Buchauszug Jean-Claude Bourgueil und Martin Roos: „111 Orte in der Champagne, die man gesehen haben muss“

Jean Claude Bourgueil (Foto: Emons/ Tom Jasny)

Martin Roos (Foto: Emons/ Tom Jasny)
Bollinger
James Bond, eine Witwe und Bollys bestes Stück
Wer in die Welt des Champagners eintauchen will, fängt am besten hier an. Historisch, architektonisch und qualitativ ist Bollingers Anwesen in Aÿ eines der herausragendsten überhaupt. Eine Führung durch dieses Haus mitzumachen ist ein Ereignis – überirdisch durch die eleganten Verkostungsräume mit bunt verzierten Glasfenstern und unterirdisch durchs Kellerlabyrinth, in dem über 750.000 Magnumflaschen lagern, gefüllt mit Reserveweinen.
Im Gewölbe »La Réserve« sind 3.000 historische Magnumflaschen aus 45 Jahrgängen aufbewahrt, manche noch mundgeblasen. In der »Galerie 1829«, nur durch ein Gitter zugänglich, verbergen sich Bollingers Schaumwein-Schätze, darunter der älteste Jahrgang – 1830. Am 6. Februar 1829 hatten Athanase-Louis-Emanuel Hennequin, Paul Renaudin und Joseph Jacob Bollinger, der aus dem württembergischen Ellwangen stammte, in Aÿ das Champagnerhaus gegründet. Das Geschäft florierte. Bollinger war ab 1884 Hoflieferant von Queen Victoria.
Die wohl wichtigste Rolle in der Geschichte des Hauses spielte Lily Bollinger. Bis 1971 führte die Witwe das heute noch in Familienbesitz befindliche Weingut. Sie modernisierte es und reiste als Meisterin des Marketings für den »Bolly« unermüdlich durch die Welt. Bollinger gilt heute als einer der britischsten aller Champagner. Selbst James Bond trinkt ihn. Der größte Stolz des Hauses ist ein Stückchen Erde, verschlossen hinter Mauern gegenüber dem Hauptgebäude: Der Weingarten blieb als einer der wenigen von der zerstörerischen Reblaus-Pandemie um 1900 verschont und bringt heute die Mono-Cuvée »Vieilles Vignes Françaises« aus alten Pinot-noir-Rebstöcken hervor, 2.000 Flaschen pro Jahr.
Er gilt neben dem »Clos du Mesnil« von Krug und dem »Clos des Goisses« von Philipponnat als der kostbarste in der Champagne. Gerettet hat ihn, was in Zeiten der Pandemie immer hilft: eine Quarantäne.
Die Moët-Loge
Der schickste Geräteschuppen der Champagne
Aus der Entfernung wirkt die Weinberghütte von Moët & Chandon auf dem Hügel Montaigu so, als ob sie über den Rebstöcken schwebte. Sie ist heute ein so beliebtes Fotomotiv, dass manche in ihr schon das Wahrzeichen der Weinberge sehen. Doch lange war sie nur eine von vielen Hütten, die die Winzer nutzten, um ihre Ausrüstung zu verstauen, Essenspausen zu machen oder sich an zu heißen oder kalten Tagen zu schützen.
Es waren fast immer einfache Hütten aus Stein, Holz oder Ziegel. Im Zweiten Weltkrieg versteckten Widerstandskämpfer hier Waffen – oder auch Menschen, die vor der Gestapo flohen. Mit der immer stärkeren Nutzung von Traktoren und Transportern verloren die Hütten allmählich ihren ursprünglichen Sinn. Viele wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgerissen, andere verfielen. Doch dann kam der Weintourismus und entdeckte sie als Zeugen der lokalen Weinkultur neu. Viele Winzer begannen, ihre Hütten zu sanieren, um Gäste bei einem Picknick mit Andouillette aus Troyes, Käse aus Chaource und Champagner aus dem eigenen Haus zu bewirten – andere wurden neu gebaut.

(Foto: C.Tödtmann)
Auch die Moët-Loge war einst nicht mehr als ein hübscher Geräteschuppen. Erst im Laufe der Zeit wurde sie repräsentativer. Das viereckige Backsteinhaus mit dem Schieferdach und der kleinen Terrasse mit Blick auf die Weinberge trägt immer noch das Monogramm von Victor Auban-Moët, dem Schwiegersohn von Victor Moët, dem Enkel des Firmengründers. Der Hügel Montaigu hat für das Unter-nehmen große Bedeutung. Nur eine halbe Stunde Fußweg östlich durch die Weinberge bis zur D 9 in Richtung Oiry befindet sich in den Feldern Moëtsneue »Cuverie«. Die 2012 eröffnete futuristische Kellerei erweitert die bisherige Produktion um 25 Prozent. Moët ist mit 1.500 Hektar Rebflächen und einer Produktion von 62 Millionen Flaschen – 20 Prozent aller jährlich hergestellten Champagner – Marktführer.

Jean Claude Bourgeuil/Martin Roos: „111 Orte in der Champagne, die man gesehen haben muss“ Emons Verlag 240 Seiten, 16,95 Euro https://www.emons-verlag.com/programm/111-orte-in-der-champagne-die-man-gesehen-haben-muss
Gosset
Karaffierter Champagner und furzende Engel
Als Jean-Pierre Cointreau 2007 die Führung des 1584 gegründeten und damit ältesten Weinhauses der Champagne übernahm, wurde alles anders. Denn ziemlich bald gelang ihm ein entscheidender Coup: 2009 erwarb er in Épernay ein altes Herrenhaus, umgeben von einem zwei Hektar großen und denkmalgeschützten Park, untertunnelt von einem riesigen Keller mit Platz für 2,6 Millionen Flaschen. Das neue Stammhaus des ursprünglich in Aÿ ansässigen Weinguts war gefunden.
Täglich rücken nun die Lieferwagen vor der Rampe im großen Innenhof an. Eine Million Flaschen verlassen jährlich das Haus. Hinter dem Hof geht es zur Zentrale, dem kleinen Herrenhaus, vor dem in einem alten Steinbrunnen Wasser aus einem dünnen Speier munter in das klare Becken plätschert. Wer eine Verkostung, einen Besuch der Weinkeller oder beides gebucht hat, wartet in den stylishen Räumen an der Rezeption. Mit etwas Glück erhält man von Gosset-Kellerchef Odilon de Varine höchstpersönlich eine Einführung in die Weine. Ob Grande Réserve, Grand Millésime oder die Elitecuvée Celebris – für Odilon ist die Reife der wichtigste Faktor für die Identität des Weines. Einige seiner Champagner, wie eine »Celebris 1995«, ruhen zehn Jahre auf der Hefe und nach dem Degorgieren weitere zwölf im Keller. Was der Chef de Caves empfiehlt: Manche Gosset-Champagner sollte man vorsichtig in eine Karaffe füllen und von dort ins Glas gießen. Zwar geht ein wenig Perlage verloren, aber der Wein gewinnt an Komplexität. Vorher muss jedoch das Öffnen der Flasche gelernt sein.
Odilon erklärt es so: die Kapsel mit Ruhe entfernen und nicht aufreißen; das Drahtgeflecht aufknüpfen, aber auf dem Korken lassen, diesen festhalten und die Flasche drehen – und nicht umgekehrt. Beginnt der Korken zu gleiten, hält man ihn zurück. Denn er darf nicht knallen, sondern muss die Flasche mit leichtem Seufzen verlassen – mit dem sogenannten Engelsfurz.
Vranken-Pommery
Louises Liebe für Wein und Kunst in Kreidestollen
Wie so oft in der Champagne hatte auch dieses Mal eine pfiffige Witwe ihre Hände im Spiel: Als ihr Mann Louis-Alexandre Pommery starb, verwandelte Louise alias Veuve Pommery 1858 die Reimser Domaine in ein Champagnerimperium: Madame ließ ein gewaltiges Gebäude mit Bergfrieden, Türmen und Zinnen im elisabethanischen Stil errichten. Sie legte den exklusiven Weinberg »Clos Pompadour« an und verband die antiken Kreidesteinbrüche mit unterirdischen Gängen. Die Römer hatten sie einst zur Lagerung ihrer Weine in die Felsen geschlagen.
Louise war damit eine der Ersten, die die geniale Idee der Römer wiederentdeckt und als Erlebnis der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben. Schon die Eingangshalle ist gefüllt mit Champagnerkult und Kunst: Neben abstrakten Gemälden, einem wild beklebten Formel-1-Rennwagen und Skulpturen, wie einem lebensgroßen Elefanten, der kopfüber auf seinem Rüssel balanciert, dominiert das Fass »Le Grand Foudre« mit seinen 75.000 Litern und den Schnitzereien des Jugendstilkünstlers Émile Gallé. Am Ende der Halle führt eine spektakulär mit Lichtspielen illuminierte Treppe hinab zu den 120 Kreidebrüchen in 30 Meter Tiefe. Schon durch die langen Gänge zu laufen, die sich labyrinthartig 18 Kilometer durch das unterirdische Reich schlängeln, ist ein Vergnügen. Oben an den Wänden sind Fresken zu bestaunen, in kleinen Seitenkellern lagern Flaschen von 1904, und am unteren Mauerwerk harren die Ratten – aus Stein.
Die zeitgenössischen Ausstellungen in den Kreideminen wechseln. Mal ist es eine 30 Meter hohe Lüftungsrohr-Installation der britischen Künstlerin Holly Hendry, mal sind es Tausende von leeren Patronenhülsen, die der Norweger Matias Faldbakken als Anspielung auf die Rüstungsindustrie inszeniert hat. Der alten Witwe hätten sie gefallen. Sie sind in dem Kreidebruch ausgestellt, der nach ihr benannt ist: Louise Pommery.

Ruinart
Und Sonntagmorgen zum Champagner-Brunch!
Als der junge Benediktiner Dom Thierry Ruinart (1657 – 1709) sah, wie die Adligen in Paris »Wein mit Perlen« literweise in sich hineinschütteten, verständigte er sofort seine Familie. Sie hatte bis dahin ihr Geld im Tuchhandel verdient. Der Mönch überzeugte sie, ab sofort verstärkt in Champagner zu investieren. 1729 eröffnete sein Neffe Nicolas Ruinart das Champagnerhaus in Épernay. 1769 übernahm sein Sohn Claude die Führung und zog nach Reims um.
Nach 200 Jahren Familienbesitz gehört Ruinart heute zu »Moët Hennessy – Louis Vuitton« und zählt zu den feinsten Marken der Champagne. Vor allem: Es ist das älteste Champagnerhaus der Welt. Im alten Rechnungsbuch sind erste Verkäufe im Januar 1729 notiert (Foto). 1764 verschickte Ruinart laut den Aufzeichnungen erstmals seinen heute berühmten Rosé-Champagner »Œil de perdrix« ins Ausland: 60 der kupferrot leuchtenden Flaschen gingen an den Herzog zu Mecklenburg-Strelitz. Nicht nur das Hauptgebäude an der Rue de Crayères mit seinem Restaurant, Verkostungssalon, der Bibliothek und dem Tischkicker, an dem statt Figuren Champagnerflaschen den Ball ins Tor zwirbeln, ist einen Besuch wert, sondern vor allem die Keller. In den höhlenartigen Kreidebrüchen sind in 38 Meter Tiefe Tausende von Flaschen auf der »Entreillage«, auf Holzschienen, gebettet. Ein »Dom Ruinart« lagert bis zu acht Jahren.
Die Kellerführung dauert zwei Stunden inklusive Verkostung. Am Wochenende kann man mit Freunden und Familie auch einen Brunch in der Maison Ruinart buchen. Im Ehrenhof des Hauses steht seit 1999 die Bronzestatue von Dom Ruinart. Er hält Feder und Notizbuch in den Händen. In diesem Buch muss er auch notiert haben, wie er einst »in riesigen Höhlen mit riesigen Fässern alten und neuen Wein« probiert hatte. Von den heutigen Kellern »seines« Hauses hätte er sicher genauso geschwärmt. Ruinart hat sie erst Mitte des 18. Jahrhunderts dazugekauft.


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