese Äußerung ist dafür typisch:
Wenn dir etwas Äußeres Kummer bereitet, dann ist es nicht die Sache selbst, die dich plagt, sondern dein eigenes Urteil darüber. Und das sofort zu beseitigen, steht in deiner Macht.

 

Mit anderen Worten: Die Stoiker behaupten, dass unsere Freuden, Wünsche, Ängste und unser Leid drei statt zwei Phasen umfassen: nicht nur einen Auslöser und eine Reaktion, sondern einen Auslöser, anschließend ein Urteil oder eine Meinung dazu und dann eine Reaktion (auf das Urteil oder die Meinung). Unsere Aufgabe besteht darin, den mittleren Schritt zu bemerken, zu verstehen, dass er oft irrational ist, und ihn durch den geduldigen Gebrauch der Vernunft zu beherrschen. Dieses Kapitel beginnt mit dem Bemerken. In späteren Kapiteln werden die Irrationalität und Ratschläge zur Kontrolle vorkommen. Wir beginnen hier, weil dieser Punkt grundlegend ist. Die meisten Äußerungen der Stoiker hängen davon ab. Bald werden wir von ihnen etwas über »Äußeres«, Wünsche, Tugenden und vieles mehr hören. Aber alles beginnt mit dem Konzept, dass die Art und Weise, wie wir die Welt erfahren, von unseren Überzeugungen, Meinungen und unserem Nachdenken über diese Welt abhängen – mit einem Wort, von unseren Urteilen – und dass diese bei uns liegen.

 

Vielen Schülern der stoischen Philosophie erscheint dieser erste Grundsatz zunächst kontraintuitiv, allmählich überzeugend, bis er schließlich als offensichtlich wahr angenommen wird – und eventuell wiederholt sich der Zyklus dann, weil der Verstand uns ständig einen gegenteiligen Eindruck vermittelt, der für sich genommen überzeugend erscheint. Unsere Reaktionen auf das, was passiert, fühlen sich für gewöhnlich direkt und spontan an. Sie scheinen überhaupt kein Urteil zu beinhalten, oder zumindest kein Urteil, das jemals anders aussehen könnte. Die Stoiker halten all das für eine Illusion. Es ist schwierig, mit ihr aufzuräumen, denn der Verstand ist ein unzuverlässiger Erzähler, wenn es darum geht, woher unsere Reaktionen stammen. Er behauptet uns gegenüber, dass wir auf äußere Ereignisse oder Umstände reagieren – auf die Dinge da draußen, nicht auf den Verstand selbst. Er muss lernen, seine eigene Rolle genauer zu erkennen und zu beschreiben. Der Stoizismus will uns dabei helfen, besser über unser Denken nachzudenken, er will dem Verstand beibringen, den Verstand zu verstehen, er will den Fischen das Wasser bewusster machen.

 

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Dass diese stoische Vorstellung der Wahrheit entspricht, lässt sich am leichtesten erkennen, wenn wir auf einen Angriff reagieren, der direkt auf den Verstand gerichtet ist. Angenommen, jemand beleidigt Sie. Die Beleidigung an sich ist bedeutungslos, abgesehen davon, was Sie daraus machen. Wenn sie Sie stört, muss es daran liegen, dass Sie sie wichtig nehmen: ein Urteil. Stattdessen könnten Sie beschließen, dass die Beleidigung Sie nicht kümmert. Damit wäre sie für Sie erledigt, sie fände gar nicht statt. Das gilt für alle potenziellen Auslöser für Ärger – der lärmende Nachbar, das schlechte Wetter, der Verkehrsstau. Wenn Sie sich über so etwas ärgern, ärgern Sie sich über die Urteile, die Sie darüber fällen: dass solche Dinge schlecht sind, dass sie wichtig sind, dass man sich über sie ärgern sollte. Die Ereignisse zwingen Sie nicht, auf diese Weise über sie zu denken, das können nur Sie selbst.

 

Das Gleiche gilt auch für größere Rückschläge sowie für Wünsche, Ängste und all die anderen mentalen Vorgänge. Wir haben immer das Gefühl, auf äußere Ereignisse und Umstände zu reagieren; tatsächlich reagieren wir auf Dinge, die in uns selbst liegen. Und manchmal ist es effektiver und vernünftiger, uns selbst zu ändern, als zu versuchen, die Welt zu verändern.

 

Wenn wir körperlichen Schmerz oder körperliches Vergnügen empfinden, ist die Rolle, die unser Verstand bei der Ausgestaltung unserer Reaktion spielt, schwerer zu erkennen. Schmerzen und Vergnügen erscheinen uns als unverrückbare Tatsachen, die nichts mit unserem Denken zu tun haben. Aber auch hierbei bestehen die Stoiker darauf, dass unsere Urteile über diese Gefühle darüber bestimmen, wie wir sie wahrnehmen. Ja, Schmerz ist Schmerz: eine Empfindung, die existiert, egal, was wir darüber denken. Aber wie groß die Qualen sind, die der Schmerz verursacht, wie viel Aufmerksamkeit wir ihm widmen, was er für uns bedeutet – das sind Urteile, die zu fällen ganz und gar bei uns liegt. Wir nehmen Schmerzen und Vergnügen stärker oder schwächer wahr, je nachdem, wie wir mit uns selbst darüber sprechen, oder durch Urteile, die zu tief in uns sitzen, als dass wir sie ausdrücken könnten, die aber dennoch durch uns zustande kommen. Wir unterschätzen die Macht dieser Urteile, weil wir sie kaum wahrnehmen. Stoiker nehmen sie wahr. (Für weitere Ausführungen über Schmerzen im Besonderen siehe Kapitel 10, Abschnitt 11).

 

 

Buchauszug Ward Farnsworth: „Der praktizierende Stoiker. Ein philosophisches Handbuch für den Verstand.“ 480 Seitem 18,99 Euro, FinanzBuch Verlag,  https://www.m-vg.de/finanzbuchverlag/shop/article/20667-der-praktizierende-stoiker/

 

Die Vorstellung, dass unsere Reaktionen von unseren Urteilen abhängen, kann vor allem dann merkwürdig erscheinen, wenn man glaubt, alle »Urteile« würden bewusst und rational getroffen. Aber ein Urteil kann viele Formen annehmen. Ein Beispiel: Sie kommen zu dem Schluss, dass Spinnen nicht gefährlich sind, haben aber dennoch Angst vor ihnen. Zeigt das, dass Ihre Angst getrennt ist von der Meinung, die Sie über Spinnen haben? Nein, es bedeutet nur, dass Sie widersprüchliche Urteile hegen – dass Spinnen sicher sind und dass sie es nicht sind. Es dauert lange, sich von dem zweiten dieser Urteile zu befreien, selbst wenn Sie zu dem Schluss kommen, dass es falsch ist. Anders aus gedrückt: Manche Urteile sind einfach Dinge, die wir zu uns selbst sagen, und diese sind leichter zu korrigieren.

 

Andere sind tief in uns verwurzelt und nonverbal. Die Stoiker fassen manchmal alles, was wir mitbringen, wenn wir äußeren Einflüssen begegnen, unter »Urteile« zusammen – den Appetit, den wir haben oder nicht haben und der einen Teller Essen besser oder schlechter aussehen lässt, oder eine lebenslange Konditionierung, die den gleichen Effekt hervorruft. So etwas mag nicht so leicht zu ändern sein. Damit haben wir also einen weiteren Grund, warum der Stoizismus schwierig ist und warum niemand darin zur Perfektion gelangt. Einige Reaktionen mögen von uns abhängen und doch nicht ganz in unserer Hand liegen. Oder sie liegen theoretisch in unserer Hand, aber wir besitzen nicht die psychische Kraft, sie zu ändern.

 

Im weiteren Sinne unterscheiden die Stoiker in ihrem Denken nicht wie heute zwischen all den Formen, die unsere Urteile annehmen können – bewusste Meinungen, unbewusste Haltungen, konditionierte Reaktionen, chemische Veranlagungen, genetische Neigungen und so weiter – und wie einige davon leichter verändert werden können als andere. Es gibt aber ein paar Aussagen von ihnen, die das anerkennen. Die Stoiker sagen, dass einige Reaktionen eine physische Grundlage haben, die wir nicht kontrollieren können. Und Seneca räumt ein, dass wir mit einigen Temperamentsmerkmalen geboren werden, die unveränderlich sind

Aber unsere gewöhnlichen Reaktionen auf Auslöser – unsere Reaktionen im Normalzustand – werden meist so angesehen, dass wir sie durch Übung kontrollieren müssen. Es liegt auf der Hand, wie schwierig es wäre, diese Idee vollständig umzusetzen. Denken Sie nur an Ihre eigenen stärksten Vorlieben und Abneigungen und wie schwer es wäre, sie mit etwas Nachdenken umzukehren. Aber glücklicherweise, und das ist wichtig, schert sich der Stoizismus nicht um unsere Vorlieben, und er fordert auch nicht die Umkehrung unserer Abneigungen und Wünsche. Er verlangt eine distanzierte, leidenschaftslose Haltung ihnen gegenüber. Auch das ist nicht leicht, aber es ist viel öfter machbar.

 

Wir können es auf jeden Fall als das stoische Ziel betrachten, uns unserer Urteile bewusst zu werden und sie so weit wie möglich zu kontrollieren. Die Fähigkeit dazu mag in einer Weise eingeschränkt sein, die wir heute besser verstehen als die Menschen in der Antike; einem psychiatrischen Patienten wäre mit einer Portion Epiktet allein nicht gut geholfen. Aber selbst nach solchen Zugeständnissen würden die Stoiker sagen, dass unsere Fähigkeit, unsere Erfahrung zu verändern, indem wir unsere Denkweise darüber ändern, viel größer ist, als wir normalerweise annehmen. Viele der Urteile, die wir ihrer Ansicht nach zur Kenntnis nehmen und überdenken sollen, sind nicht sehr tief verwurzelt. Sie sind nur Gewohnheiten und Konventionen.
Die Stoiker erwarten nicht, dass man diesen Behauptungen einfach so Glauben schenkt. Sie stützen sie mit Argumenten. Manchmal verwenden sie dazu einfache Beispiele, wie die bereits erwähnten Beleidigungen – Beispiele, bei denen jedem klar wird, dass sie nur dann von großer Bedeutung sind, wenn wir entscheiden, ihnen diese Bedeutung zuzugestehen.

 

Für Reaktionen, bei denen es hartnäckiger so zu sein scheint, als wären sie unvermeidlich, benutzen die Stoiker jedoch oft Vergleiche, um ihren Standpunkt zu verdeutlichen. Sie betrachten die unterschiedliche Art und Weise, wie Menschen unter verschiedenen Umständen, zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten auf die gleichen Ereignisse reagieren. Was manche Menschen fürchten (und sich nicht vorstellen können, es nicht zu fürchten), das fürchten andere nicht; wofür manche zu sterben bereit sind, bedeutet anderen gar nichts. Der Schmerz oder die Trauer, die uns mit brachialer Kraft treffen, werden unter anderen Bedingungen und in anderen Kulturen ganz anders erlebt. Offensichtlich sind unsere Reaktionen doch nicht unvermeidlich. Irgendwie müssen sie durch unser Zutun zustande kommen und von Urteilen abhängen, die wir hegen, und deshalb können wir sie vielleicht ändern.

 

1. Das Leitbild. Der Stoizismus geht von der Idee aus, dass unsere Erfahrungen mit der Welt um uns herum – unsere Reaktionen, Ängste, Wünsche, all das – nicht von dieser Welt erzeugt werden. Stattdessen werden sie von dem erzeugt, was die Stoiker unsere Urteile oder Meinungen nennen. Alles hängt von der Meinung ab. Ehrgeiz, Luxus, Gier, sie alle greifen auf die Meinung zurück; entsprechend unserer Meinung leiden wir. Jeder Mensch fühlt sich so elend, wie zu sein er sich selbst überzeugt hat.

Cicero drückte diese stoische These so aus:
Trauer ist also die jüngste Meinung über irgendein gegenwärtiges Übel, dessentwegen man sich zu Recht bedrückt und niedergeschlagen fühlt. Freude ist die jüngste Meinung über etwas gegenwärtig Gutes, über das sich zu freuen die passende Reaktion zu sein scheint. Furcht ist eine Meinung über ein drohendes Übel, das unerträglich erscheint. Lust ist eine Meinung über etwas Gutes, das eintreffen soll – dass es besser wäre, es wäre bereits da.

Wie Epiktet es formulierte:
Worüber wird geweint und gejammert? Eine Meinung. Was ist Unglück? Eine Meinung. Was ist Zwietracht, Uneinigkeit, Tadel, Anklage, Respektlosigkeit, Dummheit? All dies sind Meinungen und nichts anderes. Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen über diese Dinge. So ist der Tod nichts Schreckliches, sonst wäre er auch Sokrates so vorgekommen. Vielmehr ist die Meinung, dass der Tod schrecklich ist, das Schreckliche. Wenn wir also an etwas gehindert werden oder verärgert oder gekränkt sind, sollten wir niemals anderen die Schuld geben, sondern uns selbst – also unseren Meinungen.

Die erste Zeile dieser letzten Passage von Epiktet war ein Favorit von Montaigne. Er beschriftete damit einen der Deckenbalken in seinem Arbeitszimmer.
Ein altgriechisches Sprichwort besagt, dass uns nicht die Dinge an sich quälen, sondern die Meinungen, die wir über sie haben. Es wäre ein großer Sieg für die Erleichterung unseres menschlichen Elends, wenn sich diese Behauptung immer und überall als wahr erweisen würde. Denn wenn das Böse keine Möglichkeit hat, in uns einzudringen, außer durch die Urteile, die wir darüber fällen, dann scheint es in unserer Macht zu liegen, es abzutun oder zum Guten zu wenden.

 

Die Dinge an sich mögen ihre eigenen Gewichte, Maße und Eigenschaften haben; aber wenn wir sie einmal in uns aufnehmen, formt die Seele sie so, wie sie es für richtig hält. Cicero fürchtet den Tod, Cato begehrt ihn, Sokrates ist ihm gegenüber gleichgültig. Die Gesundheit, das Gewissen, die Autorität, das Wissen, der Reichtum, die Schönheit und ihre Gegensätze entblößen sich, wenn sie in uns eintreten und von der Seele ein neues Gewand in einer neuen Farbe erhalten … Wir sollten daher die äußeren Eigenschaften der Dinge nicht als Ausreden benutzen; was wir daraus machen, liegt an uns. Unser Wohl und Wehe hängt von niemandem außer uns selbst ab.

 

Wohlstand und Armut hängen von der Meinung ab, die wir über sie hegen; und Reichtum, Ruhm und Gesundheit bringen nur so viel Behagen und Vergnügen, wie ihnen von demjenigen, der sie besitzt, zugeschrieben wird. Jeder von uns ist so gut oder schlecht dran, wie er glaubt. Glücklich sind diejenigen, die glauben, dass sie es sind, und nicht diejenigen, von denen andere es annehmen; und nur auf diese Weise allein macht sich der Glaube wirklich und wahr.
Oder wie Montaigne an anderer Stelle im gleichen Essay schrieb: »Nach dem Kaufspreise hat der Diamant seinen Wert; nach dem Kampfe die Tugend, nach der Buße die Andacht und nach der Bitterkeit die Arznei.«* Zum Vergleich:
Hamlet: … Es gibt nichts Gutes oder Schlechtes, erst das Denken macht es dazu. Nicht was die Dinge objektiv und wirklich sind, sondern was sie für uns, in unserer Auffassung, sind, macht uns glücklich oder unglücklich.

 

2. Stoische Praxis. Wie bereits erwähnt, mag diese erste Lehre als eine Methode erscheinen, die Funktionsweise des Verstandes und die Quelle unserer Reaktionen zu verstehen. Das stimmt auch. Aber darüber hinaus unterscheidet sich der Stoizismus von einigen anderen philosophischen Traditionen, weil man ihn aktiv betreibt und er nicht nur eine Theorie ist. Wenn wir die Idee, die Gegenstand dieses Kapitels ist, auf diese Weise betrachten, ist sie eine Anweisung, mehr Verantwortung für das eigene Denken zu übernehmen als gewöhnlich – anzuerkennen, dass wir die Wahl haben, wie wir mit uns selbst sprechen. Wenn unsere Gedanken über etwas Kummer auslösen und nicht dieses Etwas selbst, dann sollten wir versuchen, diese Gedanken fallen zu lassen und sie durch neue zu ersetzen.

 

Diese Aussage mag dermaßen simpel klingen, oder vielleicht so viel leichter gesagt als getan, dass man meinen könnte, sie wäre es kaum wert, getroffen zu werden. Aber man muss sie treffen, weil es ein zentraler Punkt in der Ausübung des Stoizismus ist, Gedanken und Urteile als Entscheidungssachen zu betrachten, was jedoch viele Menschen nur selten und einige sogar nie tun. Es ist normaler, alle Ideen und Meinungen, die uns durch den Kopf gehen, als selbstverständlich hinzunehmen und sie auszuleben, ohne sie einer Prüfung zu unterziehen – ganz so wie bei der Luft, die wir atmen. Stoiker versuchen, genügend Abstand zu diesen mentalen Vorgängen einzunehmen, um sie zu kontrollieren – um die Irrationalität wahrzunehmen, die vieles von dem, was wir uns vorsagen, antreibt, und es durch etwas Weiseres zu ersetzen.

 

Manchmal ist dies tatsächlich leichter gesagt als getan oder sogar unmöglich. Aber manchmal ist es im Gegensatz dazu sogar einfacher, als es sich anhört. Man hört auf, sich das eine einzureden, und sagt stattdessen etwas anderes zu sich selbst. Später arbeitet man an Urteilen, die weniger verbaler Natur sind. Einen schädlichen und althergebrachten Gedanken auszutreiben, stellt eine heilsame Quelle stoischer Befriedigung dar. Es ist eine Fähigkeit, die sich mit der Übung verbessert.
Betrachten Sie einige Beispiele, wie Mark Aurel unsere erste stoische Lehre ausgedrückt hat, nämlich nicht nur als eine interessante Idee, über die man nachdenken sollte, sondern auch als eine Übung, die man ausprobieren sollte.
Lass deine Meinung darüber schwinden, und es schwindet die Klage: »Ich bin geschädigt worden.« Schwindet die Klage »Ich bin geschädigt worden«, so schwindet der Schaden.
Wie leicht ist es doch, jeden beunruhigenden oder unangebrachten Gedanken von sich zu schieben und sofort vollkommene Gemütsruhe zu erlangen.

Wir können uns dafür entscheiden, uns zu einer Sache keine Meinung zu bilden und uns von ihr nicht beunruhigen zu lassen. Denn die Dinge selbst haben nicht die Macht, unsere Urteile zu beeinflussen.

 

Ein Beispiel von Seneca:
Was ist wichtig? Dein Leben hoch über den Zufall zu erheben und sich daran zu erinnern, dass es ein Menschenleben ist – damit du, wenn das Glück dir gewogen ist, weißt, dass es nicht lange andauern wird; oder damit du, wenn du vom Pech verfolgt wirst, weißt, dass das in Wahrheit nicht zutrifft, solange du nicht daran glaubst.
Es besteht ein gewisses Risiko, dass es so aussehen könnte, als würden diese Passagen, isoliert betrachtet, eine Art Belanglosigkeit, eine Leere fördern. Das Ziel des Stoikers besteht jedoch nicht darin, den Geist zu leeren, sondern ihn von Unvernunft und Fehlurteilen zu befreien. Zu lernen, wie man Unvernunft und Fehlurteile erkennt, wird das Thema der kommenden Kapitel sein. In der Zwischenzeit erinnern wir uns daran, dass keiner der soeben aufgeführten Autoren ein gemütliches oder zurückgezogenes Leben oder einen von Komplexität befreiten Geist anstrebte. Jeder von ihnen gehörte zu Lebzeiten zu den mächtigsten Menschen der Welt.

 

3. Vergleiche. Die Stoiker behaupten, dass all unsere Reaktionen hervorgerufen werden von unseren Gedanken oder subtileren Urteilen, die wir über die Auslöser hegen. Das versuchen sie zu beweisen, indem sie uns zunächst bitten, uns selbst genauer in Augenschein zu nehmen. Einige unserer Reaktionen scheinen, wenn wir sie leidenschaftslos betrachten, offensichtlich das Ergebnis unserer eigenen Befindlichkeiten zu sein.

 

Wenn Vergnügungen Geist und Körper verdorben haben, erscheint nichts mehr erträglich – nicht, weil das Leiden einen so hart trifft, sondern weil der Leidende verweichlicht ist. Denn warum versetzt uns das Husten oder Niesen eines anderen in Wut, oder die Nachlässigkeit beim Verjagen einer Fliege, oder dass ein Hund uns im Weg steht, oder das Fallenlassen eines Schlüssels, der einem unachtsamen Diener aus den Händen gerutscht ist?

 

Aber manchmal ist die Schlussfolgerung nicht so offensichtlich. In diesem Fall belegt der Stoiker die Behauptung, die der Gegenstand dieses Kapitels ist, am liebsten anhand von Vergleichen. Wenn eine Reaktion, die natürlich erscheint, anderswo nicht zu finden ist, ist sie vielleicht gar nicht so natürlich; vielleicht sind wir der entscheidende Faktor. Die Stoiker beginnen damit, unsere eigenen Reaktionen auf ähnliche Dinge unter verschiedenen Umständen zu vergleichen, und zeigen so, dass die Reaktionen nicht einmal in uns selbst unvermeidlich sind. Besonders gern richten sie ihr Augenmerk auf unsere heftigen, aber wechselhaften Reaktionen auf alles, was wir als ärgerlich empfinden. Diese Inkonsistenz beweist, dass diese Reaktionen eher auf uns selbst zurückfallen als auf die Dinge, die wir verfluchen.

 

Deine Augen – dieselben, die zu Hause nur vielfarbigen und frisch polierten Marmor ertragen, … die den Boden mit nichts belegt haben wollen, das nicht wertvoller ist als Gold –, einmal draußen, schauen dieselben Augen gelassen auf die holprigen und schlammigen Wege und die meist schmutzigen Menschen, denen sie begegnen, und auf die bröckelnden, rissigen und schiefen Fassaden der Mietshäuser. Was also ist es, das deine Augen in der Öffentlichkeit nicht beleidigt, sie zu Hause jedoch stört – was anderes als deine Meinung, die am einen Ort entspannt und tolerant, zu Hause aber kritisch ist und jederzeit klagt?

 

Ciceros Darstellung der stoischen Sichtweise verwendete den gleichen allgemeinen Ansatz. Er verglich, wie die gleichen Menschen auf gleiche Dinge unterschiedlich reagieren, wenn sie ihnen gegenüber unterschiedlich eingestellt sind, also unterschiedliche Meinungen darüber hegen.
Allein die Tatsache, dass Menschen dieselben Schmerzen leichter ertragen, wenn sie sie freiwillig im Interesse ihres Landes erleiden, als wenn sie sie aus einem geringeren Grund erleiden, zeigt, dass die Intensität der Schmerzen vom Gemütszustand des Betroffenen abhängt und nicht von der ihnen innewohnenden Natur.

 

Oder wie Montaigne es konkreter formulierte:
Wir reagieren empfindlicher auf einen Schnitt mit dem Skalpell eines Chirurgen als auf zehn Wunden, die uns in der Hitze des Gefechts mit dem Schwert zugefügt wurden.
Als Nächstes empfehlen die Stoiker, an andere zu denken, die heftiger als wir auf ein Ereignis oder eine andere Provokation reagieren. Von unserem Standpunkt aus betrachtet, wirken diese anderen überempfindlich. Aber wir erscheinen uns selbst nur deshalb anders – also nicht überempfindlich –, weil wir unsere eigene Sensibilität für selbstverständlich halten. Wenn jeder dieselbe Schwäche hat, sieht sie nicht länger wie eine Schwäche aus. Vielmehr kommt sie einem so vor, als wäre sie der Naturzustand.
Wir erachten jene Dinge, bei denen jeder schwach ist, als hart und unerträglich. Dabei vergessen wir, welche Qual es für viele ist, auf Wein zu verzichten oder bei Tagesanbruch aufstehen zu müssen. Diese Dinge sind nicht von Natur aus schwierig, sondern wir sind verweichlicht und schlaff.

 

Jemandem mit Gelbsucht schmeckt Honig bitter; jemand mit Tollwut scheut das Wasser; für kleine Kinder ist ein Ball etwas Wundervolles. Warum bin ich dann wütend? Oder glaubst du, dass irregeleitetes Denken weniger Einfluss auf uns hat als die eigene Galle auf einen Menschen mit Gelbsucht oder das Gift auf einen Menschen, der von einem tollwütigen Hund gebissen wurde?
So, wie das Studieren eine Qual für den Faulen ist, so ist die Abstinenz vom Wein eine Qual für den Trunkenbold, die Genügsamkeit eine Qual für den Prunkliebenden und die körperliche Ertüchtigung eine Qual für den Zarten und Müßiggänger; und so ist es auch mit allem anderen. Die Dinge selbst sind nicht so schwierig oder schmerzhaft. Unsere Schwäche und Verzagtheit machen sie dazu.

 

Dieser Denkstil lässt sich nicht nur darauf anwenden, wie empfindsam andere auf Leid und Ärgernisse reagieren, sondern auch auf das Verhalten (und vor allem auf dessen Extreme), zu dem ihre Überzeugungen sie treiben – Überzeugungen, die uns seltsam erscheinen mögen, aber nicht seltsamer als unsere ihnen.
Jede Meinung kann einem Menschen wichtig genug erscheinen, dafür zu sterben. Der erste Artikel des schönen Eides, den die Griechen in ihrem Krieg gegen die Meder schworen und verteidigten, lautete, dass jeder eher sein Leben gegen den Tod eintauschen würde als seine eigenen Gesetze gegen die Persiens. Wie viele Menschen nehmen in den Kriegen zwischen den Türken und den Griechen grausame Tode auf sich, anstatt der Beschneidung zur Taufe zu entsagen!

 

Oder denken Sie an diejenigen, die auf etwas weniger stark reagieren als Sie. Wenn Sie sehen, dass sie Dinge ertragen, die Sie nicht ertragen können, lässt das Ihre Reaktion deutlicher als Ihr eigenes Tun erscheinen. So Senecas Gespräch mit seinem eigenen Schmerz, den er verharmlost, indem er an Menschen denkt, die dasselbe oder Schlimmeres klaglos ertragen:
In Wahrheit bist du nur Schmerz – derselbe Schmerz, den der Gichtgeplagte verachtet, den der Magenkranke für Delikatessen erduldet, den eine Frau während des Geburtsvorgangs tapfer erträgt.

 

In dieser Passage und anderen liest man häufig, dass die Stoiker von der Verachtung des Schmerzes oder anderer äußerer Erscheinungen oder von Geringschätzung ihnen gegenüber sprechen. Die Worte »Geringschätzung« oder »Verachtung« werden oft verwendet, um verschiedene Arten von Hass zu suggerieren. In diesem Buch dienen sie nicht unbedingt dieser Nuancierung. Für gewöhnlich drücken sie aus, eine Sache als klein oder unwichtig zu betrachten, als etwas, dem wir uns überlegen fühlen sollten; und das alles funktioniert ohne den Unterton von Schmähung und Abneigung.
Wenn du gesehen hast, wie Kinder in Sparta und junge Männer in Olympia und Barbaren im Amphitheater die schwersten Wunden zugefügt bekommen und sie schweigend ertragen – wirst du dann, wenn ein Schmerz dich streift, aufschreien? … Wirst du ihn nicht lieber entschlossen und standhaft erdulden? Und nicht schreien: »Es ist unerträglich! Es ist im Naturzustand nicht zu ertragen!« Ich höre, was du sagst: Jungen ertragen es, weil sie sich vom Wunsch nach Ruhm leiten lassen; andere ertragen es aus Scham, viele aus Angst – und doch fürchten wir, dass wir es in unserem Naturzustand nicht ertragen können, was von so vielen und unter so unterschiedlichen Umständen erduldet wird?

 

Wir begegnen den Geburtsschmerzen, die von Ärzten und von Gott selbst als groß geachtet werden, mit unseren vielen Ritualen; doch bei ganzen Nationen finden sie keinerlei Beachtung. Die Rede ist nicht von den Spartanerinnen; unter den Schweizerinnen, die mit unseren Fußsoldaten marschieren, macht die Geburt keinen anderen Unterschied, als dass sie, während sie ihren Ehemännern hinterherlaufen, die Säuglinge auf dem Rücken tragen, die sie noch am Tag zuvor in ihren Bäuchen getragen haben.

 

Wie diese Beispiele zeigen, sind Stoiker dafür bekannt, sich beiläufig mit Anthropologie zu beschäftigen – manchmal sehr beiläufig. Vermutlich sind Sie von der Raffinesse ihrer Diskussion über die Geburt nicht sonderlich beeindruckt. Der herausspringende Punkt ist jedoch der Geist, der diesen Untersuchungen zugrunde liegt. Konventionen und Gewohnheiten haben eine bemerkenswerte Macht, unsere Urteile zu beeinflussen. Je nachdem, ob wir es gewohnt sind, dass andere etwas tun, oder ob wir selbst etwas zu tun oder zu fühlen gewohnt sind, kann letztlich alles entweder normal oder seltsam, unvermeidlich oder als hätte man die Wahl erscheinen. Die dahinterstehenden Kräfte neigen dazu, ihre Arbeit unsichtbar zu verrichten. Wenn wir einmal einen Brauch oder eine Gewohnheit angenommen haben, fühlen sich die von ihnen hervorgerufenen Urteile so an, als wären sie ausschließlich unsere eigenen und nicht etwas, das uns eingepflanzt wurde und ebenso gut anders sein könnte. Der Bann der Vertrautheit muss gebrochen werden, und das gelingt am besten, wenn man sich die große Bandbreite der Reaktionen auf dieselben Dinge ansieht, die den Menschen unter verschiedenen Bedingungen als natürlich erscheinen.

 

4. Nahrung. Wir brauchen unseren Blick nicht nach Sparta zu richten oder Schwertkämpfe heranzuziehen, um gute Themen für die gerade gezeigten Vergleiche zu finden. Als Fallstudie können Sie auch einige der Möglichkeiten betrachten, wie das Prinzip dieses Kapitels auf Nahrung – ein häufiges Thema stoischer Überlegungen – angewendet werden kann. Unsere Reaktionen auf das, was wir essen, fühlen sich unvermeidlich an und scheinen eher durch das Essen als durch irgendetwas in uns selbst hervorgerufen zu werden, aber diese Reaktionen liegen oft genauso sehr an uns wie an dem, was auf dem Teller liegt. Die Stoiker studieren sehr genau die Gelüste, die unsere Reaktionen auf Nahrung und alles andere hervorrufen.

 

Meinem Bäcker ist das Brot ausgegangen, aber der Verwalter, der Hausmeister und meine Mieter haben welches. »Schlechtes Brot!«, sagst du. Warte nur, es wird noch gut werden. Der Hunger wird dazu führen, dass selbst dieses Brot delikat schmeckt, und er wird den Eindruck erwecken, es wäre aus feinstem Mehl. Deshalb sollten wir nicht eher essen, als der Hunger es uns gebietet. Ich werde also warten, bis ich gutes Brot bekomme oder nicht mehr so wählerisch bin.

 

Wer sieht nicht, dass Appetit die beste Würze ist? Als Dareios auf der Flucht vor dem Feind etwas Wasser getrunken hatte, das schlammig und von Kadavern verunreinigt war, erklärte er, er habe noch nie etwas Angenehmeres getrunken. Tatsächlich hatte er noch nie aus Durst getrunken … Vergleiche [mit denen, die Mäßigung üben] diejenigen, die schwitzen und rülpsen, die vom Essen übersättigt sind wie gemästete Ochsen; dann wirst du erkennen, dass diejenigen, die am meisten nach dem Genuss streben, ihn am wenigsten erreichen, und dass der Genuss beim Essen darin besteht, Appetit zu haben, nicht darin, satt zu werden.

 

Unser Thema in diesem Kapitel ist, welche Rolle unsere eigenen Urteile – oder Meinungen – bei der Produktion unserer Erfahrungen spielen. Als Beispiel für ein solches Urteil kann ein Begehren oder Gelüst gelten, wenn man Urteile so versteht, dass sie all jene Dinge in uns umfassen, die unsere Reaktion auf das prägen, was uns in der Welt begegnet. Von einem bestimmten Standpunkt aus gesehen ist dies offensichtlich. Auf der einen Seite steht das Essen – eine äußere Sache; auf der anderen Seite steht die Frage, wie sehr wir es wollen – ein Urteil, das wir selbst gefällt haben. Dennoch mag es überraschend erscheinen, den Appetit auf Nahrung als ein »Urteil« im stoischen Sinne zu bezeichnen, weil wir ihn als eine physische Tatsache empfinden. Unser Hunger oder Durst stellt sich als eine körperliche Empfindung dar, nicht als etwas, das wir kraft unserer Gedanken verändern könnten. Aber jeder Stoiker würde diese Vorstellung infrage stellen.

 

Erstens hängen unsere Gelüste oftmals tatsächlich von uns ab – im Vorfeld. Zwar mögen wir Schwierigkeiten damit haben, sie zu ändern, wenn sie einmal vorhanden sind, aber wir können in großen Teilen beeinflussen, ob und wie sie überhaupt entstehen. Stoiker werden sich nicht nur bewusster darüber, wie unsere Gelüste unser Erleben beeinflussen, sondern auch, wie unsere Entscheidungen unsere Gelüste beeinflussen. Wir erlauben uns, hungrig zu werden, oder auch nicht; wir quälen uns mit Vergleichen und anderen Gedanken, die Sehnsüchte wecken, oder wir tun es nicht. Die Steuerung der Gelüste – wann und wie man sie ausbildet, wann und wie nicht – ist Teil der stoischen Praxis. (Das ist in Fällen wie dem oben beschriebenen von Seneca erforderlich, beispielsweise indem man lernt, aus einfachen und natürlichen Freuden Befriedigung zu ziehen.)

 

All dies ist ein Beispiel für die Neuausrichtung, die die Stoiker allgemein empfehlen: weniger Energie darauf zu verwenden, Dinge zu bekommen oder zu vermeiden, und mehr darauf, zu wissen, warum wir sie wollen (oder nicht wollen) und wie die Art und Weise, wie wir denken, dies beeinflussen könnte. Wir werden auf diese Punkte in späteren Kapiteln zurückkommen.

 

Zweitens würde ein Stoiker nicht eben schnell einräumen, dass Gelüste, selbst wenn sie einmal vorhanden sind, physische Tatsachen sind, die sich dem Verstand völlig entziehen. Natürlich kann großer Hunger eine schlimme Tatsache dieser Art sein, genau wie andere Arten von Schmerzen und Empfindungen. Aber in diesen und anderen Situationen vergisst man leicht, wie stark unsere Psyche die Empfindungen beeinflussen kann, die äußere Einflüsse bei uns erzeugen. Ein Essen, das köstlich aussieht, kann man unmöglich genießen, es kann sogar körperliche Abscheu hervorrufen, wenn man etwas Ekelhaftes darüber hört, wie es zubereitet wurde. (Man sagt dann häufig, man habe den Appetit verloren.) Es ist nicht viel besser – es kann sogar schlimmer sein –, wenn man eine solche Entdeckung erst hinterher macht.
Sehr oft, wenn Männer mit großem Vergnügen Delikatessen verspeist haben und im Nachhinein merken oder erfahren, dass sie etwas Unreines oder Ungesetzliches gegessen haben, wird diese Entdeckung nicht nur von Trauer und Kummer begleitet, sondern ihre Körper, die gegen diese Vorstellung revoltieren, werden von heftigem Erbrechen und Würgen ergriffen.

Montaigne stellte es noch eindringlicher dar.
Ich kenne einen Herrn, der eine große Gruppe von Gästen in seinem Haus bewirtet hatte und einige Tage später im Scherz (denn es war nichts daran) damit prahlte, er habe ihnen eine Katzenpastete serviert. Eine der jungen Damen in der Gruppe wurde von solchem Abscheu erfasst, dass sie heftige Magenkrämpfe und Fieber bekam. Es war unmöglich, sie zu retten.

 

Nahrung interessiert einen Stoiker auch in anderer Hinsicht. Sie kann als nützliche Quelle für Analogien zwischen der Art und Weise, wie der Magen arbeitet, und der Art und Weise, wie der Verstand arbeitet, dienen. So, wie der Magen, wenn er durch Krankheit geschädigt ist, Galle sammelt und (…) jede Art von Nahrung in eine Quelle des Schmerzes verwandelt, so wird im Falle eines verdorbenen Geistes das, was man ihm anvertraut, zu einer Last und zu einer Quelle des Unglücks und des Elends.
Plutarch bediente sich solcher Vergleiche immer wieder. Er war zwar kein Stoiker, was die großen Themen betraf, stimmte mit den Stoikern aber in dieser und weiteren unmittelbareren Fragen überein.

 

Bei Fieber scheint alles, was wir essen, bitter und unangenehm zu schmecken; aber wenn wir sehen, dass andere dasselbe Essen zu sich nehmen und keinen Missmut deswegen empfinden, geben wir dem Essen und Trinken nicht länger die Schuld. Wir geben uns selbst und unserer Krankheit die Schuld. Ebenso hören wir auf, Umständen die Schuld zu geben und uns über sie zu ärgern, wenn wir sehen, dass andere die gleichen Umstände fröhlich und ohne Ärger akzeptieren.
Hast du noch nie bemerkt, wie Kranke sich gegen die leckersten und teuersten Speisen auflehnen, sie ausspucken und ablehnen, obwohl man sie ihnen darbietet und sie ihnen fast in den Rachen zwingt – aber zu einer anderen Zeit, wenn ihr Zustand ein anderer ist, ihre Atmung gut ist, ihr Blut in einem gesunden Zustand ist und ihre natürliche Wärme wiederhergestellt ist, stehen sie auf und genießen eine gute Mahlzeit aus einfachem Brot und Käse und Kohl? So ist auch die Wirkung der Vernunft auf den Geist.

 

Dr. Johnson führte die Idee fort, kehrte jedoch die Fakten dieser Darstellung um.
Das, was wir zu wollen glauben, quält uns nicht im Verhältnis zu seinem tatsächlichen Wert, sondern entsprechend der Einschätzung, nach der wir es innerlich bewertet haben. Bei einigen Krankheiten wurde beobachtet, dass sich der Patient nach Nahrungsmitteln sehnt, die er in gesundem Zustand selbst bei größtem Hunger kaum hinuntergewürgt bekommen würde; aber während seine Organe so verdorben waren, war das Verlangen unwiderstehlich und er konnte keine Ruhe finden, bis es durch Nachgiebigkeit gestillt wurde. Von der gleichen Art sind die schlechten Begierden des Geistes; auch wenn sie oft durch Kleinigkeiten erregt werden, sind sie bei echten Bedürfnissen ebenso beunruhigend: Der Römer, der wegen des Todes seines Neunauges weinte, empfand den gleichen Grad an Trauer, der bei anderen Gelegenheiten Tränen hervorruft.

Johnson bezieht sich auf eine Anekdote, die Plutarch erzählte. Crassus und Domitius waren römische Generäle. Crassus wurde von Domitius verspottet, weil er wegen des Todes eines aalartigen Fisches weinte, der ihm gehörte. Crassus erwiderte, dies seien mehr Tränen, als Domitius wegen seiner drei verstorbenen Ehefrauen vergossen habe.
Nahrung wurde hier nur als Beispiel dafür angeführt, wie die Stoiker über etwas uns Vertrautes denken würden. Man kann viele Dinge des täglichen Lebens der gleichen Art von Analyse unterziehen. Damit Sie nicht denken, Plutarch habe sich zu sehr mit dem Thema Essen beschäftigt, eröffnet er hier einen anderen Anwendungsbereich, auf den viele der soeben angesprochenen Punkte übertragen werden können:

 

Ein weiteres Beispiel ist die Verbannung unserer Geschlechtsteile, die regungslos bleiben, ohne zu erschauern in Gegenwart jener schönen Frauen und Jungen, die zu berühren uns sowohl die Vernunft als auch das Gesetz verbieten. Dies geschieht insbesondere bei jenen, die sich verlieben und dann erfahren, dass sie sich unwissentlich in eine Schwester oder eine Tochter verliebt haben. Dann zieht sich das Begehren voller Angst zurück, während die Vernunft die Kontrolle übernimmt, und die Zurschaustellung der Körperteile erfolgt in sittsamer Übereinstimmung mit diesem Urteil.

 

5. Metaphern und Analogien. Die Stoiker bieten eine Vorstellung von der Psyche und der Rolle, die sie dabei spielt, Objekte und Ereignisse in eine vom Selbst empfundene Erfahrung zu wandeln. Unsere Sprache besitzt nicht die Mittel, um diese Rolle wortgetreu zu beschreiben; die Mechanismen des Geistes sind für uns nicht in einer Weise sichtbar, die eine genaue Beschreibung ermöglicht. Wie wir also gerade gesehen haben, greifen die Stoiker zuweilen auf bildliche Vergleiche und Analogien zurück, durch die man ihre Ideen leichter erkennen kann. Einige weitere Beispiele:
Wie eine Schale mit Wasser, so ist die Seele; wie das Licht, das auf das Wasser fällt, so sind die Eindrücke, die die Seele erhält. Wenn das Wasser unruhig ist, scheint auch das Licht unruhig zu sein; doch es ist nicht unruhig.

 

Es bedarf Geistesgröße, um große Angelegenheiten zu beurteilen, sonst scheint deren Fehler zu sein, was in Wahrheit unserer ist. In gleicher Weise werden manche Dinge, die vollkommen gerade sind, dem Betrachter, wenn sie in Wasser getaucht werden, als verbogen oder abgeknickt erscheinen. Es kommt nicht so sehr darauf an, was man sieht, sondern wie man es sieht. Wenn es darum geht, die Realität klar zu erkennen, tappt unser Geist im Nebel.

 

Von Plutarch:
Kleider scheinen uns zu wärmen, aber nicht, indem sie selbst Wärme abgeben; denn an sich ist jedes Kleidungsstück kalt, weshalb Menschen, denen heiß ist oder die Fieber haben, meist ständig die Kleidung wechseln. Vielmehr hält die Kleidung, die uns umhüllt, die Wärme, die der Körper abgibt, fest und lässt sie nicht entweichen. Ähnlich ist es mit der Vorstellung, die einen großen Teil der Menschen täuscht – dass sie, wenn sie in großen Häusern leben und genug Sklaven und Geld zusammenbekommen könnten, ein glückliches Leben führen würden. Aber ein glückliches und fröhliches Leben kommt nicht von äußeren Faktoren. Im Gegenteil, erst der Mensch schreibt den Dingen, die ihn umgeben, Freude und Erfüllung zu, wobei sein Temperament gewissermaßen die Quelle seiner Gefühle ist.

 

6. Schlussfolgerungen. Dieses Kapitel hat in die grundlegendste Idee eingeführt, die hinter der Praxis des Stoizismus steht: dass unsere Reaktionen auf alles von uns selbst erschaffen werden, auch wenn es nicht so erscheint, und dass wir unsere Macht unterschätzen, uns von denen zu befreien, die uns schlecht dienen. Wir können das Kapitel mit einigen Überlegungen zum grundlegenden Charakter dieses Punktes abschließen.

 

Von Epiktet: Siehe den Beginn der Philosophie! – die Wahrnehmung der Unstimmigkeit der Menschen untereinander und die Suche nach dem Ursprung dieser Unstimmigkeit; die Ablehnung und das Misstrauen gegenüber der bloßen Meinung und die Überprüfung, ob eine Meinung richtig oder falsch ist; und die Entwicklung eines gewissen Maßstabs für Urteile – so wie wir die Waage entdeckten, um Gewichte zu messen, oder das Lineal für die Beurteilung gerader oder krummer Dinge.
Epiktets Beschreibung kann im Großen und Ganzen tatsächlich als Darstellung angesehen werden, wie die stoische Philosophie im Allgemeinen entstand, aber auch, wie jeder, der sie studiert, sich ihr zu Beginn nähern könnte. Wir sehen andere Menschen anders reden, denken oder handeln, als wir es tun würden, oder anders, als wir es uns vorgestellt hatten – das sind die Unstimmigkeiten, die Epiktet anspricht.

 

Das bringt uns dazu, unsere konträren Meinungen und Gewohnheiten als weniger selbstverständlich anzunehmen und sie stattdessen als etwas anzusehen, das stärker von unseren Entscheidungen und den Umständen abhängt, als wir angenommen hatten (die Ablehnung und das Misstrauen gegenüber der bloßen Meinung). Wir werden dazu veranlasst, unser eigenes Denken genauer in Augenschein zu nehmen und eine wahrere und korrektere Grundlage dafür zu suchen – uns die Waage und das Lineal zu beschaffen. Das Ergebnis besteht vielleicht nicht in unserer früheren Meinung oder in einer überraschenden Alternative; es kann eine Perspektive sein, die beides berücksichtigt und unser Verständnis erweitert. Wenn Sie diesen Zyklus tausendmal durchlaufen haben, können Sie das in diesem Kapitel erörterte Prinzip halbwegs abhaken.

 

Wir haben uns einige konkrete Beispiele eines solchen Ablaufs angesehen, aber das Konzept geht weit über jeden Einzelfall hinaus. Es ist nicht nur so, dass unsere Reaktion auf dieses oder jenes durch unseren eigenen Verstand erzeugt wird. Es geht darum, dass das auf unsere Erfahrungen mit allem zutrifft und dass diese in größerem Maße von uns abhängen, als uns üblicherweise klar ist. Die Arbeit der Philosophie besteht darin, Verantwortung für unser eigenes Denken zu übernehmen und uns dadurch von den Fesseln und Fehleinschätzungen zu befreien, die sonst unsere Erfahrung diktieren.

 

Zwei weitere Möglichkeiten, das Thema dieses Kapitels zusammenzufassen:
Achten Sie auf Ihre Eindrücke, wachen Sie darüber, ohne einzuschlafen, denn das, was Sie hüten, ist keine Kleinigkeit: Selbstachtung und Treue und unerschütterliche Ruhe, ein Geist frei von Emotionen, Schmerz, Angst, Aufruhr – mit einem Wort: Freiheit.
Ich habe den Eindruck, dass bei dieser ganzen Doktrin über geistige Verwirrungen letztlich alles auf einen Punkt hinausläuft: dass sie allesamt in unserer Macht stehen, dass sie allesamt durch selbst getroffene Urteile angenommen werden, dass sie allesamt freiwillig sind. Die Wurzel dieser Verirrung muss also herausgerissen, diese Meinung ausgeräumt werden; und so, wie unter schlimmen Umständen die Dinge erträglich gemacht werden müssen, so müssen auch die Dinge, die wir für großartig und erfreulich halten, mit mehr Gelassenheit betrachtet werden.

 

Als gute Schlussbemerkung für diese Erörterung kann etwas dienen, das Cicero zum Abschluss einer damit verwandten Erörterung von sich gab:
Nun, da wir die Ursache dieser geistigen Verwirrungen festgestellt haben – dass sie alle auf Urteilen beruhen, die von Meinungen herrühren, und zwar aus freien Stücken –, lass uns diese Diskussion beenden. Außerdem sollten wir jetzt, da die Grenzen von Gut und Böse so weit entdeckt wurden, wie sie vom Menschen entdeckt werden können, erkennen, dass von der Philosophie nichts Größeres oder Nützlicheres erhofft werden kann als das, was wir in den letzten vier Tagen erörtert haben. Denn abgesehen davon, dass wir dem Tod nun eine angemessene Verachtung entgegenbringen und den Schmerz erträglich gemacht haben, haben wir auch die Besänftigung der Trauer, die so groß ist wie das größte der Menschheit bekannte Übel, erreicht … Denn es gibt ein Heilmittel für Trauer und andere Missstände, und es ist immer dasselbe. Sie alle beruhen auf Meinungen und werden freiwillig angenommen, weil es richtig erscheint, dies zu tun. Diesen Irrtum, als die Wurzel aller Übel, verspricht die Philosophie gänzlich auszurotten. Widmen wir uns also ihrer Kultivierung und lassen uns heilen; denn solange diese Übel uns beherrschen, können wir nicht nur nicht glücklich, sondern nicht einmal bei klarem Verstand sein.

 

 

 

 

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