Buchauszug Martin Richenhagen: Der Amerika-Flüsterer. Mein Weg vom deutschen Religionslehrer zum US-Topmanager.“
Der Kölner Richenhagen gilt als der erfolgreichste deutsche Manager in den USA. Er war CEO der AGCO Corporation, dem drittgrößten Landmaschinenhersteller weltweit. Agrar-Experte Richenhagen ist der einzige deutsche CEO eines US-Fortune-500-Unternehmens.
Martin Richenhagen (Foto: Edel Books/Stephan Pick)
Vom Luxus der eigenen Meinung
Glaube, Prinzipien, Engagement: Religionen sind auch in der heutigen Zeit unverzichtbar. Und warum es den lieben Gott so nicht gibt – und irgendwie doch.
Ein Geistlicher in einem Luxusschlitten wäre in Deutschland eine höchst anstößige Sache. Hier in Amerika ist es das nicht – ganz im Gegenteil. In unserer direkten Nachbarschaft lebt ein Bischof, der gerne in seinem ziemlich beeindruckenden
Ornat herumläuft. Er ist Bischof seiner eigenen Kirche und er fährt bei uns in der Gegend im Rolls-Royce rum. Ich weiß nicht, wo genau das Geld dafür herkommt,
aber ich vermute mal stark, von seinen Anhängern. Der Bischof hat eine Kirche gebaut, die ihm selbst gehört. Der hat ein paar Angestellte, wir würden sie Priester oder Pfarrer
nennen. Ich habe ihn mal getroffen, ein ganz sympathischer Typ, rhetorisch extrem gut drauf. Ich fragte ihn: „Herr Bischof, was sagen denn Ihre Gläubigen zu dem Auto und
zu Ihrem Haus?“ Der hat nämlich neben dem Rolls-Royce auch eine Riesenvilla. „Die sind stolz auf mich“, antwortete er. „Dass unsere kleine Kirche sich das leisten kann.“
Nun könnte man das ablehnen oder sich darüber lustig machen. Aber das tue ich nicht. Denn ich glaube schon, dass es für die Menschen wichtig ist, dass sie mit verbindlichen
Werten groß werden und dass sie sich nach einem stabilen Wertesystem richten können. Auch der Rolls-Royce-Bischof aus der Nachbarschaft wird seinen Gemeindemitgliedern etwas zurückgeben, etwa indem er ihnen den Wert der Zehn Gebote vermittelt. Anders als in Deutschland gibt es keine Steuerfinanzierung für die Kirche. Daher ist es eher wie in der Wirtschaft: Es muss auch bei Kirchen etwas fürs Geld geleistet werden. Hier in Amerika gibt es nicht diese hoch formelle Zugehörigkeit zu einer Kirche wie in Deutschland. Man geht hin oder auch nicht. Und wenn man hingeht, leistet man auch einen finanziellen Beitrag. Aber freiwillig.
Ich selbst war immer gläubig und das bin ich auch heute noch. Zwar nicht sehr fromm und auch kirchlich nicht besonders aktiv. Das kann daran liegen, dass ich als Kind religiös vollkommen überdosiert wurde. Es war Pflicht, jeden Samstag oder Sonntag mit der Familie zur Messe zu gehen. Zusätzlich gab es sonntagmittags die Christenlehre, eine Art Katechismusunterricht. Da musste ich auch noch hin. Mir wurde das alles zunehmend peinlich. Mein Vater hatte eine gute Stimme, da stand er immer in der Kirche in der ersten Reihe und sang am lautesten. Das Maximale an Befreiung,
das wir uns leisten konnten: Wir saßen nachher in der letzten Reihe, blieben auch bei der Wandlung sitzen, anstatt zu knien, und falteten nicht die Hände, sondern verschränkten die Arme. Aber wir marschierten trotzdem alle zur Kommunion. Die meiste Zeit meiner Kindheit musste ich außerdem regelmäßig zur Beichte gehen. Der Kaplan sagte dann immer: „Ach, Martin, schon wieder du? Du hast doch nichts. Was willst du denn schon wieder hier?“ Da hatte er recht: Es gab nichts groß zu beichten.
Ansonsten empfinde ich einiges an der Kirche als nicht ganz so vernünftig. Gerade das Kirchenrecht ist teilweise schwachsinnig. Das zeigt sich schon daran, dass ich aus dessen Sicht im Konkubinat lebe. Schließlich habe ich eine geschiedene Frau geheiratet und unsere Ehe existiert für die Kirche gar nicht. Wenn ich mich jetzt scheiden lassen würde, könnte ich wieder kirchlich heiraten. Als Ehemann einer geschiedenen Frau dürfte ich auch nicht zur Kommunion gehen. Das habe ich auch eine Weile nicht gemacht. Da kam einmal ein Freund aus meinem Theologiestudium,
bei dem wir in der Messe waren, und sagte zu mir: „Pass mal auf, Martin, du bist Manager in der Wirtschaft. Ich bin Manager in der Kirche. Du hast ein paar Tausend Mitarbeiter. Ich habe ein paar Tausend Seelen, meine Mitarbeiter, wenn du so willst. Ich mache einmal in der Woche ein Geschäftsessen. Und ich finde es nicht besonders höflich, wenn du daran teilnimmst, aber nicht mitisst.“ Recht hatte er. Wenn
ich heute einen Gottesdienst besuche, gehe ich auch zur Kommunion. Beichten aber tue ich nicht mehr, obwohl ich heute vielleicht mehr Grund dazu hätte.
Den Glauben jener Sorte, wie ihn die katholische Kirche verbreitet und wie er mir als Kind eingehämmert wurde, habe ich abgelegt. Das fing kurz vor dem Abitur an und
dauerte bis zu den ersten Studienjahren. Es geschah in meiner Sartre-Phase mit schwarzem Rollkragenpullover, schwarzer Hose, Schuhen mit Kreppsohle und einem groben, grauen Jackett. Ich war überzeugter Existenzialist. Und daraus entstand
mein heutiger Glaube. Inzwischen bin ich quasi ein Freidenker, der aber auch an einen Gott glaubt – und zwar aus einem einfachen Gedankengang heraus, der mehr ein Negativbeweis ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles, was wir hier erleben,
reiner Zufall ist. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Leben absolut keinen übergeordneten Sinn hat. Die Religionen, jedenfalls das Christentum, das Judentum
und der Islam, erschließen sich diesen Sinn durch Gott, Jahwe oder Allah. Im Grunde piepegal. Das ganze Drumherum, das sich im Laufe der Geschichte ergeben hat, ist
für mich nicht so wichtig. Mein sehr reduzierter Glaube fußt nur auf einer festen Überzeugung: dass es einen höheren Sinn gibt und geben muss. Und ich hoffe, dass irgendwann ein Zeitpunkt kommt, vielleicht nach dem Tod, an dem sich dieser Sinn erschließt. Hoffentlich auch mir.
Ich meine auch, dass der Glaube gerade für Kinder wichtig ist. Denn er gibt ein bisschen Sicherheit. So habe ich auch versucht, meine Glaubensanschauung an meine Kinder weiterzugeben. Allerdings mit durchwachsenem Erfolg. Die beiden Söhne sind da eher distanziert. Die Gläubigste ist unsere Tochter. Aber sie alle haben sich mit dem christlichen Glauben und den zugrunde liegenden Werten auseinandergesetzt
beziehungsweise auseinandersetzen müssen. Als wir im Raum Köln/Düsseldorf gelebt haben, besuchten meine Kinder katholische Privatschulen. Sie mussten also
regelmäßig zur Schulmesse. Wir sind auch gemeinsam in die Kirche gegangen, aber nicht so oft, weil wir meistens auf dem Reitplatz waren. Ich bin jedoch überzeugt, dass es enorm wichtig ist, ethische Grundvorstellungen zu haben. Das wird vielleicht sogar immer wichtiger, jetzt, da der Glaube in der Gesellschaft schwindet – zumindest bei den
Christen in Deutschland.
In den USA ist die Lage noch stabiler. Wir leben hier in einer Gegend, die man auch den Bible Belt nennt. Am Sonntagmorgen sind die Straßen leer, da gehen die Leute alle
in die Kirche und anschließend zum gemeinsamen Mittagessen ins Restaurant. Das gehört hier ganz selbstverständlich zum alltäglichen Leben. Wir haben schon verschiedene Gottesdienste besucht, auf Wunsch meiner Frau auch einen
richtigen Gospelgottesdienst. Unser langjähriger AGCO-Aufsichtsrat Herman Cain war im Nebenjob Priester einer Kirche und sagte mir: „Kommt doch mal vorbei.“ Mein Verhältnis zu Cain war sehr gut. Der hatte eine hohe soziale Kompetenz und
hat mich immer bei allem unterstützt, was ich vorhatte. Er war rhetorisch supergut drauf, konnte alles verkaufen, und ab und zu nahm er mich zur Seite. „Wenn du das heute so und so gesagt hättest, wäre es besser angekommen.“ Ich bekam von ihm
immer so Tipps, wie man mit Amerikanern umgehen kann.
Sein Gottesdienst war tatsächlich völlig anders als das, was wir in Europa kennen. Erst mal gibt es in den USA keine schönen alten gotischen oder romanischen Kirchen,
wo man reinkommt und sofort ganz andächtig wird. Man trifft sich in einem ganz normalen Raum. Es ist sehr lebhaft, gerade bei den schwarzen Baptisten. Da fängt der Gottesdienst, „service“ heißt das hier, eigentlich um zehn Uhr an. Aber keiner ist pünktlich. Die Leute kommen nach und nach reingetrudelt. Es wird sich begrüßt und gequatscht. So gegen halb elf beginnt der Gottesdienst mit Gesang. Wenn dann noch einer reinkommt, unterbricht der Ministrant und ruft: „Hey, Joe, da bist du ja auch endlich, schon wieder zu spät.“ Alle lachen und es geht weiter. Das hat eine ganz andere Qualität. Die Kirche holt die Leute einfach besser mitten im Leben ab. Nach dem Gottesdienst bleiben die Leute länger zusammen. Hier verbindet die Kirche
also noch.
Anders als in Deutschland, wo die Zahl der Mitglieder der großen christlichen Konfessionen, Protestanten und Katholiken, sich Jahr für Jahr dramatisch reduziert. Da
entsteht ein Vakuum. Was mit der christlichen Kirche in Westeuropa passiert,
ist schon eine wichtige Frage. In Frankreich oder Italien ist das Problem des Mitgliederschwunds noch nicht so ausgeprägt. Das ist besonders ein deutsches, holländisches und skandinavisches Problem. Kirchengemeinden sind aber gerade
auch deshalb gut und wichtig, weil sie soziale und kulturelle Angebote für alle Menschen haben, auch für jene, die mit Glauben und Gottesdienst nicht so viel anfangen können.
Wie schwer sich die Kirche damit tut, mit der Entwicklung der Gesellschaft Schritt zu halten, zeigt ja schon das Zölibat. Das muss meiner Ansicht nach weg. Auch Frauen sollten Priesterinnen sein können, ganz selbstverständlich und gleichberechtigt. Es gibt viel Arbeit für die Chefs bei den Katholiken. Es geht natürlich auch ohne Gott und die Kirche. Wenn man sich in der ehemaligen DDR bewegt, trifft man auf eine Bevölkerung, die mehrheitlich komplett religionsfrei groß geworden ist. Das wurde ersetzt durch Ideologie. Es ist ja eine Art Glaube. Leider ist nicht jede Religion vernünftig – und natürlich auch nicht jede Ideologie.

Martin Richenhagen: „Der Amerika-Flüsterer. Mein Weg vom deutschen Religionslehrer zum US-Topmanager“. Edel Books, 24,95 Euro, 320 Seiten. https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/ID150030697.html
Es gibt diese Redensart: Wer als junger Mensch nicht Kommunist ist, der hat kein Herz. Und wer als älterer Mensch immer noch Kommunist ist, der hat keinen Verstand.
Da ist was dran. Ich halte das nicht für schlimm, wenn einer in der Jugend in der einen oder anderen Richtung politisch aktiv gewesen ist. Man kann ja im Laufe seines Lebens noch ein bisschen was dazulernen. Aber ich kenne so ein paar beinharte Kommunisten. Meistens sind die sehr intelligent, aber auch schnell verbittert. Ich konnte mich nie wirklich mit der kommunistischen Ideologie identifizieren, aber sie hat mich immer interessiert. Nicht zuletzt findet man in ihr auch etwas Christliches, so etwa in dem berühmten Zitat von Karl Marx: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“ In dieser Schnittmenge habe ich mich als junger Mann geistig bewegt.
In den letzten Schuljahren machte die kommunistische Bewegung auch bei uns in Köln eine große Welle. Da solidarisierten sich Leute mit Mao oder Che Guevara. Ich hatte
auch eine Mao-Bibel und bekam immer die Schriften von der chinesischen Botschaft zugeschickt. Man brauchte sich da nur zu melden und kriegte dieses Material frei Haus.
Dieses basiskommunistische Konzept fand ich schon interessant. Die Mao-Bibel habe ich immer noch. Ich habe alles gelesen, was ich da in die Finger bekommen konnte. Auch den Koran habe ich gelesen, und die politischen Schriften von Che Guevara.
Als junger Mensch bin ich mit der Katholischen Studentengemeinde Bonn auch zwei-, dreimal auf sogenannten Einkehrtagen n Berlin gewesen. Wir fuhren dann auch rüber
nach Ostberlin, einmal sogar am 1. Mai, und haben an Treffen mit so dreißig bis fünfzig Leuten teilgenommen. Das hatte schon was. Die hatten tolle Musik und sie hatten
andere Werte. Es ging nicht so sehr um wirtschaftlichen Erfolg wie im Westen. Das fand ich damals spannend. Einer der Vortragenden in Westberlin war Wolfgang Neuss, der
Kabarettist. Über ihn bekam ich sogar die große Ehre einer Einladung in die Kommune 1 und sah dann die hübsche Uschi Obermaier. Das hat mich zutiefst beeindruckt.
Ich habe eine gute Bekannte, die studierte damals Romanistik. Sie ist hochintelligent und war sehr aktiv bei den Roten Zellen Romanistik. In Bonn steht ein schönes Rathaus am Marktplatz. Davor gab es im April 1973 eine Demonstration von Vietnamkriegsgegnern. Ihr Protest richtete sich gegen den Besuch des südvietnamesischen Präsidenten im besagten Rathaus. Aus Solidarität mit den
Kämpfern des vietnamesischen Volkes stürmten zig Aktivisten das Gebäude. Vorneweg liefen die KPD und die Liga gegen den Imperialismus. Ich habe mit einigen anderen
unten gestanden, und wir haben geguckt, was die Kommilitonen da so machten. Ich schoss ein Foto, als meine Bekannte vom Büro des Bürgermeisters eine IBM-Kugelkopf- Schreibmaschine aus dem Fenster warf. Da sieht man sie, ihre Hände und die Schreibmaschine in der Luft. Heute ist das alles längst verjährt. Aber das war zu einer Zeit, als es noch den sogenannten Radikalenerlass gab. Bewerber für den öffentlichen Dienst wurden auf ihre Verfassungstreue hin geprüft – und da hätte ein Schreibmaschinenwurf aus dem Rathaus sicher gegen eine Einstellung gesprochen.
Meine Bekannte wurde später Studiendirektorin an einem großen Gymnasium. Zu ihrer Ernennung habe ich ihr das Foto und das Negativ geschickt. Hat sie sich sehr drüber
gefreut.
Radikal, aber aus einer ganz anderen Richtung, so trumpfen hier in den USA zunehmend die evangelikalen Protestanten auf. Diese Glaubensgemeinschaft stellt in Amerika inzwischen einen gesellschaftspolitischen Faktor dar, den man nicht unterschätzen darf. Einer von ihnen ist Trumps Vizepräsident Mike Pence. Ein aalglatter Typ, im Bible Belt geboren, der zur radikalen christlichen Rechten zählt. Er bekämpft
alles, was die moderne Gesellschaft tolerant macht. Aber sind die Evangelikalen deshalb insgesamt gefährlich?
So einfach kann man das nicht sehen. Der gefährliche Teil ist aus meiner Sicht: Es gibt Prediger unter den Evangelikalen, die die Massen begeistern können, und das alles gegen Kohle. Da beginnt die Verblendung, aber im Wesentlichen ist es ein Geschäft.
Andererseits ist deren Glaube einfach nur naiv – und viele Anhänger meinen es überhaupt nicht böse. Evangelikale heißen so, weil sie eins zu eins an das Evangelium
glauben, Schöpfungsgeschichte und sämtliche Wunder inklusive. Über diese Naivität kann man schon ins Staunen kommen, gerade wenn man Theologie studiert hat und ein bisschen versteht, wie die Bibel entstanden ist. Als Theologe weiß man, wie man die Bibel interpretieren sollte, aber das blenden diese Leute aus. Die Evangelikalen finden ihre Einfachversion der Bibel super. Auch in Südamerika werben sie damit der bröckelnden katholischen Kirche die Leute ab.
Ich hatte eine Mitarbeiterin, tolle Frau, die hier im Büro immer Bibelstunden abgehalten hat. Da meinte ich: „Nee, das können wir hier nicht machen, das ist doch Freizeit.“
Dann hat sie das morgens um sieben Uhr vor der Arbeit gemacht. Als ich auch das verboten habe, ist sie aufs Parkhaus ausgewichen. Ich musste sie regelrecht verdrängen, habe mir das aber einmal angehört. Also im Grunde meinte sie das alles nur gut, es klang auch ganz harmlos und arglos. Aber auch humorlos: Wenn man einen klerikalen Witz erzählt, sind sie beleidigt. Die kennen die Bibel auswendig und übersetzen sie mit großer Begeisterung und blumenhaft in ihren Gottesdiensten in die heutige Zeit.
Also, der Lahme sitzt nicht auf einer Trage, sondern im Rollstuhl, und Jesus heilt ihn im Vorbeigehen mit einem High Five. Bei ihnen hatte Donald Trump ein Heimspiel. Er hat ja alles genommen, was er kriegen konnte. Leider verstehen die Evangelikalen nicht so gut, dass Donald Trump weder ernsthaft religiös ist noch irgendein ethisches Prinzip verinnerlicht hat. Im Gegenteil. Er ist davon völlig frei und kann sich im Sinne perfekter
Egomanie ganz auf sich selbst konzentrieren. Trump bedient die Evangelikalen mit seiner Homophobie und Abtreibungsgegnerschaft. Offenbar reicht das schon, damit
sie ihn unterstützen.
Ein großer Teil der amerikanischen Bevölkerung ist nicht aufgeklärt im Sinne von Descartes oder Kant. Wenn man in einer Demokratie solche Schichten
oder orthodoxen Gruppierungen hat, kann man nur versuchen, mit denen ins Gespräch zu kommen und selbst tolerant zu sein. Es ist aber schwer. Die sind mit dem Verstand
nicht wirklich zu erreichen. Ich kenne einen erfolgreichen, hochintelligenten Landmaschinenhändler mit 200 Mitarbeitern, der ist Mormone. Er glaubt tatsächlich, dass der liebe Gott vor 200 Jahren dem Herrn Smith die zweite Ausgabe der Bibel überreicht hat, wo dann drinsteht, dass zur Erleichterung des Zusammenlebens die Vielweiberei wieder eingeführt wird, und ähnliche Dinge mehr. Das kann man nur schwer im Kopf zusammenbringen.
Im Kern bilden die Evangelikalen, wenn man die Eiferer und Radikalen mal außen vor lässt, ein stabiles System. Es gibt Schlimmeres, seltsame Sekten etwa oder Anhänger von kruden Verschwörungstheorien. Jetzt kommen auch viele Asiaten und Latinos nach Amerika, die ihre ganz eigenen Vorstellungen mitbringen. Und wir haben bei den
Muslimen einige Probleme mit Leuten, die nicht über den klaren Menschenverstand zu erreichen sind. Ich sehe in Amerika eine gewisse Gefahr, dass die tolerante, aufgeklärte
Bevölkerung untergebuttert wird und auf diese Weise ein Land wieder zurück kippt.
Grundsätzlich verhindern die Weltreligionen aber, dass die Menschen für solchen Irrsinn anfällig werden. Ich sage auch immer, dass wir uns mehr zusammenschließen müssen, uns auf gemeinsame Grundwerte besinnen und verpflichten sollten.
So wie es bei der UNO geschieht oder zumindest geschehen sollte. Wir sollten einen Minimalkonsens pflegen, egal ob dem Kants kategorischer Imperativ zugrunde liegt oder das deutsche Sprichwort: „Was du nicht willst, das man dir tu …“ Und natürlich kann eben auch der Glaube dafür ein gutes Vehikel sein. Es ist aber nicht mein Ding, alle Antworten im Glauben zu suchen. Wenn irgendetwas Schlimmes passiert ist,
beruflich oder privat, frage ich nie: Warum hat Gott das zugelassen? Das kann man bei jeder Katastrophe tun. Es gibt ja auch in der Coronakrise Menschen, die diese Frage stellen.
Meine Eltern und Onkel haben das im Zweiten Weltkrieg gemacht, mein Großvater im Ersten Weltkrieg. Aber diese Frage stellt sich mir nicht. Vieles ist Zufall und vieles
ist auch selbst verschuldet. So sehe ich das. Ich bin auch der Meinung, wir Menschen sind selbst verantwortlich und müssen uns überlegen: Wie können wir die Dinge selbst in die Hand nehmen, um Einfluss zum Guten zu nehmen?
Allerdings ist die Coronakrise für mich ein deutlicher Hinweis darauf, dass wir uns in eine ganz bedrohliche Ecke manövriert haben. Die Menschheit wächst einfach zu
schnell. Im Jahr 1800 lebten eine Milliarde Menschen auf der Welt, 2050 werden es zehn Milliarden Menschen sein. Ich bin überzeugt, dass die Ressourcen dieser Erde Grenzen haben. Und ich glaube, dass der Klimawandel und auch die Coronapandemie Hinweise darauf sind, dass wir uns mal überlegen müssen, wie wir eigentlich weitermachen wollen. Dazu müsste besonders die katholische Kirche endlich
ihren entscheidenden Beitrag leisten: Der alte Mann in Rom ist mitverantwortlich für unser Überbevölkerungsproblem, indem er immer noch sagt: „Verhütung ist verboten.“
Ich bin der Meinung, dass die Empfängnisverhütung anders gesehen werden muss.
Jeder Mensch auf dieser Welt hat ein Recht auf eine vernünftige, ordentliche Ernährung, auf ein Zuhause, auf Sicherheit, Frieden und einen Arbeitsplatz und Ausbildung. Deshalb muss man immer wieder mal darüber nachdenken und sich die Frage stellen: Was kann ich persönlich dazu beitragen? Und was kann ein Unternehmen dafür leisten? Letzteres besonders dann, wenn man der Chef ist – ein
gläubiger Chef noch dazu. Es gibt ein paar Sachen, ganz einfache Sachen, die für
mich wichtig sind. Ich sage zum Beispiel immer, was ich denke. Das habe ich mein ganzes Leben gemacht. Ich bin mal von der Berliner Zeitung gefragt worden, was Luxus für mich ist. Meine Antwort: „Ich habe mir immer den Luxus einer eigenen Meinung geleistet.“ Das hat dann auch dazu geführt, dass ich mal aus dem Job rausgeflogen bin, nach zehn Jahren bei Hille & Müller.
Wir haben bei AGCO Unternehmenswerte, die können sich sehen lassen, an erster Stelle: Respekt. Und wir machen Dinge, die wir nicht machen müssten. Ich begeistere
mich für die Idee, Afrika zu unterstützen, dort die Wirtschaft nach vorne zu bringen. Und das machen wir mit speziellen Produkten, die kleinen Bauern helfen sollen. 2018 haben wir eine AGCO-Stiftung ins Leben gerufen. Über diese Stiftung setzt sich das Unternehmen dafür ein, Aus- und Weiterbildungen von Landwirten zu fördern. Im
Wesentlichen ist das auf Afrika ausgerichtet, aber durchaus auch für Brasilien oder sogar Nordamerika geeignet. Wir versuchen, unsere Mittel dort einzusetzen, wo wir etwas bewegen können. Zuletzt haben wir beschlossen, dass das Geld erst mal komplett in Projekte geht, die negative Auswirkungen der Coronapandemie auffangen. Kleine, lokale Projekte. Wir stellen es in der Zentrale bereit und die verschiedenen Standorte und Werke können dann das Geld ausgeben. In Eigenverantwortung.
Bei einer Führungskraft in einem Unternehmen zeigt sich Respekt besonders darin, dass sie zuhören kann. Für den Umgang mit meinen Mitarbeitern habe ich mir einen
persönlichen Leitsatz ausgedacht: „Du musst immer alles vermeiden, was du selbst bei den eigenen Vorgesetzten nicht leiden konntest.“ Zusätzlich gibt es ganz praktische
Dinge, die ich im Berufsleben befolge. Ich habe nie irgendwelche zweifelhaften Dinge wie zum Beispiel Bestechung gemacht. Als ich in der Wirtschaft anfing, war das noch
normal. Da wurden Leute bestochen und das nannte man „nützliche Aufwendungen“. Man konnte das sogar von der Steuer absetzen. Muss man sich mal vorstellen.
Ich war bis zu meiner Pensionierung sechzehn Jahre bei AGCO im Job, was in den USA schon ungewöhnlich lange ist. Man kann ja versuchen, seine Macht dadurch abzusichern, dass man möglichst schwache Kandidaten um sich herum im
Vorstand ansiedelt. Das wird zwar oft gemacht, ist aber aus meiner Sicht genau falsch. Und wenn ich mir selbst im Vorstand gegenübersitzen würde? Ich glaube, wir kämen miteinander klar. Im Grunde suche ich Leute, die mir ähneln. Meine Idee von Führung ist, Mitarbeiter zu finden, die besser sind als man selbst. Und dann muss man die natürlich auch machen lassen. Es geht darum, Topleute zu suchen, die man gestalten lässt. Man muss Ziele vereinbaren, aber nicht den Weg zum Ziel vorschreiben.
Ich bin da kein Kontrollfreak. Ich weiß ziemlich viel, was im Unternehmen vor sich geht, im Grunde fast alles. Aber ich lasse die Leute machen. Bei AGCO gibt es eine WhatsApp-Gruppe des Vorstands. Im vergangenen Sommer, als ich in meinem letzten Jahr war, schrieb ein Vorstandskollege da hinein: „Daddy hat gesagt …“ Und dann habe ich zurückgeschrieben: „Who the fuck is Daddy?“ Und dann kam als Antwort nur: „You.“ Ich wusste also: Ich kann schon mal nerven. Aber das Klima in der Firma stimmte.

