Buchauszug Doris Märtin: „Habitus – Sie Sie bereit für den Sprung nach ganz oben?“

Buchauszug Doris Märtin: „Habitus – Sind Sie bereit für den Sprung nach ganz oben?“

 

Doris Märtin (Foto: Campus Verlag/Marcus Merk)

 

Psychologisches Kapital: Wie man die Dinge anpackt

Psychologisches Kapital:

1. Ressourcen, die Menschen stark machen: zum Beispiel Hoffnung, Selbstvertrauen,
Optimismus, Widerstandskraft.

2. Hängt eng zusammen mit der geistigen Leistungsfähigkeit, dem emotionalen Wohlbefinden, dem Streben nach Weiterentwicklung und dem erfolgreichen Agieren auch in stressreichen Situationen.

 

Wenn wir über einen Menschen sagen, er oder sie habe Klasse, dann denken wir dabei nur bedingt an Geld, Aufmachung und Herkunft. Vor allem wollen wir zum Ausdruck
bringen: Die betreffende Person hat Format. Sie zeichnet sich durch Charakter aus. Sie beeindruckt durch eine Haltung, die sie aus der Masse heraushebt.

Klasse besitzt die Frau mit dem Gehirntumor, die sich, obwohl todkrank, für andere interessiert und freut. Klasse hat der Politiker, der einen großen Bockmist zugibt und sein Amt zur Verfügung stellt.

Klasse beweist der Fußballspieler, der in der letzten Minute das entscheidende Tor schießt, obwohl alle anderen die Meisterschaft schon abgeschrieben haben. Klasse zeigen Menschen, die an der Supermarktkasse lieber einem Drängler den Vortritt lassen, als sich wegen der Reihenfolge zu streiten.

Marlene Dietrich, die Grande Dame der goldenen Ära von Hollywood, hat für die Mischung aus Courage, Contenance und Coolness den wunderbaren Satz geprägt: »I am at heart a gentleman.« – Im Herzen bin ich ein Gentleman.

Klasse zu leben, ist im 21. Jahrhundert weniger denn je von der Klassenherkunft
diktiert. Jeder von uns kann sein psychologisches Kapital trainieren, optimistische Denkweisen entwickeln, das Ego kontrollieren und sich darin üben, Widrigkeiten gefasst zu ertragen. Zwar glauben manche Entscheider immer noch, ein Habitus des couragierten Handelns ließe sich vornehmlich bei Menschen aus einem gehobenen, vorzugsweise unternehmerischen Familienumfeld finden. Doch die Normalbevölkerung
holt auf. Nicht nur ganz oben ist bekannt: eine starke Persönlichkeit ist wichtiger als gute Noten.

Hohe Ziele, hohe Sicherheit: So kann das Selbst sich optimal entfalten

Im Sommer 2018 durchsegelte der zwölfjährige Tom Goron auf einer Kinderjolle in Rekordzeit den Ärmelkanal. Gut 14 Stunden brauchte der französische Schüler für die 60 Seemeilen von der Isle of Wight nach Cherbourg. Mit zehn hatte Tom sich das Projekt in den Kopf gesetzt, zwei Jahre lang trainierte er für seinen Traum. Auf den 60 Seemeilen folgte ihm sein Vater auf einem größeren Segelboot. Näher als 300 Meter
kam er nie an seinen Sohn heran – den Rekord holte der Zwölfjährige allein, obwohl er mehrfach seekrank wurde. »Ich bin stolz auf ihn«, sagt seine Mutter. »Er ist dickköpfig, ehrgeizig und hartnäckig.«

Tom Goron ist ein typisches Beispiel, wie sich ein Habitus der mentalen Stärke am besten herausbilden kann: Hohe eigene Ziele verwirklicht man am erfolgreichsten in einem sicheren, förderlichen Umfeld. Die erste und größte Rolle spielt dabei die Familie. Mit welchen Freiräumen kann sie den Nachwuchs unterstützen, Potenziale auszuschöpfen? Umwege zu gehen? Träume zu verwirklichen?

Bis vor wenigen Jahrzehnten war es einer schmalen Oberschicht vorbehalten, den Sprößlingen alle Möglichkeiten zu eröffnen. Wirtschaftliche Sicherheit, hohe schulische Bildung, eine tiefe Vertrautheit mit Musik und Kultur, bewusst herbeigeführte Entspannung genau wie ausgedehnte Auslandsaufenthalte gab es bis weit in die 1960er Jahre hinein nur für die obersten fünf Prozent.

Als Frühstück bei Tiffany in Deutschland in die Kinos kam, besuchten in einem Jahrgang nur sechs von hundert eine Universität. Die übrigen 94 hatten eine Ausbildung absolviert, sich verwertbare Fachkenntnisse angeeignet, schon mit vierzehn
oder sechzehn das erste Geld nach Hause gebracht. Wer mehr wollte, bekam eher Gegenwind als Anerkennung. Ein halbes Jahrhundert später hat sich das Bild so gründlich gewandelt wie es nur geht: In einem Jahrgang studiert jeder zweite. Und
nicht nur der Bachelor- und Masterabschluss, auch die musikalische Früherziehung, gute Bücher, das Gap Year, das Auslandssemester, die Einliegerwohnung im Hotel Mama und ein eher zögerlicher Einstieg in die Arbeitswelt sind für eine halbe Generation zwar nicht selbstverständlich, aber mit ein paar Einschränkungen doch total normal.

Typischerweise heiraten Frauen mit 30 Jahren, Männer mit 32. In den 1970er Jahren tat man den gleichen Schritt schon mit 22 beziehungsweise 24 Jahren. Der Gewinn sind acht Jahre, die noch weitgehend frei bleiben von den Verpflichtungen des Erwachsenenlebens, acht Jahre, in denen man studiert, feiert und erste Projekte stemmt, acht Jahre, in denen ein Habitus der Weltläufigkeit entstehen kann, mentale Stärke, Persönlichkeit, die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Viele wachsen in
dieser Phase der Selbstfindung über die Eltern hinaus, digital ohnehin, aber auch im Auftreten und Denken.

 

(Foto: Campus)

Doris Märtin: „Habitus -Sind Sie bereit für den Sprung ganz nach oben?“. Campus Verlag, 320 Seiten, 22,95 Euro https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/leben/habitus-15324.html

 

»Für Ben ist das bei uns alles ein paar Nummern zu klein«, sagt ein Freund, Ingenieur, Reiheneckhaus, Griller aus Leidenschaft, über seinen 22-jährigen Sohn. In seiner Stimme schwingt eine Mischung aus Bewunderung und Irritation. Ben studiert aktuell in
Stanford, für das Jahr danach fasst er ein Praktikum bei einem BMW-Joint-Venture in China ins Auge. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde aus einem Luxus für wenige eine
Chance für viele. Nicht nur die höheren sozialen Schichten, auch die mittleren bieten dem Nachwuchs ein Umfeld, das neben der Leistung auch die Persönlichkeit fördert. Hier wie dort bekommen Töchter und Söhne Zeit, die Welt kennenzulernen, selber zu denken und kreativ zu agieren. Sollten sie dafür eine Garage brauchen, findet sich im Elternhaus Platz und Ermutigung dafür, auch wenn der Vater Kaminkehrermeister
und kein Konzernlenker ist.

Ein ähnlicher Paradigmenwechsel vollzieht sich in den Unternehmen. Fortschrittliche Arbeitgeber unterstützen den Lifestyle, den Millennials für ihren Lebensentwurf brauchen: Selbstverwirklichung und Stabilität, flexible Arbeitszeiten und flache Hierarchien, dezentrales Arbeiten, familienfreundliche Angebote, Wertschätzung und, selbstredend, genügend Eigenzeit und ein gutes Gehalt. Unter diesen Bedingungen nähert sich der Habitus (nicht das Einkommen) der mittleren Schichten dem der oberen an. Mehr und mehr streift die Mittelschicht den Arbeitseifer ab, den Eliten als Streberei belächelten, anerkennenswert, gewiss, aber in seiner Verbissenheit doch frei von Grazie und Eleganz.

Stattdessen sehen sich die obersten Prozent mit der Tatsache konfrontiert: Nicht nur für die eigenen Kinder, für die Hälfte eines Jahrgangs ist Realität geworden, was zur Bildung einer runden, starken Persönlichkeit am meisten beiträgt: Zeit. Die Oberen sehen die Aufholjagd der jungen Mittelschicht durchaus mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist völlig klar: Für ihre Unternehmen und Konzerne brauchen sie das Wissen und die Innovationskraft der Vielen. Diese Ressourcen kommen aus der breiten Bevölkerung, nicht nur aus einer schmalen Elite. Andererseits wird für die eigenen
Söhne und Töchter plötzlich wichtig genommen, was vorher oft eine Formalie war: eine Bildungskarriere, die den Klassenvorsprung erhält.

In der gesamten oberen Hälfte der Gesellschaft nimmt der Ansturm auf Privatschulen, bilingualen Unterricht, Musikgymnasien und konfessionelle Schulen zu. Wer mehr als das monatliche Kindergeld investieren kann, legt noch eine Schippe drauf und bringt den Nachwuchs öfter als noch vor wenigen Jahren an britischen Internaten und Spitzenunis im Ausland unter. Die Schul- und Studiengebühren dort reichen bis in den hohen fünfstelligen Bereich hinein. Sie sorgen nicht nur für ein sehr individuelles Betreuungsverhältnis. Der Nachwuchs distinguiert sich auch frühzeitig von der breiten Masse.

Denn natürlich denken die Wirtschaftseliten realistisch: Es ist keineswegs selbstverständlich, dass der eigene Nachwuchs die in ihn gesetzten Hoffnungen ohne Hilfestellung erfüllt. Insbesondere Eliten, die erst seit einer Generation zur Oberschicht gehören, machen sich Gedanken, dass ihre Kinder den Status ganz schnell wieder verlieren könnten. »Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte.« Der Spruch klingt, als hätte ihn Oliver
Welke in der heute show rausgehauen. Tatsächlich stammt er von Otto von Bismarck, dem ersten deutschen Reichskanzler. Auch im 19. Jahrhundert ging die Sorge um, der Aufstieg könnte vorübergehend sein und in der nächsten Generation schon wieder vorbei.

Zum 17. Geburtstag bekommt er ein Porsche Cabrio. Die Schulferien verbringt er im Sacher, auf Madeira im Reids oder im Four Seasons Resort Maldives. Bei der Golf-Clubmeisterschaft hat er dem Landrat den Titel abgenommen. Seit er 14 ist, hospitiert er in Papas Firma, jedes Mal in einer anderen europäischen Großstadt, immer direkt unter den Fittichen der jeweiligen Geschäftsleitung, »das bringt am meisten«. Nicht wirklich bringt er es in der Schule. Das Gymnasium hat er abgebrochen, völlig weltfremd, findet er, was soll er mit linearer Algebra und Fotosynthese. Demnächst
schließt er die Realschule ab, die Eltern haben es auch ohne Abi weitergebracht, als es die meisten Akademiker je schaffen. Sein Berufsziel: in die Firma einsteigen, auf jeden Fall, für den Anfang vielleicht etwas mit Werbung, die technische Seite sei nicht so
sein Ding, »dafür haben wir unsere ITler«

.
Viele Oberschichtseltern können ihren Kindern eine fertig gebaute Welt zu Füßen legen. Doch was, wenn Sohn oder Tochter sich allzu sehr über den Erfolg der Eltern definieren? Was, wenn sie kein eigenes Können, keinen eigenen Antrieb vorzuweisen haben? Und ihnen zugleich ein Leben unterhalb und außerhalb der Elite so unvorstellbar ist wie ein verkratzes iPhone-Display? Im Vergleich zum Nachwuchs der Mittelschicht, von den Kindern der Unterschicht ganz zu schweigen, bekommen
die Töchter und Söhne sehr statushoher Eltern vieles geschenkt. Sie können diesen Vorsprung aber nur ausspielen, wenn sie unabhängig vom Ansehen ihrer Familien selbst eine reife Persönlichkeit mit eigenen Zielen entwickeln. Dafür braucht es einen Lernprozess, der sich von dem der Mittelschichtssprösslinge unterscheidet. Deren Herausforderung besteht darin, über den ererbten Habitus des Leistungsstrebens
hinauszuwachsen und sich auch auf höheren Ebenen sicher und zwanglos zu bewegen.

Erbinnen und Erben sind demgegenüber gefordert, eigene Ziele zu entwickeln und den geerbten Habitus der Distinktion zu erden. Der »Dilettantismus des kultivierten Sohns aus gutem Hause« allein, wie Bourdieu es in Aussparung der Töchter formulierte, trägt in einer digitalisierten, globalisierten Welt nämlich nicht mehr allzu weit. Angesichts
des kulturellen Aufstiegs der mittleren Milieus sind Erbinnen und Erben mehr als früher in der Pflicht: Ihre Vertrautheit mit dem Stil der Oberschicht muss durch Können und Kompetenz abgerundet sein.

Anderenfalls droht das Rich-Kid-Syndrom: Der mühelos erworbene Auftritt wird als inhaltliche Leere wahrgenommen, die Zugehörigkeit zur Upper Class als Verwöhntheit, der bekannte Name als Zeichen für unverdienten Erfolg. Erfolgsgewissheit: Der verinnerlichte  Glaube an sich selbst »Natürlich ist es ein Riesenjob; aber ich kenne niemanden, der ihn besser machen könnte als ich.« Der Ausspruch stammt von einem, der in den Erfolg hineingeboren wurde, wie wenige Menschen davor oder danach: John F. Kennedy. Sein Elternhaus galt als Amerikas königliche Familie, und lange, bevor Kennedy das Amt des 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten anstrebte, bekam er eingeprägt: Ein Kennedy kommt nie als zweiter ins Ziel.

Wie ordnen Sie Kennedys Anspruch ein? Ihre Reaktion hat viel damit zu tun, wo Sie sich selbst gesellschaftlich verorten. Für jemandem, der zu Hause gelernt hat, auf dem Teppich und bei seinen Leisten zu bleiben, klingt Kennedys Selbstaussage fast schon obszön größenwahnsinnig. Entstammt man dagegen einer alteingesessenen Fabrikantenfamilie, nimmt man Kennedys Machtanspruch als weit weniger vermessen
wahr. Letztendlich traute er sich nur zu, was seine Familie ihm vorlebte und abverlangte: Weitsicht zeigen. Führung übernehmen. Verantwortung tragen. Natürlich nicht bei einem Kleinkramprojekt, sondern in großem Stil. Diesen Anspruch in Worte zu fassen, zeugt nur aus der Perspektive von Menschen mit weniger günstigen Voraussetzungen von Dünkel. Hat man es nie anders gekannt, sind ambitioniert formulierte Ziele so selbstverständlich wie der Umgang mit Messer und Gabel. Eingebettet in ein saturiertes Umfeld entsteht schon in frühen Jahren die
Gewissheit, auch selbst zur Spitze zu gehören.

So viel Sicherheit ist ein wertvolles psychologisches Kapital, das große eigene Erfolge begünstigt. Eine Gewähr dafür gibt es allerdings nicht. Ist Erfolgsgewissheit nämlich nicht durch Können geerdet, verwandelt sie sich in Anmaßung. Das zeigte im Sommer 2018 das frühe WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft. Die Erfolge der Vorgänger wiegten Mannschaft und Trainer in falscher Sicherheit. Es dauerte gerade mal drei Spiele, und die weltmeisterliche Hybris zerbrach. Das Politmagazin Cicero kommentierte: »Die Satten blieben satt, die innere Spannung stellte sich nicht ein, das Team verlor jeden Fokus.«

Das Gefühl, erwählt zu sein, kann sich als Eigentor erweisen. Ohne ein gesundes Maß an Erfolgsgewissheit geht es trotzdem nicht. Denn die Erfolgstreiber Wagemut und Souveränität fußen auf dem Glauben an sich selbst. Was die Erfolgsgewissheit im Einzelnen nährt, hat die Organisationspsychologie erforscht. Das wichtigste ist das Gefühl: Es wird schon gut gehen. Was immer auch passiert, Auf-die Nase-zu-Fallen mag peinlich sein. Aber es ist nicht tödlich. Obere bekommen von diesem Gefühl der Unverwundbarkeit erheblich mehr als Mittlere mit, Mittlere bei weitem mehr als Untere. Risikobereitschaft ist daher weniger eine Frage des Charakters als der vorhandenen Ressourcen.

 

Wer mehr hat, kann mehr verspielen.

Wer weniger hat, geht auf Nummer sicher. Was absolut vernünftig ist. Wir müssen uns ja nur vorstellen: Ist man ohne Helm und Karabiner unterwegs, sieht ein Klettersteig unbezwingbar aus. Wer lieber abwinkt und eine einfachere Route wählt, ist nicht
von Natur aus ängstlich, er oder sie verhält sich situationsangemessen klug. Klettert man mit Klettersteig-Set, geht man die gleiche Herausforderung bedeutend lockerer an.
Unser Wagemut hängt also von den vorhandenen Ressourcen ab. Diese Einsicht eröffnet Handlungsspielräume: Wenn Sie von einer Sache überzeugt sind und nur das Bedürfnis nach Sicherheit Sie zurückhält, identifizieren Sie als Erstes, was Sie persönlich, materiell und sozial in die Waagschale werfen. Knüpfen Sie Sicherheitsnetze, schöpfen Sie alle zur Verfügung stehenden Kraftquellen aus. Die Vorarbeit erfordert Kreativität und Eigensinn. Dafür wird vielleicht plötzlich möglich, was
vorher verstiegen schien.

 

Bertha Benz.

»Wieder nur ein Mädchen«, schrieb ihr Vater nach ihrer Geburt 1849 in die Familienbibel. Obwohl Bertha sich für Technik begeisterte, stand ein Studium nicht zur Debatte. Wie zum Ausgleich heiratet sie 1872 Carl Benz, einen mittellosen Ingenieur
mit großen Plänen: Er will einen Wagen ohne Pferde bauen, und Bertha macht es mit ihrer Mitgift möglich. Jahre vergehen. Endlich, nach über zehn Jahren, können sie den Motorwagen zum Patent anmelden. Doch kein Mensch interessiert sich dafür. Im
Alleingang unternimmt Bertha mit dem Wagen eine Überlandfahrt. »Treibstoffmangel, verstopfte Ventile oder durchgescheuerte Kabel – sie findet unterwegs für alles eine Lösung. Sei es ein Strumpfband, eine Hutnadel …« Berthas Spirit zahlt sich aus: Auf
Jahre der Häme folgen Wohlstand, Bewunderung und der Durchbruch der Marke mit dem Stern.

Sich etwas zu trauen, bedeutet immer auch, dass man sich etwas zutraut. Das geht besonders leicht, wenn man schon zu Hause von erfolgreichen, unabhängigen Persönlichkeiten umgeben ist. Wenn die Eltern anspruchsvolle Aufgaben übernehmen, Menschen führen, Projekte anschieben, Entscheidungen fällen, Banken überzeugen, nährt das die Gewissheit, dass man auch selbst Großes hinbekommt. Man erlebt ja
täglich mit, dass und wie es geht. Ebenso selbstverständlich ist es, nach Lösungen zu suchen, Unwägbarkeiten durch einen Plan B abzusichern, Ziele für sich anzustreben, die weniger Privilegierten als vermessen erscheinen, und Karrierevorstellungen klar zu formulieren.

Nachkömmlinge erfolgreicher Eltern können genau das. Anders als der Nachwuchs aus den mittleren Milieus fassen sie von Anfang an die besten Schulen und Universitäten für sich ins Auge, die höchsten Einkommen und die einflussreichsten Positionen im jeweiligen Berufsbereich. Nicht Schauspielerin, sondern Intendantin. Nicht Metzgerei-
Erbe, sondern Handwerkskammerpräsident. Nicht Rechtsanwältin, sondern Ministerialdirigentin. Genau so dachte auch John F. Kennedy: nicht Hinterbänkler, sondern Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Was befähigt die Kinder aus der Oberschicht dazu? Ganz einfach. Wer in eine erfolgreiche Familie hineingeboren wird, bekommt von klein auf die Gewissheit mit: Spitzenziele sind erreichbar.

Personalchefs finden übrigens keineswegs, dass Kinder aus betuchten Familien den Mund zu voll nehmen. Im Gegenteil. Entscheider bewerten es als außerordentlich positiv, wenn Bewerber sich zu Höherem berufen fühlen. Zu einem erfolgreichen Habitus gehört es, klar zu kommunizieren, was man kann und anstrebt. Diese Fähigkeit ist übrigens nicht erst beim Sprung an die Spitze gefragt. Auf jeder Ebene zahlt es sich aus, die eigenen Anliegen und Absichten zur Sprache zu bringen: »Mein Ziel ist es, mich zunehmend breit aufzustellen und sowohl das Marketing als auch den Vertrieb in verschiedenen Positionen mitzugestalten.« Nicht große Ziele lösen Irritation aus, sondern der offen geäußerte Kleinmut, ob man einer neuen Aufgabe gewachsen und
überhaupt schon so weit sei.

In den 1950er Jahren wurde die Informatikprofessorin Susan Eggers mit dem Satz groß: »Kleine Mädchen sieht man, aber man hört sie nicht.« 2018 nimmt sie als erste Frau einen der angesehensten Preise für Computerarchitektur in Empfang. In ihrer
Annahmerede erzählt sie von einem frühen Meilenstein ihrer Karriere: Als Studentin in Berkeley durfte sie zusammen mit ein paar Kommilitonen mit dem Turing-Award-Preisträger und IBM-Forscher John Cocke zu Mittag essen. Natürlich wollte Cocke
wissen, woran die Studierenden arbeiteten. Der erste Student murmelte: »Ich mache Betriebssystementwicklung.« Der zweite sekundierte: »Ich auch.« Eggers ging die Sache anders an: »Ich sagte etwas wie: ›An diesem Problem arbeite ich. Das ist mein
Lösungsansatz. Und das unterscheidet meine Lösung von der der anderen.‹« Cocke war so beeindruckt, dass Eggers über Jahre hinweg von IBM mit Stipendien und Forschungsgeldern unterstützt wurde.

 

Noblesse oblige: Sich großzügig zeigen

Von der Oberschicht heißt es, sie wolle kein Lob. Schließlich sei es in gehobenen Kreisen selbstverständlich, dass der Geschmack untadelig, die Einladungen erlesen und die Leistungen überragend seien. Wer Gelungenes dennoch anerkennt, gäbe sich nach dieser Logik als ein Mensch zu erkennen, der keine Ahnung hat, wie man der Topliga taktvoll begegnet.

Heißt das also, auf dem Weg nach oben behält man Bewunderung besser für sich? Macht man sich am Ende unmöglich, einem Geschäftspartner ein Dankschreiben zu schicken für die Einladung zum Kabarett samt anschließender Weinprobe? Ist es wirklich unangemessen, einen Clubfreund zu seinem Vortrag zu beglückwünschen, weil sein Vermögen sicher um eine Null höher ist als das eigene? Es wäre traurig, wenn
es so wäre. Zurecht bezeichnet der äthiopische Prinz Asfa-Wossen AsseHabitus rate in seinem Bestseller Manieren die vermeintliche Unvornehmheit des Lobens als Abtötung des ungezwungenen Empfindens.

Eine Tücke wohnt dem Loben dennoch inne: Wer lobt, stellt sich mit dem, den er lobt, auf eine Stufe. Deshalb kann es auf den ersten Blick wirklich ein wenig seltsam wirken, wenn man einen Polyesterschal trägt und sich zugleich für das Kaschmirtuch einer finanziell viel besser gestellten Freundin begeistert. Unterschiede im Status oder
der Wirtschaftskraft verbieten uns aber nicht, unsere Anerkennung, Hochachtung und Bewunderung zu zeigen. Oscar Wilde hat wie für so viele gesellschaftliche Feinheiten auch für diese den passenden Leitsatz: »Komplimente sind wie Parfum. Sie dürfen duften, aber nie aufdringlich werden.« Wertschätzung braucht also ein bisschen Fingerspitzengefühl.

Davon abgesehen aber gilt: Egal, wo Sie gesellschaftlich stehen, seien Sie nicht kleinlich! Denn eine großzügige Haltung verfehlt ihre Wirkung nie. Jeder, wirklich
jeder Mensch freut sich, wenn seine Anstrengungen, seine Leistungen, seine Entscheidungen und ja, auch sein Geschmack und seine Statussymbole Anklang finden. Wenn jemand ein rauschendes Fest gibt, einen besonderen Wein aufmacht, einen begehrten Preis errungen hat oder einem irgendwie im Leben weiterhilft, ist das der Rede wert. Es verdient Respekt und Bewunderung, auch dann, wenn der andere ohnehin jeden Luxus genießt und seine Leistung schon lange nicht mehr unter Beweis stellen muss.

Die Größe anderer anzuerkennen, erst recht, wenn es ihnen ohnehin viel besser geht, fordert dem Ego einiges ab. Natürlich wären die meisten von uns gern selbst am erfolgreichsten, beliebtesten, kreativsten, was auch immer. Stattdessen verlangt der gute Stil, sich darüber zu freuen, dass anderen genau das zufliegt, was bei einem selbst auf sich warten lässt. Neidische Menschen lösen das Dilemma auf und reden sich ein, dass sie die Errungenschaften anderer nicht einmal geschenkt haben
wollten. Den aufreibenden Job. Den umweltschädlichen Diesel-SUV.  Den Ehrenpreis, von dem man sich eh nichts kaufen kann. Stopp. Wer so denkt und redet, macht sich selbst zum Kleingeist. Aus dem Vollen zu schöpfen hingegen adelt, selbst wenn man weniger gut gestellt ist als andere. »Großzügigkeit ist mehr zu geben als man kann, und Stolz ist, weniger zu nehmen, als man braucht«, philosophierte der libanesisch-
amerikanische Maler und Dichter Khalil Gibran.

Eine anrührende Geschichte dazu findet sich auf der Plattform Karrierebibel.de: Zu jener Zeit, als Eiscreme noch ein paar Cents kostete, kam ein kleiner Junge in einen Coffee Shop. »Was kostet bei Ihnen ein Milcheis?«, fragte er. »25 Cent«, sagte die Kellnerin. Der Junge kramte ein paar Münzen aus der Tasche und zählte. »Und wie viel kostet ein Wassereis?« – »20 Cent! Also was jetzt?« Der Junge rechnete noch einmal. Dann bestellte er das Wassereis. Eis und Rechnung kamen, der Junge aß, legte alle seine Münzen auf den Tisch und ging. Als die Serviererin später abräumte, sah
sie die Rechnung, die Münzen und schluckte: Auf dem Tisch lagen 25 Cent. Der Junge hatte auf das Milcheis verzichtet, damit die Kellnerin ihr Trinkgeld bekam.

Den Habitus der Großzügigkeit kann sich jeder leisten. Zumal Großzügigkeit viele Facetten hat. Großzügig ist, wer anderen Glauben, Zeit oder Interesse schenkt. Großzügig ist, wenn man den Brotkorb herumreicht und sich erst danach selbst bedient. Großzügig ist, wer nicht auf sein Recht pocht. Großzügig ist, wenn jemand kleine Fehler übergeht, als wären sie nie passiert. Großzügig ist, wer sich nicht auf fremde Kosten
profiliert, obwohl sich die Möglichkeit bietet. Großzügig ist, wenn man sich selbst eine Blödheit verzeihen kann. Großzügig ist aber auch, wer lieber in großen Linien denkt als in engen Bahnen. Das fängt, so paradox es klingt, mit Kleinigkeiten an.

Ein Geschäftsessen in einem Frankfurter Edelrestaurant. Zwei Deutsche und ein Amerikaner fachsimpeln über Golf, den großartigsten Platz, den sensationellen Ein-Putt, das letzte Turnier.  Der eine Gastgeber hat sich in diesem Jahr auf Handicap 20,8 vorgearbeitet, der andere liegt bei vergleichsweise neiderregenden 17,1. Der amerikanische Gast teilt auf Nachfrage mit: »Oh, Im just a bogey golfer.« Im Klartext: Er spielt typischerweise so um Handicap 18 herum. Also in etwa so gut oder schlecht wie die anderen auch. Er redet nur anders darüber.

Die deutschen Manager geben ihre Amateurleistung aufs Komma genau an. Der amerikanische Geschäftsgast äußert sich vager, lässiger. Genau deshalb erscheint er selbstbewusster, selbst wenn er möglicherweise nur ein eingelerntes Sprachmuster abspult. Denn ja, Großzügigkeit lässt sich mit stereotypen Floskeln und guten Manieren vortrefflich faken. Im Idealfall steht allerdings mehr dahinter als eine statusförderliche Attitüde. Als mentale Stärke entspringt Großzügigkeit einem Bewusstsein von Fülle und Überfluss – und der täglich gepflegten Gewohnheit, kleinliche Gefühle in großmütige Gesten zu verwandeln. Nach und nach bildet sich ein Habitus heraus, der sich am Ideal des noblesse oblige orientiert: Eine hohe gesellschaftliche Stellung verpflichtet – und zwar zu Verhaltensweisen jenseits gemeiner Profit- und Profilierungsgier.

 

Irgendwas ist immer möglich: Die Wirkkraft eines dynamischen Selbstbilds

Geht es um Oper, ein neues Smart-Home-Produkt, moderne Kunst oder vegane Küche, hört man oft den Satz: Damit kann ich nichts anfangen. Oder: Für mich ist das nichts. Oder sogar: Wer braucht das denn? Meistens klingen solche Äußerungen ein bisschen beleidigt, und die Umstehenden wechseln das Thema oder gehen über die Abfuhr hinweg. Es ist ja völlig in Ordnung, wenn jemandem Tschaikowsky nichts gibt, Cy Twombly nichts sagt und ein 25 Jahre alter Talisker nichts bedeutet. Schließlich wächst jeder mit unterschiedlichen Einflüssen und Werten auf, jeder bekommt von zu Hause aus einen anderen Habitus mit.

Bei aller Toleranz für andere Meinungen und Lebensweisen wissen und spüren wir aber genau: Nicht jeder Habitus zählt gleich viel. Nicht jeder Habitus ist die ideale Voraussetzung für den Sprung nach ganz oben. Er kann es aber werden. Denn:
Kein Habitus ist in Stein gemeißelt. Es sei denn, jemand hält rigide am einmal Gelernten fest. Und kann sich überhaupt nichts anderes vorstellen, als genauso zu sein und zu bleiben wie er schon immer war. Die US-amerikanische Psychologieprofessorin
Carol Dweck bezeichnet eine solche fixe mentale Grundeinstellung als statisches Selbstbild. Menschen, die davon geprägt sind, denken wie Kinder, die steif und fest überzeugt sind: Ich kann kein Mathe. Sie glauben, dass der Mensch mit bestimmten Fähigkeiten auf die Welt kommt und sich im Lauf des Lebens kaum verändert. Egal, was jemand heute tut, er wird morgen der gleiche Mensch sein wie heute: für Sprachen
begabt, ausgestattet mit zwei linken Händen, zu Weihnachten gibt es immer Fondue und im Urlaub ist es am schönsten auf Korsika. Diese konservative Haltung lässt sich in allen Bevölkerungsschichten beobachten, oben wie unten.

 

Ein statisches Selbstbild hat Vorteile. Das hat der Psychologe Satoshi Kanazawa erforscht: Zwar stellte er bei Menschen, die eisern die von der Familie übernommene Grundorientierung bewahren, einen im Durchschnitt etwas niedrigeren Intelligenzquotienten fest als bei Menschen, die auch unerprobte Wege wagen. Dafür gehen Bewahrer aber zufriedener durchs Leben, kümmern sich mehr um Familie und Freunde und verdienen mehr Geld. Es hat also seine Berechtigung, beim eingelernten Habitus zu bleiben. Oder wie der Wiener Journalist Erich Kocina schreibt: Es muss nicht jeder Pippi Langstrumpf sein. Die Annikas und Tommys sind genauso wichtig. Schon allein deshalb, weil es Pippis nur dann geben kann, »wenn genügend Annikas den Laden inzwischen am Laufen halten«.

Menschen mit einem statischen Selbstbild kommen in den besten Kreisen vor. Tradition und Konvention sind nämlich ein sicherer Weg, Besitzstände zu wahren. Will jemand allerdings erst nach oben kommen, bringt ein dynamisches Selbstbild mehr Aufwind. Moderner ist es obendrein: Der Anteil der Traditionsbewahrer in der Bevölkerung
nimmt laufend ab. Vor allem die jüngeren Generationen setzen auf Lernen, Selbstoptimierung, Veränderung und das Überwinden von Grenzen. Ihr Selbstbild fußt auf dem Glauben: Das Ich ist verbesserlich. Was wir heute erleben, lesen, hören und für uns tun, beeinflusst, wer wir morgen sind.

 

Alles, was uns auf Dauer umgibt, prägt unser Wesen. Mit jeder interessanten
Begegnung, jeder Reise, jedem Podcast, selbst jedem gegangenen Schritt bauen wir neues kulturelles, soziales, fachliches oder physisches Kapital auf. Zwar ist der Einfluss jeder einzelnen Erfahrung nicht sonderlich groß, zumal der Habitus träge ist und gut Ding daher Weile braucht. Doch auf lange Sicht kommt einiges zusammen, und Millimeterschritte schaukeln sich gegenseitig hoch.

Wenn Sie bei jeder beruflichen Veranstaltung den Kontakt zu Menschen suchen, die Sie noch nicht oder nicht sehr gut kennen, erweitert sich Ihr berufliches Netz messbar.

Wenn Sie auf Babbel oder Duolingo jeden Tag nur sechs Vokabeln einer neuen Sprache lernen, haben Sie nach einem Jahr den gesamten Grundwortschatz verinnerlicht.

Wenn Sie täglich drei Euro weniger ausgeben, haben Sie nach einem Jahr 3000 Euro und nach 10 Jahren 30.000 Euro gespart, Anlageeffekte nicht mitgerechnet.

Wenn Sie sich jedes Wochenende auf Google Arts durch die Archive der Museen klicken, verleiben Sie sich nicht nur den Kanon ein. In winzigen Schritten erwerben Sie Kunstsinnigkeit.

Wenn Sie jedes Mal das Brustbein heben, wenn Sie durch eine Tür Psychologisches Kapital: Wie man die Dinge anpackt gehen, prägt sich die Bewegung ein. Ihre Haltung wird auf Dauer höher und souveräner.

Kein Selbstbild ist zu einhundert Prozent statisch oder zu einhundert Prozent dynamisch. Jeder von uns hat eine Mischung aus beidem im Gepäck. Wenn wir allerdings den Habitus signifikant verändern wollen, bringt uns eine dynamische Sichtweise schneller ans Ziel. Denn ein Growth Mindset, wie das dynamische Selbstbild auf Englisch heißt, ist wie eine angelehnte Tür: Wir müssen zwar erst noch hindurchgehen, wissen aber, im Prinzip steht uns der Weg hinaus ins Freie offen.

Ohne die mentale Stärke seiner Autorin hätte es die Harry-Potter-Serie nie gegeben. Während der erste Band entstand, verlor Joanne Rowling ihre Mutter, schlitterte in eine überstürzte Ehe, fand sich als alleinerziehende Mutter wieder und lebte von Arbeitslosenhilfe. Irgendwann hatte sie die ersten drei Kapitel trotz aller Widrigkeiten geschafft. Sie sandte das Manuskript an zwölf Verlage und erntete Absagen. Zu viele Adverben, zu altmodisch, zu unverkäuflich … Schließlich verlegte Bloomsbury das Buch, allerdings nicht ohne den Hinweis: Rowling solle sich einen festen Job suchen, mit Kinderbüchern würde sie kaum Geld verdienen. Rowling ignorierte den Rat, feilte weiter an Themen, Charakterisierung und Stil und wurde zur ersten Autorin, die mit ihren Büchern Milliarden einnimmt. Inzwischen arbeitet sie unter dem Pseudonym Robert Galbraith am vierten Band ihrer nächsten Buchserie.

 

Menschen mit einem dynamischen Selbstbild glauben, dass Erfolg auf Entschlossenheit und harter Arbeit fußt. Diese Weltsicht ermöglicht Wachstum und Entwicklung. Ein fixes statisches Selbstbild ist im Vergleich dazu limitierend. Es hält uns genau dort fest, wo wir schon immer waren. Ist jemand arriviert und am Ziel seiner Wünsche angelangt,
macht die Kontinuität Sinn. Sich auf seinen Lorbeeren aus zuruhen und allenfalls inkrementelle Veränderungen anzustreben, fühlt sich komfortabel an und sichert oft, wenn auch nicht immer, den Status quo.

Hat man noch mehr vor, gehört ein Growth Mindset dagegen zu den wichtigsten Voraussetzungen, damit der Sprung nach oben gelingt. Die größten Persönlichkeiten pflegen den Habitus des Wachsens übrigens sogar noch dann, wenn sie den Olymp des Erfolgs längst erreicht haben.
»Perfektion ist ein bewegliches Ziel«, sagt der vierfache Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton. »Man wird älter – und definiert sie neu. Man wird klüger, wieder eine neue Definition. Und am Ende lässt die Kraft nach, ich vermute, dass man dann noch einmal anders auf ›Perfektion‹ blickt. Dann ist es perfekt, wenn man noch einigermaßen Sport treiben kann.«

 

Das Ego kontrollieren: Warum Anstand nicht von gestern ist

Sommer 2018. In Deutschland sitzt einer der Hauptakteure des Diesel-Skandals in Untersuchungshaft. Die reichsten 0,01 Prozent der Bevölkerung schleusen 30 Prozent ihrer Steuern an den Steuerbehörden vorbei. Im Weißen Haus reißt Donald Trump moralische Hemmschwellen. Im Silicon Valley erleben die Mitarbeiter von Unternehmer-
Legenden wie Jeff Bezos Bespitzelungen, Nervenzusammenbrüche, vernichtende Kritik und darwinistische Auslese.10 In New York steht ein ehemaliger Hollywood-Mogul wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung vor Gericht.

Zeitgleich veröffentlicht die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young eine Studie über regelwidriges Verhalten im Unternehmensalltag, die allen Ethikstandards der Unternehmen Hohn spottet: 23 Prozent der deutschen Manager sagen von sich, dass sie für das eigene berufliche Fortkommen unethisch handeln würden. Zum Vergleich: Im Durchschnitt aller westeuropäischen Länder bekennen sich dazu nur 14 Prozent. Besonders aufschlussreich: Jeder zehnte Manager Psychologisches Kapital:

 

in Deutschland würde die Unternehmensführung falsch informieren, wenn es dem eigenen Fortkommen und Einkommen dient. Deutschland belegt in diesem Punkt nach der Türkei Platz 2 in der Korruptionsskala unter 30 befragten europäischen Ländern. Es darf spekuliert werden, ob deutsche Führungkräfte ehrlicher über robuste Geschäftspraktiken Auskunft geben als Führungskräfte aus anderen Nationen. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass auch für Nationen gilt, was für Einzelpersonen nachgewiesen ist: Erfolg steigt zu Kopf und erhöht die Bereitschaft, sich seine eigenen Regeln aufzustellen.

In einem TED-Talk mit dem Titel Macht Geld gemein? erzählt der Psychologieprofessor
Paul Piff von der University of California, wie er das Verhalten von 152 Autofahrern am Zebrastreifen getestet hat. Sein Ergebnis bestätigt alle Vorurteile: Fahrer von Kleinwagen hielten ohne Ausnahme an wie es sich gehört. Autofahrer in Wagen der Oberklasse bremsten dagegen seltener für Fußgänger und nahmen an Kreuzungen
anderen Fahrzeugen viermal so oft die Vorfahrt. Die Gründe für das regelwidrige Verhalten sind vielfältig: Das Anspruchsdenken ist oben ausgeprägter, das direkte Erreichen von Zielen tief in die Psyche eingeprägt, die Angst vor Sanktionen gering. Geld und gute Anwälte biegen vieles gerade. Zudem machen sich sehr erfolgreiche Menschen im Vergleich zur Mittelschicht weniger Gedanken, was andere von ihnen
denken.

 

Mit dem Wohlstand steigt deshalb auch die Neigung, Regeln und Normen nicht ganz so ernst zu nehmen. Selbst sehen sich die Eliten natürlich ganz anders: Keine Führungskraft, die nicht die Begriffe Authentizität und Empathie im Munde führt. Kein Gesellschaftsclub, der nicht auf sein besonderes soziales Engagement verweist. Keine Hochschule, die nicht die Verantwortung für Gesellschaft und Wissenschaft im Profil stehen hat. Keine Aktionärsversammlung, die ohne Worte wie Transparenz, Vertrauenswürdigkeit und Gemeinwohl auskommt.

 

Bei Kunden, Mitarbeitern und Stakeholdern kommen die hehren Worte gut an. Insbesondere die obere Mittelschicht definiert sich über Achtsamkeit und Weltverbesserung, Fair Trade, Gendering und Inklusion. Sie schätzt es, wenn Wirtschaft sich ethisch und ehrlich gibt. Lippenbekenntnisse und spektakuläre Einmalaktionen allerdings werden entlarvt. Als Elon Musk im Sommer 2018 zur Rettung der eingeschlossenen Kinder in der Tham-Luang-Höhle ein Mini-U-Boot nach Thailand
schickte, reagierten die sozialen Medien verstimmt: Allzu offensichtlich nutzte der Tesla-Gründer das Höhlen-Drama für die Eigen-PR. Nur wer Humanität und Fürsorge lebt, wird als anständig wahrgenommen.

 

Die Chefin des Maschinenbau-, Laser- und Softwareunternehmens Trumpf Nicola Leibinger-Kammüller gilt als Vorzeigeunternehmerin. Von daheim wurde ihr mitgegeben, Führungsfähigkeit sei zuvorderst eine Frage der Haltung. Heute leitet sie das Familienunternehmen nach genau diesen Werten. Als nach der Lehmannkrise der Maschinenbau einbrach, musste die Belegschaft auf Kurzarbeit gesetzt werden. Die Familie schoss damals 75 Millionen aus dem Eigenkapital hinzu. Gleichzeitig strich Leibinger-Kammüller ihren Kindern den Familienurlaub: »Das war ein symbolischer Akt. Wir wollten als Familie zeigen, dass wir zur Firma stehen.«

Keine Frage: Ambition braucht Aggression. Alphatier zu werden und zu bleiben, geht nicht im Wollwaschgang. Ehrgeiz und Hartnäckigkeit dürfen aber nicht gleichbedeutend mit Egomanie, Narzissmus oder psychopathologischen Verhaltensmustern sein. Erfolg geht auch mit Formgefühl und Freundlichkeit. Was das konkret bedeutet, sagt der
Wirtschaftsvordenker Reinhard K. Sprenger, der sich mit Anstand in Unternehmen beschäftigt: »Man muss seine Rolle kennen, den Affekt beherrschen, die Leidenschaften zügeln. Dazu ist Distanz erforderlich. Distanz zu sich selbst, zu seinen Launen, Reflexen, seinem Ärger.« Wichtig ist eben nicht nur, was unten rauskommt.

 

Jedenfalls dann nicht, wenn man sich einen »vornehmen Habitus« wünscht. Menschen mit Haltung und Anstand stellen eigenes Handeln infrage, lassen auch mal andere gelten, akzeptieren, dass es selten nur die eine richtige Lösung gibt. In anderen Worten: Sie stellen ihr Ego hintan. Diesen Habitus erwirbt man nicht durch Reden und spektakuläre Aktionen. Er erwächst aus dem täglichen Tun und fängt mit Kleinigkeiten
an. Zuhören, obwohl es mühsam ist. Kritik gesichtswahrend formulieren, auch wenn man schreien könnte. Clickworker fair bezahlen, obgleich es anders profitabler wäre.
Zugegeben: Neben dem Erfolg auch die Umstände zu sehen, unter denen er zustande kommt, kann persönlich ziemlich fordernd sein. Es ist aber kein sozialromantisches Projekt. Eine vernünftige Kombination aus Ehrgeiz, Ethik und Shareholder-Denken zahlt sich auch betriebswirtschaftlich aus.

 

2017 hat das Wirtschaftsmagazin Harvard Business Review in seinem jährlichen CEO-Ranking den Spanier Pablo Isla zum leistungsstärksten Unternehmenschef der Welt gekürt. Isla leitet seit 2005 Inditex, den Mutterkonzern von Modelabels wie Zara und
Massimo Dutti. Seit er CEO ist, stieg das Unternehmen zum wertvollsten spanischen Unternehmen auf. Islas Managementstil gilt als leise und partnerschaftlich. Er meidet das Rampenlicht, lehnt Ego-Spiele ab und holt die Geschäftsführer seiner Stores fast
ausschließlich aus dem eigenen Unternehmen: »Was unser Unternehmen stark macht, ist die Kombination von uns allen, nicht nur einer einzelnen Person. Und wir versuchen als Unternehmen sehr zurückhaltend, sehr bescheiden zu sein, natürlich sehr ehrgeizig,
aber auf eine bescheidene Art.«

 

Produktiv mit Druck umgehen: Scheitern lernen, Krone richten

Kürzlich bei einer Bergwanderung in den Allgäuer Alpen. Der Pfad schlängelt sich eng am Hang, der Weg ist rutschig. Ein Vater und zwei Kinder überholen in flottem Tempo, alle drei perfekt ausgestattet. Plötzlich rutscht die kleine Tochter aus, fängt sich gerade noch, findet an einem dürren Baumstamm Halt, neben ihr fällt der Almhang ab. Nicht
direkt gefährlich, aber doch ganz schön steil. Um ihre Mundwinkel zuckt es. »Macht nichts«, sagt der Vater. »Alles okay bei dir?« Das Mädchen nickt. Er reicht ihr die Hand. »Super Reaktion, Lilly. Weiter geht’s. In einer Viertelstunde kommt die Hütte.« Eine Minute später sind die drei um die Wegbiegung verschwunden.

 

Vielleicht finden Sie die Reaktion des Vaters hart. Er hätte auch eine Pause anbieten können, pusten, trösten, Riegel auspacken, das volle Programm … Stattdessen macht er weiter, als wäre nichts passiert. Was ja auch der Fall ist. Die Töchter lernen aus der Reaktion: Ein Ausrutscher ist kein Beinbruch und erfordert daher auch kein Drama. Auf der Hütte ist der kurze Schreck vermutlich schon vergessen. Doch die Gleichmütigkeit, die der Vater vorlebt, prägt den Habitus, der wiederum bestimmt, wie die Töchter der nächsten kleinen oder größeren Krise begegnen.

 

Aufstehen, durchatmen, weitermachen. Ob englische Upper Class, amerikanische Ostküsten-Aristokratie oder preußischer Adel – eine gewisse Abhärtung gehörte in der elitären Erziehung von jeher dazu. In den zugigen Herrenhäusern der Eliteinternate wurde der Nachwuchs darauf getrimmt, dass Bildung nicht nur aus Fachwissen besteht. Mindestens genauso wichtig war Charakterstärke: Sportsgeist, Selbstdisziplin, Belastbarkeit, Nehmerqualitäten. Sport bei Wind und Wetter,strenge Regeln, spartanische Kost, dazu die Zumutungen von Altgriechisch und Latein lehrten die künftige Elite, sich zusammenzunehmen und Widrigkeiten stoisch auszuhalten. Die harte Schule formte einen Habitus, der die Widerstandskraft stärkt und auch dann trägt, wenn Vermögen, Schloss und/oder Firma verloren gehen.

 

Das schrieb die frühere Zeit-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff (1909–2002) in ihrer Biografie Ostpreußische Erinnerungen: »Die nächsten drei Klassen bis zum Abitur absolvierte ich dann in Potsdam; … wohnte bei einer bekannten Familie und ging in eine Jungensschule, wo ich das einzige Mädchen in der Klasse war. Früh lernte ich also die Wechselfälle des Lebens kennen und mich in die jeweiligen Gegebenheiten zu schicken.«17 Im Januar 1945 verließ sie das ostpreußische Familiengut vor der vorrückenden Roten Armee. Auf dem Ritt nach Westfalen legte sie über tausend
Kilometer zurück.

Schlechte Zeiten, Verluste, Kränkungen, Durststrecken, Stress: Wenn wir unter Druck stehen, brauchen wir ein anderes Repertoire von Fähigkeiten als wenn das Leben nach unserer Pfeife tanzt. Dazu gehört es zum Beispiel, harte Urteile auszuhalten, Fehler einzuräumen, von Wunschträumen Abschied zu nehmen und nicht zu verbittern. Zum Teil helfen uns dabei die Gene. Eines von ihnen ist das Gen 5-HTT. Es reguliert den Transport des Glückshormons Serotonin im Gehirn und tritt in einer kurzen und einer langen Variante auf. Wer die lange Version in sich trägt, hat mehr Botenstoffe zur Verfügung, die ihm helfen, mit Belastungen gut klarzukommen.

 

Doch auch wer mit einem weniger robusten Nervenkostüm zur Welt kommt, kann seine psychische Stabilität stärken. Denn: Resilienz ist Übungssache. Jedes Mal, wenn wir uns einer schwierigen Situation stellen, machen wir wertvolle Lernerfahrungen. Ob im schier nicht endenwollenden Stau, beim Durchhänger in einem Wettkampf, nach der zwölften Absage oder bei einer beunruhigenden Diagnose, Widrigkeiten können uns lehren, ruhig zu reagieren, nicht zu explodieren, das Unvermeidbare zu akzeptieren, das Gute im Schlechten wahrzunehmen, Hilfe zu akzeptieren und nach Lösungen und
Alternativen zu suchen.

 

»In der Krise beweist sich der Charakter«, sagte einmal Altkanzler Helmut Schmidt. Ein hochvermögender Unternehmer benennt das Gleiche direkter: »Eine Party zu machen, wenn die Bude da riesig Geld verdient, das kann jeder, aber Haltung zu bewahren,
wenn es mal schlecht läuft, und zu sagen: ›Los, Leute, war zwar scheiße, aber wir gehen erstmal eine Runde essen und sprechen mal darüber‹, das finde ich cooler. Und das immer wieder hinzukriegen, also dazu muss man sich auch zwingen.«

Der Psychologe Andreas Utsch identifizierte die Handlungsorientierung nach Misserfolgserlebnissen als eine der wichtigsten Gemeinsamkeiten erfolgreicher Menschen: Während weniger Erfolgreiche nach einem Rückschlag grübeln und vielleicht sogar hadern, können Menschen mit einer hohen Handlungsorientierung Schlappen schnell abhaken und sich neuen Zielen zuwenden.19 Die mentale Fähigkeit dazu hat ihnen keine gute Fee in die Wiege gelegt, und die wenigsten Menschen halten
in Krisen einfach deshalb den Kopf über Wasser, weil ihnen einleuchtet: »Wenn Plan A nicht funktioniert, keine Panik, das Alphabet hat noch 25 weitere Buchstaben.« Wenn man schwierige Situationen mit mehr Würde als andere bewältigt, dann weil man seine innere Widerstandskraft ebenso systematisch trainiert wie Bauch, Beine, Po.

2015 ist der Mann von Facebook-COO Sheryl Sandberg tot im Fitnessstudio zusammengebrochen. Ein Jahr später gab sie den Absolventen der Universität Berkeley mit auf den Weg: »Ihr seid nicht mit einer fest definierten Menge von Resilienz geboren. Ihr könnt sie wie einen Muskel aufbauen und dann davon zehren, wenn ihr sie braucht. In diesem Prozess findet ihr heraus, wer ihr wirklich seid – und werdet dabei womöglich die beste Version eurer selbst.«

Am besten lernt man schon als Kind, wie das Überwinden von Schwierigkeiten
geht. Vor allem zartbesaitete Kinder profitieren von einer Erziehung, in der sie Erfahrungen selbst machen und Probleme selbstständig lösen dürfen – auch wenn dabei mal nicht Harmonie im Sandkasten und Vollständigkeit im Schulranzen herrscht. Zurückweisung auszuhalten oder Fehler auszubügeln, ist nicht angenehm. Dafür macht es stark und (katastrophen-)sicher, wenn man lernt, sich selbst zu helfen, auch
wenn man an Grenzen stößt oder etwas versemmelt hat.

 

Kinder brauchen für diese Erfahrung keine verwöhnenden, alles-besser-könnenden Helikoptereltern, sondern entspannte Begleiter, die vermitteln: Es gehört zu einer starken Persönlichkeit dazu, gelegentlich Anstrengung, Frustration und Unpässlichkeiten auszuhalten und aus Widrigkeiten das Beste zu machen. Ohne die Fähigkeit, Schwierigkeiten wegzustecken, gestaltet es sich nämlich schwierig, kalkulierte Risiken einzugehen. Ohne Risikobereitschaft aber sind große Erfolge kaum denkbar. Oder wie Kanadas Eishockey-Legende Wayne Gretzky sagt: »Wenn Du nicht schießt, triffst Du zu 100 Prozent daneben.«

Interessanterweise finden sich ein ausgesprochen hohes Maß an Resilienz häufig bei Menschen ganz oben und Menschen weit unten. Ganz oben sind Nehmerqualitäten das Ergebnis des emotionalen Drucks, seinen Platz innerhalb einer sehr erfolgreichen Familie zu finden und zu behaupten. Ganz unten resultieren sie aus dem Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Die Mitte kennt solche Härten weniger. Wer sich weder an der Spitze halten noch ums Überleben kämpfen muss, verlässt die eigenen Komfortzonen nur, wenn ihm Höheres vorschwebt. Bei allen anderen überwiegt das Gefühl: Man hat, was man braucht. Jedenfalls, so lange es gelingt, pannenfrei im Mainstream mitzuschwimmen. Aus diesen Lebensbedingungen resultiert ein eher abwägender, Risiken vermeidender Habitus. Die Vorsicht verhindert Bruchlandungen und Peinlichkeit – raubt aber auch die Möglichkeit, Chancen wahrzunehmen und an Krisen zu wachsen.

Abhärtung oder Abschirmung? Dieser Frage ging die amerikanische
Soziologin Annette Lareau nach. In einer Studie über den Erziehungsstil von Arbeiter- und Akademikereltern stellte sie fest: Arbeiterkinder bleiben mehr als Akademikerkinder sich selbst überlassen, »dürfen« mehr und bewegen sich freier. Akademikereltern  gehen im Vergleich dazu Erziehung als Managementaufgabe an und haben Sicherheit und Zukunftschancen ihrer Kinder fest im Blick. Beide Erziehungsstile haben sowohl Vor- als auch Nachteile: Akademikerkinder schneiden in der Schule besser ab. Andererseits beklagen sie sich häufiger über Langeweile und erwarten, dass ihre Probleme von den Eltern gelöst werden. Arbeiterkinder leisten schulisch weniger, wissen sich aber bei Widrigkeiten oft besser zu helfen und wachsen zu resilienteren Menschen heran.

 

Jenseits des Ego: Der Lebenswerk-Gedanke

Sie haben häufig drei und mehr Kinder, sitzen in Beiräten und Kuratorien, schreiben gern Chroniken, spenden für soziale Ziele und wenn sie eine Regatta segeln oder per Rad zur Alpentour starten, dann fließen die Startgelder an benachteiligte Jugendliche, krebskranke Menschen oder den örtlichen Hospizverein. Wer hat, der hat, könnte man einwenden, doch so simpel ist es nicht. Gewiss ist der Familiensinn der Oberschicht
ebenso wenig ausschließlich dem Gemeinwohl verpflichtet wie ihr gesellschaftlicher Einsatz. Nur um Eitelkeit, Selbstdarstellung und Status geht es aber auch nicht. Eher könnte man von einer Win-Win-Situation für Ego und Gesellschaft sprechen: Die oberen Schichten setzen ihren Wohlstand und ihre Visionen dafür ein, dem Leben einen tieferen Sinn zu geben und sich einen würdevollen Abgang zu sichern.

 

Die Lebenszeit ist begrenzt, also bewegt man etwas, was Bestand hat, über den Tag und die eigene Existenz hinaus. Psychologen nennen die Fähigkeit Gene rativität – abgeleitet vom lateinischen generare = erzeugen, hervorbringen. Die Geigerin Anne-Sophie Mutter hat im Rahmen ihrer humanitären Projekte zwei Waisenhäuser in Rumänien umgebaut. Sie nehme das Musizieren sehr ernst, sagt sie, doch die Waisenhäuser in Orlát und Victoria werden ihr zunehmend wichtiger: »Und sie sind auch das, was ich für am sinnvollsten erachte. Es zählt das, was man hinterlässt.«

Was bleibt? Wie werde ich erinnert? Was will ich weitergeben? In etablierten
Kreisen stellt man sich diese Fragen nicht erst kurz vor dem Renteneintritt.
Gesellschaftliches und generationsübergreifendes Handeln werden von Anfang an erfahren: der Weihnachtsschmuck der Großmutter, die Wiege, in der seit drei Generationen alle Babys der Familie schlummern, Spendenaktionen und Wohltätigkeitsveranstaltungen, die zum Jahresablauf gehören wie Skiferien und Ostern, das Gymnasium, in dem schon die Tanten und Onkel die Schulbank drückten.

 

Wer in eine angesehene Mehr-Generationen-Familie hineingeboren ist, erlebt den
Geist der Generativität schon als Kind: Die Älteren geben Familiennamen, Familientraditionen und Familienerbe an die Jüngeren weiter und etwas von ihrem
Reichtum an die Gesellschaft zurück. Ob alteingesessene Apothekerfamilie oder Unternehmerdynastie in der dritten Generation – jung und alt fühlt sich als Teil einer anhaltenden Geschichte, die über mehrere Generationen verläuft.

Anders als in der Mitte der Gesellschaft, wo sich Erfolg vor allem über individuelles Können und eigene Leistung vollzieht, ist der Habitus ganz oben von einem starken  Standesbewusstsein geprägt. Eine sehr angesehene, weitverzweigte Familie macht häufig von Kindheit an sehr stolz. Status und Vermögen werden als einem zustehend begriffen, obwohl man als Sohn oder Tochter kaum einen Finger dafür gerührt hat. »Was viele Millionäre verbindet,« beobachtet der Wirtschaftsjournalist Christian
Rickens, »ist ihr ausgeprägtes Selbst- und Sendungsbewusstsein: Alle glauben, dass sie ihr Geld zurecht besitzen, selbst wenn sie es nur geerbt haben. Die Reichen sehen sich selbst als überdurchschnittlich verantwortungsvolle und leistungsbereite Stützen der Gesellschaft.«

In einem Punkt sind sich allerdings alle Schichten ähnlich: Kinder und Enkel vermitteln ein Gefühl von Unsterblichkeit. Unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten wachsen Mütter und Väter, Großmütter und Großväter über das eigene Ego hinaus und geben etwas von dem weiter, was sie selbst in früheren Jahren erhalten haben. Der Psychologe Heiko Ernst hat sich in seinem Buch Weitergeben! mit dem Thema
beschäftigt und resümiert: »Das ist keineswegs reiner Altruismus. Wer hilft, die Welt auf eine gute Zukunft zuzusteuern, schöpft daraus auch für sich selbst Sinn.«

 

Gelebte Generativität verbindet also beides: Gemeinwohl und Eigenwohl. Wenn man so will, macht sie das Leben reicher – und den Abschied davon leichter. In der Elite hat Generativität aber noch eine zweite, weitgehend unbekannte Bedeutung: Familie und humanitäre Aktivitäten dienen als Distinktionsmerkmal und Auslesekriterium. Unausgesprochen erfordert eine Führungsposition im Vorstand oder Verwaltungsrat eine vorzeigbare Partnerschaft, Familienleben, ein sichtbares ehrenamtliches
Engagement und möglichst auch eine gute Herkunft. Fehlen diese informellen
Voraussetzungen, lässt sich die gläserne Decke sehr viel schwerer durchbrechen. In einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wird eine Führungspersönlichkeit mit der Einschätzung zitiert: »Wenn Sie nicht verheiratet sind, fehlt Ihnen einfach ein Stück in Ihrer Vita. Da können Sie nach Hause gehen, da ist Feierabend.« Wenigstens verheiratet gewesen sollte man sein, und am
besten ein bis vier Kinder haben.

 

Fazit: Für den Sprung an die Spitze ist Generativität eine heimliche Vorbedingung. Nur wer schon oben ist, ermisst ihre signifikante Rolle. Generativität trägt aber nicht nur gesellschaftliches Ansehen ein. Sie beeinflusst auch das Lebensglück. Der Psychoanalytiker Erik Erikson hat sie in seiner Theorie der Lebensstadien als die »zentrale psychische Entwicklungsaufgabe im mittleren Erwachsenenalter« definiert.
Nur wer mithelfe, den Boden für die nächste Generation zu bereiten, dessen Leben vollziehe sich auf sinnvolle und erfüllende Art. Erikson meinte mit generativ sein primär: Kinder zu bekommen und zu erziehen. Heute verbucht die Psychologie alle Verhaltensweisen als generativ, die über die eigene Existenz hinausweisen. Generativ ist demnach nicht nur, wer neues Leben hervorbringt. Sondern auch, wer seine Erfahrung und Kontakte für andere Menschen einsetzt, Wissen weitergibt, Werte
vorlebt, Verantwortung übernimmt, Umwelt und Ressourcen für nachfolgende
Generationen erhält oder etwas schafft, was die Welt über den Tag hinaus bereichert: ein Unternehmen, einen Garten, eine Stiftung, einen Film, einen Algorithmus, eine Kunstsammlung, eine Entdeckung.

 

Im hohen Alter schließlich bedeutet Generativität zu akzeptieren, dass es ohne Hilfsmittel und Hilfe nicht mehr geht und sich die Rollen zwischen Eltern und Kindern immer weiter verkehren. Das Leben in Hinblick auf die eigene Sterblichkeit sinnhafter zu führen, das ist es, was ein Lebenswerk ausmacht. Natürlich geht das in besonders großem Stil, wenn man Anne-Sophie Mutter, Steffi Graf oder Bill Gates heißt. Wie überdurchschnittlich viele reiche Menschen bringen sie in ihre Stiftungen und Hilfsprojekte große Vermögen ein, fördern sie über Ländergrenzen hinweg und mobilisieren Unterstützung für ihre Ziele. Doch Generativität geht auch ein paar Nummern kleiner: Jeder hat Möglichkeiten, sich durch Beiträge zu einer lebenswerten
(Nach-)Welt auszuzeichnen und mit dem guten Gefühl belohnt zu leben: Spuren zu hinterlassen.

 

So setzen Sie zum Sprung nach oben an: Vervollkommnen Sie Ihre Persönlichkeit

In Hemingways Kurzgeschichte Schnee am Kilimandscharo erinnert sich der Erzähler Harry Street an einen Journalisten, der einen Artikel mit dem Satz begonnen hatte: »Die Reichen sind anders als Sie und ich.« Woraufhin irgendein Witzbold anmerkte: »Ja, sie haben mehr Geld.« Das stimmt natürlich. Aber es ist nur die halbe Wahrheit. Der Habitus vermögender Menschen ist auch davon geprägt, dass sie ein anderes
Mindset in sich tragen: Selfmade-Millionäre und Erben eint ein ausgeprägtes Überlegenheitsgefühl. Sind sie in ein gehobenes Milieu hineingeboren, bringen sie von Haus aus ein hohes Maß an Erfolgsgewissheit mit. Je besser es einer Familie geht, desto souveräner fühlt sich auch der Nachwuchs. Kreativität wird gefördert und kann sich frei entfalten. Gute Beziehungen und finanzielle Polster ermöglichen Experimente
und puffern Rückschläge ab. Selbst wenn etwas nicht so klappt, erleben
die Kinder: Irgendeine Lösung findet sich immer.

 

Etwas vom psychologischen Kapital der Oberschicht lässt sich auch entwickeln, wenn man nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren ist. Man muss nur wissen, worauf es zu achten gilt.

 

1 Never let them see you sweat.

Statushohe Menschen verleihen nicht jedem Gefühl Ausdruck. Zum Streben nach Distinktion gehört es, dass man Launen, Ängste und Abneigungen für sich behält. Indem man jederzeit die Form wahrt, schützt man Beziehungen und hebt sich positiv ab. Am besten üben Sie in allen Lebenslagen Gleichmut ein: Denken Sie sich Ihren Teil, aber unterdrücken Sie Ausrufe des Erstaunens oder der Verärgerung, filtern Sie Misstimmungen wie Neid, Ekel oder Ängstlichkeit, gehen Sie über Fauxpas hinweg, beherrschen Sie Mimik und Körpersprache. Wichtig: Ein gefasstes Verhalten erfordert ständiges Training. Nur so entgehen Sie der Gefahr, unter Stress in überwunden geglaubte Gewohnheiten
zurückzufallen.

2 Never explain, never complain.

So schwer es fällt: Stecken Sie Rückschläge weg. Halten Sie sich nicht mit Schuldzuweisungen auf. Zum Habitus der Eliten gehört es, sich von Schlappen nicht
erschüttern zu lassen. Niederlagen sind dazu da, um etwas beim nächsten Mal besser zu machen. Apple-Gründer Steve Jobs wurde diesem Anspruch auf beispielhafte Weise gerecht. In seiner legendären Stanford-Rede erzählte er, wie er vom eigenen Unternehmen gefeuert wurde – von einem Manager, den er selbst angeheuert hatte. »Ich war raus. Und das ziemlich öffentlichkeitswirksam.«

Sie wissen, wie die Geschichte weitergeht: Jobs hakte die Niederlage ab, baute Apple zur Kultmarke auf und krempelte mit dem iPhone, Psychologisches Kapital: Wie man die Dinge anpackt dem iPad und iTunes das Leben von Hunderten von Millionen von
Menschen um.

 

3. Vermögende gelten als wesentlich offener für neue Erfahrungen,
wissbegieriger und toleranter als Ärmere.

Woran sich das konkret zeigt, hat der Reichenforscher Thomas C. Corley in einer
Fünf-Jahres-Studie über die Lesegewohnheiten reicher und armer Menschen untersucht. Als »reich« definiert Corley Menschen, die über ein Vermögen von gut 3 Millionen US-Dollar verfügen. Von ihnen lesen 88 Prozent mehr als 30 Minuten am Tag, vorzugsweise Fach- und Sachbücher und Biografien über große Persönlichkeiten.
Ärmere lesen im Vergleich sehr viel weniger und falls doch, dann hauptsächlich, um sich zu unterhalten und abzulenken. Warren Buffet, einer der reichsten Menschen der Welt, sagt von sich, er verbringe 80 Prozent seiner Zeit mit Lesen: Handbücher,
Business-Literatur, Bücher über Investment. Studenten der Columbia University empfahl er, es ihm nachzutun: »Lesen Sie jeden Tag 500 Seiten wie diese. So entsteht Wissen. Es baut sich auf wie Zinseszins. Sie alle haben die Möglichkeit dazu, aber ich
garantiere Ihnen, nicht viele von Ihnen werden sie nutzen.«

4. Menschen mit niedrigerem sozialem Status warten auf den glücklichen
Zufall, die nächste Beförderung, die große Liebe, den Lottogewinn.

Menschen mit hohem Status arbeiten dagegen auf klar definierte berufliche, familiäre und gesundheitliche Ziele hin. Von den von Corley befragten Reichen verfolgten 70 Prozent mindestens ein großes Ziel im Jahr, bei den Ärmeren waren es nur 3 Prozent. Auch der Self-Made-Multimillionär Steve Siebold hält Zielorientierung für einen entscheidenden Erfolgsfaktor: »Die Reichen sind finanziell erfolgreicher, weil sie einem Aktionsplan folgen, nicht weil sie intelligenter sind. Sie warten nicht darauf, dass ihr Schiff in den Hafen einläuft. Sie bauen sich ihr eigenes Schiff.«

5. Menschen aus einfacheren Verhältnissen lassen sich mehr als
andere von der Masse leiten.

Bessergestellte denken und handeln weniger konform. Mit diesem Unterschied beschäftigt sich die Managementprofessorin Nicole Stephens von der Kellogg School of
Management. Ihre Studien zeigen: High-School-Abgänger finden es gut, das gleiche Auto zu kaufen, das auch die Nachbarn fahren. Uniabsolventen weisen die gleiche Idee von sich. Das Verhalten setzt sich bei großen Entscheidungen fort: Wohlhabende heben sich vom Mainstream ab. Sie folgen nicht den Trends, sie setzen sie.

6 Nicht nur Spitzenjobs, sogar Ausbildungsplätze werden danach
besetzt, ob jemand Unternehmergeist zeigt.

Ganz offen sagt das Marion Dedora, Personalchefin der Mayr-Melnhof Gruppe, dem
weltweit größten Hersteller für Recyclingkarton: »Unsere künftigen Lehrlinge müssen schon mit einem Gefühl für Verantwortung groß geworden sein. Nicht wir bringen ihnen das bei, es muss schon im Elternhaus gelebte Realität gewesen sein.« Im Klartext: Auch Mitarbeiter sind gefordert, unternehmerisch zu denken: Über den Tellerrand der eigenen Abteilung zu schauen. Die Kosten im Blick zu behalten. Märkte, Trends und Mitbewerber zu kennen. Oder schlicht zu sehen, was eine Kundin braucht. Auch wenn man nicht für sie zuständig ist.

7 Entwickeln Sie sich weiter und weiter.

Für Melinda Gates gibt es auch ganz oben keinen Grund, sich auf den erworbenen Lorbeeren auszuruhen: »Seit ein paar Jahren suchen meine Freunde und ich uns ein Wort des Jahres als Leitstern für die folgenden zwölf Monate aus. Mir hilft diese Methode mehr als der übliche Neujahrsvorsatz, denn statt mir radikale Änderungen abzuverlangen, wirkt sie auf meine Denkweise ein. Im letzten Januar habe ich mir das Wort ›gentle‹ auserkoren und das Jahr damit verbracht, mit dieser Vorstellung im Kopf zu leben – behutsamer mit Menschen umzugehen und auch behutsamer mit mir selbst.«

»Wer tut, was er liebt, hat den größten Erfolg«

Die einen fangen ganz unten an. Die anderen starten von Haus aus auf der Erfolgsspur. Wie geht man mit so ungleichen Ausgangsbedingungen um? Und zeigt mit Selbstvertrauen die eigenen Stärken? Ein Gespräch mit der Diplom-Psychologin und
Bestseller-Autorin Eva Wlodarek. Doris Märtin: Frau Wlodarek, aufsteigen und gesellschaftlich vorankommen möchten viele. Doch wer sich auf den Weg nach oben
macht, gilt schnell als abgehoben und unzufrieden. Eva Wlodarek: Ja, leider äußert sich die Umgebung häufig abwertend im Sinne von: »Der (die) hält sich wohl für etwas Besseres« oder »Er (sie) ist offenbar von Ehrgeiz zerfressen«.

Das kommt am ehesten von Menschen, die selbst wenig Ambitionen zeigen. Und ihre Einschätzung ist meist falsch. Dem Wunsch nach Weiterkommen liegt nämlich keine undankbare, sondern eine kreative Unzufriedenheit zugrunde. Zu wachsen ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis, dem wir uns nicht verweigern sollten. Indem wir unsere einzigartigen Interessen verfolgen und uns bemühen, unsere Herzenswünsche
zu erfüllen, entfalten wir unser Potenzial. Bei dem Wunsch nach einem reicheren, erfüllteren Leben handelt es sich keineswegs um Überheblichkeit – im Gegenteil, für unsere Entwicklung ist die Sehnsucht weiterzukommen eine Notwendigkeit. Deshalb ist es wichtig, sich gegen ungerechte negative Zuschreibungen abzugrenzen. Dabei hilft die Frage: Wer äußert die Kritik? Welches Motiv steckt dahinter?

Wer aufsteigen will, entfernt sich kognitiv und kulturell von seiner Herkunft. Häufig bedeutet das eine Entfremdung. Andere fühlen sich abgehängt … Wir sind soziale Wesen, Zugehörigkeit spielt für uns eine große Rolle. Die erste und tiefste Verbindung, die wir erfahren, ist die zur Familie und zu alten Freunden, mit beiden wachsen wir auf. Jede Gruppe – eben auch diese – hat ihre eigenen Werte, Überzeugungen und Verhaltensweisen.

Entfernen wir uns innerlich und äußerlich davon, verlieren wir das Vertrauen oder die Zustimmung der Mitglieder. Das macht den betroffenen Menschen zunächst einsam. Hier muss er die Balance finden: Sich nicht verbiegen, nur um doch noch dazuzugehören, und sich gleichzeitig nicht endgültig abwenden, denn schließlich
handelt es sich um die eigenen Wurzeln. Ein radikaler Bruch sollte möglichst nur erfolgen, wenn Unverständnis, Neid oder Minderwertigkeitsgefühle der anderen am Fortkommen hindern. Ein Indikator dafür ist, wie traurig, deprimiert oder wütend man sich nach einer Begegnung mit ihnen fühlt.

Die Kinder sehr statushoher Eltern sind oft von dem Gefühl getragen, erwählt zu sein. Was löst das psychologisch aus, was weniger Privilegierte so nicht haben? Töchter und Söhne berühmter, reicher oder anderweitig elitärer Eltern wachsen in dem Bewusstsein auf, etwas Besonderes zu sein. Das muss ihnen nicht einmal verbal vermittelt werden. In der Verhaltenspsychologie spricht man vom »Lernen am Modell«. Wer schon als Kind ständig sieht, wie seine Eltern hofiert werden, erwartet ebenfalls, bevorzugt behandelt zu werden. Heißt das, Erfolgsgewissheit wird weitergegeben?

 

Weitergegeben werden die mit der sozialen Zugehörigkeit verbundenen Chancen, etwa finanzielle Unterstützung und beste Kontakte. Auch die Erziehung ist ein Bonus, man kennt die Codes und benutzt sie selbstbewusst. Dieser Habitus ist eine gute Grundlage, aber keine Garantie für Erfolg. Eine große Rolle für Vorankommen und Einkommen
spielen Persönlichkeitsmerkmale, etwa wie engagiert man ist, wie viel soziale Intelligenz man im Umgang mit anderen zeigt und wie hartnäckig man seine Ziele verfolgt.

Kann es für die Persönlichkeitsbildung auch von Nachteil sein, wenn
man aus einer sehr erfolgreichen Familie stammt? Die Kinder erfolgreicher Eltern stehen enorm unter Druck, weil sie an deren Fähigkeiten gemessen werden. Das gilt vor allem, wenn sie den gleichen Beruf ergreifen, aber auch generell in puncto Erfolg.
Die Ansprüche kommen sowohl aus der Familie als auch von außen. Das kann zu Versagensängsten führen. Zudem hat der Nachwuchs meist nicht gelernt, sich durchzubeißen, weil ihm alle Möglichkeiten auf dem Silbertablett serviert werden.
Und der Nachwuchs aus Normalfamilien? Kindern aus einem normalen Milieu wird nichts oder jedenfalls weniger geschenkt. Wer aufsteigen will, muss Risikofreude, Disziplin und Durchhaltevermögen entwickeln, Niederlagen wegstecken. Das ist
zwar wesentlich anstrengender, schult aber den Charakter und ist ein gutes Training für soliden Erfolg.

Bildungsaufsteiger berichten immer wieder von dem Gefühl, nicht genügen zu können. Trotz hoher fachlicher Leistungen quält sie die Angst, als Hochstapler aufzufliegen.
Dafür gibt es sogar einen Fachausdruck, »Impostor-Syndrom«, Hochstapler-Syndrom: Die eigene Leistung wird unterschätzt, Erfolg wird günstigen äußeren Umständen zugeschoben. Die Ursachen dafür liegen meist in Kindheit und Jugend, denn dort entsteht grundlegendes Selbstvertrauen. Dagegen hilft, sich immer wieder die eigenen
Fähigkeiten bewusst zu machen. Dazu kann man ganz konkret eine Liste anlegen, was man alles schon erreicht und geleistet hat. Ebenso sollte man das Lob von anderen ernst nehmen und nicht abwiegeln: »Ach, da habe ich bloß Glück gehabt« oder »Ich war halt zur richtigen Zeit am richtigen Ort.« Last but not least ist es sinnvoll, sich wie
ein Mantra vorzusagen: »Die anderen kochen auch nur mit Wasser.« Genau das ist nämlich der Fall!

 

Je weiter jemand beruflich nach oben kommt, desto mehr zählt der Habitus. Wie besteht man gegen Konkurrenten, die von Haus aus den »richtigen« Stallgeruch mitbringen? Es ist durchaus wichtig, den Habitus der Gruppe zu beherrschen, zu
der man gehören möchte. Wie man sich benimmt, kleidet, spricht, welche Themen und Hobbys angesagt sind. Das lässt sich durch Beobachten von Vorbildern und gezieltes Coaching erreichen. Aber man sollte nie versuchen, übertrieben mithalten zu wollen, sondern authentisch bleiben und seine Herkunft nicht verleugnen. Ich erinnere mich an eine hochkarätige Podiumsdiskussion, auf der ein erfolgreicher Verleger zwischen lauter Akademikern saß und selbstbewusst zugab, dass er kein Studium absolviert hat. Das beeindruckte mehr, als wenn er mit den Teilnehmern intellektuell konkurriert
hätte.

 

Welches psychologische Gepäck hilft beim Sprung nach weiter oben? An erster Stelle sollte nicht der Wunsch nach Geld, Macht oder Prestige stehen, sondern die Leidenschaft für eine Aufgabe. Wer tut, was er wirklich liebt, hat den größten Erfolg, weil er alles gibt, was in seinen Möglichkeiten steht. Dann muss der Wunsch hinzukommen, sich der Gruppe anzuschließen, die auf dem eigenen Gebiet bereits
erfolgreich ist. Dazu gehört, deren Habitus zu erlernen und mutig den Kontakt aufzunehmen. Doch Dabeisein ist nicht alles – dann wäre man am Ende vielleicht nur ein Emporkömmling. Diesen Eindruck möchte gewiss niemand erwecken

 

Deshalb ist es wichtig, weiterhin die eigenen Werte zu leben, dankbar und empathisch zu bleiben, jedem Menschen mit Respekt zu begegnen. Oben zu sein bedeutet auch die Verpflichtung, weiterzugeben, was man hat, sei es Geld, Wissen oder Unterstützung. Wer das beherzigt, gehört nicht nur zur äußeren, sondern auch zur inneren Elite.

 

Drei Menschen, die für Sie Elite sind? Mein Auswahlkriterium: Diejenigen müssen auf ihrem Gebiet etwas Bedeutendes für die Gesellschaft leisten. In der Kunst ist das für mich der Maler Gerhard Richter. In der Mode der kreative Karl Lagerfeld. In der Finanzwelt schätze ich Christine Lagarde. Aber es gibt noch so viele andere Frauen und Männer, die man dazuzählen kann. Dr. phil. Eva Wlodarek ist Diplom-Psychologin mit langjähriger Praxis für Psychotherapie und Coaching in Hamburg. Sie ist eine gefragte Referentin mit Schwerpunkt Persönlichkeit und Kommunikation. Als Expertin vermittelt sie fundiertes Wissen in den Medien, u.a. 20 Jahre für die Zeitschrift Brigitte. Ihre Bücher zu den Themen Selbstvertrauen, Charisma, Einsamkeit und Lebenskunst sind Bestseller und wurden in 8 Sprachen
übersetzt. www.wlodarek.de

 

 

 

 

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