Buchauszug Laura Karasek: „Ja, die sind echt.“

Buchauszug Laura Karasek, Rechtsanwältin und Buchautorin von „Ja, die sind echt – Geschichten über Frauen und Männer.“

 

Laura Karasek, Autorin und Rechtsanwältin (Foto: Gaby Gerster)

#work

In High Heels unter Männern: Wie sexy ist noch seriös?

Die Welt da draußen meint es nicht nur gut mit dir. Und die Welt hat auch nicht – im Gegensatz dazu, was deine Eltern dir immer erzählt haben – auf dich gewartet.
Du kannst dich in eine Depression googeln. Dachtest du eben noch, du seist vielleicht etwas Besonderes, belehrt dich das Netz eines Besseren. Alles, was du denkst, wurde schon gedacht. Nur in besser. Oder auf Latein. Und sogar schon getwittert. Es gibt bereits 89.000 Hashtags zu deiner einzigartigen Idee. Dein Einfall ist ein Reinfall. Du kannst nichts erfinden.

Wo gehöre ich hin?

Ich arbeite in Frankfurt. Wirtschaftswelt, Deals, Share Purchase Agreements, Billable hours. Du hast schon eine Gerichtsverhandlung beim Landgericht gewonnen? Andere
gewinnen zum zweiundvierzigsten Mal vorm Bundesgerichtshof! Du hast ein Buch geschrieben? Andere schreiben acht Bücher. Bücher, die verfilmt werden! Du sprichst drei Sprachen? Andere sprechen sieben! Und da ist immerhin was Exotisches dabei, Finnisch oder Arabisch oder verhandlungssicheres Chinesisch. Ich bin höchstens in Liebesbeziehungen verhandlungssicher (aber es ärgert mich schon, dass ich da überhaupt verhandeln muss).

 

Aber warum habe ich manchmal das Gefühl, nicht dazuzugehören? Und wohin gehöre ich? Ich fühle mich sogar unter Frauen häufig fehl am Platz. Alle benehmen sich so gut und essen so wenig. Aber in den Männerclub passe ich auch nicht. Ich mag keinen Whisky und kann mir schlecht Witze merken. Ich stehe gern vor Gericht und auch gern in der Zeitung oder im Fernsehen. Aber können die anderen nicht alle mehr als
ich? Bin ich eine Mogelpackung und fliege irgendwann auf? Bald merkt jeder, dass ich nur von einer Welle aus Glück und Zufällen hier in die Welt der Erwachsenen und Mächtigen geschwappt wurde. Autoren sind Literaten. Intellektuelle. Und
Wirtschaftsbosse sind seriös. Und was bin ich?

 

Danke für nix

Als ich anfing zu arbeiten, fühlte ich mich schon ertappt, wenn ich Begriffe, die beim Mittagessen mit den Kollegen fielen, hinterher auf Wikipedia nachlesen musste. Immer
diese verdammte Wirtschaftssprache: Ist »Agio« jetzt ein Finanzbegriff, eine Verdi-Oper oder ein italienischer Badeort (habe es gerade beim Schreiben übrigens erneut gegoogelt)? Theo, wir fahr’n nach Agio! Wenigstens kenne ich das Bellagio (also das gute, schöne Agio) aus Las Vegas. Das Hotel mit der Fontäne. Da hab ich schon Geld verspielt – und wurde im Casino sogar nach meinem Ausweis gefragt! Danke, liebe
Gene. Wobei die kurz darauf selbst den weißhaarigen Mann neben mir – hatte er einen Rollator? – am Roulettetisch kontrolliert haben. Nix danke, Gene! Nix danke, neue Gesichtscreme! »Die anderen kochen auch nur mit Wasser«, sagten die netten Kollegen damals. Aber bei mir kochte gar nichts. Meine Herdplatte war ein Krisenherd.

Und dann kommt der Chef immer genau dann rein, wenn du gerade auf Facebook deine Kollegen stalkst (»wo war noch mal der aus der Buchhaltung im Urlaub?«). Oder wenn du gerade online Fummel shoppst (und die Seite macht Musik, dazu räkeln sich Models auf dem Laufsteg oder Strumpfhosen blinken von deinem Bildschirm und er sieht, dass das nichts mit Jura zu tun hat. Nicht mal mit Recherche im weiteren
Sinn). Kann einem Mann nicht passieren? Wirst du also deswegen irgendwann nicht befördert oder weil du eine Frau bist? Was hast du falsch gemacht?

 

Mit Schokomund im Meeting

Manchmal gab es Besprechungen, da saß ich allein mit zehn Männern (auch »Gegnern«) in einem Raum. Auf dem Tisch standen Kekse. Stundenlang rührte keiner einen Keks an. Ich wartete, bis der erste Chef einen Keks aß. Stets gibt er den Startschuss. Dann langte ich endlich zu. Zum Abschied schüttelte ich allen zehn Männern die Hand, sie wussten nicht, wie sie mich hierarchisch einordnen sollten. War ich Kollegin, Sekretärin, Praktikantin, Assistentin, Chefs Liebling?

Als ich danach auf die Toilette ging, sah ich im Spiegel Schokoladenspuren um meine Mundwinkel und einen schwarzen Zahn von dem Browniehappen. Ich war eine
schwierige und vor allem schmierige Frau. Das war wohl nix mit souverän. Kommt Zeit, kommt Pirat. Beim nächsten Mal. Ich habe eine Freundin bei einer Unternehmensberatung, die mir von ihrem Chef erzählte. Als meine Freundin ihn
fragte, wie er ihre Arbeitsleistung und ihre Karrierechancen einstufte, erwiderte dieser »Sie wissen ja: Ich gebe kein Feedback!« In was für einer Arbeitswelt leben wir?
Feedbackfaulheit und Komplimenteknappheit ohne Anteilnahme, Fürsorge, Förderung. Kann man nicht leidenschaftlich im Beruf sein und gleichzeitig leidenschaftlich mit
Menschen? Wir brauchen Mentoren, Idole, Vorbilder.

 

Selfie mit Erbse

Neulich habe ich ein Selfie gemacht, in meinem Büro. Na ja, eigentlich wollte ich nur schauen, ob ich vom Mittagessen noch ein Stück Erbse in den Zähnen habe, und da mein Büro keinen Spiegel hat, habe ich die Selfiefunktion meiner Handykamera genutzt, um nachzusehen, ob sich zwischen meinen Vorderzähnen ein grüner Punkt (nein, nicht der zum Recyceln) von der Erbse (nein, nicht der, deren Prinzessin
ich als kleines Mädchen immer für meinen Vater war) befand.

Ich wollte mir also den langen Weg zum WC sparen und hielt mir mein Smartphone vors Gesicht, als einer meiner Chefs gerade mit einer Gruppe von Praktikumsbewerbern an meinem Büro vorbeikam. »Darf ich vorstellen: …«, hörte ich ihn bei seiner Führung noch sagen und auf mich zeigen. Vor Schreck machte ich ein Foto. Klick. Die Praktikanten grinsten, als stünden sie vor einem Paviankäfig.

Selbstverliebt bei der Arbeit. So was würde einem Mann nicht passieren. Obwohl: Ich kenne einen Steuerberater, der regelmäßig Liegestützen und Sit-ups in seinem Büro
macht und dabei Mails diktiert. Verbissenheit kennt keine Grenzen.

Heute darf man sich auch in seriösen Jobs anziehen wie eine Frau. Darf man? Müssen wir weiterhin in biederen Hosenanzügen herumlaufen und um alles, was nach Make-up
oder Haarpflege aussieht, einen weiten Bogen machen? Jacke wie Hose. Aber eben nicht wie Rock. Musste ich mich entscheiden, was ich überhaupt sein wollte: Anwältin oder Tussi? Karriere oder Kosmetik? Offenbar schließen Intelligenz
und Lipgloss sich aus. BH statt BGH.

 

Zu sexy für den Chef

Ich musste schon früher als Praktikantin in einem großen Unternehmen mal zum Personalchef. Wegen meiner Outfits. Es hieß, sie seien »zu aufreizend« und ich mir »meiner Wirkung nicht bewusst«. Aber ich bin mir schon bewusst. Warum muss es so verkrampft sein: Kann man nicht gleichzeitig seriös und trotzdem ein bisschen sexy sein? Oder muss man geschlechtslos auftreten? Kann man weiblich sein – ohne
unprofessionell zu wirken? Oder sind manche Männer nur deshalb so pingelig, weil sie sich selbst im Anzug so eingeengt und verkleidet fühlen, weil sie weniger Spielraum haben als wir? Warum spielt es eine Rolle, was ich anhabe? Und warum sagt das angeblich etwas über meine Fähigkeiten aus?

Können Machtspiele auch Schmachtspiele sein? Ich wollte immer unter Männern bestehen, mithalten. Eine Frau im Mannspelz, Titten sind die neuen Eier. Ich wollte nicht zu verletzlich sein, aber auch kein böser Wolf werden (ohne Rotkäppchen und ohne Rotkäppchen-Sekt-Allüren). Aber darf ich als Frau dabei sein, wenn die Chefs am Feierabend ins Stadion gehen und Golfturniere spielen – oder empfinden die Männer eine Frau als Spaßbremse? Ich trinke ja auch eigentlich lieber Aperol Spritz in einer warmen Bar. Ich hätte auch kein Trikot parat. Aber ihr solltet mich trotzdem fragen! Soll ich ein Herrengedeck und ein Eisbein bestellen beim Business Lunch? Käme jedenfalls cooler als der Salat mit Hähnchenbrust und wenig Dressing. Aber warum bestimmt ihr, wie wir zu sein haben? Nicht zu gierig, nicht zu laut, nicht zu durstig, nicht zu sinnlich.

Als wir mit anderen Jurastudenten mal ein Gefängnis besucht haben, hieß es »Zieht euch nicht zu sexy an, liebe Referendarinnen, da sind Knackis, die haben seit 13 Jahren keine Frau mehr gesehen.« Hab ich auch eingesehen. Andererseits: Muss ich mich anziehen, um es anderen recht zu machen.

Ich mag Frankfurt. Ich bin freiwillig hier. Die Stadt ist fleißig, offen, berufstätig, umtriebig. Buchmesse trifft EZB. Ich möchte hier nicht weg. Ich möchte nur ab und zu wenigstens ins Fußballstadion mitgehen und den ersten Schokoladenkeks essen.

 

Lasst mir meinen Lippenstift – dann lasse ich euch euren Whisky

Frankfurt. Neulich stand ich im Aufzug. Ich befand mich in einem Hochhaus einer großen Bank. Morgens, halb zehn in Deutschland, kein Knoppers, dafür viel Haargel und wenig Worte. Keiner grüßt. Weder beim Einstieg noch beim Ausstieg. Kein Lebewohl. Kein Willkommen und Abschied. Die meisten Herren – in maßgeschneiderten Anzügen, Budapestern – halten sich für vornehm, pressen sich aber trotzdem vor mir und den anderen beiden weiblichen Mitfahrern aus dem Fahrstuhl, als gäbe es da draußen Freibier. Freigel. Hier werden nur Blackberries geerntet, aber keine Komplimente.

»Selbst schuld!«, scheinen sie uns zuzurufen. Ist das Gleichberechtigung? Sind schlechte Manieren irgendwie cool? Und wenn ja: warum? Ich möchte im Aufzug vorgelassen werden. Die Herren tun einen Schritt zur Seite und man spaziert vor ihnen hinaus. Nicht wichtig, aber irgendwie schön. Ich möchte, dass jemand den Knopf für mich drückt und fragt: »Wohin wollen Sie?« Ja und wohin wollte ich dann eigentlich, »wenn ich das wüsste«, hätte ich gern geantwortet. Oder er hätte – meine Pflicht erkennend – gefragt: »Wohin müssen Sie?« – »Man muss immer hoch. Aber ich will eigentlich gar nicht immer. « Lasst uns stehen bleiben, stecken bleiben. Und dann
hätten wir uns angelächelt. Oder er hätte mich peinlich gefunden und trotzdem gelächelt. Wie auch immer: Man wäre irgendwie beschwingt ein- oder zumindest ausgestiegen.

 

Hier nicht. Hier lächelt keiner. Aufzugfahren ist eine ernste Angelegenheit. Ebenso wie Bahn fahren, Bus fahren, Schlange stehen, ins Theater gehen. Ernst und wichtig. Sind
wir Anwälte, Berater, Banker, Deutschen denn so ernst und wichtig? Stellt euch nicht so an. Es gibt doch nichts Charmanteres als Menschen – ob im Anzug oder im Aufzug –,
die sich nicht so ernst nehmen. Dann doch lieber Treppenlaufen. Macht wenigstens einen knackigen Po. Ich arbeite im 35. Stock. Die Grußlosigkeit macht meinem Gemüt zu schaffen. Es könnte so einfach sein – ist es aber nicht.

 

Am Anfang gibt man alles, am Ende tut’s weh

»Du musst dir ein dickeres Fell zulegen«, sagte ein Kollege kurz nachdem ich in einer Wirtschaftskanzlei angefangen hatte. Der erste Job. Fast wie die erste Liebe. Am Anfang gibt man alles, am Ende tut’s weh.

»In der Liebe gibt es immer einen Anfang und ein Ende. So ist das eben. – Aber was ist mit der Zeit dazwischen? – In der Zeit dazwischen trauert man dem Anfang nach und wartet auf das Ende.« Catherine Deneuve

Wollte ich denn dieses »dicke Fell« – oder reichte nicht auch eine Pelzweste? Wenn wir das Schlechte nicht mehr an uns heranlassen – was geschieht dann mit dem Guten? Bleibt das auch draußen? Vielleicht gibt es ja eine Zwischenlösung: ein Fell mit Filter. Und wenn endlich mehr Frauen in Führungspositionen sind: Braucht man dann die Fellweste überhaupt noch?

Na ja, die Männer fördern sich wenigstens gegenseitig – so jedenfalls mein Eindruck. Die prosten sich zu, klopfen sich auf die Schulter, gründen Whatsapp-Gruppen mit schmutzigen Sprüchen und E-Mail-Verteiler mit schlüpfrigen Bildchen (bis zum Durchsuchungsbefehl). Die Chefs suchen sich Nachwuchs, Fans, Schützlinge – junge Eiferer, die sie selbst jung und cool erscheinen lassen. Man duzt sich. Man spricht über »Weiber« und Macht. Oder man fachsimpelt über Technik, Autos, die besten Werkzeugkästen, die besten Lebensversicherungen, Rotweine, Golfplätze.

 

Männerclubs

Wer erfolgreich ist, will sich nicht ständig mit jüngeren Frauen umgeben. Und wir jungen Dinger haben mehr Angst vor den Managerinnen, weil unsere Weiblichkeit sie nicht
beeindruckt, weil ihr Blick strenger und kritischer ist, weil ihnen der Beschützerinstinkt fehlt und weil unser Lächeln sie nicht erweicht. Fördern macht Arbeit. Warum sollten die
wenigen Chefinnen den Jüngeren beibringen, was sie sich selbst so hart erarbeiten mussten? Denn jede hat es als eine von hundert Frauen ganz alleine ganz nach oben geschafft – und wir sollen uns ebenso anstrengen, leiden und kämpfen.
Denn eigentlich gilt: Jugend sticht! Neidisch könnten sie sein, weil sie möglicherweise auf Kinder, auf Zeit mit der Familie, auf Männer oder auf Weiblichkeit verzichtet haben.
Und misstrauisch könnten sie sein, weil junge Frauen anders ticken. Sie wollen alles: Karriere, Kinder, Kleidung, Küsse, keine Kohlenhydrate, Krafttraining. Früher wurde man dann als »Powerfrau« bezeichnet. Ich finde diesen Begriff bescheuert. Das klingt wie ein Molkeriegel. Nach dem Sport. Nach so einer spaßbefreiten Drilldompteurin. Sogar der Begriff »Karrierefrau« ist im Duden wie folgt definiert:

1. Frau, die dabei ist, Karriere zu machen, bzw. die eine wichtige berufliche Stellung errungen hat
2. (oft abwertend) Frau, die ohne Rücksicht auf ihr Privatleben, ihre Familie ihren Aufstieg erkämpft [hat]

Kann man nicht Karriere machen und trotzdem Rücksicht auf sein Privatleben nehmen? Und warum überhaupt  »Rücksicht«, als sei das Privatleben ein Pflegefall, ein lästiges
Haustier. Mein Privatleben braucht keine Rücksicht, im Gegenteil: Es braucht Cocktails und Freunde und dann Ibuprofen. Ist es heute nicht sogar so, dass wir im Privatleben
weniger verspielen wollen und in der Karriere schon mal zocken?

Ein Freund von mir ist für den Job nach Riad gezogen. Das würde ich vermutlich nicht tun. Ist das ein Problem? Bin ich als Frau weniger flexibel, zu gebunden, zu vernetzt
in meiner Heimat, zu verwurzelt? Ist mir mein Privatleben wichtiger und bin ich weniger bereit, darauf zu verzichten – oder hat der Typ, der nach Saudi-Arabien geht, bloß keines, auf das er verzichten könnte?

 

Der Kamillenteetrinker

Also gut: Ich bin eine Frau. Ich mag Lipgloss. Aber ich mag auch Bockwurst. Ich bin gegen das Plattbügeln von Weiblichkeit und Männlichkeit. Ich finde es okay, wenn ich sage, dass ich einen Mann brauche. Am liebsten einen ohne Strickjacke, Schnupfen und Wärmflasche. Einen richtigen, der mich beschützt und nicht friert oder fleißiger Kalorien zählt als ich. Ich will so eine Art Richard Burton, einen dichtenden Boxer, einen Liebesbrief schreibenden Herkules. Keinen Vegetarier mit Harfe. Keinen Celine-Dion-Fan. Keinen Kamillenteetrinker. Ich trage gern hohe Schuhe, weil ich mir auf ihnen gefalle. Wenn ich ehrlich bin: auch weil sie Männern gefallen. Na und? Hohe Schuhe haben schon bei manchem Liebeskummer eine Schlacht gewonnen (und vielleicht auch mal vor Gericht). Warum also das Frausein aufgeben?

 

Ich habe früher auch im Büro geweint. An meinem Computer geheult. Auf dem Damen WC. Sogar mal in der Kantine. Manchmal wollte ich, dass es keiner sieht. Und manchmal wollte ich, dass es jeder sieht. Seht her, ihr habt mich verletzt! Ihr macht mich fertig! Ihr dummen Säcke ohne Gefühle. Ich wollte getröstet werden, gesehen werden. »Du darfst im Büro nicht schluchzen«, sagten die jungen Kollegen damals und verdeckten meine roten Augen mit ihren breiten Schultern. Ich habe es dann schnell mit Puder übermalt.

Wie kommt man also an so ein Fell? Sich nichts anmerken lassen oder nichts mehr fühlen? Abstumpfen oder abdecken? Noch mehr Schminke? Eine Frau, die aggressiv ist, hat entweder ihre Regel oder ist schwanger Als ich irgendwann zum ersten Mal zurückgeschnauzt habe, standen zwei Männer in der Tür und sagten »Oh, sie hat wohl
heute ihre Tage!« Eine Frau, die aggressiv ist, hat entweder ihre Regel oder ist schwanger. Eine Zicke, empfindlich, eine Diva. Über eine Frau, die mit dem Chef zum Abendessen geht, wird geredet. Über den Chef auch – aber es schadet ihm nicht unbedingt. Eine Frau muss sich für ihre kurzen Röcke und engen Hosen (»wie mit Bodypaint aufgemalt«) verantworten, ein Chef für seinen Blick auf den Rock nicht
immer.

Lebt er in einem anderen Rechtssystem? Es sei denn, eine Frau – beispielsweise ich – regt sich darüber auf. Tue ich aber nicht. Wir sind doch keine Feinde. Ein Blick kann Freude machen, genau wie ein Rock. Aber ein Blick kann auch widerlich sein. Und dann kann der Rock nix dafür. Bei Gericht zum Beispiel hat mir das Frausein nie geschadet. Die Anwälte der Gegenseite mit Alphastimme und Alphaanzug witterten meine vermeintlichen Schwachstellen, spielten sich auf, stolzierten eitel durch den Gerichtssaal. Ich war jung, blond, unerfahren. Und die Richter hatten oft mehr
Sympathie für die »junge Kollegin« – die auch abwertend als solche von der Gegenseite bezeichnet wurde (»Mit Verlaub, junge Kollegin!«). Oder wir hatten schlicht die besseren Argumente.

Lasst mich doch Frau sein, lasst mir meinen Lippenstift und ich lasse euch euren Whisky. Ich will doch nur im Aufzug vor euch raus. Ich verspreche auch, nicht mehr zu weinen. Oder nur heimlich. Und in der Kneipe kann ich mithalten und ich werde lachen, auch wenn ihr zum fünften Mal den Spruch bringt »Heute singt für Sie! … Das Niveau.« Ich kann mich auf euer Niveau saufen. Und falls ich vorher umkippe, wäre es trotzdem lieb, wenn ihr mich ins Taxi setzt. Danke.

 

Weihnachtsfeiern

Weihnachtsfeiern: für manche ein Karrierebeginn, für andere das Karriereende – wo früher meine Leber war, ist heute eine Minibar. Wie Sie sich auf Weihnachtsfeiern benehmen sollten:

a) wenn Sie Praktikant sind: Sie wollen, dass der Chef endlich Notiz von Ihnen nimmt?
Machen Sie es nicht wie die anderen Praktikanten und seien Sie zu schüchtern, um den Geschäftsführer anzusprechen! Tun Sie’s. Und duzen Sie ihn – das findet er bestimmt cool. Dann rechnen Sie ihm vor, dass sich der billige Wein überhaupt nicht lohnt, weil alle Mitarbeiter auf die viel teureren Longdrinks umsteigen würden. Machen Sie auf dicke Hose und spendieren Sie ihm einen Champagner. Bringen Sie außerdem
noch eine Freundin mit, die auch »umsonst saufen« wollte. Oder wünschen Sie sich Songs vom DJ wie »Zwanzig Zentimeter – nie im Leben, kleiner Peter.« Hemd aufreißen. Einsatz zeigen. Sie sind nicht wie alle anderen. Sie kriechen niemandem in den Arsch. Die meisten Orgelpfeifen hören dem Chef doch nur deshalb so gern bei der Beschreibung seiner Origami-Kollektion zu, weil sie sich davon etwas versprechen.

b) wenn Sie schon ein paar Jahre bei der Firma arbeiten: Nehmen Sie sich vor Ihrem eigenen Wohlbefinden in Acht. Wiegen Sie sich nicht in Sicherheit. Trinken Sie nicht durcheinander. Vermeiden Sie Schlägereien, zu kurze Kleider, zu aufwendige Frisuren, Provokationen. Seien Sie lustig – aber nicht lustiger als der Chef. Stehen Sie auch um Himmels willen nicht gelangweilt mit einer Grüntee-Schorle in der Ecke. Weihnachtsfeiern sollen Ihren Kollegen und Chefs ruhig zeigen, dass Sie passioniert und nicht verspannt oder verbissen sind. Stapeln Sie also am Buffet ruhig alles auf
Ihren Teller, was drauf passt. Falls Sie in der Architektur-Branche sind, beweist das nicht nur, dass Sie gut zuschlagen, sondern auch Türme bauen können. Wenn Sie sich beim Essen hinsetzen, stechen Sie nicht zu fest in die Cherry-Tomate,die auf ihrem Teller thront. Das gibt Spritzer auf dem Hemd Ihres gegenübersitzenden Chefs. Salat, Mohn, Sesam, Knoblauch, Zwiebeln, Hackbällchen, Harzer Roller, schwarzer Kaffee, Heringssalat – alles eher zu vermeiden. Es sei denn, Sie haben einen Vorrat Kaugummis und eine portable Elektrozahnbürste sowie Zahnpasta dabei.

Außerdem sollten Sie mit einem vertrauten Kollegen ein Codewort vereinbaren. Ich hatte so was mal in einer sehr defizitären Beziehung. Mein Ex und ich haben uns so gestritten, dass wir ein Rettungswort hatten, wenn der Streit vollkommen
ausartete, eine Art Bremse, Pause, Zäsur: »Spongebob« war unser Wort. Manchmal versuchten wir auch, uns auf Englisch zu streiten, damit die Sprache uns nicht so schnell unter die Gürtellinie entwischte, damit wir uns zumindest zusammenreißen
würden, während wir nach den korrekten Beleidigungen im fremdsprachigen Wortschatz suchten. Andererseits: »Fuck off« fanden wir ziemlich leicht. Andere Freunde von mir nahmen ihre Streitigkeiten immer als Sprachmemos mit dem Handy auf, um einen Beweis zu haben, wer recht gehabt hatte. »Das habe ich so nie gesagt!« »Spul sofort zurück!«

Also, kurzum: Nehmen Sie Ihren Chef einfach sofort auf, sobald er Ihnen eine Beförderung oder einen Bonus verspricht (vor allem, falls er zu betrunken ist, um sich morgen daran zu erinnern). Sagen Sie »Moment mal!«, bevor er Ihnen persönliche,
intime Details zu seiner Ehe erzählt, und zücken Sie dann Ihr Handy, um ihn aufzunehmen. Man weiß ja nie, wozu es mal nützlich sein könnte. Und bitten Sie Ihren
Freund mit dem Codewort »Gonorrhoe«, Sie aus einer Situation zu retten, die peinlich zu werden droht. Rufen Sie einfach laut »Gonorrhoe« durch den Raum, damit er Sie leicht findet. Zur Not auch, während der Geschäftsführer eine bedächtige Ansprache hält.

c) wenn Sie der Chef sind:
Sie können tun und lassen, was Sie wollen. Erzählen Sie die langweiligsten Geschichten, bei denen Ihre Frau immer abwinkt! Wie Sie damals in der Schule den Algebra-Wettbewerb gewonnen haben! Wie Ihre Präsentationen Menschen zum Weinen bringen! Reichen Sie Taschentücher. Ihre Mitarbeiter werden an Ihren Lippen hängen. Bestellen Sie sich selbst teure Rotweine, die nicht auf der Karte sind, und sagen Sie »Bevor ich diesen Chateau Migräne hier trinke, zahle ich lieber selbst.« Erfreuen Sie sich an den Knoblauchzehen in der Nudelsoße und checken Sie Ihr Handy, sobald einer Ihrer Mitarbeiter redet.

Mein Vater erzählte mir mal, dass der wunderbare Regisseur Billy Wilder (»Manche mögen’s heiß«) seiner Frau beim Dinner auf ihre Bemerkung »Heute haben wir Hochzeitstag, darling«, erwidert haben soll, »Please. Not while I’m eating.« Falls also einer Ihrer Mitarbeiter Sie mit einer emotionalen Rede vollschwallt, dass Sie der beste Chef sind, den er je hatte, dass das Jahr ohne Sie niemals so erfolgreich gewesen
wäre – machen Sie’s wie Billy: »Nicht während des Essens! Und schon gar nicht während des Trinkens! Und bitte nicht in der Weihnachtszeit!«

 


Laura Karasek „Ja, die sind echt“. 252 Seiten, 12,– Euro, Eichborn Verlag https://www.luebbe.de/eichborn/buecher/lebenshilfe/ja-die-sind-echt/id_7100735

 

Führ dich auf wie Sau – und du wirst meinetwegen auch Präsident

In sozialen Netzwerken wird unanständig gehetzt, hasserfüllt gepöbelt oder auch mal ungerechtfertigt euphorisch gelobt. Gibt es noch echte Gefühle? Oder nur noch Emoticons?
Herzchen fliegen und flattern über den Bildschirm für jede noch so belanglose Nachricht, pastellfarbene Kaffeetassen, dekorierte Avocados, schlafende Katzen, gähnende Hunde, Hamster, die mit Hirse jonglieren, leckende Leguane – andererseits Beschimpfungen für jede auch nur entfernt politische oder gar intellektuelle Äußerung. Haltung ist out, Milchschaum ist in.

Wo ist der Anstand hin, wenn es um das Miteinander geht? Wenn einer Dame über 60 mit eingegipstem Arm niemand mehr beim Tragen der Tasche hilft? Alle starren aufs Handy. Niemand reicht einem die Hand. Wo ist sie, die Rücksichtnahme, wenn eine Hochschwangere durch die Gänge der U-Bahn geschubst wird und Halbstarke nicht mehr aufstehen, um ihr einen Platz anzubieten? Und haben Sie schon mal versucht, mit zwei kleinen Kindern zu fliegen? Sie werden von den anderen Passagieren angesehen, als ob Sie einen sehr ansteckenden Hautausschlag hätten – neben Ihnen will jedenfalls niemand mehr sitzen und Ihre Nachbarn verlassen freiwillig den Gangplatz und wechseln zu zwei Zwiebelmett-Brot essenden Engländern mit Bieratem.

 

Wir haben keine Idole mehr

Aber wir haben ja auch keine Idole mehr, keine Vorbilder. Führ dich auf wie Sau – und du wirst … meinetwegen auch Präsident. Zudem hat die Theatralik im Netz Hochkonjunktur: »Ich habe heute zwei Kniebeugen geschafft! Und mein Quinoa-Chia-Hanf-Müsli selbst zubereitet. Ich habe mir heute SELBST und ganz allein eine Sushi-Rolle im Restaurant bestellt. Ich habe ein Salatblatt dekorativ neben ein Radieschen gelegt! Hey, ich kann Rechtschreibung: habe meinen Namen gerade fehlerfrei in den Sand geschrieben. Ich danke meiner Familie, Gott, meinen Kollegen und Wegbegleitern
und allen, die immer an mich geglaubt und mich unterstützt haben.« Als hätte man einen Nobelpreis gewonnen.

Jeder verkauft und fühlt sich als Star. Aufmerksamkeit ist Trumpf. Oder eben Trump. Lieber ein schlechter Tag als ein schlechter Hashtag. Was soll uns der Milchschaum mit
dem Herzen eigentlich mitteilen? Erstens: »Ich bin superrelaxed und habe frei, ihr arbeitenden Idioten!« Zweitens: »Ich bin superbusy und trinke den ganzen Tag Kaffee, um mich in meinem krassen Job zu konzentrieren.«

Drittens: »Ich habe Verstopfung und brauche was zur Verdauung und hoffe, dass
ich gleich aufs Klo kann (Emoticon und Foto dazu folgen sogleich). « Viertens: »In meinem Hirn ist mehr Schaum als auf diesem Espresso.«
Ich beobachte Eltern, die mit ihren Kindern nur noch mit Emoticons kommunizieren. Früher hat doch das Schreiben Spaß gemacht, die Bilderrätsel, die Wortspiele. Heute gibt es nur einen lachenden Smiley oder ein pulsierendes Herz. »Papa, ich bin grad vom Fahrrad gefallen und liege jetzt mit gebrochenem Arm im Krankenhaus.« – Trauriger Smiley, Daumen runter. »Mama, ich habe das Abitur bestanden.« – Ein Motiv mit Sektglas. Und am Ende wundern sich alle, warum das Kind (trotz Abitur) so schlecht in Deutsch – und so enttäuscht von den Eltern – ist.

 

Der Grat zwischen Romantik und Kitsch ist schmal Ist es denn so schlecht, heutzutage gebildet, aufmerksam, freundlich zu sein? »Ach, der war mir einfach zu lieb!«, sagen
viele Frauen und suchen sich dann einen, der sie ignoriert oder versetzt. Die Herausforderung! Das Zähmen!
Ja, das macht uns am meisten Spaß. Und wenn uns einer schreibt: »Schlaf gut, meine wunderschöne Fee. Ich nehme dich mit zu den Sternen!« Dann denken wir: »Du Depp, ich bin ein Kaktus und nimm mich lieber mit in eine Schnapsbar.«
Wie schmal der Grat zwischen Romantik und Kitsch ist, zwischen Anbiedern und Hofieren, zwischen Hochmut und Demut – heute gibt es kaum noch das richtige Maß. Es wäre ja auch theoretisch leichter, sich im Nachhinein für einen Fehler zu entschuldigen als im Vorhinein um Erlaubnis zu bitten.

Problem ist nur: Heute entschuldigt sich keiner. Nein, öffentlich wird von allen gegen alle Regeln verstoßen. Niedertracht ist besser als eine vermeintliche Niederlage. Also machen wir mit, wir wollen uns wehren, auch nicht zu kurz kommen in dieser von Inszenierungen und Rücksichtslosigkeiten zehrenden Welt. Wir fangen an, Satzzeichen wegzulassen, und versenden nur noch ein Weinglas-Symbol mit einem Fragezeichen, wenn wir einen Freund zum Drink treffen wollen. Oder einen Hammer, wenn wir jemandem ein Kompliment machen wollen. Für Heiratsanträge reicht schon das Symbol mit dem Ring aus.

 

Wir hören auf, uns Mühe zu geben – weil niemand für uns aufgestanden ist, als wir schwanger oder krank waren. Benehmen, Manieren, ja sogar ein Lächeln kann schon als Schwäche gewertet werden, als Eingeständnis. Wer lacht, bekommt Falten. Wer
Falten hat, ist nicht schön. Wer nicht schön ist, ist unbeliebt. Und geliebt werden wollen wir doch alle. Nur wäre es schön, wenn man uns wieder für die richtigen Dinge lieben würde. Wenn lieb sein, wieder Liebe brächte. Wenn schlechtes Benehmen geahndet würde. Wenn Romantik irgendwie wenigstens süß und toll wäre. Solidarität kommt nicht von Solo. Und Kaffee ist nur zum Trinken da (meinetwegen mit Schaum aus Kokosmilch und mit einem Schuss Rum) – nicht zum Fotografieren.

 

»Hilfe, eine Rosine steckt in meiner Tastatur« – ein Fall für die IT

Meine Geheimnisse sind bei mir – und bei den fünfundzwanzig Mitarbeitern der IT – gut aufgehoben … Sie kennen das? Sie tragen einen privaten Termin bei Outlook ein und alle Assistentinnen und Assistenten mit Zugriff auf Ihren Kalender bekommen ein Terminupdate, Betreff: »Waxing Bikinizone«. Oder Sie kaufen Obst to go in so einem
verschließbaren Plastikbecher – dabei fühlen Sie sich sehr gesund und gut. Als Sie jedoch wenig später kurz vor Ihrem Meeting in die Handtasche greifen, um ein Stück Ananas zu essen, stellen Sie fest, dass das ganze Obst in der Handtasche
verteilt ist und im eigenen Fruchtsaft lustig vor sich hin dümpelt. Sie essen also genüsslich klebrige Stücke aus Ihrer Handtasche, als Ihre Kollegen zum Meeting kommen und sie anschauen wie ein seltenes Tier im Zoo.

Mir ist auch schon mal ein Kakao in einer brandneuen Tasche ausgelaufen. Alle
Lippenstifte! Das Puder! Das Portemonnaie! Das Handy! Pain au chocolat. Schmerz durch Schokolade … Außerdem hatte ich nach einer Grillparty mal eine Currywurst in der Handtasche, die ziemlich lange unbemerkt vor sich hin gestunken hat (ich hatte diverse andere Menschen in meinem Umfeld verdächtigt, es mit der Körperhygiene nicht so ernst zu nehmen …), bis ich feststellen musste, dass ich selbst das
Fleischparfüm war, l’eau de veau.

Ich habe letztens in einer Heißhungerattacke 200 Gramm Studentenfutter in mich hineingekrümelt, weil ich mir mittags noch gesagt hatte »Heute mal kein Mittagessen, du hast doch gar nicht so großen Hunger …« Stolz ob meiner eigenen Disziplin holte ich mir nur einen Milchkaffee und genoss die Hungerlosigkeit. Um 15.47 Uhr rächte sich der Verzicht und zahlte es mir mit dem Gang zum Automaten im Erdgeschoss und der 200-Gramm-Packung Studentenfutter heim. Da hätte ich mittags mal lieber die Karotten-Ingwer-Suppe gegessen … Ich glaube, selbst ein Schnitzel mit Bratkartoffeln hat weniger Kalorien als diese fiese, angeblich gesunde Nuss-Rosinen-schokolierte Mandel-Mischung …

Vor Hast und Hunger kullerten einige Erdnüsse, Cashews und Rosinen über meinen Schreibtisch und eine landete mitten in meiner Tastatur. Rosine versenkt. Ich schrieb also folgende Mail an unsere IT-Abteilung (ich glaube, mit denen hatte ich häufiger Kontakt als mit meinen Chefs): »Liebe IT-Team, ich kann leier nicht arbeiten, weil
eine Roine in meiner Tatatur fetteckt. Ich weiß, aß ich getern chon mal angerufen habe, weil ich nicht bemerkt hatte, aß er Akku meine Laptop leer war. Heute it aber er Akku voll – und ie Tatatur leier auch. Bitte entfernen ie ie Roine!« Die Rosine klemmte übrigens zwischen den Tasten d, s und x.

 

Während ich also auf die IT wartete, damit die Rosine fachgerecht aus der Tastatur operiert würde (ohne dass ich Tasten herausbreche), wurde ich etwas hektisch, weil ich noch die ganzen Nagellackfläschchen, -entferner und die Tuch-Gesichtsmaske, die ich heute Mittag hinter verschlossener Bürotür trug, verstecken musste, bevor der IT-Mann hereinkommen und mein Büro für einen Beautysalon halten würde. Den Nagellackgeruch bekam ich wohl leider nicht mehr rechtzeitig weg. Man konnte meine Faulenzerei förmlich riechen. Na ja, immerhin waren die Fingernägel präsentierbar,
wenn schon nicht die Präsentation. Wobei ich noch nicht mal den Nagel auf den Kopf getroffen hatte – denn übergemalt hatte ich noch dazu. Als ich also mein Maniküre-
Set und meine restlichen Pflegeprodukte vom Schreibtisch räumen wollte, kippte ich eine große Tasse Tee über mein Handy. Wieso bin ich so? Hätte ich einfach mal mit der Rosine gelebt – wir hätten uns sicher gut verstanden … es gibt genug Worte ohne d, s und x!

Ach, die IT hat schon so einige Momentchen mit mir erlebt. Wie neulich, als ich während einer Telefonkonferenz ein Dokument öffnen sollte. Die Konferenz mit sechzehn Teilnehmern hatte schon ewig gedauert und ich hatte währenddessen
ein wenig auf BILD online gesurft, als der Rechner einfror. Nichts ging mehr. Plötzlich bat mich einer der Chefs um eine Info aus einem Dokument, also rief ich hektisch mit
dem Handy bei der IT an und bat um Hilfe. Die Konferenz hatte ich – hoffentlich – auf stumm geschaltet. »Just one moment«, bat ich vorher noch alle Teilnehmer. »Ich komme mal mit auf den Rechner«, sagt die IT in solchen Situationen immer und meist ist irgendein doofes Fenster offen. In diesem Fall war es BILD mit der Headline »Sextalk auf der Nacktinsel«. Das sah doch mal definitiv nach harter Arbeit aus. »Wir müssen den Computer neu starten.« Keine Info, kein Dokument, kein Triumph. »I will get back to you later«, sagte ich so tapfer ich konnte zu den sechzehn wartenden
Kollegen und Kunden. Das war mein glorreicher einziger Beitrag in insgesamt zwei Stunden Telefonkonferenz.

Ja, es waren immer die falschen Fenster geöffnet, wenn die IT gerade mal wieder »mit auf den Rechner« kam: Online-Shopping für Unterwäsche, die Website eines Arztes (gern eines Proktologen oder Psychologen) oder Google mit der Suchanfrage »Ausschlag Haut Oberschenkel juckt« oder »Wie werde ich schneller braun? Oder »Wie lange ist THC im Urin nachweisbar?« oder »Wann ist der Eisprung?« oder
»Wie bekomme ich einen flachen Bauch, ohne zu trainieren? « Seriöses Zeug halt.

Schön ist auch, wenn das Diensthandy abstürzt und man es bei der IT abgeben muss. Alle Chats und privaten Termine, alle Fotos und aufgerufenen Seiten – das Handy ist ja
heute intimer als jedes Tagebuch. Letztens schickte mir der IT-Mann (einer meiner Lieblings-IT-Männer, Herr Fuchs) nach dem Reset und Austausch meines Handys ein paar Fotos per Mail. Es handelte sich um laszive Selfies in Unterwäsche (ja, hauptsächlich von MIR), die ich auf dem Handy gespeichert und MIT dem Handy versendet (oder empfangen) hatte. »Vielleicht brauchen Sie die noch«, schrieb er –
im Anhang tauchten alle Bilder als Sofortvorschau auf, wie Puzzleteile des Persönlichkeitstests eines Psychopathen. Was ich brauche, ist Selbstkontrolle! Und Nahrung, die weder in Handtaschen passt noch in Tastaturen.

Das Geschäft mit der Dankbarkeit

»Es ist schon eine Ehre, gefragt zu werden!«, so lautet das Argument derer, die von Ihnen was umsonst bekommen wollen. »Hätten Sie nicht Lust, für uns als Rednerin bei einer Konferenz aufzutreten?« Am besten sollen wir reden, schreiben, moderieren, musizieren, debattieren, mitdenken, formatieren, optimieren – und zwar alles ohne Honorar. Ist ja quasi unser »Hobby«, unser »Talent« und macht auch »kaum Arbeit« …

Natürlich fühlen wir uns geschmeichelt, wenn wir Anfragen bekommen, Aufträge, Auftritte, Jobs. Sie suggerieren »Ich bin begehrt. Interessant. Spannend. Besonders.« Ja, und es ist auch tatsächlich schön, gewollt zu werden. Das Geräusch von Applaus. Das Geräusch vieler aufpoppender E-Mails. Das Geräusch von Likes. Dein Like ist lautlos. Genau wie dein Honorar. Aber was hat heute noch einen konkreten Gegenwert, eine Bedeutung? Es wäre nämlich auch schön, wenn man für eine Auftragsarbeit oder ein Praktikum angemessen bezahlt würde. Wobei es oft nicht mal darum geht, dass die Bezahlung nicht »angemessen« ist, sondern dass es ÜBERHAUPT keine Bezahlung
gibt. »Hey, aber dafür bekommst du Ruhm/eine Plattform/Reichweite.« Du solltest dankbar sein, dass wir dir das anbieten! Der Uwe macht’s sofort und würde sogar noch
Nacktfotos beisteuern. Und Lexy hat letztes Jahr nach unserem Event sogar einen Auftritt während der Schamhaar-Messe bekommen. Steve moderiert seit unserer Anfrage frei für Antenne Arschkriecher. Und Zoe haben sie sofort eine Übernachtung im Iltis Hotel Hildesheim geschenkt.

 

Für dich springen da gewiss total viele Folgeaufträge bei raus … Und auf jeden Fall mehr Follower. Awareness. Vielleicht sogar Ausland. Du sollst also wieder mal einen Vortrag halten, einen Beitrag schreiben, mithelfen, Leute akquirieren, ohne dafür bezahlt zu werden. »Hey, aber wir zahlen dir sogar die Anreise per Flixbus.« Keiner würde von einem Steuerberater verlangen, dass er doch umsonst arbeiten solle, weil er durch uns so viele Weiterempfehlungen bekäme und dazu außerdem so einen tiefen Einblick in falsch angelegtes Geld und Verschwendung, dass der Lerneffekt immerhin nicht unbeachtlich sei. Ich sag meinem Vermieter dann auch mal, wie froh er sein kann, so eine coole Mieterin wie mich zu haben. Ich rauche nicht, ich trinke meist auswärts und Haustiere hab ich auch keine. Miete will er trotzdem.

Jeder Arbeitgeber könnte uns vorhalten, wir sollten doch froh sein, dass wir keine Lücke und dazu noch so einen renommierten Namen im Lebenslauf haben. Wozu noch Gehalt? Wir schenken ihnen Lebenserfahrung! Schließlich bekommst du ein warmes Büro in einem hippen Gebäude und sogar eine sich selbst wartende Kaffeemaschine.
Nebenan ist auch ein echt cooler Concept-Store und das WLAN funktioniert auch oft, zwischen 9.30 und 10.30 Uhr neben der Toilette. So sollen junge Menschen dann für Start-ups und Firmen geworben werden. Nein, mitmachen ist nicht alles. Und von euren Grünkernrucksack-Gutscheinen und veganen Lipgloss-Give-Aways kannst du deine Miete auch nicht bezahlen.

Warum scheint gerade heute der Glaube zu herrschen, die Arbeit selbst habe keinen Wert? Schreiben und Reden ist so was wie Yoga; die Mitarbeit in einem Start-up ist so was wie Schwimmen, eigentlich mehr ein Interesse, eine Lebenseinstellung, it’s fun. Und das Team ist auch fun. Eine gewisse Wertschätzung wäre gleichwohl nett. Es wird immer häufiger erwartet, dass wir Dinge freiwillig tun, als Freundschaftsdienst, aus Zugehörigkeit oder Coolness. Und wir schämen uns mehr und mehr, für unsere Arbeit nach Geld zu fragen. Es wirkt peinlich, gierig, geldgeil, geradezu bedürftig, sich nach einer etwaigen Bezahlung zu erkundigen.

Nein, es ist spießig. Hast du es etwa nötig, du Kleingeist? Der Ausgenutzte fühlt sich – wie auch in Liebesbeziehungen – immer wie der Spielverderber, wenn er den Mund
aufmacht. »Unentspannt« ist er, weil er nicht toleriert, was der Täter von ihm verlangt. »Die Kollegin zickt wieder rum«, heißt es, nur weil sie nicht die dritte unbezahlte Nachtschicht in dieser Woche machen will. Aber sie ist nicht faul – sie will nur nicht länger verarscht werden. »Schluss mit lustig?« Nein, Schluss mit knauserig. Nehmt euch, was euch zusteht!

»Von gewissen Kerlen möchte man ja sogar bedrängt werden«

Es ist 13.45 Uhr – und ich bin heute noch nicht belästigt worden. Sollte ich jemanden wegen Diskriminierung verklagen? Ich bin weder frauen- noch männerfeindlich. Ich bin überhaupt nicht besonders feindlich, ich mag’s lieber freundlich – vielleicht bin ich deshalb recht »erfolglos« auf Twitter und Facebook … Was mich aber stört: dass es Frauen gibt, die #metoo posten, weil ein Typ mal beim Karneval ihren Popo gestreift hat. Ist das schon sexuelle Belästigung? Oder werden hier krasse Fälle körperlicher Unterdrückung mit ein paar anzüglichen Sprüchen durcheinander gewürfelt? Es pfeift aus allen Gassen

Gerade erzählte mir eine Freundin, sie sei in Argentinien gewesen und habe es so genossen, dass alle sie auf der Straße angesprochen hätten, jeder Kellner habe geflirtet, ein Verkäufer ihr ein Eis geschenkt, ein Mann sei mit ihr über die Straße getanzt, als sie nach dem Weg gefragt habe. Belästigung? Nicht wirklich. Warum fällt es dann manchen Männern so schwer, den richtigen Ton zu treffen?
Sexismus ist das, was immer noch und immer wieder stattfindet: vor allem im Berufsleben. Wir werden für Assistentinnen gehalten oder auf Weihnachtsfeiern für Ehefrauen, Anhängsel, Begleitpersonen. Uns wird gesagt, wir seien einfühlsamer,
hätten die hübschere Handschrift oder sollten bitte doch das Kundengeschenk aussuchen, weil wir so einen guten Geschmack hätten.

Wenn wir mit mehreren Frauen in einer Besprechung sitzen, fällt auf jeden Fall ein erstaunter Kommentar à la: »Oh, was für eine Quote! Drei Frauen arbeiten bei dem Projekt mit! Und dann noch eine Analyse zu Zahlen … hätte nie gedacht, dass sich Damen für so was interessieren …« Ja, wir können auch Finanzen. Und vielleicht sogar IT (also ich persönlich jetzt nicht, aber … ich kenne da welche!). Nein, für uns zart
besaitete Weibchen soll der Job lieber »emotionale Intelligenz « fordern oder »guten Umgang mit Menschen«. Und wie sollen wir denn reagieren, wenn der Chef uns zum Abendessen einlädt? Lehnen wir es ab, sind wir vielleicht prüde, verklemmt. Nehmen wir es an: unprofessionell?

Frau kann es nicht richtig machen

Wenn man sich als Frau dazu noch aufdonnert, hat man ohnehin verloren. Dann hat man den Job, das Projekt und das Lob ja sowieso nur, weil … ja, weil man blond, brünett, langhaarig, kurzhaarig, langbeinig, kurzröckig, sexy, adrett oder sonst was ist! Weil man eine Nase hat! Und zwei Augen! Es ist einfach zu leicht, uns zu hassen. Uns nicht ernst zu nehmen. Vor allem, wenn wir noch weiblich daherkommen. Am besten richten wir eine Hotline ein für Menschen, die sich gern auftakeln – diese gefallsüchtigen Hohlfritten, ja, diese billigen Bitches mit Profilneurose und Nagellack.
Frauen, wenn ihr euch gern aufbrezelt: Ihr seid doch bloß Opfer eines oberflächlichen, von Männern und Marken kreierten Systems, ihr Dummchen.

Also mir hat das Zurechtmachen immer Spaß gemacht, das Verschönern, das Maskieren, das Rollen wechseln. Und ich möchte mich weder für meinen Minirock noch für meine Jogginghose schämen. Und ich möchte angesprochen werden. Wenn’s geht nicht unbedingt belästigt, aber angesprochen. Freundlich. Und wenn es mir nicht gefällt, möchte ich das sagen dürfen und erwarte, dass der Mann dann auch aufgibt, geht, mich nicht bedrängt. Von gewissen Kerlen möchte man ja vielleicht sogar bedrängt werden … Wenn keiner pfeift, ist’s auch nicht allzu schön. Es muss nur deutlich kommuniziert, signalisiert werden, was man möchte. Dann können wir uns auch alle wieder entspannen und anlächeln.

 

Ihr habt doch genug Menschenverstand, um zu wissen, was geht. Ihr fasst dem Briefträger ja auch nicht einfach an die Eier oder streichelt dem Taxifahrer über den Kopf, oder? Und wenn nicht: Rufen Sie noch heute an und wir helfen Ihnen, zwischen Belästigung und Kompliment zu unterscheiden. Da gibt es mannigfaltige Möglichkeiten, ohne dabei zu unterdrücken, zu nerven, zu schleimen, zu bedrängen. Sie müssen dafür kein Seminar besuchen, keine Hotline wählen und keinen Anwalt einschalten. In Wahrheit wissen Sie nämlich ganz genau, wann Sie eine Grenze überschreiten.
Sie merken es vielleicht auch an der Reaktion der Frau. Und nein, die Frau sendet Ihnen kein verstecktes Signal, in ihrer Ablehnung schlummert keine Botschaft, dass Sie eigentlich »weitermachen« sollen. Sie können das! Ich traue es Ihnen durchaus zu. Und falls nicht: Testen Sie’s doch erstmal bei einem Mann aus. Als Testostemonial sozusagen …

Geld macht nicht glücklich. Oder?

Neulich stand in der Zeitung, dass ein sehr reicher Mann mit seinem Privathelikopter abgestürzt ist. Das wird mir nicht passieren. Ich fahre Bahn. Das Problem am Bahnfahren ist nur: Viele Menschen wollen das. Viele Menschen tun das. Es geht schon am Bahnsteig los. Ich freue mich auf die vier Stunden Fahrt, ein bisschen arbeiten, ein bisschen lesen (rede ich mir ein) und vielleicht ganz wenig glotzen (rede ich mir auch ein, denn es wird viel werden. Vor allem viel Social Media. Was in der Bahn schwierig ist, weil das Internet die Instagram-Videos so langsam lädt, dass man lange warten muss, bis der eingefrorene Bildschirm sich schleppend fortbewegt. Es ist quasi das
Internet auf Rollator mit kaputten Rädern. Instagreis. Insta humpelt. Und dann friert das Ding immer genau dann ein, wenn du den Ex stalkst und jemand vorbeikommt und dich
grüßt).

Aber zurück zum Bahnsteig: Natürlich habe ich noch nichts vorbereitet für den Termin, zu dem ich unterwegs bin. Noch letzte Nacht habe ich mir erzählt: »Ach, das Dokument liest du in Ruhe in der Bahn. 137 Seiten – was ist das schon! Lade ich mir im Zug runter!« (WLAN? W-lahm! Dokument lädt nicht. Also unvorbereitet zur Besprechung. Improvisieren konnte ich schon am Klavier nicht. Da kamen dann immer nur C-Dur- und G-Dur-Akkorde raus, obwohl ich ein Fan von Moll bin.) Ich stehe also am Bahnsteig und glaube noch fest daran, dass ich gleich alles lesen, verstehen und vorbereiten
kann.

»Laura!« Warum triffst du nie irgendeinen coolen Rockstar oder Autor am Gleis (gut, die würden dann natürlich nicht »Laura!« rufen, weil sie dich nicht kennen. Aber dennoch …), sondern immer nur einen Ex-Kollegen oder deinen ehemaligen Lehrer, der die Schach-AG geleitet hat? »Wo sitzt du?«, fragt der Kollege, der schon damals ausschließlich über Baumärkte und Drechselmaschinen gesprochen hat. Nicht meine Themen. Ich kann nix am Hammer und könnte auch einen Drechsler nicht von einem
Fleischwolf unterscheiden. Ich brauche ja sogar zum Bananeschälen eine Anleitung.
»In der zweiten Klasse«, sage ich und hoffe, dass er in der ersten sitzt. Tut er auch. Ist ihm aber egal. Er freut sich so, mich zu sehen, dass er ruft: »Ich setz mich zu dir!«

Reichsein macht auch nicht glücklich. Außer man gibt das Geld für Alkohol, Sushi und Lederjacken aus »Ich hab reserviert.« Ich bin so spießig, ja. Ich komme mir dabei uralt und kleinlich vor. Vor allem, wenn jemand auf meinem reservierten Platz sitzt und ich endlos mit mir kämpfe: Soll ich der Erbsenzähler und Besserwisser sein und ihn bitten aufzustehen? »Entschuldigung, das ist mein Platz.« (Was das impliziert, ist ja immer: »Sie Vollidiot! Können Sie etwa die Anzeige nicht lesen! Reservier dir doch selbst deinen Gangplatz, du Trottel!«) Und vor allem, darf ich denjenigen bitten aufzustehen, wenn er deutlich älter ist als ich? Oder ein kleines Kind dabei hat? Oder ein Japaner auf der Durchreise ist, der mich fragend ansieht, weil er weder mich noch die Schilder versteht, die »reserviert« anzeigen? Wie viel Arschloch steckt in mir? Nein, dafür bin ich zu schüchtern. Zu feige. Zu uncool. Oder schlicht zu nett. Ich kann es nicht. Ich gehe also weiter, schwitze, der Zug ist voll und ich flüchte ins Bordbistro.

 

Eigentlich hatte ich mir extra eine Buttermilch und einen Apfel eingesteckt, aber mit dem Zug ist das so eine Sache: Die Deutsche Bahn ist appetitanregend. Sehr! Ich muss mir also noch während wir im Bahnhof stehen, die Nürnberger Rostbratwürstchen oder/und den Flammkuchen bestellen. Außerdem XXL NicNacs. Vielleicht bin ich vom Nahkampf des Platzsuchens so hungrig. In der Bahn kann ich besser essen und besser schlafen als sonstwo. Nach den Bratwürstchen besiegt mich der Schlaf und ich mache ein Nickerchen, während mir Senfreste aus dem Mund laufen und ich ein bisschen auf den Tisch im Bordbistro sabbere. Dann muss ich Pipi. Leider sind zwei Toiletten gesperrt. Ich wackele durch den Zug – und nehme die nächste freie, die ich finden kann. Nicht nur geht die Tür extrem langsam auf, sie geht auch extrem langsam wieder zu. Es ist eine automatische Tür für Rollstuhlfahrer. Ich bin ja ganz schnell, denke
ich. Da darf ich das – für mich eigentlich nicht vorgesehene – WC doch wohl kurz blockieren.

Das Klo ist komplett versaut (ich erspare Ihnen die Details, aber Sie kennen das vielleicht von öffentlichen Toiletten). Aber ich habe nicht die Kraft weiterzusuchen. Noch einen Wagen voller Koffer und Kinderwagen zu durchqueren. Ich versuche, mich irgendwie von der Klobrille fernzuhalten, was bei der Fahrtgeschwindigkeit nicht wirklich gelingt. Touchdown.

Als ich mit noch offener Hose die Hände wasche, öffnet sich die Tür ganz langsam wie von Geisterhand. Vor dem Klo warten drei Leute. Davon einer im Rollstuhl. Sie sehen das schmierige Unheil und ich sehe ihren angewiderten Blick. »Ich war das nicht!«, möchte ich sagen. Aber sie würden mir ohnehin nicht glauben. Bilder sagen mehr als Worte und meine offene Hose gibt ihnen den Rest. »Das ist die Behindertentoilette!
«, ruft mir einer belehrend hinterher, als hätte ich einem Kleinkind seinen Teddy geklaut.
Was mich tröstet: Im Helikopter gibt es GAR KEINE Toilette. Reichsein macht auch nicht glücklich. Außer man gibt das Geld für Alkohol, Sushi und Lederjacken aus.
Ich werde trotzdem weiter Bahn fahren. Und falls ich den Ex-Kollegen wieder am Bahngleis treffe, lasse ich mir von ihm einfach beibringen, wie man die Toiletten richtig zubekommt.

Zur Not mit Schrauben und Drechselmaschine. Oder ich leihe mir doch den Helikopter aus. Das Leben ist Aufraffen. Wie viel Kraft es kostet, nicht den ganzen Tag liegen zu bleiben Wie viel Kraft es kostet, sich anzuziehen. Zum Sport zu gehen. Jeden Tag. Das ist nicht eine Erledigung wie Apotheke oder Versicherung (die übrigens auch unfassbar viel Kraft kosten. Und nervig sind), das liegt eigentlich jeden Tag wieder von Neuem vor dir. Nicht monatlich, nicht wöchentlich. Täglich. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel – aber warum folgt ein Spiel so verdammt schnell auf das nächste? Kaum ist der Sport geschafft, schon musst du wieder ran. Und dann kommt ja schon die nächste Aufgabe, das To do, der Tag nimmt seinen Lauf – und du läufst hinterher. Mit Krücken. Humpelnd. Du gerätst außer Atem. Anrufen, Mailen, Rückmailen, Feedbacken, Drucken, Printen, Schreiben, Erstellen, Verfassen, Tippen, Kalkulieren, Präsentieren, Optimieren,
Maximieren. Dabei wärst du so gern liegen geblieben.

 

Wie ein Verwahrloster! Essen bestellen, Lieferservice, kein Sport, kein Aufräumen, kein Rückruf, keine Mail, kein Paket bei der Post abholen, keinen neuen Ausweis beantragen, kein Geschenk für Annas Geburtstag kaufen, kein Waschpulver besorgen, keinen Rohrreiniger, keinen Klempner kontaktieren wegen des Wasserhahns.
Du könntest jetzt schlafen, essen, trinken, knutschen, reden – und trotzdem verbaust du dir den ganzen Tag mit Aufgaben. Oder die Aufgaben mauern dich zu, sie versperren
dir den Weg und du bist unglücklich. Dabei solltest du doch glücklich sein, du westdeutsche Wohlstandsfritte mit genug Kleidern im Schrank und genug Freunden auf Whatsapp und mit einer Geschirrspülmaschine und einem Fahrrad. Du kannst wählen. Du kannst einkaufen. Du kannst jeden Tag warm duschen.

Und warum so viel Selbstverwirklichung und so wenig Selbstvergessenheit, Selbstzerstörung, Selbst-gar-nichts? Du willst dich gar nicht laufend mit dir selbst beschäftigen. Nur leider wirst du dich selbst nicht los. Du warst noch nie ohne dich unterwegs. Und nun sind all deine tollen Möglichkeiten zum Imperativ geworden. Ist ja nur ein Angebot, ein Angebot zum #betterlife, zum immer mehr als gestern,
zum Toppen deines Selbst. »Life Goals, Work Goals, Couple Goals« – woher sollen täglich die Ziele kommen? Da hilft auch kein Social Network, das dir morgens die Profile irgendwelcher unorigineller Wannabe-Athleten entgegenspült, auf denen so was steht wie »Motivation« oder »Inspiration « oder »Mondaymotivation«.

Vergiss nicht, dir noch das Briefpapier aus Hirse zu bestellen, reparier noch schnell den Computer, das WiFi geht mal wieder nicht, geh zum Friseur, geh zum Arzt, sorge für dich, spende Blut, spende Trost, der Fahrradreifen ist leer. Es ist alles leer, es sind Erledigungstaktiken, Beschäftigungstherapien, eine unendliche Aneinanderreihung von allem, was es zu bewältigen gibt. Aufgaben, von denen du dir die meisten selbst gestellt hast. Lebe das Leben in vollkornigen Zügen!

Du bist so frei wie nie. Und deshalb irrst du hektisch in deiner kleinen Zelle umher.
Es gibt sie, diese Tage, an denen dir alles schwerfällt. Selbst der Griff zum Kaffee. Du hast gekleckert? Scheiß aufs Taschentuch. Du hast deine Briefe seit Tagen nicht geöffnet? Ändert sowieso nichts. Du willst dich der Welt nicht stellen, deine Vorhänge bleiben zu, du hast inzwischen mehr Pfandflaschen als Unterhosen und den Vormittag kennst du höchstens noch aus der Schulzeit.
Nein, du kämpfst nicht nur gegen einen inneren Schweinehund. Deine Hunde haben sich vermehrt, sie bellen und kläffen und kommen im Rudel daher. Du kannst sie nicht
besiegen, eher wächst du mit der Couch zusammen und ernährst dich von Scheiblettenkäse auf abgelaufenem (ungetoastetem, denn der Gang in die Küche kostet dich zu viel Kraft) Toastbrot. Ist nicht jeder Mensch mal ein Hartzer?

Es gibt sie, diese Tage, an denen dir alles leichtfällt. Selbst der Weg zum Personalchef. Selbst die siebenundachtzigste Kniebeuge. Die Versöhnung mit deiner Freundin. Du singst zwischendrin Karaoke und hältst die dritte Präsentation. Es folgt ein Kletterausflug mit dem Büro. Dir fällt alles so leicht. Selbst die keine Zigarette. Selbst die achte Überweisung. Selbst der finnische Dokumentarfilm mit Untertiteln. Selbst
das Kind, das nicht müde wird. Und selbst du, die nicht müde wird. Deine Schlaflosigkeit ist Genuss. Dein Stress ist Euphorie. Und dein Sport, Lesen, Schreiben, Funktionieren, Überweisen, Anziehen, Ausziehen, Umziehen, Duschen, Zurückrufen, Mails beantworten, Turnen, Sprinten ist Hobby. Dein Schweinehund ist ein Welpe, mit dem du wild im Garten toben willst. Du brauchst keinen Yogatermin, kein Achtsamkeitsseminar. Du brauchst nur den richtigen Tag.

 

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