Buchauszug Tina Halberschmidt und Martin Wedau: „Ruhrgebiet. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten“

Talentschmiede in Sachen Komik
Wenn in Dortmund beim Kabarett- und Comedy-Festival „ruhrHOCHdeutsch“ an die 150 Veranstaltungen stattfinden, haben viele der auftretenden Künstler ein Heimspiel. Gerburg Jahnke und die als „La Signora“ bekannte Carmea del Feo kommen aus Oberhausen, Hennes Bender und Frank Goosen aus Bochum, Kai Markus Sting und Wolfgang Trepper aus Duisburg, Thorsten Sträter und Fritz Eckenga aus Dortmund. Achim Hagemann von den Popolskis stammen aus Recklinghausen, Jochen Malmsheimer aus Essen.
Komik-Hochburg Ruhrgebiet: Humor als Lösung von Konflikten
Das Ruhrgebiet als Komik-Hochburg überrascht nur diejenigen, die eines nicht wissen: Sinn für Humor konnten Arbeiterfamilien gut gebrauchen. Die Enge der Siedlungen ließ zwangsläufig regelmäßig Konflikte entstehen, für deren Lösung Humor eine der friedvolleren Möglichkeiten war. Die Abhängigkeiten von Unternehmern ließ zudem nicht jeden politisch aktiv werden, mancher machte sich seine Ohnmacht durch Witze erträglich. Scherze hoben die Stimmung vor harter Arbeit. Außerdem war unter Tage und im Lärm der Fabriken direktes Sprechen zum Teil überlebensnotwendig.
Wenn Kleinbürger Jürgen von Manger die Welt erklärte
Das war der Nährboden für die heute so vielfältige Kabarett- und Comedy-Szene der Kinder und Enkel dieser Arbeiter. Aufmerksam auf diesen besonderen Humor wurde Deutschland allerdings schon früher. Jürgen von Manger (1923–1994) wird als Adolf Tegtmeier populär, zunächst im Radio, ab 1961 auch im TV. Mit verdrehter Logik erklärt er noch die größten Missgeschicke als geplantes Handeln. In jeglichem Weltgeschehen findet er banale Erfahrungen aus seinem Alltag wieder. Lange Jahre beeinflusste diese Kunstfigur eines Kleinbürgers den Blick Deutschlands auf die Bewohner der Region und die Selbstbilder der Ruhris gleichermaßen.

Tina Halberschmidt (Foto: Privat)
Typen-Komik aus dem Ruhrgebiet von Elke Heidenreich bis Tana Schanzara
Jürgen von Manger stand am Anfang einer starken Traditionslinie der Typen-Komik im Ruhrgebiet. Elke Heidenreich trat 1975 als Metzgersfrau Else Stratmann zunächst an die Hörfunk-Öffentlichkeit, 13 Jahre später hatte Uwe Lyko als Herbert Knebel seinen ersten Bühnenauftritt, dem sich die TV-Karriere anschloss. Viele der von Tana Schanzara (1925–2008) verkörperten komischen Frauenrollen gehören ebenfalls ins Ruhrgebiet-Typenfach. Dabei war sie auf Komik nicht festgelegt. Ihre Vielseitigkeit zeigte sie am Bochumer Schauspielhaus ebenso wie in Nebenrollen zahlreicher Kinofilme, die im Ruhrgebiet spielen und zu deren Lokalkolorit sie beitrug.
Recklinghausen als Heimat von Hape Kerkeling
Dagegen war die Komik in ihren Filmen mit Hape Kerkeling während der 1990er-Jahre nicht an die Region gebunden. Der in Recklinghausen aufgewachsene Kerkeling suchte das Komische seit seinem ersten TV-Auftritt 1985 mit Parodien, in zwischenmenschlichen Absurditäten und Grenzüberschreitungen. Für diese Komik hatte er das Typenfach Ruhrgebiet links liegen gelassen. Seine Bezüge fand er in Berufen, Personen des öffentlichen Lebens oder in der TV-Geschichte. Einige seiner Figuren wurden zu Klassikern des deutschen Fernsehens. Hape Kerkeling erklärte als Prinzessin Beatrix, wie man „koninklijk“ winkt, um beim Bundespräsidenten vorzufahren. Als schmuddeliger Journalist beim Grevenbroicher Tageblatt, Horst Schlämmer, setzte er Maßstäbe für die grapschende Distanzlosigkeit in Interviews. Mit dem sinnlosen Wort „hurz“ aus seiner Konzertparodie prägte er eine Kürzestformel für spontane Kunstkritik.
Vielfalt bestimmt heute das Bühnengeschehen. Zwischen dem politischen Kabarett des Essener Hagen Rether und den mit Musik gepaarten Nonsens-Improvisationen des Mülheimers Helge Schneider sind sämtliche Bühnenformen der Komik zu finden.

Ralf Koss (Foto: Privat)
Das Ruhrgebiet im Vergleich
Über die Hälfte des Ruhrgebiets ist grün
Mehr als die Hälfte der Fläche des Ruhrgebiets ist grün: Die Gesamtfläche des Ruhrgebiets beträgt 4.439 Quadratkilometer – das sind 13 Prozent der Fläche des Landes Nordrhein-Westfalen (34.098 Quadratkilometer). 58 Prozent der Gesamtfläche bestehen aus sogenannter Vegetationsfläche, also Gebiete, die zum Beispiel landwirtschaftlich genutzt werden oder mit Wald oder Gehölz bedeckt sind. 29,6 Prozent der Fläche des Ruhrgebiets sind Siedlungs-, 9,5 Prozent Verkehrs- und 2,9 Prozent Gewässerfläche.
Die meisten Menschen im Ruhrgebiet leben in Mehrfamilienhäusern: 68,3 Prozent der insgesamt rund 2,66 Millionen Wohnungen im Ruhrgebiet befanden sich Ende 2016 in Wohngebäuden mit drei oder mehr Wohnungen, die im Schnitt 82,2 Quadratmeter groß waren. In Städten wie Gelsenkirchen (74,9 m2), Duisburg (75,7 m2) und Herne (76,7 m2) waren die Wohnungen durchschnittlich kleiner. Die größte Wohnfläche je Wohnung stand den Menschen in Alpen (114,3 m2), Sonsbeck (114,1m2) und Hamminkeln (113,8 m2) im Kreis Wesel zur Verfügung.
Beständige Einwohnerzahl
Ende 2019 lebten 5.112.050 Menschen in der Metropole Ruhr. Damit bleibt die Bevölkerungszahl mit einer Zunahme von lediglich 520 Einwohnern gegenüber dem Vorjahr nahezu unverändert. Die größte Stadt in der Metropole Ruhr ist Dortmund mit 588.250 Einwohnern, dicht gefolgt von Essen (582.760). Der Anteil von Arbeitern an den Erwerbstätigen in der Metropole Ruhr sinkt seit Jahren beständig und lag im Jahr 2016 mit 19,8 Prozent nur noch um 1,6 Prozent über dem Vergleichswert für Nordrhein-Westfalen.
In Essen gibt´s die meisten Autos von allen Großstädten, Bottrop hat die höchste PKW-Dichte
In den Ruhrgebietsstädten sind immer mehr Autos unterwegs. Allein in Bochum gab es im Jahr 2020 insgesamt 203.331 Pkw – das sind 3,2 Prozent mehr als 2019. Damit verbucht Bochum im bundesweiten Vergleich den höchsten Zuwachs an Pkw aller deutschen Großstädte. Aber auch in Bottrop (+1,8 %), Dortmund und Mülheim (jeweils +1,6 %), Essen, Herne, Oberhausen und Duisburg (jeweils +1,4 %) und Gelsenkirchen (+1,2 %) stieg die Zahl der Fahrzeuge. Eine Erklärung dafür ist, dass das Auto im Ruhrgebiet noch immer als Statussymbol gilt. Essen ist die Stadt mit den meisten Pkw (292.043 Fahrzeuge). In Bottrop ist die Pkw-Dichte am höchsten (587 Pkw auf 1.000 Einwohner), am niedrigsten ist sie in Duisburg (467 Autos pro 1.000 Einwohner). Zum Vergleich: In München kommen 503 Pkw auf 1.000 Einwohner, in Hamburg 437, in Berlin 335.
Die Top-Verdiener sind in Mülheim, die meisten Einkommensmillionäre in Essen
Im Ruhrgebiet leben 900 sogenannte Einkommensmillionäre, also Menschen, die eine Million Euro und mehr verdienen. Das entspricht einer Quote von 1,8 unterdurchschnittlich im Vergleich zum Rest von NRW. Nur in Mülheim (Quote: 3,8) und im Ennepe-Ruhr-Kreis finden sich überdurchschnittlich viele Top-Verdiener. Die Ruhrgebietsgroßstädte mit den meisten Einkommensmillionären sind Essen (158) und Dortmund (131). Die wenigsten Top-Verdiener gibt es in Duisburg (32), Gelsenkirchen (23) und Oberhausen (11), berichtet die WAZ. Die Zahlen beruhen auf den Ergebnissen der Lohn- und Einkommensteuerstatistik für Einzelpersonen und zusammen veranlagten Ehepaaren und beziehen sich auf den Jahresvergleich 2016/2015.
Buchauszug Tina Halberschmidt und Martin Wedau: „Ruhrgebiet. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten“. Klartext Verlag, 104 Seiten, 14,95 Euro. https://www.weltbild.de/artikel/buch/ruhrgebiet_33867978-1


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