Woydich in New Delhi (2): Ein Wirtschaftsstudent in Indien – Straßenmarkierungen interessieren keinen

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Tobias Woydich, 26, studiert Wirtschaftswissenschaften in Wuppertal, macht seinen Master und absolviert für drei Monate ein Auslandssemester am Management Development Institute (MDI) in Gurgaon, einer Satellitenstadt 20 Kilometer von New Delhi entfernt. Folge 2.

 

Nur unter Einsatz des eigenen Lebens: Straßen überqueren

Jetzt bin ich seit einer Woche in Indien und die Woche war durchwachsen. Irgendwie muss man hier alles neu lernen. Beispiel Straßenverkehr: Ein Zebrastreifen heißt keineswegs, dass irgendwann Autos anhalten, damit man über die Straße gehen kann..Stattdessen muss man – genauso wie an jeder anderen Stelle der Straße – unter lautem Gehupe und gefühltem Einsatz des eigenen Lebens über die staubigen Straßen hechten. Dass man schon mal geschlagene fünf Minuten zögert, bis man sich traut, ist für uns Neuankömmlinge völlig normal.

 

Haupteingang der Bibliothek an der Uni in Gurgaon

Haupteingang der Bibliothek an der Uni in Gurgaon

Die durchgehende Hitze ist anstrengend. Aber der Campus gleicht im Verhältnis zum sonstigen Treiben einer Urlaubsanlage. Auf den Straßen schlendern die Studenten herum, viele Bäume spenden Schatten und die schönen Blumenbeete an jeder Ecke lassen den Lärm auf der Straße schnell vergessen. Ein Ruhepol.

 

Feudale Vorlesungsräume

Die Vorlesungen sind für uns Austausch-Studenten – die anderen kommen aus Polen, Belgien, Frankreich, Dänemark, Marokko und Italien – nach deutschen Massstäben eher Seminare. Außer den Klausuren werden nämlich auch die Mitarbeit in Vorlesungen und Präsentationen bewertet, es ist also verschulter. Dafür gibt es hier statt Klappholzstühlen richtige Bürostühle – an die könnte ich mich gewöhnen.

 

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An die vielen Straßenhunde hier habe ich mich schnell gewöhnt. Hätte ich das nicht, könnte ich mich wahrscheinlich im Zimmer einsperren. Sie sind nämlich, zumindest außerhalb des Campus, quasi überall. Am liebsten an einem schattigen Platz, wo sie in Ruhe schlafen können. Für die Menschen interessieren sich die Hunde nicht. Nicht mal im dicksten Gewühl, als ich mit Dutzenden von Menschen an einem Kiosk um Kaffee anstand, ließen sich die Hunde stören. Der Kaffee kostet übrigens nur zehn Rupie, also 14 Cent.

 

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In den Bäumen vor dem Balkon unseres Zimmers wohnen übrigens mehrere grüne Papageien. Ganz ähnliche wie die Papageienkolonien in Köln oder Düsseldorf, nur deutlich größer. Und natürlich sind auf den Straßen Kühe.

 

Affen kennen Zebrastreifen

Die lustigste Tier-Begegnung hatte ich jedoch gleich am ersten Wochenende in New Delhi an einem Parkplatz in einer sehr ruhige Gegend, im Vorzeigeviertel zwischen dem Parlament und India Gate. Zehn Affen kamen von den Bäumen, beäugten uns misstrauisch und liefen dann in verschiedene Richtungen fort. Einer von ihnen war so schlau und wusste, wie er den Zebrastreifen richtig benutzt.

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Viel Geduld für den Internetzugang

Schon vor meiner Abfahrt wurde ich von allen Indien-Erfahrenen gewarnt, dass ich jede Menge Geduld mitbringen müsste. Das ist kein Problem, dachte ich – bis es zum Problem wurde. Für den Internetzugang an der Uni musste ich meine MAC-Adresse, eine Identifikationsnummer jedes Geräts, abliefern – doch beim Versuch, mich einzuloggen, wurde mir der Zugang immer verweigert. In sechs Tagen wurde ich insgesamt 15 mal im IT-Büro der Uni vorstellig und immer wurde mir versichert, man habe schon freigeschaltet und der Internetzugang werde in den nächsten Stunden funktionieren.

Hätte mir nicht ein freundlicher indischer Kommilitone geholfen, müsste ich vermutlich noch heute darauf warten: lustig war die Zeit ohne Internetzugang nicht, ohne wie gewohnt,  jederzeit mit jedem sprechen oder schreiben zu können.

 

Die Tuk-Tuks sind am schnellsten

Die drei günstigsten Verkehrsmittel sind die Metro, das Tuk-Tuk – offiziell: Autorikscha – und das Uber-Taxi, das tatsächlich deutlich günstiger als die normalen Taxis ist. Nach den indischen Bahnstationen ist die Metro eine echte Überraschung – viel sauberer als die Straßenbahnen deutscher Großstädte. Uber-Taxis fahren hier in New Delhi keine Privatleute, sondern richtige Taxis. Nur dass die Fahrer oft kaum Englisch sprechen. Man hält sich also am besten daran, was die App sagt.

 

Straßenmarkierungen interessieren niemand

Die Fahrt mit dem Tuk-Tuk ist die lustigste und aufregendste Alternative. Da es keine Wände und auch keine Gurte gibt, ist man mitten drin im dichten Straßenverkehr und bekommt das Chaos und den Lärm hautnah mit. Markierungen auf der Straße beachtet kein Mensch selbst für die Fahrtrichtung gibt es spontane Ausnahmen. Das wichtigste Bauteil ist ohnehin die Hupe, die die Inder eigentlich immer und für alles einsetzen. Dass die Tuk-Tuks auf ihren drei Rädern so schmal sind, ist ein Vorteil. Die Staus sind an der Tagesordnung und die Tuk-Tuks passen durch jede Lücke. Gerade bei kürzeren Strecken sind sie oft die schnellsten Gefährte.

 

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Fiel es es mir anfangs noch schwer, mit den Fahrern über den Preis zu verhandeln, so macht es mir mittlerweile Spaß. Sobald man am Straßenrand Interesse an einer Fahrt zeigt, bildet sich sofort eine ganze Traube von Fahrern. Und dann läuft es so: Die Fahrer forderten lautstark 100 Rupie und ich bot erstmal 50 Rupie. Nachdem ich mich mit einem von ihnen auf 70 Rupie geeinigt.habe, merkte ich dass es wohl ein guter Preis war: weil die anderen Fahrer meinen deshalb beschimpften.

 

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Reis kauft man hier im Supermarkt und zwar lose und aus diesen riesigen Kisten. Die Kunden füllen sich die vielen verschiedenen Sorten selbst in Tütchen ab und wiegen sie, um sie später an der Kasse zu bezahlen. Dort erlebte ich übrigens eine Überraschung: Eine Meter von der Kasse entfernt steht am Ausgang ein Wachmann, der bei jedem Kunden den Kassenzettel mit den eingepackten Waren abgleicht. Zum Glück hatte ich den Kassenzettel eingepackt, was ich in Deutschland nie mache.

 

 

 

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