Gastkommentar CNN-Editor John Defterios: Indiens doppelte Herausforderung bei der Energiewende

Indien steht vor einer besonderen Aufgabe: Das Land, in dem sich bereits neun der zehn am stärksten verschmutzten Städte befinden, hat mit einen stetigen Emissionsanstieg zu kämpfen und verzeichnet gleichzeitig einen zunehmenden Bedarf an Energie. Im Rahmen des ersten Halts auf seiner einjährigen Reise für CNNs Sendung „The Global Energy Challenge“ befasste sich John Defterios, CNN Business Emerging Markets Editor, mit dieser doppelten Herausforderung. (Gastbeitrag)

„Die anspruchsvollste Energiewende der Welt“: Indiens doppelte Herausforderung  

 

John Defterios, CNN Business Emerging Markets Editor (Foto: CNN International)

Einerseits ist Indien ein Land mit einer jungen Bevölkerung und hohen Wachstumsrate – sowie einer Mittelschicht, die fast so groß ist wie die gesamte US-Bevölkerung. Gleichzeitig steht das riesige Schwellenland angesichts eines steigenden Energiebedarfs, stetig zunehmenden CO2-Emissionen und einer alarmierenden Luftverschmutzung vor ernst zu nehmenden Herausforderungen.

Aus politischer Sicht haben Premierminister Narendra Modi und die ihm vorausgegangene Regierung die Entwicklung erneuerbarer Energien bereits vorangetrieben. So haben sich die Energiekapazitäten in den vergangenen zwei Jahrzehnten nahezu verfünffacht. Mittlerweile hat Indien knapp hinter China den zweitgrößten Solarmarkt der Welt aufgebaut.

Trotz Zielerreichung: Eine schwierige Energiewende 

Das Land hat dabei seine ursprünglichen Ziele für erneuerbare Energien bereits übertroffen und plant, in drei Jahren 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien zu gewinnen – überwiegend aus Solarenergie. Die Investitionen in den Sektor stiegen im vergangenen Jahr auf 15 Milliarden US-Dollar, eine Verfünffachung seit 2004 laut Irena, die in den Vereinigten Arabischen Emiraten ansässige Agentur für erneuerbare Energien.  Es klingt nach einer guten Geschichte, richtig? Denken Sie noch einmal nach.

In der Hauptstadt Neu-Delhi, die 20 Millionen Menschen beherbergt und den berüchtigten Titel der am stärksten verschmutzten Stadt der Welt trägt, traf ich den 30-jährigen Varun Sivaram. Der in Stanford ausgebildete Rhodes-Stipendiat und Autor von Taming the Sun: Innovations to Harness Solar Energy and Power the Planet packte eines Tages seinen Koffer und reiste nach Indien, um den dortigen Energiewandel zu unterstützen.

„Ich konnte mir kein besseres Land auf der ganzen Welt vorstellen, in dem man einen aufregenderen oder anspruchsvolleren Energiewechsel erlebt“, sagte er als wir gerade durch einen belebten Straßenmarkt von Neu-Delhi spazierten.

„Nationen wie Indien müssen eine Schippe drauflegen“

Er verwies dabei auf die 300 Millionen Menschen, die bis zum Jahr 2050 in die Städte Indiens ziehen werden. Allein hierfür müsse das Angebot an Wohnräumen erheblich vergrößert werden, um eine solche Urbanisierung zu bewältigen. Und das in einem Land, wo sich bereits neun der zehn am stärksten verschmutzten Städte weltweit befinden.

„Indien ist der Ort, an dem wir jetzt sein müssen. Während der Klimawandel auf dem Planeten und insbesondere in den Entwicklungsländern zunehmend Schaden anrichtet, werden Nationen wie Indien, die einen rapiden Emissionsanstieg verzeichnen, eine Schippe drauflegen müssen“, fügte Sivaram hinzu.

John Defterios, CNN Business Emerging Markets Editor (l.) (Foto: CNN International)

 

Die Abhängigkeit von Kohle

Das ist im Wesentlichen der Kern der Energie-Debatte. Premierminister Modi verpflichtete sich, jedes Dorf im riesigen Land mit Strom zu versorgen, um die so genannte Energiearmut zu bekämpfen. Der Zugang zur Energie wird in der Charta der Vereinten Nationen an siebter Stelle von insgesamt 17 Zielen aufgeführt, die im Rahmen der Strategie für eine nachhaltige Entwicklung bis 2030 erreicht werden sollen.

Das Problem von Indien liegt jedoch darin, dass der Großteil dieser Elektrizität von Kohle abhängig ist. Indiens Kapazitäten für Wärmeenergie beträgt offiziell 56 Prozent. In den intensiven Sommermonaten, in denen die Nachfrage steigt, macht sie jedoch mehr als 70 Prozent der Energieversorgung aus.

Die Verdoppelung des Energiebedarfs und das CO2-Problem

Wir reisten in die Stadt Singrauli im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh – jene Region, die als das „pulsierende Herz“ des Kohleabbaus bezeichnet wird. In diesem Teil von Indien stehen acht Kohlekraftwerke, die 365 Tage im Jahr CO2 ausstoßen. Die Bergleute arbeiten in drei Schichten rund um die Uhr. Als ich kürzlich ein Interview in einem Tagebaubergwerk führte, sah man förmlich die Verschmutzung im Hintergrundbild der Aufnahmen.

„Es ist genügend Kohle vorhanden. Insgesamt liegen hier zwölf Milliarden Tonnen. Es reicht in etwa für die nächsten 40 Jahre“, sagte Prabhat Kumar Sinha, der Vorsitzende von Northern Coalfields Limited.

Singrauli wird von der Regierung als „kritisch verschmutztes Gebiet“ bezeichnet, wo die Infrastruktur sowie Bergbautechniken zur Eingrenzung von Kohlenstaub und Emissionen dringend verbessert werden müssen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich die Produktion verlangsamen wird. Laut Sumant Sinha, dem Vorstandsvorsitzenden des größten Solarstromkonzerns, werde die Produktion in den nächsten fünf Jahren tatsächlich um 20 Prozent gesteigert. Denn der Energiebedarf soll sich in den nächsten zehn Jahren verdoppeln. Sinha fasste die heutige Realität für Indien wie folgt zusammen: „Selbst wenn wir 50 Prozent des neuen, steigenden Bedarfs aus erneuerbaren Energien abdecken, muss die Balance von irgendwoher kommen. Daher wird die Lücke durch Kohle aufgefangen“.

Indien ist bestrebt, diese doppelte Herausforderung anzunehmen – die Reduzierung von Armut durch wirtschaftliche Weiterentwicklung bei gleichzeitiger Erfüllung der Klimaziele.  Egal, welche Haltung meine Gesprächspartner einnahmen: Ich habe niemanden getroffen, der sagte, dass die energiepolitische Herausforderung eine einfache sein wird.

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