Exklusiv Davos 2019 (2): CNN-Moderatorin Julia Chatterley über Unternehmen wie Microsoft, Amazon und Blackstone, die Probleme rascher lösen als Regierungen

Exklusiv für den Management-Blog vom Weltwirschaftsgipfel (WEF) aus Davos von Julia Chatterley, CNN-Wirtschaftskorrespondentin und Anchor von „First Move“:  Wirtschaftslenker und Unternehmen – und nicht die Politiker – sind Schlüssel für Problemlösungen der Zukunft und Erschließung der Vierten Industriellen Revolution.

 

Julia Chatterley (Foto: CNN International)

 

Die Politik gerät ins Stocken – doch die Wirtschaft kann die Lücke schließen

Ein ernstzunehmendes Vakuum in der politischen Führung: Trump, May und Macron haben abgesagt

Die politischen Teilnehmer des diesjährigen Treffens in Davos fallen wie Dominosteine. Auf Donald Trumps Absage folgte die gesamte Delegation des Weißen Hauses, dann Theresa May und Emmanuel Macron – ganz zu schweigen von jenen, die sich erst gar nicht angemeldet hatten, etwa Xi Jinping oder Justin Trudeau.

Trumps Rückzug war ein Schritt, der Aufmerksamkeit erregte und hauptsächlich von der Innenpolitik beeinflusst wurde. Aber seine Absage reflektiert auch ein breiteres Thema: ein Vakuum in der politischen Führung auf der ganzen Welt, das zunehmend größer wird.

 

Die Politik heute: Im Netz der Unzufriedenheit

Fragmentiert, gespalten, gelähmt, kurzsichtig, ineffektiv, instabil, dogmatisch: die Politik im Jahr 2019 fühlt sich an, als sei sie im Netz der Unzufriedenheit gefangen. Amerikaner sehen zu, wie ihre Führer sich weigern, inmitten eines lähmenden Shutdowns zusammenzuarbeiten; Briten blicken staunend auf die Unfähigkeit ihrer Regierung, einen entscheidenden Schritt in Sachen Brexit zu wagen – die Politik spiegelt geteilte Nationen wider.

 

WEF in Davos (Foto: CNN International)

 

Kaum Zeit, um über die Zukunft nachzudenken

In Europa zeigen Wahlschocks von Deutschland bis Schweden, dass die politische Rechte zunehmend an Bedeutung gewinnt. In Frankreich sieht sich Präsident Macron mit wütenden Protesten gegen seine Wirtschaftsreformen konfrontiert. Auch die Schwellenländer sind nicht immun. Brasiliens Wachstum wurde durch nagende politische Unruhen untergraben, während China mit einem verlangsamten Wachstum konfrontiert wird und sich einen Krieg der Worte und Zölle mit den Vereinigten Staaten liefert.

 

Die Vierte Industrielle Revolution

Die Delegierten, die dieses Jahr für das Weltwirtschaftsforum in die Schweizer Berge reisen, werden erneut aufgefordert, sich mit den Auswirkungen einer Vierten Industriellen Revolution zu befassen – einem Konzept, das von WEF-Gründer Klaus Schwab vorgestellt wurde. Neben grenzenlosen Möglichkeiten warnt der Davoser Pionier vor einer möglichen Krise durch schnell aufkommende neue Technologien. Wenn die politischen Entscheidungsträger jedoch nur den Luxus der Zeit hätten, sich auch damit zu befassen. Im Moment scheint es in der Welt nur wenige Führungspersönlichkeiten zu geben, die in der Lage sind, über die Zukunft nachzudenken. Sie sind nämlich von Herausforderungen überfordert, die heute ihre Aufmerksamkeit erfordern.

 

Wirtschaftslenker als Philantropen?

Stattdessen reagiert die Wirtschaftselite auf die Aufforderung zum Handeln – viele von ihnen werden diese Woche in Davos anwesend sein. Ihre Bemühungen gehen in die richtige Richtung, denn 2018 war ein herausragendes Jahr was philanthropische Aktivitäten betrifft. Von der Gesundheitsversorgung bis zur Bildung, von Investitionen in künstliche Intelligenz bis hin zur Verteidigung der freien Presse und Anhebung des Mindestlohns: Unternehmen tätigten Investitionen, um echte Veränderungen zu bewirken.

Um den CFO von Morgan Stanley diese Woche zu zitieren, mag das vierte Quartal zwar ein „chaotisches Ende“ gehabt haben. Der Wert von Unternehmen wie Apple, Google und Amazon übersteigt jedoch immer noch den ganzer Nationen. Der Reichtum von Jeff Bezos allein ist vergleichbar mit Ländern wie Marokko, der Ukraine oder Kuwait. Und im Gegensatz zu Regierungen können diese Unternehmen und Einzelpersonen schnell handeln.

 

Unternehmen sind schneller als Regierungen: Microsoft, Amazon Blackstone

So hat Microsoft diese Woche eine Summe von 500 Millionen Dollar zugesagt, um die Krise rund um bezahlbare Wohnungen in Seattle anzugehen. Ende letzten Jahres erhöhte Amazon, ein Unternehmen, das in den letzten Jahren zum Inbegriff für schlecht bezahlte und qualitativ schlechte Arbeit geworden war, seinen Mindestlohn in den USA und Großbritannien. Dadurch übt Amazon wiederum Druck aus auf andere, die dringend Arbeitskräfte benötigen, seinem Beispiel zu folgen. Stephen Schwarzman, CEO der Blackstone Group, spendete 350 Millionen Dollar, um beim Aufbau eines College für Datenverarbeitung und künstliche Intelligenz am MIT zu helfen. In Anbetracht der Herausforderung explodierender Gesundheitskosten haben die CEOs von Berkshire Hathaway, Amazon und JPM ihre Kräfte gebündelt, um das Problem anzugehen. Wie auch immer ihre Motive sein mögen – sie unternehmen zumindest etwas.

 

Die Werte rücken in den Vordergrund

Studien zeigen, dass Millennials Arbeitgeber suchen, die mit ihren persönlichen Werten im Einklang stehen. Große Unternehmen in den Vereinigten Staaten beziehen mittlerweile politische Stellungen zu Themen wie Waffenkontrolle und Polizeibrutalität bis hin zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Die Risiken, so haben Marken wie Nike entschieden, sind es wert. Sie kennen ihr Publikum und ihre Kunden. Als die Vereinigten Staaten ankündigten, dass sie sich aus den Pariser Klimaabkommen zurückziehen würden, waren sich Unternehmen wie Tesla, Disney und Goldman Sachs einig, dass sie den Schritt verurteilen und sich verpflichten, den Kampf gegen den Klimawandel fortzusetzen.

 

Sir Titus Salt als Vorbild

Sollten noch Zweifel bestehen, kann sich die globale Elite in Davos vielleicht von einer Persönlichkeit aus der ersten industriellen Revolution inspirieren lassen. Titus Salt, vor mehr als 200 Jahren in England geboren, baute ein riesiges Textilimperium auf. Im Bestreben, seine Mitarbeiter aus der Armut zu befreien und Zugang hinsichtlich Wohnraum, Bildung und Gesundheitsversorgung zu ermöglichen, verlegte er sein Unternehmen in ländliche Gebiete außerhalb der Stadt Bradford. Dort baute er Häuser, ein Krankenhaus, eine Bibliothek, eine Schule und andere Einrichtungen für die Arbeiter seiner riesigen Fabrik. Es war eine nachhaltige Lösung für die grundlegenden Probleme derjenigen, die geholfen hatten, seinen enormen Reichtum zu schaffen. Als Salt starb, säumten 100.000 Menschen die Straßen bei seiner Beerdigung. Die von ihm gebaute Stadt – Saltaire – steht bis heute.

 

Dank kollektiver Philanthropie: Unternehmen als Heilsbringer

Ein wesentlicher Nachteil der liberalen Demokratie besteht darin, dass notwendige, aber unpopuläre Maßnahmen nicht umgesetzt werden können. Ebenso hemmen Fristen und Wahlzyklen große Pläne und verhindern essentielle Veränderungen. Während Führungspersonen in den größten und beständigsten Demokratien der Welt in Stillstand und Konflikt geraten, liegt der Schlüssel zur Erschließung der Vierten Industriellen Revolution vielleicht nicht in den Nationalstaaten, sondern in ihren heutigen Pendants, den Unternehmen. Von der Sozialhilfe, über Bildung, Kinderbetreuung, Gleichberechtigung und Umwelt bis hin zur Gesundheitsversorgung: Eine kollektive Philanthropie, die ihre Kräfte auf praktische Lösungen für Probleme ausrichtet, kann für Energie, Optimismus und dringend benötigte Maßnahmen sorgen.

 

Der neue Blogger-Relevanz-Index 2018

 

 

 

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