Welche Branchen durch Corona besonders leiden: Wohin der Wechsel lohnt und wohin man nicht wechseln sollte – ein Überblick. Gastbeitrag von Unternehmensberatung Advyce.

Acht Branchen im Überblick – Welche Branchen vom Lock-down und Corona wie betroffen wurden, wie jetzt deren Aussichten sind und warum. Wohin man lieber nicht wechseln sollte. Die Unternehmensberater von Advyce geben einen Überblick und bewerten die Branchen.

 

Stefan Hecht über Automotive

Aktuelle Lage:

Stefan Hecht (Foto: PR)

Die Pandemie traf die Branche in einer Zeit des (anstehenden) Wandels: alternative Antriebe, autonomes Fahren, neue Mobilitätsdienstleister schütteln die Branche durch. Die Kombination aus Werksschließungen (Lock-down), abgerissenen Lieferketten und null Nachfrage hat die Branche mit voller Wucht getroffen.

Man rechnet in Europa mit einem Volumenrückgang von fünf Millionen Fahrzeugen (25-30 Prozent). Allein Volkswagen hat zum Höhepunkt der Krise wöchentlich rund zwei Milliarden Euro verloren. Besonders stark getroffen und auf staatliche Hilfe angewiesen, sind die vielen mittelständischen Zulieferer. Der Branchenverband VDA rechnet mit Arbeitsplatzverlusten über 100.000 Stellen.

Schulnote: 4

Ausblick Automotive:

Anpassungsfähigkeit ist eine der großen Stärken der Branche. Wie die Digitalisierung im Handel kann es in Sachen Elektromobilität einen großen, erzwungenen Inovations- schub geben. Was aber bislang nicht gelungen ist, ist die Kompetenz in der Softwareentwicklung auf ein solches Niveau zu bringen, um sich dauerhaft von den großen Tech-Konzernen unabhängig zu machen. Hier wird sich der Kampf um die Vorherrschaft in einer überwiegend elektrifizierten Antriebstechnologie entscheiden.

Die Märkte in China, Indien und mittelfristig vielleicht auch Afrika sowie im mittleren Osten haben nach wie vor großes Potenzial. In der Krise wurde die virtuelle Kollaboration verstärkt, das hat positive Effekte auf die Zukunft.

Hersteller „üben“ den Eintritt in neue Märkte mit neuen Produkten/Technologien (Beatmungsgeräte von Ford, Schutzmasken oder die Nutzung von 3-D-Druckergeräten für medizinische Geräte von Daimler).

Insourcing von Produktionsschritten und Lieferketten wird bleiben, um bei zukünftigen Krisen lieferfähig zu bleiben. Entscheidend wird sein, welche Unterstützung/Maßnahmen der Staat jetzt trifft. Falls dies klug geschieht und die  richtigen Anreize gesetzt werden, kann sich ein echter (Inovations)schub entwickeln: der Direkt-/Online-Vertrieb wurde massiv hochgefahren (zu Lasten der Autohäuser) und dieser Trend wird bleiben, auch in der Produktion wird es einen Digitalisierungsschub geben.

Interessant wird auch zu sehen, wie anhaltend der Trend weg vom Nahverkehr zurück auf die Straße ist. Ebenso wie sich das Dienstreiseverhalten auswirkt (weg vom Flieger).

Schulnote: 3

 

 

Jens Wöhler und Burkhard Wagner über Banken

Jens Wöhler (Foto: PR)

Aktuelle Lage:

Aktuell waren/sind Banken und Sparkassen massiv damit beschäftigt, die Welle der Anträge auf Liquiditätshilfen zu bearbeiten sowie ihre Kunden generell mit Blick auf die aktuelle Lage und Liquidität zu beraten.

Punktuell ist dies virtuell extrem gut gelungen, etwa der Sparkassen Finanzgruppe: aus einem zentralen Nachrichtenraum heraus wurden für die gesamte Gruppe die relevanten Informationen gesichtet, aufbereitet und digital bereitgestellt. Viele
Sparkassen hatten bereits wenige Stunden, nachdem die Pläne der
Bundesregierung bekannt waren Liquiditätsrechner, Entscheidungshilfen
und Formulare transparent online verfügbar gemacht – das wird positiv nachwirken.

 

Abzuwarten bleibt für die Branche wie sich das Geschäft im Kapitalmarktbereich, bei M&A, Handelsgeschäft und im Assetmanagement entwickelt. Generell ist damit zu rechnen, dass aufgrund massiver Umsatzeinbrüche eine Reihe von Insolvenzen im dritten und vierten Quartal zu beobachten sein werden. Dies trifft dann auch Banken durch Kreditausfälle massiv. Generell ist das Bankgeschäftsmodell auch vor Corona durch Niedrigzins und Margeneroision erheblich geschwächt und es wird vermutlich zu weiteren Konsolidierungen kommen.

Burkhard Wagner (Foto: PR)

 

Schulnote: 3

Ausblick Banken:

Es ist damit zu rechnen, dass deutlich mehr Kredite als in wirtschaftlicher Boomphase nicht zurückgezahlt werden können. Dies wird die Gewinne von Banken und Sparkassen schmälern. Auf der Habenseite können die Institute aus der über Nacht erzwungenen Digitalisierung lernen, um Kosten zu reduzieren und über bessere digitale Kundenerlebnisse neue Erträge erwirtschaften. Genauso müssen sie die Arbeitsfähigkeit nachhaltig sicherstellen. Auch kann es einen Imagegewinn mit Blick auf die wachsende digitale Konkurrenz geben, indem sich die Institute in der Krise als verlässlicher Partner ihrer Kunden bewiesen haben. Das Kapital- und Liquiditätsmanagement muss auch in Zukunft dynamisch erfolgen. Ein weiter ausgedünntes Fillialnetz als Folge der erzwungenen Digitalisierung wird zu weiteren Konsolidierungen führen.

Schulnote: 3

 

 

Olaf Geyer über Energie

Aktuelle Lage:

Olaf Geyer (Foto: PR)

Die Branche ist (bisher) kaum von der Krise betroffen, lediglich mit Blick auf geringer wahrgenommene Volumen in der Produktion oder der Liquidität von Kunden gibt es vereinzelt Umsatzrückgänge. Diese könnten sich allerdings gerade bei den größeren Versorgern noch deutlich ausweiten.

Schulnote: 2

 

 

Ausblick Energie:

Anstelle von Investitionen und Zukäufen liegt die Aktivität in naher Zukunft auf weiterer Digitalisierung. Organisations- und Effizienzthemen werden eine andere Bedeutung gewinnen, insbesondere mit Blick auf neue Geschäftsmodelle oder Netzkooperationen. Da die Branche in den vergangenen Jahren einem sehr starken und permanenten Wandel unterworfen ist (neue Marktteilnehmer, gefallene Monopole, neue Verordnungen etc.) ist sie besser als andere auf disruptive Veränderungen vorbereitet.

Schulnote: 2

 

 

Stephan Pelhak/Burkhard Wagner über IT, Medien und Telekommunikation

Aktuelle Lage:

Stephan Pelhak (Foto: PR)

Während alle Medien, durch einbrechende Anzeigeneinnahmen, stark unter der Krise leiden, haben einige Anbieter in der IT und Telekommunikation von der Krise profitiert. Kollaborationstools etwa für Online-Meetings oder Telefonkonferenzen haben Hochkonjunktur.

Ertragsschwächen in einem insgesamt nicht wachsenden Outsourcing-Markt, vergleichsweise geringe und nicht nachhaltige Umsätze durch Digitalisierungsprojekte und vergleichsweise zu viel und zu teures Personal in Deutschland machen IT-Dienstleistern aber auch zu schaffen. Weiterhin ist ein Trend in Richtung Cloud und in Richtung Lösungsgeschäft zu beobachten.

Schulnote 2 (Medien 4)

Ausblick IT, Medien, Telekommunikation:

Mit dem Learning aus der Krise, dass viele bisher physisch wahrgenommene Meetings und Termine intern wie extern auch remote möglich sind, neue Formen der digitalen Kundenansprache, Events etc. sowie die gelernte und nachhaltige Durchsetzung von mehr Homeoffice-Arbeit, werden entsprechende Anbieter gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Was den weiteren B-to-B-Sektor in der Technologiebranche angeht, wird vieles davon abhängen, wie die entsprechenden Kunden aus der Krise herauskommen. Der Boom cloud-basierter Lösungen wird weitergehen, mit entsprechendem Handlungsbedarf auf Kundenseite, was die Telekommunikations-Infrastruktur angeht (Server, Hardwarekomponenten). Entscheidend wird hier auch sein, wie die Suply Chains in Zukunft aufrechterhalten werden können.

Medien wie Technologierunternehmen müssen jetzt digitale Vermarktungsideen und Plattformen beziehungsweise cloud-basierte Vertriebswege mit aller Konsequenz vorantreiben. Alternative, digitale Geschäftsmodelle gewinnen rasant an überlebensnotwendiger Bedeutung.

Es ist kaum vorstellbar, dass es eine Rückkehr zum präsenz-dominierten Arbeiten geben wird, somit werden auch digitale/virtuelle Weiterbildungslösungen neue Bedeutung gewinnen. Das gleiche gilt für Plattformlösungen im Handel.

Schulnote: 2 (Medien 4)

 

 

Marc Staudenmayer über Industrie und Maschinenbau

Aktuelle Lage:

Marc Staudenmayer (Foto: PR)

Ähnlich wie die Automotive-Branche, war auch der traditionell starke Maschinenbau in Deutschland schon vor der Krise angeschlagen. Der Einbruch im Automobilbereich trifft die Maschinenbauer analog und unmittelbar.

Die Branche setzt momentan durchgängig alles daran, die eigene Liquidität aufrecht zu erhalten, viele Unternehmen müssen staatliche Hilfen in Anspruch nehmen. Auch Kurzarbeit ist momentan die Regel. Hinzu kommen, dort wo das Geschäft noch läuft, Probleme in den Lieferketten.

Schulnote: 4

Ausblick Industrie/Maschinenbau:

 

Es wird für den Maschinenbau stark darauf ankommen, wie sich die Kundenbranchen entwickeln. Auch wird es spannend zu sehen sein, wie die so wichtigen Präsenzmessen, auf denen Innovationen und neue Produkte direkt am potenziellen Kunden demonstriert werden, durch innovative, digitale Formate ersetzt werden können. Robotik und weitere Automatisierungen sind wichtige Zukunftsstellhebel für den Maschinenbau, auch und insbesondere beim Schutz der Mitarbeiter in der Produktion.

Schulnote: 3

 

 

Burkhard Wagner über Immobilien und Bauwirtschaft

Aktuelle Lage:

Zunächst hat die Krise scheinbar kaum Einfluss auf die Branche gehabt. Erst jüngst kommen die ersten Meldungen über Auftragsrückgänge. Der Sonderkündigungsschutz sowie etwaige Probleme der Mietzahler sind deutliche Risiken in der Immobilienbranche, das gilt aktuell insbesondere im Bereich der Hotels und natürlich im Bereich der gewerblichen Immobilien, in denen der Platzbedarf ad hoc deutlich zurückgegangen ist. Im Rahmen von Projektentwicklungen kommt es wegen Kapazitätsengpässen in Planungs- und Genehmigungsbehörden zu Verzögerungen. Bei Finanzierungen sind Fremdkapitalgeber naturgemäß ausgesprochen zurückhaltend.

Schulnote: 3

Ausblick Immobilien und Bauwirtschaft:

Bei Hotelimmobilien sowie bei den gewerblichen Mietflächen wird viel darauf ankommen wie Auslastung beziehungsweise Learnings in Sachen Platzbedarf bei den Kunden ausfallen. Hier kann es insbesondere im letzteren Bereich auch nachhaltig zu deutlichen Rückgängen bei den Mieteinahmen kommen, die nur zum Teil durch Modelle im Coworking-Bereich kompensiert werden können. Ebenso wird sich der starke und anhaltende Trend zum Online-Handel auswirken.

Hiervon wiederum könnten Logistik-Immobilien dauerhaft profitieren, mit entsprechenden Investitionspotenzialen. Die wichtigste akute Herausforderung für Eigentümer insbesondere in Handel und Hotellerie/Gastronomie ist nach wie vor die Liquiditätssicherung. Insgesamt nimmt der Boom im Logistikimmobilienbereich weiter zu, während im Handelsbereich die Konsolidierung rasant voranschreitet. Die auch in Zukunft nachgefragte Flexibilität bei der Nutzung von Büroflächen stellt Immobilienunternehmen vor neue Herausforderungen, was die Qualität und Quantität ihrer Flächen angeht. Insgesamt ist die Robustheit der Branche durch ihre Heterogenität und regionale Dezentralität aber recht hoch.

Schulnote: 3

 

 

Marc v. Braun über Konsumgüter und Handel

Aktuelle Lage:

Marc von Braun (Foto: PR)

Die Lage stellt sich über den gesamten bisherigen Verlauf der Krise sehr unterschiedlich dar. FMCG  (Schnell drehende Konsumartikel) konnte und kann im Zuge der Krise einen Aufschwung verbuchen. Alle anderen hatten und leiden Mehrwertsteuersenkung unter der eingebrochenen Nachfrage.

Der Lebensmitteleinzelhandel profitiert hingegen vom Rückgang im Hotellerie- und Gaststättengewerbe. Top-Anbieter des stationären Handels wurden von einem Tag auf den anderen auf Null gefahren. Wer keine entsprechenden Online-Angebote hat, zählt zu den größten Verlierern der Krise.

Schulnote: 3

Ausblick Konsumgüter und Handel:

Auch Kunden, die vorher eher stationär gekauft haben, werden zumindest zu einem großen Teil auch in Zukunft online kaufen. Der stationäre Handel muss neben der Sicherheit für Kunden und Mitarbeiter neue Einkaufserlebnisse schaffen
sowie insbesondere digitale Kanäle als zweites Vertriebsstandbein ausbauen. Einzelhändler, besonders im Lebensmittelbereich werden für die Zukunft ihre Lieferketten insbesondere mit Blick auf regionale Nähe hin umgestalten. Das gleiche gilt – Stichwort Tönnies – für die Sicherheit in der Produktion.

In der Produktion im Nicht-Lebensmittelbereich gilt das gleiche. Die Angebote insgesamt werden in Zukunft nachhaltiger gestaltet sein, Verbrauchen haben in dieser Zeit auch ethisch ihre Präferenzen, neben dem Sicherheitsaspekt, überdacht. Der Online-Handel wird weiter boomen, auch uns besonders in der Plattformökonomie, mit gänzlich neuen Kooperationen.

Schulnote: 3

 

 

Christoph Müser über Chemie und Pharma

Aktuelle Lage:

Christoph Müser (Foto: PR)

Life Sciences und Biotech sind bis hierhin ausgesprochen glimpflich durch die Krise gekommen. Allerdings gibt es im Medizinbereich auch Verlierer, nämlich diejenigen Unternehmen, die nicht direkt in Zusammenhang mit Covid-relevanten Bereichen (Beatmungsgeräte, Masken, Desinbfektion undsoweiter) tätig sind. Ein Grund hierfür: Andere Therapien oder ähnliches wurde verschoben, genauso wie Krankenhausaufenthalte.

 

Schulnote: 2

Ausblick Chemie und Pharma:

Auch hier hat sich, durch die Abhängigkeit in der Produktion von Asien, die Verletzlichkeit der Lieferketten gezeigt. Einen rasanten Schub wird der gesamte Gesundheitssektor durch die digitalen Anforderungen der Krise erhalten. Auch der Vertrieb wird sich fundamental in Richtung digitaler Plattformen und Lösungen verändern. Logistik und Lieferketten werden umgestaltet, um sie widerstandsfähiger zu machen. Hierbei wird es auch zu regulativen, staatlichen Eingriffen kommen.

Innovationen und neue Geschäftsmodelle sowie entsprechende Investitionsstrategien, fußend auf Liquidität des Finanzmarktes, Stärken des jeweiligen Marktes, Grad der Digitalisierung und neuer Technologien sowie Qualifikation der Arbeitnehmer, werden entscheidend für eine erfolgreiche Zukunft.

Die Pandemie hat der Politik verdeutlicht, wie systemrelevant diese Branche ist und wie verheerend Abhängigkeiten von Drittstaaten sind. Eine stärker auf nationale/ europäische Versorgungssicherheit ausgerichtete Politik ist zu erwarten, direkte Investitionen in kritische Bereiche sind vorhersehbar, eine verstärkter Schutz der Unternehmen möglich.

Schulnote: 2

 

 

 

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