Buchauszug Christoph Kuckelkorn / Melanie Köhne: „Der Tod ist dein letzter großer Termin. Ein Bestatter erzählt vom Leben.“

Buchauszug Christoph Kuckelkorn / Melanie Köhne: „Der Tod ist dein letzter großer Termin. Ein Bestatter erzählt vom Leben.“

 

 

Fischer Verlag, 288 Seiten, 16 Euro

https://www.fischerverlage.de/buch/christoph_kuckelkorn_melanie_koehne_der_tod_ist_dein_letzter_grosser_termin/9783651000810

 

Ich kann mein Jobverständnis auf eine klare Formel bringen: 24/7/365. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Stirbt jemand im Krankenhaus und die Familie ruft mich nachts um drei Uhr an, kann ich zunächst gar nichts tun. Diese Menschen rufen aber trotzdem an, und ich halte es in meinem Beruf für selbstverständlich, für sie ein offenes Ohr zu haben und da zu sein. Eigentlich könnte man in solch einem Fall auch sagen: »Das hätten wir doch morgen klären können.« Aber für mein Verständnis geht das gar nicht! Man muss verstehen, dass derjenige, der nachts zum Telefon greift und einen Bestatter anruft, nicht rational handelt. Absolut nicht rational, sondern emotional.

 

Wenn der Tod plötzlich eine Lebenssituation radikal und unwiederbringlich verändert, ist das schockierend und traumatisierend. Ein Mensch, der eine andere Person sein Leben lang begleitet hat, existiert plötzlich nicht mehr. Ein festes zwischenmenschliches Gefüge stürzt innerhalb eines Moments zusammen. Für die betroffenen Personen bleibt die Welt plötzlich stehen. Zeit und Raum spielen kaum mehr eine Rolle. Ich glaube mittlerweile, dass man es selbst erlebt haben muss, um diese Situation verstehen zu können. Oftmals kommen diese Leute am nächsten Tag zu uns ins Beerdigungsinstitut und entschuldigen sich für den Anruf inmitten der Nacht. Ich versuche, ihnen den Druck zu nehmen, und entgegne dann: »Dadurch wusste ich ja gleich Bescheid und konnte meinen heutigen Tag schon einmal darauf ausrichten, dass wir uns treffen. Das war genau richtig, was sie getan haben.«

 

Das macht es für mich unterm Strich aus: die persönliche Ansprache zu jeder Zeit. Wenn man an dieser Stelle plötzlich ein Callcenter dran hätte, würde das nicht mehr funktionieren. Das geht eben nur, wenn die Person am anderen Ende der Leitung ist, die man am nächsten Tag treffen kann. Hierdurch wird sofort eine persönliche Beziehung möglich gemacht. Große Systeme können das an dieser Stelle nicht leisten. Wenn, dann ist das schlichtweg Business und ausschließlich kommerziell ausgerichtet. Es ist heute durchaus möglich, eine Bestattung im Internet zu bestellen. Dann wird abgeholt, entsorgt, im Anschluss eine Rechnung gestellt, und das war’s.

 

Das entspricht aber überhaupt nicht meiner persönlichen Philosophie. Ich stehe quasi rund um die Uhr meinen Kunden zur Verfügung. Ich schreibe »quasi«, weil einen gewissen Teil meiner Zeit seit gut vierzehn Jahren ein arbeitsintensives Ehrenamt in Beschlag nimmt. Mehr oder weniger mein ganzes Leben lang bin ich nun schon in der Organisation des Kölner Karnevals tätig. Zuerst als Kind in einer Tanzgruppe, dann im Hintergrund beim Rosenmontagszug und schließlich in den Jahren von 2005 bis 2017 als Leiter des Kölner Rosenmontagszugs und Vizepräsident des Fest- komitees Kölner Karneval. 2017 wurde ich schließlich Präsident, was ein sehr anspruchsvolles und umfangreiches Ehrenamt ist.

 

Infolgedessen gleicht mein Terminkalender einem Tetris-Spiel. Meine beiden Tätigkeitsfelder werden von zwei wunderbaren Mitarbeiterinnen gemanagt und in Einklang gebracht. Beide haben – gemeinsam mit meiner Ehefrau und meinem Sohn – uneingeschränkten Zugriff auf meinen Kalender und verwalten eigenständig meine Termine. Diesbezüglich bin ich absolut fremdbestimmt. Die besondere Herausforderung ist dann noch, regelmäßig mit den unvorhergesehenen Terminverschiebungen klarzukommen.

 

Früher war ein beliebter Spruch von mir: »Als Bestatter weiß man nicht einmal, ob man abends wirklich im eigenen Zuhause schläft.« Es gab Tage, an denen fuhr ich morgens in die Firma, wo mir meine Mutter schon mit den Worten entgegenkam: »Wir haben einen Sterbefall. Da ist ein Ehepaar in Italien verunglückt, und wir müssen morgen früh in Verona sein, um das Paar zu überführen.« Gut, Verona ist jetzt nicht allzu weit, aber es ist immerhin in Italien. Ich bin dann also wieder nach Hause, habe meine Tasche gepackt, bin ab ins Auto und losgefahren. Am selben Abend befand ich mich dann schon in Norditalien. Einerseits ist das natürlich gerade in jüngeren Jahren total cool, und es fühlt sich irgendwie ein bisschen nach Feuerwehreinsatz an. Andererseits wirft so ein Termin alles durcheinander.

 

Es muss nicht immer gleich eine Überführung sein, die in meinen Terminkalender hereinplatzt. Es kommt manchmal auch vor, dass ich morgens ins Büro komme und keine nennenswerten Termine habe. Auf solche Tage freue ich mich regelrecht. Ich nehme mir dann vor, mich hinzusetzen und ein bisschen Buchhaltung zu machen. Meist stelle ich mir das recht gemütlich vor: ein wenig Musik hören, ein Käffchen trinken und vielleicht sogar noch das Schaufenster neu dekorieren.

 

Und plötzlich klingelt das Telefon, und es gibt den Sterbefall, der mich für die nächste Woche komplett aus allem raushaut. Wenn beispielsweise ein Bekannter anruft, weil seine Frau gestorben ist, oder ein berühmter Schauspieler verstirbt oder ein kirchlicher Würdenträger. Das sind die Sterbefälle, wo du sofort weißt, das ist jetzt ein Fall, der mehr braucht als ein »normaler« Sterbefall. Hier ist es jetzt nicht mit einer Beratung getan, deren vereinbarte Inhalte ab morgen abgearbeitet werden. Da steckt dann meist viel mehr dahinter. Seelsorgerische Komponenten und ganz andere Planungsabläufe spielen dabei eine Rolle.

 

Stirbt beispielsweise ein Bischof oder ein Kardinal, dann ist die Bestattung für uns mit einem ungemein höheren Aufwand verbunden. Und schon ist der Terminkalender für die ganze nächste Woche über den Haufen geworfen. In der Regel kann ich dann alles andere absagen, weil gar nichts mehr so geht, wie es geplant war. Die erste halbe Stunde brauche ich in solch einer Situation, um mich zu organisieren: Was war in der nächsten Woche überhaupt geplant? Wo kollidiert jetzt aufgrund der veränderten Umstände etwas? Anschließend wird alles um den neuen Sterbefall herum geplant, weil dieser nun die absolute Priorität hat.

 

Das ist für mein gesamtes Umfeld, insbesondere für meine Familie, nicht ganz einfach. Oftmals müssen sie zurückstecken und Rücksicht auf meine Termine nehmen. Ich bemühe mich zwar, dass das nicht passiert, aber es ist auch schon vorgekommen, dass ich unsere gemeinsame Urlaubs- reise in Frage stellen musste. Gott sei Dank habe ich mittlerweile ein so gutes Team um mich herum, zu dem noch immer meine Mutter und inzwischen auch mein Sohn Marcel zählen, dass ich besten Gewissens Wochenenden und Urlaubszeiten von Arbeit freihalten kann. Vor nicht allzu langer Zeit hatten wir gerade so einen Sterbefall mit extrem hohem Arbeitsaufwand, den meine Mitarbeiter während meines Urlaubs komplett alleine abgewickelt haben. Über so gute Leute in meinem Bestattungshaus bin ich sehr froh, dankbar und auch ein wenig stolz.

 

In meinem Beruf lässt es sich kaum vermeiden, dass man zu einem Perfektionisten mutiert. Man erlebt so viele Situationen, in denen etwas passiert, das eigentlich nach gesundem Menschenverstand nie vorkommt. Daher fängt Bestatter müssen Improvisationstalente sein, und ich habe immer einen Plan B in der Tasche. Man fängt mehr und mehr damit an, die Dinge zu kontrollieren, zu überprüfen und das scheinbar Unmögliche zu erwarten. Wenn zum Beispiel ein katholischer Pfarrer zu einer von uns organisierten Beerdigung erscheint, dann nehme ich immer einmal das Aspergill, den Weihwassersprenger, heraus und kontrolliere, ob auch alles festsitzt. Ich habe nämlich wirklich erlebt, dass der Pfarrer zu segnen beginnt und sich genau in diesem Moment die Kugel des Aspergills löst, mit einem lauten Knall auf den Sarg fällt, über diesen entlangrollt und hinter ihm im ausgehobenen Grab verschwindet – plopp und weg. Wieder so eine Situation, in der sich alle anschauen und denken: »Nur nicht lachen; bloß jetzt nicht lachen!« Aber wer guckt schon nach, ob die Kugel des Aspergills festsitzt?

 

Und es gibt noch viel mehr Dinge, die trotz einer peniblen Planung schiefgehen können. Selbstverständlich bemühen wir uns immer, keine Fehler zuzulassen, weil die Menschen bei einer Bestattung emotional sowieso schon sehr angespannt sind. Oftmals fehlt nicht viel und die Situation eskaliert, denn Trauer ist nicht immer traurig, sie kann durchaus auch aggressiv sein. Deswegen können Fehler in den Abläufen rund um einen Sterbefall zu massiven unerwarteten Reaktionen führen. Es gibt unendlich viele Beispiele, wie eine Situation aufgrund von Kleinigkeiten urplötzlich eskalieren kann.

 

Während einer Trauerfeier nannte ein Pfarrer versehentlich mal einen falschen Namen. Er hatte an diesem Tag vielleicht drei oder vier Beerdigungen. So kam es, dass er sich den Namen nicht richtig gemerkt hatte oder vielleicht im Kopf auch schon bei der nächsten Trauerfeier war und den Verstorbenen beim falschen Namen nannte. Und das passierte nicht nur einmal, sondern gleich zwei Mal. Da stand die Ehefrau auf und fuhr den verdutzten Pfarrer an: »Sie haben jetzt schon zwei Mal Hans gesagt, aber mein Mann heißt nicht Hans, der heißt Fritz.« In solchen Situationen ist emotional keine Reserve mehr für charmanten oder nachsichtigen Umgang miteinander vorhanden.

 

Dies ist einer der Gründe dafür, weshalb wir Bestatter darauf konditioniert sind, mit penibler Planung jegliche Fehlerquelle auszumerzen. Sollte die Musikanlage ausfallen, ist es immer gut, eine zweite im Auto zu haben. Wir haben für alles ein Backup, haben immer alles doppelt und dreifach dabei, um uns abzusichern. Kommt es dennoch bei einer Bestattung zu einem Fauxpas, wird für die Zukunft ein System geschaffen, das diese Situation nach Möglichkeit verhindern wird. Dafür gibt es dann jedoch irgendwann an einer anderen Stelle – an der man es niemals erwartet hätte – ein Problem.

 

So kam es dazu, dass eines Morgens einer meiner Mitarbeiter zum Floristen fuhr, um Blumen für eine Trauerfeier abzuholen. Der Florist kam und übergab Blumen, die mein Mitarbeiter in seinen Wagen lud und mitnahm. Nur waren die gar nicht für uns! Der Florist hatte einen Bestatter gesehen und gar nicht weiter registriert, welcher Bestatter das nun genau ist. Wir haben diese Blumen eingeladen und sie auf einen ganz anderen Friedhof gefahren als den, auf den sie eigentlich gehörten. Da war auch kein Schildchen dran, nichts, das diesen Fehler hätte vermeiden können. Da war in diesem Fall auch nichts mehr dran zu machen. Die Zeit war zu knapp, um die Blumen noch einmal umzutauschen. Die Trauerfeier fand also mit den falschen Blumen statt – nicht gerade zur Freude der Hinterbliebenen.

 

Der schlimmste nur denkbare Fehler – eigentlich ist er so schlimm, dass ich ihn hier am liebsten gar nicht erwähnen möchte – ist die Verwechslung zweier Verstorbener. Darüber gibt es ja sogar ganze Filme. Wir unternehmen alles, damit das bei uns nicht passiert. Wir machen Schildchen und dokumentieren alles, um immer den richtigen Verstorbenen zur richtigen Bestattung zu fahren. Fakt ist aber, dass es uns außerhalb unseres Zuständigkeitsbereichs zwei Mal passiert ist. Einmal haben wir nach einem Flugzeugabsturz zwei Opfer abgeholt. Leider hatte die Polizei die Verunglückten falsch identifiziert und auch entsprechend beschriftet.

 

Das war schlimm, aber nicht unser Fehler. Nach solch einem Unfall kann man oftmals die Verstorbenen auch nicht mehr unbedingt erkennen und zuordnen. Das soll natürlich keine Entschuldigung sein, aber zumindest eine Erklärung. Das andere Mal ist es im Krematorium passiert, also wiederum außerhalb unserer Handlungshoheit. Die Verwechslung ist erst drei oder vier Wochen später aufgedeckt worden. Da kam das Krematorium auf uns zu und fragte, wann sie denn die Papiere von der Verstorbenen XY bekämen. Daraufhin sagte ich: »Wieso? Die haben wir doch schon vor vier Wochen beigesetzt.« – »Nein, das kann nicht sein, der Sarg steht noch hier.« Im Anschluss an diesen Vorfall haben wir direkt das Krematorium gewechselt. Hier war das Vertrauen in die Prozesse zerstört und damit Konsequenzen fällig.

 

Manchmal sind die großen Aufreger eigentlich eine ganz kleine Sache. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Beerdigung einer bekannten Persönlichkeit, die wir ausgeführt haben. Bei einem so großen und umfangreichen Ereignis gibt es unendlich viele Dinge zu bedenken. Da wurden Einbahnstraßen umgelegt, Sichtschutze aufgestellt, die Kirche wurde in ein Fernsehstudio umgebaut, weil der WDR die Trauerfeier übertrug – dutzende Dinge waren zu bedenken und zu erledigen. An der Umsetzung der Trauerfeier waren damals wirklich Hunderte Menschen beteiligt, und alles hat reibungslos funktioniert. Das Schließen des Grabes haben wir sogar mit mehreren Leuten abgesichert, damit die Presse nicht den Bagger am Grab fotografiert.

 

Als die Beerdigung vorbei und das Grab verschlossen war, ging ich noch einmal zurück, stellte das Holzkreuz auf und verließ den Friedhof. Leider war mir ein kleines, aber nicht unwichtiges Detail nicht aufgefallen: Das Geburtsdatum auf dem Kreuz war falsch! Unglücklicherweise stimmte eine Zahl nicht. Das war für die Medien ein gefundenes Fressen, und die Meldungen am folgenden Wochenende waren voll davon. Das war nicht zu fassen. Da hatten wir zwei Wochen nahezu 24 Stunden am Tag organisiert und alles war gut abgelaufen, und dann passiert am Ende so ein kleiner Zahlenfehler – aus einer 1 wurde eine 7. Da denkt man nur: »Das darf doch nicht wahr sein!« Das Kreuz haben wir innerhalb einer halben Stunde ausgetauscht, aber die Fotos mit dem falschen Geburtsdatum gibt es leider heute noch.

 

Es ist kein Zufall, dass der meinem Beruf zugrundeliegende Perfektionismus häufig auch die Triebfeder ist, weshalb viele Bestatter in Vereinen an exponierter Position tätig sind. Sie organisieren einfach besonders gut, und man weiß genau, dass Bestatter es nicht aushalten, wenn etwas nicht so abläuft, wie man es geplant hat. Wenn bei einer Veranstaltung die Mikrophonanlage das dritte Mal knarzt, dann sagt der Bestatter in der Regel: »Komm, ich bringe das nächste Mal meine Anlage mit.« Oder wenn der dramaturgische Ablauf einer Veranstaltung nicht aufgeht, sagt er: »Du meine Güte, wenn dir das bei einer Beerdigung passieren würde … Also, wenn du möchtest, übernehme ich für euch das nächste Mal die Organisation.« Und plötzlich ist man in einem Amt und übernimmt eine Verpflichtung.

 

Mein Yoga ist Motorradfahren

Je stärker man eingespannt ist, je mehr Termine man in seinem Alltag zu bewältigen hat, umso wichtiger wird der persönliche Ausgleich, den man sich selbst schaffen muss. Mein Gegengewicht sind meine Familie und das Motorradfahren. Wenn ich am Wochenende auf mein Bike steige, dann fahre ich einfach los, ohne Ziel und ohne Plan. Ob ich irgendwann in Holland lande oder in Frankreich, oder ob ich einfach nur durch Deutschland fahre und vielleicht am Biggesee im Sauerland ein Eis esse und wieder zurückfahre, weiß ich vorher nicht. Meine Route richtet sich nach der Wetterkarte. Ich fahre dahin, wo keine Wolken sind, die Sonne und der blaue Himmel bestimmen meine Fahrten. Nur sehr selten habe ich beim Motorradfahren ein Ziel – in der Regel fahre ich um des Fahrens Willen. Für mich bedeutet das, den Kopf freizumachen.

 

Eine Zeitlang war Motorradfahren für mich das Vehikel, um aus allem aus- zusteigen, nur noch verantwortlich für mich selbst zu sein und um den Alltag zu vergessen und nicht mehr zu denken. Viele werden jetzt sagen, man denkt doch immer. Stimmt natürlich irgendwie, aber beim Motorradfahren denke ich ans Fahren, ans Reagieren, ans Wetter, aber eben nicht mehr an die aktuelle Situation auf der Arbeit oder an die Familie. Inzwischen habe ich dieses Bedürfnis nicht mehr, mich für kurze Zeit auszublenden, doch die Lust, Motorrad zu fahren und mich durchpusten zu lassen, besteht nach wie vor. Danach komme ich gestärkt nach Hause, gehe mit neuer Motivation wieder ins Büro und habe meine Energiereserven neu aufgeladen.

 

Ich komme aus einer Generation, in der selbstbestimmte Mobilität noch extrem wichtig war. Für uns stand es früher außer Frage, direkt mit achtzehn Jahren einen Führer- schein zu machen – im Gegensatz zu meinen Kindern heute. Ohne Führerschein ging damals gar nichts. Ich habe mir sogar schon mit sechzehn Jahren ein Moped zusammen- gespart. Damals fing gerade langsam die Helmpflicht beim Mofafahren an, was ich nicht besonders prickelnd fand. Auf so einer Kreidler Flory mit einem fetten Helm sitzen, sah meiner Meinung nach total blöd aus. Dann doch lieber gleich ein Leichtkraftrad. Somit fahre ich seit meinem 16.Lebensjahr motorisierte Zweiräder. Nicht immer ging alles gut. Einige schwere Unfälle habe ich bereits hinter mir, lag schon im Krankenhaus mit einem kaputten Bein und konnte mich anschließend zu Hause nur im Rollstuhl fortbewegen. Trotzdem bin ich bis heute dem Motorradfahren treu geblieben.

 

Eine lange Pause gab es, in der ich kein einziges Mal mit dem Motorrad gefahren bin – eine Pause von fast zehn Jahren. Das war, nachdem meine erste Frau bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war. Dieses Ereignis führte dazu, dass ich ein knappes Jahrzehnt nicht mehr mit meiner Maschine gefahren bin. Und zwar nicht, weil ich es nicht mehr wollte, sondern weil ich es meinen Kindern versprochen hatte. Sie wussten natürlich, wodurch ihre Mutter gestorben war, und hatten verständlicher Weise starke Verlustängste. Daher habe ich ihnen in der damaligen Situation ohne Umschweife versprochen, dass ich nicht mehr aufs Motorrad steigen würde. Vermutlich hätten sie das auch gar nicht zugelassen. Ich habe ihnen aber auch gesagt: »Wenn ihr groß genug seid, dann müsst ihr damit leben, dass ich wieder fahre.«

 

Ich muss zugeben, dass ich unter meiner Abstinenz sehr gelitten habe. Jeden Sommer, wenn ich an einer Ampel neben einem Motorrad stand und selbst in meinem Auto saß, habe ich die Scheiben runter- gefahren, um diesen Sound zu hören. Es ist ganz verrückt, aber dieses Gefühl ist einfach in einem drin. Als die Kinder erwachsen waren und die Erziehungsarbeit weitestgehend erledigt war, bin ich dann wieder auf mein Motorrad gestiegen. Ich denke, ab einem gewissen Alter sind Kinder in eigener Verantwortung unterwegs, da darf man dann auch als Elternteil wieder ein etwas risikoreicheres Hobby pflegen.

 

In meinem Leben gibt es ansonsten kein zielloses Handeln. Überall sonst bin ich strukturiert und habe Pläne, die ich abarbeite. Ich mache To-do-Listen, zudem ist mein Alltag vielfach auch fremdbestimmt. Und plötzlich tut sich so ein Raum auf, in dem ich frei bin. Das weiß auch meine Frau, dass mir das guttut. Wenn ich daher frage: »Du, kann ich heute fahren?«, dann lässt sie mich immer ziehen.

 

 

 

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