Die persönlichen Manager-Haftungsrisiken von morgen: Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen

Managerhaftungsexperte Stephan Geis von Global Corporate & Speciality (AGCS), dem Industrieversicherer der Allianz Gruppe, zeigt im Gastbeitrag die nächste Generation von Haftungsrisiken für Topmanager und Geschäftsführer, die letztlich auch ihr  Privatvermögen bedrohen: Es sind Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen (ESG).

 

Stephan Geis (Foto: Privat)

 

Für Manager – Vorstände und Geschäftsführer insbesondere – wird es bald noch ungemütlicher. Laut einer Analyse der Anwaltskanzlei Herbert Smith Freehills hat es seit 2018 über 170 Regulierungsmaßnahmen rund um Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen (ESG) auf nationaler und EU-Ebene gegeben. Europa steht dabei mit rund 65 Prozent dieser Regulierungen weltweit ganz oben. Die Unternehmen stehen überall mit ihrer ESG-Leistung zunehmend unter öffentlicher Beobachtung. Soziale Gerechtigkeitsproteste, aktivistische Investorenkampagnen oder Geldwäscheprogramme könnten für neue Rechtsstreitigkeiten sorgen. Zugenommen hat auch der klimabedingte Aktivismus und entsprechende Gerichtsverfahren. In über 30 Ländern wurden Klagen gegen große kohlenstoffemittierende Industrien eingereicht, die meisten Fälle in den USA. Für Unternehmen sind  ESG-Themen ein erhebliches Managerhaftungsrisiko – ebenso wie für ihre Versicherer.

 

Im Folgenden drei Beispiele:

  • Die Stadt New York City verklagte im April mehrere Ölkonzerne und einen Lobbyverband wegen irreführender Werbung und betrügerischer Geschäftspraktiken. Die Konzerne würden laut Bürgermeister Bill de Blasio durch PR-Kampagnen systematisch über ihre Rolle bei der Klimaverschmutzung hinwegtäuschen. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass die Ölkonzerne von diesem Schwindel profitieren. Die Stadt fordert, dass das – angeblich illegale – Greenwashing untersagt wird und die Unternehmen Strafen zahlen.

 

 

 

 

  • Acht junge Afrikaner gegen die größten Schokoladenhersteller der Welt: Einige große Lebensmittelkonzerne könnten wegen ihres Kakao-Abbaus in Westafrika bald vor einem US-Gericht stehen. Ein Anwaltsteam reichte eine Klage ein für acht junge Männer, die als Kinder aus ihrer Heimat Mali in die Elfenbeinküste verschleppt worden sein sollen, um als Sklaven Kakao zu ernten. Wenn das Gericht zugunsten der jungen Männer entscheide, „kämen die Konzerne in echte wirtschaftliche Schwierigkeiten“, glauben die Klägeranwälte. Schätzungen zufolge kommt fast die Hälfte des weltweit verarbeiteten Kakaos von der Elfenbeinküste.

 

  • Für die Verschmutzung von Land in Nigeria muss ein Mineralöl- und Erdgas-Unternehmen haften. Der Konzern wurde Anfang 2021 für mehrere Öllecks im Nigerdelta verantwortlich gemacht und muss Schadenersatz zahlen. Konkret soll der Konzern zwei Dörfer für die Verseuchung ihrer Äcker entschädigen. Die genaue Summe soll später festgelegt werden. Der Konzern hatte die Vorwürfe immer wieder zurückgewiesen und erklärt, dass Saboteure für die Lecks verantwortlich seien. Das sah das Gericht nur in einem Fall als „zweifelsfrei bewiesen“ an.

 

Manager sollten Manager deshalb diese sechs Risiken im Auge behalten:

1. Klimawandel: Obwohl ESG ein viel breiteres Spektrum als nur den Klimawandel umfasst – nämlich soziale Mobilität, Diversität, Wirtschaft und Menschenrechte sowie nachhaltige und soziale Investitionen -, steht der Klimawandel im Fokus. Ein Großteil der bisherigen Rechtsstreitigkeiten drehte sich um die Offenlegung. Unternehmen und Vorstände versäumten, die wesentlichen Risiken des Klimawandels angemessen offenzulegen. So gab es in den USA in jüngster Zeit eine Reihe von Prozessen nach Waldbränden gegen Unternehmen, weil sie die Veränderungen in der Umwelt, die zu mehr Waldbränden führten, nicht offengelegt hätten. Und ebenso wenig, wie sich dies negativ auf das Geschäft auswirken könnte. Die Vorstände der Unternehmen haben die Aufgabe, unternehmerische Verantwortung für das Klima zu übernehmen – mit aller Sorgfalt und mit entsprechender Berichterstattung.

 

2. Im vergangenen Jahr stiegen die Rechtsstreitigkeiten zur Diversität in Vorständen stark an, insbesondere in den USA. Dabei wurde ihnen meist  ein Versagen ihrer Fürsorgepflicht vorgeworfen wegen unzureichender Vielfalt im Board oder anderen Führungspositionen. Eine Reihe von Studien belegt, dass Vielfalt im Vorstand zu einem besseren Risikomanagement und einer besseren finanziellen Leistung führt. Laut McKinsey & Company haben Unternehmen im obersten Quartil für geschlechtliche, ethnische und kulturelle Vielfalt in ihrem Führungsteam eine um 25 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, eine überdurchschnittliche Rentabilität oder Outperformance zu erzielen als Unternehmen im vierten Quartil.

 

3. Umweltverschmutzung und Umweltkatastrophen: Nach Ereignissen wie einem Bruch eines Staudamms oder einem Ölaustritt in einem ökologisch sensiblen Gebiet werden Vorstände und Geschäftsführer immer häufiger gefragt, ob sie über geeignete Risikomanagement-Prozesse verfügen, um solche Unglücke zu verhindern und inwieweit sie sich der Möglichkeit eines solchen Ereignisses bewusst waren.

 

4. Greenwashing-Behauptungen: Vorfälle, in denen Unternehmen irreführende Angaben machen, um von sich in der Öffentlichkeit ein umweltfreundlicheres und verantwortungsbewussteres Image zu erzeugen, waren in den USA bereits Gegenstand von Gerichtsverfahren – es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Aufsichtsbehörden hart durchgreifen. In Großbritannien hat die Financial Conduct Authority schon Prinzipien entwickelt, um gegen falsche Behauptungen vorzugehen. Die Aufsichtsbehörden in den USA und Europa beschäftigen sich ebenfalls mit diesem Thema.

 

5. Die Vergütung von CEOs, der Vorstandsvorsitzenden,  ist ein heißes Eisen, insbesondere für Investoren. Der norwegische Staatsfonds steht für ein Investitionsvolumen von einer Billion Dollar und ist damit eins der größten der Welt. Er und viele andere Unternehmen, die angesichts der Kritik an undurchsichtiger Vergütungen eine Kontrolle über die Vergütungsvorschläge des Managements in den Unternehmen entwickelt haben. Gleichzeitig steigt die Zahl der Unternehmen, die die Vergütung von CEOs oder Geschäftsführern an klima- beziehungsweise ESG-bezogene Ziele wie die Reduzierung von Treibhausgasen koppeln wollen.

 

6. Cybersicherheit wird schnell zu einem der wichtigsten ESG-Themen, bei der  Nachhaltigkeit eines Unternehmens. Die Bestimmung des Cyber-Resilienz-Status eines Unternehmens wird für Investoren immer wichtiger, während die Bewertung potenzieller Cyber-Risiken ein wesentlicher Bestandteil jedes M&A-Prozesses sein sollte wegen den vielen Datenschutzverletzungen und der Möglichkeit, dass ein akquirierendes Unternehmen für Vorfälle vor seiner Fusion haftbar gemacht werden könnte. So wurden die Datenschutzverletzungen der Hotelkette Marriott im Jahr 2018, die zu eine Geldstrafe der Behörden von mehr als 20 Millionen US-Dollar für Marriott nach sich zogen, auf einen Einbruch im Jahr 2014 bei Starwood zurückgeführt. Die Hotelgruppe wurde wiederum 2016 von Marriott übernommen.

 

Fazit: Risikomanager sollten vor sich auf diese neuen Risiken ESG-Themen vorbereiten und sie in ihr unternehmensweites Risikomanagement sowie alle relevanten operativen Prozesse integrieren.

 

 

Copyright: @Claudia Tödtmann. Alle Rechte vorbehalten. Kontakt für Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*