Die Schule? Reine Zeitverschwendung. Daheim, in der Jugendherberge, die seine Eltern im bayerischen Miesbach betrieben, war es viel spannender. Mit ihrer Landwirtschaft mit 100 Schafen und Ziegen – und Feldarbeit. Für den 10-Jährigen Martin Hofer war all das viel schöner als die Schule.

Martin Hofer, Vorstand der Unternehmensberatung Wassermann AG
Und überhaupt habe er einen ganz verbogenen Lebenslauf, findet Martin Hofer. Dabei hat der heute 50-Jährige eine Maschinenbau-Lehre sowie ein Wirtschaftsingenieur-Studium absolviert und es zum Vorstandschef der Wassermann AG gebracht. Der Unternehmensberatung in München, die spezialisiert ist auf IT-Prozessberatung. Umsatz: 17 Millionen Euro mit 130 Mitarbeitern. Tendenz steigend. Von denen sind 90 Berater, die für Kunden wie Kuka, MAN, Deutz, Melitta, Boehringer Ingelheim oder MT Aerospace arbeiten. Wassermann sei ein Software-Haus mit Prozessberatung und als das eine ungewöhnliche Mischung, erzählt Hofer. Und dass es Standardsoftware mit individuellen Tools produziert.
Lehre Deine Leute die Sehnsucht nach dem weiten Meer
Seinen Wahlspruch hat er von dem Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry: Wenn Du willst, dass die Leute Schiffe bauen, lehre sie die Sehnsucht auf das weite Meer. Geschäftsführer ohne Passion und Unternehmer, die keine Überzeugungstäter sind, könnten eben auch nicht Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten bewegen.
Diese Sehnsucht nach dem weiten Meer hatte Hofer anfangs übrigens auch ganz praktisch: Sechs Monate fuhr er zur See auf der MS Europa – als Desk-Stewart wie TV-Star Sascha Hehn auf dem Traumschiff. Das war damals nach seiner Lehre, als er 18 Jahren alt war und vor seiner mittleren Reife stand. Fast hätte er die Fahrt nicht angetreten, doch seine Freundin – sie ist heute seine Frau – überredete ihn: „Wenn Du es immer machen wolltest, dann mach es jetzt,“ sagte sie und das zog.
„Brutales Zeitmanagement“ auf dem Schiff
An was er sich von der Tour heute noch erinnert? An das „brutale Zeitmanagement“: nur vier Stunden für den schönsten Strand der Welt, in St. Martin. Oder wie er sich mit den anderen Crew-Mitgliedern arrangieren musste, um die Pyramiden in Kairo überhaupt sehen zu können.
Zwölf Jahre später und mit fünf Jahren Industrieerfahrung beim Maschinenbauer Krones auf dem Buckel, kam Hofer mit 30 Jahren zu Wassermann. Und das trotz der arrogantesten Stellenanzeige, die ihm in seinem Leben begegnet sei. Wassermann suchte den Schnellsten und Schlauesten. „Ich sagte mir, das bin ich sicher nicht – aber was wollen die?“ Hofer bekam den Job – und extrem viele Freiheiten: Wer kann schon im zweiten Jahr bei einer Company sein eigenes Team einstellen? Im dritten Jahr – damals war er 33 – wurde er Partner und als die Firma dann 2002 verkauft wurde, bekam er den Vorstandsposten. Mit 36 Jahren.
Viel Freiheit und Entscheidungen dahin geben, wo die Arbeit gemacht wird
Der Spirit der Company sei, „viel Freiheit lassen und Entscheidungen dahin zu geben, wo die Arbeit gemacht wird“. Das ist eher ungewöhnlich, beobachten doch Arbeitsexperten, dass auf breiter Front der einzelne Mitarbeiter immer weniger Entscheidungsspielraum hat.
Erfahrung mit Krones hat Hofer als Chef geprägt, er setzt lieber auf den eigenen Menschenverstand als auf Standardlebensläufe: Etwa bei dem Kandidaten, der nach der Banklehre doch noch studiert und mit einer Gerade-noch-so-Note abgeschlossen hatte, „den fanden wir gut“. Wichtig sei es, dass sich ein Berater zwischen den Managern von IT, Logistik und Supply Chain behaupten und authentisch die Menschen überzeugen kann, sagt Hofer. Von den je 15-20 Werkstudenten würde anschließend jeder zweite bei ihnen bleiben, ohne Probezeit, aber dafür mit Dienstwagen.
In zwölf Monaten das Honorar wieder reinholen
Als Wassermann beim WirtschaftsWoche-Wettbewerb „Best of Consulting“ vor rund eineinhalb Jahren dann EY und KPMG von den Big Four mit einem Supply-Chain-Projekt überrunde, war Hofer so stolz, dass er zum Äußersten griff – er machte Handyfotos.
Genaue Nachfragen erschüttern Hofer so gar nicht – anders als die meisten Branchenkollegen: Wie lange es bei seinen Kunden dauert, bis sich das Investment in ein Wassermann-Beratungsprojekt bezahlt macht? Im Schnitt weniger als zwölf Monate, sagt Hofer. So lange dauert es, bis der Auftraggeber das Beratungshonorar wieder drin hat. Bis zum Return-on-Investment. „Unsere Projekte machen sich von selbst bezahlt“, sagt Hofer stolz. „Wir sind keine Strategieberater, im Gegenteil.“ Einer seiner älteste Kunden, ein österreichisches Maschinenbauunternehmen, hatte vor gut 15 Jahren rund 500 Mitarbeiter und heute sechsmal so viele.
Münchner Bewerber können aussuchen
Im IT-Kandidaten-Markt – und noch dazu in München – gehen die Uhren anders. Da müssen Unternehmen um die Kandidaten werben und nicht umgekehrt wie es sonst üblich ist. Bewerbungen erst mal liegen lassen? Das geht gar nicht. Wer in zwei Tagen keine Antwort erhält, ist weg, berichtet Hofer. Immerhin konkurriert Wassermann als Arbeitgeber mit den ganz großen Namen wie EY oder SAP. Stellt einer ihrer Mitarbeiter einen Kontakt zu einem Consultant her, der am Ende auch andockt, gibt es Prämien bis zu 5000 Euro. Und die wurden auch schon öfter ausgezahlt, versichert er.
Logisch, dass eine Mitarbeiterin auch schon mal jahrelang einen Hund ins Büro mitbrachte, ihren struppigen Pudel ohne Locken. Gleich zweimal mussten wegen dem Vierbeiner die Tapete in dessen Höhe neu geweisselt werden – aber das war egal, denn er sorgte für gute Büroatmosphäre. Und er begrüßte jeden Besucher freundlich.
Der beliebteste Arbeitsraum: Die britische Bibliothek
Um gute Arbeitsklima mühe man sich redlich, so Hofer. Wer häufig im Büro ist, hat einen festen Schreibtisch. Dem Unternehmen gehe es zum Glück so gut, dass sie sich große Flächen für die Mitarbeiter leisten können, sagt Hofer. Die Entwickler beispielsweise, die nie rausgehen, haben ihr eigenes Zimmer und ihre eigenen vier Wände. Daneben gibt´s die ach so modernen Sitz-Säcke- und Kreativ-Räume. Am beliebtesten sei aber ausgerechnet der Raum, der wie eine britische Bibliothek aussieht, das englische Büro. Und das besonders bei den eloquenten jungen Leuten, die ihre Projekte mit viel Elan machen.
Hat ein Unternehmen wenig Platz für Mitarbeiter, könnte die Zukunft ungewiss sein
Das ist wohl ohnehin ein Kriterium, an dem sich Bewerber orientieren können: Die Zukunft von Unternehmen, wo wenig Platz für die Mitarbeiter ist, könnte auf tönernen Füßen stehen.

Der beliebteste Arbeitsraum: Die britische Bibliothek
Bei unserem Lunch im „Pezzo“ in Düsseldorf erzählt Hofer von seiner Italien-Leidenschaft. Bestellt hat er sich einen Teller Orechiette-Nudeln mit Garnelen und es schmeckt ihm auch.
Bei seinem Espresso später nimmt es Hofer ganz genau. Einen doppelten Espresso bestellen? Undenkbar. Das sei keine Kaffeekultur. Espresso müsse immer klein sein. Lieber bestellt er erst einen – und vier Minuten später nochmal einen.

Orrechiette im „Pezzo“ in Düsseldorf

