Buchauszug August-Wilhelm Scheer: „Timing – zum effektiven Umgang mit der Zeit: Erfahrungen und Empfehlungen von August-Wilhelm Scheer“

Buchauszug August-Wilhelm Scheer: „Timing – zum effektiven Umgang mit der Zeit: Erfahrungen und Empfehlungen von August-Wilhelm Scheer“

 

August-Wilhelm Scheer (Foto: PR)

 

Wie nutzt man herausragende Zeitpunkte?

Primacy- und Recency-Effekt: Der erste Eindruck zählt, und das Beste kommt zum Schluss

In einer Reihe psychologischer Experimente wurde herausgefunden, dass bei Informationsaufnahmen Anfang und Ende eine besondere Aufmerksamkeit besitzen. Bei einem Vortrag bleibt z. B. der Anfang besonders im Gedächtnis. Am Anfang ist der Zuhörer neugierig und erwartungsvoll gespannt.

 

Man kann dann eine emotionale Beziehung zum Publikum herstellen, sich sympathisch machen und damit eine höhere Aufmerksamkeit für das Folgende erreichen. Eine häufige, aber lahme Redewendung, die aus den USA übernommen wurde, ist die Frage am Mikrophon „Can you hear me?“, die dann eine Antwort erwartet, und es erschallt auch tatsächlich ein zustimmendes Gebrummel aus dem Publikum. Durch dieses Frage- und  Antwort-Spiel bekommt man einen Kontakt zum Publikum, und es wird ein Gemeinschaftsgefühl hergestellt. Beliebt sind auch kleine Anfangsgeschichten nach dem Motto: „Als ich heute früh aus dem Haus ging, um zum Flughafen zu fahren, sagte mein kleiner Sohn zu mir: Ich bin traurig, Daddy, dass Du fort musst, aber bringst Du mir von Deiner Veranstaltung etwas mit?“

 

Derartige durchsichtige Starts wirken aufgesetzt. Ich lasse aber am Anfang immer die
Überschriftsfolie etwa 3 Minuten auf der Leinwand stehen und erzähle dazu frei etwas zum Thema. Damit gebe ich den Zuhörern Gelegenheit, mich kennenzulernen, und sie werden nicht vom ständigen Verfolgen neuer Slides abgelenkt. Man sollte überhaupt nur wenige und den mündlichen Vortrag lediglich illustrierende Slides verwenden. Keinesfalls sollten dicht beschriebene Texte eingesetzt werden, die die Zuhörer in der kurzen Zeit ohnehin nicht lesen können und sie frustrieren. Diese dienen höchstens als Manuskript für den Vortragenden und sind damit selbstentlarvend für seine Unsicherheit. Souveränität wird gezeigt, wenn der Gedankengang verinnerlicht ist und man keine Vorlagen braucht. Ich muss diese Selbstverständlichkeiten häufig selbst gestandenen Mitarbeitern verdeutlichen.

 

Man kann auch zum Start eines Vortrags den Gedanken des Vorgängers aufnehmen „Wie Herr oder Frau X gerade gesagt hat, …“ Damit verschafft man sich zwar Aufmerksamkeit, aber man hebt den Vorgänger virtuell zurück auf die Bühne. Wenn er eine sehr bekannte Persönlichkeit ist, dann schmeißt man sich an ihn ran und erhebt sich mit ihm. Ist es eine Person niedrigeren Renommees, profitiert diese davon. Das kann sympathisch machen, es ist aber zu überlegen, ob es einem fachlich nutzt. Bei offiziellen Veranstaltungen gibt es ein Begrüßungszeremoniell der VIPs. Hier zeigt sich dann auch ein Jahrmarkt der Eitelkeiten.

 

Bei meinen vielen Teilnahmen an Neujahrsempfängen und politischen Feiern haben mich diese Begrüßungsorgien gelangweilt. Auf jeden Fall verschenkt man Wirkungsmöglichkeit für inhaltliche Aussagen am Anfang einer Rede. Man merkt es daran, dass bei Stehveranstaltungen während des Begrüßungsrituals die privaten Unterhaltungen der Gäste zunehmen und diese dann hinterher die eigentliche Rede nicht mehr verfolgen.

 

Am Ende eines Vortrags kann der Recency-Effekt genutzt werden. Hier kann man zusammenfassen, was der Hörer auf jeden Fall behalten sollte. Man kann auch gezielt eine besonders markante Formulierung mit einem Überraschungseffekt anpeilen.
Man beobachte einmal Politiker, wie sie in ihren Reden gezielte Schlussformulierungen verwenden. Ein treffendes Beispiel ist der berühmte Satz von J. F. Kennedy „Ich bin ein Berliner“. Dabei schadet es nicht einmal, dass der Kontext dieses Satzes meistens verschluckt wird, in dem er sagte, dass er „im Sinne eines freien Menschen“ ein Berliner sei. Auch Arnold Schwarzenegger nutzte den Effekt mit seinem Spruch: „I’ll be back baby!“ in seiner bereits zitierten Rede bei der Eröffnungsveranstaltung einer CeBIT.

 

Auf derartige Effekte kommt man nicht spontan, sondern sie müssen vorgedacht, für das Timing inszeniert und in Betonung und Gestik eingeübt werden.
Auch in Verhandlungen oder Konferenzen sind Primacy- und Recency-Effekte wichtig. Wer in einem Meeting am Anfang die zu behandelnden Themen festlegt, führt die Sitzung. Derjenige, der zum Schluss die Ergebnisse für das Protokoll zusammenfasst und die „To-dos“ verteilt, bestimmt die Umsetzung der Ergebnisse.

 

Bei Presseartikeln bestimmt der Anfang, ob der Artikel den Leser fesselt und er ihn zu Ende liest. Bei Fernsehserien schließt eine Folge immer mit einer spannenden Szene (Cliffhanger), damit der Zuschauer es nicht abwarten kann, die nächste Folge zu sehen. Lernt man eine Person neu kennen, bleibt der erste Eindruck besonders stark im Gedächtnis.

 

Wer in einer Verhandlungssituation als erster zuckt, also ein Zeichen für seine Kompromissbereitschaft setzt, wird seine ursprüngliche Forderung nicht mehr durchsetzen. Wer dagegen bei einer Preisverhandlung die erste Zahl nennt, setzt einen Anker, an dem sich die anderen orientieren müssen.

 

Was macht man zwischen Anfang und Schluss?

Von geschriebenen Manuskripten abgelesene Reden sind langweiliger als frei gesprochene. Geschriebene Reden sind redundanzarm, folgen perfekt der Grammatik und sind präzise. Dazu werden eingeschobene Satzteile verwendet, die eine Aussage detaillieren oder einschränken sollen. Aber so redet im täglichen Umgang kein Mensch; deshalb gibt es für die tägliche Kommunikation den Begriff der Umgangssprache. Wer schon einmal eine frei gesprochene Rede abgeschrieben hat, ist schockiert, wie viele Sätze nicht zu Ende gesprochen werden und wie viele Bezüge oder Satzendungen grammatisch falsch sind. Trotzdem verstehen die Zuhörer die Rede oft besser als eine abgelesene geschliffene Rede.

 

Die abgelesenen Neujahrsansprachen der Politiker im Fernsehen sind von Jahr zu Jahr weitgehend auswechselbar; kein Wunder, dass einmal bei Helmut Kohl eine Rede des Vorjahres eingespielt wurde; es hat von den Zuschauern sicher kaum jemand gemerkt. Vielleicht erinnern sich dagegen noch Leser an die Zeiten, wo im Bundestag von Abgeordneten wie Herbert Wehner, Franz Josef Strauss oder Helmut Schmidt feurige Redeschlachten ausgefochten wurden. Da haben eben nicht die wissenschaftlichen Mitarbeiter der Abgeordneten die blutleeren Reden geschrieben, sondern die Akteure haben gesprochen, wie ihnen der Schnabel gewachsen war; typisch deshalb der Spitzname von Helmut Schmidt als „Schmidt Schnauze“.

 

Heute ist die lebendige Umgangssprache von Politikern höchstens noch in Talkshows zu hören. Aber auch da sind sie vorsichtig, relativierend, wenig zupackend, und man erkennt den Einfluss von Rhetorikkursen.  Mein Rat ist deshalb, ruhig den Mut zur freien Rede und zur Umgangssprache zu haben. Die Zuhörer sind viel fehlertoleranter, als man glaubt. Die Rede wird bei freier Form von lebendigen Gesten begleitet, der Zuhörer bekommt Augenkontakt und spürt die Leidenschaft des Redners.

 

Alles das macht auch die Faszination eines Jazzsolos aus. Deshalb habe ich viel von meinen Jazzauftritten für meine Vortragstätigkeit gelernt. Wie ein Jazzer sich zurechtfinden muss, wenn er kurzfristig den Faden verloren hat, so gilt das auch für einen Vortragenden. Man muss eben sicher sein, dass man über genügend Kenntnisse und Routine verfügt, um sich aus kritischen Situationen wieder herauswinden zu können. Aber Achtung, das bedeutet, dass man gerade, weil man locker und souverän wirken will, sehr viel in die Vorbereitung investieren muss. Ein lockerer freier Vortrag gelingt nur mit sorgfältiger Vorbereitung.

 

Bei sehr wichtigen neuen Vorträgen habe ich folgende für mich bewährte Vorgehensweise. Zunächst sammele ich Stoff wie in der Schule bei einem Deutschaufsatz. Dabei notiere ich einige Kernsätze und Anekdoten. Dann frage ich mich, welche Hauptbotschaft(en) ich vermitteln will. Dazu überlege ich, welche Überschrift eines Presseberichts ich mir wünschen würde. Zu einem Vortrag über „Digitalisierung in Deutschland“ wären z. B. Alternativen: „Scheer fordert mehr Investitionen in die Zukunft der Digitalisierung“ oder „Scheer ermutigt den Mittelstand, Digitalisierung als Chance zu nutzen“ oder „Scheer fragt, warum es nicht mehr SAPs in Deutschland gibt“. Dann entscheide ich mich für eine der Richtungen – natürlich für eine positive Ausrichtung, in die ich zur Relativierung auch einige kritische Anmerkungen einflechten kann. Anschließend erstelle ich eine Gliederung und ordne die Gedanken der Stoffsammlung ein.

 

Dann schreibe ich das Manuskript. Nicht, um es vorzutragen, sondern um mich zu prüfen, ob meine Aussagen stringent sind und einer kritischen Diskussion standhalten. Dazu ist die Schriftsprache gut geeignet. Dieses Manuskript kann ich nach dem Vortrag für eine Veröffentlichung nutzen. Aus dem Manuskript von z. B. 15 Seiten erstelle ich für den Vortrag ein drei- bis fünfseitiges Stichwortmanuskript. Dieses verwende ich, um die freie Rede zu üben. Wie bei einem Spickzettel in der Schule ist bereits das Anfertigen des Zettels von Nutzen: Man muss entscheiden, welche Aussagen wichtig sind und welche Begriffe oder Namen man unbedingt behalten muss. Während meines morgendlichen Joggings erzähle ich mir dann lautlos den Vortrag, bis ich meine, dass ich ihn gut draufhabe.

 

Am Tag vor dem Vortrag dampfe ich den Spickzettel auf eine Seite ein, die ich dann
für alle Fälle in meine Jackentasche stecke. Bisher habe ich aber dieses Blatt selbst bei komplizierten Inhalten mit vielen Untergliederungen noch nicht aus der Tasche ziehen müssen. Aber es gibt Sicherheit. Meine handschriftlichen Spickzettel bewahre ich auf, um sie bei anderen Gelegenheiten nutzen zu können. Außerdem sind sie eine gute Erinnerung. Dieses ist der Idealfall meines Vorgehens. In den meisten Fällen kürze ich es natürlich ab. Aber das Grundprinzip der fortgesetzten Verdichtung bleibt.

 

Ich habe noch nie einen Vortrag exakt so gehalten, wie ich ihn mir vorgenommen hatte. Entweder hat mich der Moderator falsch vorgestellt, sodass ich darauf spontan reagieren musste oder ich nahm eine Aussage des Vorredners auf, die mir nicht gefallen hat, oder ich habe schlicht innerhalb des Vortrags einen Punkt vergessen und musste eine spontane Überleitung zum nächsten Gedanken finden. Aber es ist besser, 90 Prozent des geplanten Inhalts lebendig vorzutragen als 100 Prozent langweilig vorzulesen. Schließlich weiß der Zuhörer ja auch nicht, was man ausgelassen hat.

 

 

Buchauszug August-Wilhelm Scheer: „Timing – zum effektiven Umgang mit der Zeit: Erfahrungen und Empfehlungen von August-Wilhelm Scheer“, Springer Verlag, 266 Seiten, 32,99 Euro

 

 

 

 

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