Extrembergsteiger Thomas Bubendorfer warnt Manager: Lassen Sie das Marathonlaufen. Schlafen sie lieber mehr, sonst gibt´s keine tolle Leistung. Gastbeitrag

 

Das Geschäftsleben ist temporeich wie nie zuvor. Doch die allermeisten Manager glauben, sie seine die große Ausnahme, die mit ganz wenig Schlaf auskommt. Dabei: Für die Menschen ist richtige Erholung die Voraussetzung für Qualität, Kontinuität, Gesundheit und Wachstum. Gastbeitrag von Extremsportler Thomas Bubendorfer, 56, Bergsteiger und Buchautor.

Thomas Bubendorfer

 

Ohne Erholung keine Leistung

Wer von sich und anderen Leistung fordert, muss wissen: Leistung bedeutet immer auch Stress. Sportler wissen: Wer leistet, braucht danach Erholung. Wenn Phasen der Leistung aber keine entsprechenden Pausen und Erholungsphasen gegenüberstehen, dann sinkt die Leistungsfähigkeit. Der Mensch wird krank, er brennt aus. In der Wirtschaft ist das genauso wie im Sport. Allerdings wird diese Erkenntnis in der Wirtschaft kaum beachtet – und schon gar nicht methodisch genützt.

Die diversen sehr guten und meist sehr, sehr teuren Gesundheitschecks, die Unternehmen ihren führenden Mitarbeitern anbieten – teilweise kosten sie mehr als 6.000 Euro pro Untersuchung und pro Person -, helfen da nicht. Sie sind ja nur einmalige Bestandsaufnahmen, die höchstens einmal im Jahr erfolgen – und keineswegs von allen absolviert werden. Vor allem geben sie dem Betroffenen keine methodischen Anleitungen: Etwa wie er mit seiner Energie umgehen und wie er seine Leistungsfähigkeit stärken soll.

 

Teurer Schlafmangel

Sie wollen Zahlen? Bitte sehr: Der Produktivitätsverlust wegen Schlafmangel kostet – makroökonomisch gesehen – die deutsche Volkswirtschaft 60 Milliarden Dollar, also 1,56 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt, sagen Studien. Hinter diesen Milliarden verstecken sich 13 Prozent höhere Sterblichkeit bei weniger Schlaf, Ausfälle durch Krankheiten, schlechte Konzentration und sinkende Entscheidungsqualität. In den USA ist das Bild noch düsterer, der Schlaf kommt dort noch mehr zu kurz: die Schadenssumme beträgt 411 Milliarden Dollar, was 2,28 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt ausmacht.

 

Die Hirnforschung hat gezeigt, dass Hirn und Muskel nach denselben Prinzipien funktionieren. Was für Leistungssportler selbstverständlich ist, sollte ebenso für Menschen gelten, die im Beruf nicht nur permanent auf geistige Leistung getrimmt sind. Sondern denen das Unternehmen und wirtschaftliche wie politische Rahmenbedingungen immer mehr abverlangen – die Stichworte sind Digitalisierung, Globalisierung, Rationalisierung, Change Management, Next-Level-Programme, politische Unsicherheiten undsoweiter.

 

Segen und Fluch – das Stresshormon Kortisol

Immer mehr Druck und Leistung, das bedeutet auf biologischer Ebene, dass der Körper ständig das Stresshormon Kortisol produziert. Es ist an und für sich nicht schlecht, denn es macht uns besonders leistungsfähig. Gesundheitsschädlich wird es nur dann, wenn es permanent in hoher Konzentration im Körper vorhanden ist. Dann kann es auf Dauer Entzündungen hervorrufen, dann verringert es die Qualität unseres Schlafes dramatisch. Der ist aber die Voraussetzung für unsere Erholungsfähigkeit. Und: Es verhindert das Ausschütten von Wachstumshormonen, die nur im Schlaf bei minimalem Kortisol-Niveau wirksam sind.

 

Das Herz denkt: es ist aktiver als das Hirn

Hirnforscher haben nachgewiesen, dass um das Herz mehr neuronale Aktivität beobachtet wird als im Hirn. Sie sagen, „das Herz denkt“, denn es sendet über den Vagus Nerv Informationen ans Hirn. Sind das Herz und das Vegetative Nervensystem belastet, bekommt das Hirn negative Signale und leistet weniger.

 

Wird andauernd Leistung erbracht ohne gezielte Maßnahmen zur Stärkung der Erholungsfähigkeit, wird der Schlaf kürzer und weniger erholsam, das Vegetative Nervensystem wird belastet. Dieses ist, einfach ausgedrückt, direkt mit dem Herz verbunden und besteht aus zwei Komponenten, den Gegenspielern Sympaticus und Parasympaticus. Der Sympaticus ist aktiv, während Leistung erbracht wird – egal ob geistige oder körperliche. Der Parasympaticus unterstützt die Regeneration.

 

Die beiden sollten halbwegs im Gleichgewicht sein und das kann man mit einem einfachen Test messen, denn beide erzeugen Strom. Annähernd 80 Prozent der Personen, die wir in unseren Seminaren testen, zeigen eine extrem starke Belastung des Parasympaticus. Das bedeutet: Diese Menschen können kaum mehr von ihrem Berufsalltag erholen und sicher nicht ihr ganzes Potential ausschöpfen. Sie haben Defizite in der Kooperation – Stichwort: Vertrauen in andere -und sie kaum die Energie, neue Wege zu gehen oder auf Veränderungen angemessen zu reagieren.

 

Schlaf ist der neue Sex

Zumindest in den USA hat sich mittlerweile herumgesprochen, was für eine unglaubliche, leistungsfördernde Ressource der Schlaf ist. Schlaf ist die Bedingung dafür, dass Leistung, ich wiederhole: geistige wie körperliche, langfristig überhaupt erbracht werden kann, ohne dass der Mensch krank wird.
Sieben bis neun Stunden Schlaf sind dafür die Voraussetzung. Nur ein Prozent der Menschheit sind eine genetische Ausnahme und kommen mit sechs und weniger Stunden Schlaf aus.

Allerdings schätze ich, dass sich mindestens 90 Prozent der Top-Manager für genetische Ausnahmen halten. Wer nicht regelmäßig sieben bis neun Stunden schläft,  kann sich nicht ausreichend erholen, der wird am nächsten Tagen ganz sicher nicht sein Potential ausschöpfen können und dessen Potential wird sich garantiert sukzessive verringern.

 

Wundermittel Abendspaziergang – lassen Sie lieber das Marathonlaufen

Die zweite Säule unserer Gesundheit, unserer Regenerationsfähigkeit und unserer Leistungsfähigkeit, ist Bewegung. Außer genügend Schlaf ist nur die mäßig intensive, intelligente Bewegung förderlich für die Erholungsfähigkeit und den Abbau des Kortisols  – also weder Marathonlaufe noch Mountainbiking noch High-Intensity-Fitness  Was dagegen definitiv hilft: ein Abendspaziergang.

 

Der Mensch hat einen Bewegungsapparat, keinen Sitzapparat

Bewegungsmangel macht nicht nur krank und dick. Er führt vor allem dazu, dass der Mensch nicht ausreichend Sauerstoff aufnehmen kann. Dann werden seine 100 Billionen Zellen nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt und befinden sich sozusagen in einem latenten Erstickungszustand. Das erzeugt natürlich ununterbrochen Stress im Körper, auch wenn man das erst in einem sehr späten Stadium merkt, und Stress erzeugt: Kortisol…

Ich kenne kein einziges Unternehmen in Deutschland, das methodisch die Sauerstoffaufnahmefähigkeit von Mitarbeitern misst, und schon gar keins, das systematisch gegen Bewegungsmangel vorgeht.

 

Unternehmen müssen Mitarbeiter ebenso pfleglich behandeln wie die Technik

Als Profibergsteiger empfehle ich: nützen Sie die Erkenntnisse der Hirnforschung, der Sportmedizin, der Evolutionsbiologie, der Schlafforschung und vieler anderer. Gehen Sie mit den Mitarbeitern,  „der wichtigsten Ressource des Unternehmens“, wie es immer so schön heißt, ebenso gewissenhaft um, wie Sie das mit Autos, Aufzügen, Computern, undsoweiter tun. Auch die werden regelmäßig von Profis gewartet.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Bubendorfer

https://salzburg.orf.at/news/stories/2828761/

 

 

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