Buchauszug aus Katrine Marçals „Machonomics“: Managerinnen tragen Hosenanzüge, aber Manager keine Blümchenkleider

Katrine Marçal ist Chefkolumnistin der schwedischen Zeitung „Aftonbladet“, lebt in London und schreibt über schwedische und internationale Politik, Ökonomie und Feminismus. In ihrem Buch beschreibt sie das Weltbild einer von Männern dominierten Macho-Ökonomie, das Frauen diskriminiert, weil sie nicht wie Männer sind. Hier ein Kapitel aus ihrem Buch:

Katrine Marçal © Anna-Lena Ahlström

Katrine Marçal                                                                        © Anna-Lena Ahlström

VIERZEHNTES KAPITEL

In dem wir die ungeahnte Tiefgründigkeit und die Ängste des ökonomischen Mannes kennenlernen

Im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert vollzog sich in den westlichen Ländern ein Sinneswandel, was das Verhältnis zwischen Mensch und Natur betraf. Das bis dato vorherrschende Weltbild, das den Menschen als Teil eines meist weiblichen, lebhaften und launenhaften Kosmos begriffen hatte, wich einer Vorstellung, in der die Männer zu autonomen, objektiven Betrachtern wurden, die die Natur eroberten. Die Natur, die zuvor lebendig, in Bewegung und organisch (bisweilen auf erschreckende Weise) gewesen war, war mit einem Mal passiv, tot und schließlich auch mechanisch.

Der Mann ist die Vernunft, die Frau das Gefühl

Der Mann wurde aus der Natur herausgelöst: Er war ein autonomes Individuum, das sich die Welt untertan machte. Die Frau war sein Gegenteil: Ihre Aufgabe war es, ihn an all das zu binden, was er hinter sich gelassen hatte – Abhängigkeit, Natur, Körper, Leben.

Er ist Vernunft, sie ist Gefühl. Er ist Bewusstsein, sie ist Körper. Er ist autonom, sie ist abhängig. Er ist aktiv, sie ist passiv. Er ist egoistisch, sie ist altruistisch. Er ist hart, sie ist weich. Er ist berechnend, sie ist unberechenbar. Er ist rational, sie ist irrational. Er ist isoliert, sie ist mit allem verbunden. Er ist Wissenschaft, sie ist Magie.

Männer erklären uns, es gebe Dinge, für die es sich zu sterben lohnt. Frauen erklären uns, es gebe Dinge, für die es sich zu leben lohnt.

Das ist die Rollenverteilung. Wie beim Standardtanzen. Und natürlich wäre es ganz wunderbar, wenn es nicht mehr wäre als – ein Tanz.

Im Grunde spielt es kaum eine Rolle, wie Frauen und Männer sich tatsächlich verhalten; eingefahrene Vorstellungen, denen wir mehr Beachtung als der Realität schenken, gibt es schließlich noch und nöcher.

Von der Frau wird erwartet, ihre Geschlechterrolle auszufüllen. Das gilt zwar auch für den Mann, aber nicht im selben Aus­maß.

Managerinnen tragen Hosenanzug, aber Geschäftsführer keine Blümchenkleider

Wenn es heißt, die Geschlechterrollen sollen aufgelöst werden, führt das eher selten dazu, dass Jungs plötzlich pinke Klamotten tragen oder Geschäftsführer sich in Blümchenkleider schmeißen, um «ernst genommen» zu werden. Das wäre ja lächerlich, sagen wir. Hingegen wird von einer Frau, die eine Führungsposition in der Wirtschaft bekleidet, durchaus erwartet, einen dunklen Hosenanzug zu tragen. Erscheint sie im Rüschenkleidchen oder Rock im Büro, werden die Kollegen hinter ihrem Rücken tuscheln. Es wird von ihr erwartet, sich neutral zu kleiden – also maskulin – und sich einer bereits existenten, auf den männlichen Körper zugeschnittenen Struktur anzupassen. Doch zu männlich darf sie auch nicht werden. Sie soll immer noch Frau bleiben – eine Frau, die subtil darauf hinweist, dass sie sich in einer Männerdomäne bewegt.

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„Machonics – Die Ökonomie und die Frauen“ von Katrine Marçal, Beck Verlag, Februar 2016, 206 Seiten, 16,95 Euro

http://www.chbeck.de/Maral-Machonomics/productview.aspx?product=15999332

Welch ein Drahtseilakt.

Wenn Jamie Oliver das Basilikum bezwingt

Um unsere Erwartungen an Männer ist es da ganz anders bestellt. Niemand verlangt von Jamie Oliver, sich einer weiblichen Genderrolle anzupassen, nur weil das Kochen traditionell von der Frau übernommen wurde. Im Gegenteil, der TV­-Koch Oliver verschafft sich Autorität, indem er seine geballte Männlichkeit zur Schau stellt. Jamie Oliver hackt kein Basilikum, Jamie Oliver stopft das Basilikum in ein Geschirrhandtuch, schleudert es mit voller Wucht gegen den Tisch, stöhnt und bezwingt das Kraut, besiegt es – um es endlich in den Kochtopf zu geben.

Eine Kita, die sich vornimmt, Geschlechterstereotypen entgegenzuwirken, wird sich gegen rosa Ballettkleidchen kleiner Mädchen aussprechen. Na na, wir werden doch wohl kein ste­ reotypes Kleidchen beim Turnen tragen? Doch nicht in einem so progressiven skandinavischen Wohlfahrtsstaat wie dem unseren! Bei uns sollen die Kinder zu freien Individuen erzogen werden, und das bedeutet, dass Mädchen nicht in rosa Tutus herumtollen, und zwar deswegen, weil sie das auf eine Geschlechterrolle reduzieren könnte, in der sie sich womöglich ganz und gar nicht wohlfühlen.

An die Kleidung der Jungs jedoch verschwendet dieselbe wohlmeinende Lehrerin keinen einzigen Gedanken. Ein rosa Tutu ist stereotyp, die nicht minder traditionelle Sportbekleidung der Jungs hingegen gilt als neutral.

Menschsein heißt Mann sein

Und als neutral wird das Männliche meistens bewertet. Es gehört zum Genderprofil.

Shakespeares Prinz Hamlet verkörpert eine sehr universale Frage: Sein oder Nichtsein. Und Sein heißt, wie er zu sein. Wir alle – auch Frauen – lernen, uns mit ihm zu identifizieren. Hamlets Grübelei wird zu einer genuin menschlichen Erfahrung. Der Mann ist die Norm, und Menschsein heißt Mann­ sein.

Ein Kind auszutragen, ist keine menschliche Erfahrung, sondern eine weibliche. So haben wir es gelernt. Zwischen der weiblichen und der allgemein menschlichen Erfahrung existiert eine scharfe Trennlinie. Niemand liest Schwangerschaftsbücher, um die menschliche Existenz zu ergründen. Da greifen wir lieber zu Shakespeare oder einem der großen Philosophen, die uns Geschichten davon erzählen, wie die Menschen wie Pilze aus dem Boden schossen, um augenblicklich Gesellschaftsverträge zu schließen.

Der Mann ist der Mensch

Nur die Frau hat ein Geschlecht. Der Mann ist menschlich. Nur eines der Geschlechter existiert. Das andere ist eine Variante, eine Spiegelung, eine Ergänzung.

In der Welt der Ökonomie sind wir also rationale, nutzenmaximierende und egoistische Wesen, besitzen also Eigenschaften, die traditionell eher dem Mann zugeschrieben wurden. Darum fassen wir sie als neutrale Eigenschaften auf. Sie sind geschlechtslos – weil der Mann niemals ein Geschlecht hatte. Es gibt nur ein Geschlecht: den ökonomischen Mann. Gleichwohl hat die Theorie stets vorausgesetzt, dass jemand anders für Fürsorge, Nächstenliebe und Abhängigkeit steht, auch wenn diese Dinge unsichtbar sind. Wer in der ökonomischen Erzählung eine Rolle spielen möchte, muss sein wie der ökonomische Mann. Zugleich basiert das, was wir Ökonomie nennen, auf einer anderen Erzählung. Auf allem, was ausgesperrt wird, damit der ökonomische Mann der sein kann, der er ist. Damit er sagen kann, es gebe keine Alternative.

Frauen können alles, was Männer können

Frauen sind genauso wertvoll wie Männer. Frauen ergänzen die Männer.
Frauen können alles, was Männer können.

Solche Hypothesen definieren die Frau als eine Variante des Männlichen. Ob sie nun «wie er» oder «sein Gegenteil» ist, stets steht sie in einer Beziehung zu ihm.

Immer der Mann im Mittelpunkt

Das eine Mal ist sie wertvoll, weil sie wie der Mann ist – das andere Mal, weil sie ihn komplettiert. Doch in beiden Fällen steht er im Mittelpunkt.

Im ersten Fall wird ihr zugesprochen, dass sie arbeiten, forschen, ficken, rülpsen, Kriege führen, rational handeln und große Maschinen bedienen kann, ganz genau wie ein Mann. Folglich sollen ihr auch dieselben Rechte und Privilegien zu­ kommen. Doch in dem Augenblick, da sie aufhört, «wie er» zu sein, verliert sie ihren Anspruch auf Gleichstellung.

«Es handelt sich nicht um Diskriminierung, solange schwangere Männer und Frauen gleich behandelt werden», stellte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten 1974 im berühmt gewordenen Präzedenzfall Geduldig gegen Aiello fest, in dem es darum ging, ob eine Versicherung schwangere Frauen vom Versicherungsschutz ausschließen durfte. Durfte sie, entschied das Gericht, schließlich würden ja keine Frauen ausgeschlossen, sondern «schwangere Individuen». Dass ebenjene Individuen ausschließlich Frauen waren (wie den meisten Menschen bekannt sein dürfte), schien keine Rolle zu spielen.

Der Frau wird nur dann Zutritt in die ökonomisch und politisch als wichtig erachteten Kategorien gewährt, wenn sie zu vor ihren Körper ablegt. Die Vorstellung, die Frau sei wertvoll, weil sie wie der Mann ist, ist eine Art «Entlassung auf Bewährung».

Wenn es aber auf der anderen Seite heißt, die Frau sei wertvoll, weil sie den Mann komplettiert, schränkt sie das – soweit dies überhaupt möglich ist – noch mehr ein.

Sie muss die reizende Hausfrau spielen

Auch in diesem Fall wird die Weiblichkeit als eine Variation des Männlichen etabliert. Anstatt wie er zu sein, wird sie angewiesen, die reizende Hausfrau zu spielen, die der Welt als Gegenpol zum harten Markt dient. Die Gesellschaft besetzt die Frau in einer Rolle, in der sie all die Facetten der menschlichen Erfahrung verkörpert, die der Mann sich selbst nicht eingestehen, aber dennoch erleben möchte: das Weiche, Verletzliche, Körperliche, Emotionale und Natürliche – die geheimnisvolle dunkle Seite des Mondes. Sie wird gezwungen, Körper, Gefühl und Natur zu sein, das Subjektive und Spezifische, und zwar deswegen, weil er es nicht ist. Ihre Biologie, so heißt es, hat sie dazu verurteilt.

In diesem Fall wird sie nicht darüber definiert, was er ist, sondern darüber, was er nicht ist.

Doch in beiden Fällen verläuft die Definition über ihn.

Einmal ist es die Aufgabe der Frau zu beweisen, dass sie wie der Mann ist, das andere Mal soll sie beweisen, dass sie ihn komplettiert. Um sie geht es dabei nicht. Weil es ohnehin nur ein Geschlecht gibt.

Als Richard Gere, in seiner Rolle als einsamer Geschäftsmann in der romantischen Komödie Pretty Woman, Julia Roberts in die Oper ausführt, ist er mehr interessiert an ihren Reaktionen auf La Traviata als am Geschehen auf der Bühne. Ihn selbst vermag Verdi zwar nicht zum Weinen bringen, doch er kann beobachten, wie sie weint. Er braucht sie, um in Kontakt mit seinem eigenen Gefühlsleben zu treten. Die einzig sichere Stra­tegie für diese emotionale Annäherung ist die Rolle des Beobachters. Durch die Frau an seiner Seite fühlt er sich lebendig. Und schon im nächsten Moment glaubt er, er hätte sich verliebt.

Durch die Eroberung und den Besitz einer Frau wurde es dem Mann möglich, in Kontakt mit den Facetten seiner Selbst zu treten, die er sonst verleugnen musste: Unmündigkeit, Emotion, Zusammenhang, Genuss und Kapitulation. Nichtsdestotrotz ist die Frau ein Mensch – kein Wesen. Und in seinem tiefsten Innern weiß er das auch.

Die schwedische Dichterin Edith Södergran – hier ins Deutsche übertragen von Nelly Sachs – schreibt in einem ihrer Gedichte:

Du suchtest eine Blume und fandst eine Frucht. Du suchtest eine Quelle und fandst ein Meer. Du suchtest eine Frau und fandst eine Seele – du bist enttäuscht.

Der Mann mit 80-Stunden-Job, der nichts mit ihm zu tun hat

Da sitzt er, in seinem Büro in einer der obersten Etagen eines Wolkenkratzers. Arbeitet achtzig Stunden in der Woche und trifft ganz und gar objektive und überaus wichtige Entscheidungen, die, wie könnte es anders sein, rein gar nichts mit seiner Person zu tun haben. Sich selbst hat er am frühen Morgen zusammen mit seinem Mantel an den Kleiderhaken gehängt. Das musste er. Er nimmt den Geruch seiner eigenen Krankheit in den Körpern anderer wahr, also vermeidet er sie. Was nicht heißt, er hätte keinen Sex mit ihnen, denn das hat er. Er ist den Frauen verfallen und sucht in ihnen all das, was er sonst ver drängt. Seine Kindheit, seinen Körper, seine Sexualität und noch etwas anderes, das er nicht in Worte zu fassen vermag. Doch was er schließlich findet, ist eine andere Person, die ihm in die Augen sieht, und in ihrem Blick erkennt er dieselbe Angst, die er die ganze Zeit in seinen eigenen Augen wähnte.

Heute zählt jede Charaktereigenschaft, die wir als traditionell männlich bezeichnen, zu jenen Eigenschaften, die ökonomisches Verhalten prägen: Distanz, Rationalität, Objektivität. Der ökonomische Mann weiß, was er will, und begibt sich auf die Jagd, um es sich zu holen. Doch in Wirklichkeit funktionieren nicht einmal Männer so. Trotzdem haben wir diese Eigenschaften nicht nur zu einem Ideal erhoben, sondern gleich zu einem Synonym fürs Menschsein gemacht.

Wir behaupten, dass sich tief im Innern all unsere Handlungen auf ein und dasselbe Bewusstsein reduzieren lassen. Auf das einzige Geschlecht.

Der ökonomische Mann als Taschenrechner, Karikatur und Pappaufsteller 

Die Eindimensionalität des ökonomischen Mannes wurde oft kritisiert. Es mangele ihm an Tiefe, Gefühlen, Psychologie und Komplexität. Er sei ein schlichter, selbstsüchtiger Taschenrechner. Eine Karikatur. Warum in aller Welt schleppen wir diesen eindimensionalen Pappaufsteller mit uns herum? Ist doch lächerlich. Was hat er mit uns zu tun?

Doch dabei haben die Kritiker etwas Wesentliches übersehen. Gewiss, er ist nicht wie wir, doch er hat sehr wohl Gefühle, Tiefe, Ängste und Träume, mit denen wir uns sehr stark identifizieren können.

Der ökonomische Mann muss mehr sein als nur ein Pappaufsteller, ein 08/15­Psychopath oder eine willkürliche Halluzination. Warum sonst würden wir uns von ihm verführen lassen? Warum sonst sind wir so scharf darauf, unsere gesamte Existenz mit seinem Weltbild zu verschmelzen, obwohl allerhand Forschung beweist, dass dieses Verhaltensmodell mit der Wirklichkeit rein gar nichts zu tun hat?

Die Inständigkeit, mit der wir unsere Existenz an diese Fantasie anzupassen suchen, sagt etwas darüber aus, wer wir sind und wovor wir uns fürchten. Doch das wollen wir uns nicht eingestehen. Dass das Verhalten des ökonomischen Mannes nahezu karikaturesk einfach gestrickt ist, heißt nicht, dass er nicht aus tiefen inneren Konflikten heraufbeschworen worden ist.

Es heißt, seine Identität sei von anderen Menschen unabhängig. Kein Mensch ist eine Insel, möchten wir entgegnen und finden die völlige Unabhängigkeit des ökonomischen Mannes geradezu lächerlich. Aber dann haben wir seine Natur noch nicht erfasst. Eine menschliche Identität lässt sich nur im Verhältnis zu anderen Menschen konstruieren. Das gilt auch für den ökonomischen Mann – ob er will oder nicht.

Und weil seine Identität vor allem über Konkurrenz definiert wird, steht sie in einer vollständigen Abhängigkeitsbeziehung. Der ökonomische Mann ist unweigerlich mit anderen verbunden, nahezu an sie gekettet.

In einem ständigen Wettbewerb.

Ohne Konkurrenz ist der ökonomische Mann ein niemand, und um überhaupt in Konkurrenz treten zu können, braucht er andere Menschen. Er lebt nicht in einer Welt ohne soziale Beziehungen. Er lebt nicht in einer Welt, in der alle Beziehungen auf Konkurrenz reduziert sind. Er ist aggressiv und narzisstisch, in einem ständigen Konflikt mit sich selbst, der Natur und an­ deren Menschen begriffen. Er glaubt, nur Konflikte könnten die Dinge in Bewegung setzen. Und er will Bewegung. Bewegung ohne Risiko. Prüfungen, Qualen und eine innige Sehnsucht – das ist sein Leben.

Er ist ein Mann auf der Flucht. *

Die Differenz zwischen der totalen Produktion einer Ehe und der Summe der jeweiligen Produktion zweier nicht miteinander verheirateter Personen entspricht dem Gewinn der Ehe. Dieser lässt sich (in manchen Fällen) messen am vertikalen Abstand zwischen der stets elastischen Nachfragekurve für Ehefrauen und der Angebotskurve für selbige. Liebestheorie auf ökonomische Art. Unsere Fantasien schreien nach Unabhängigkeit, und doch träumen wir krampfhaft von Kontrolle.

Wir nehmen an, dass ein MI (ein männliches Ich) ein WS (ein weibliches Sie) liebt, wenn ihr Wohlergehen seiner Nutzenfunktion zuträglich ist, oder aber wenn das MI den emotionalen und körperlichen Kontakt zum WS schätzt. Es stellt sich heraus, dass das MI von einer Partnerschaft mit dem WS profitieren würde, denn wären sie zusammen, könnte er einen größeren Einfluss auf ihr Wohlergehen nehmen (neckisch an ihrem Nacken knabbern, eine Konservendose vom obersten Küchenregal, an das sie nicht herankommt, holen und sie nachts fest in den Armen halten), und das wäre auch seiner eigenen Nutzenfunktion dienlich. Zudem ließen sich die Waren, die dem «Kontakt» mit WS entsprechen, innerhalb einer Partnerschaft kostengünstiger produzieren, als wenn MI und WS allein lebten. Sogar wenn WS für MI keine Liebe empfände, würde WS von einer Beziehung profitieren. Weil er sie liebt, fließt ihr Wohlergehen in seine Nutzenfunktion ein, wes wegen er ihr voraussichtlich Ressourcen übertragen wird, die wiederum ihren Nutzen maximieren – obwohl sie seine Liebe nicht erwidert.

Die Ökonomen betrachten eine Partnerschaft als rationale Kalkulation zweier autonomer Individuen und entledigen sich damit jeglicher Faktoren, die eine Liebesbeziehung für gewöhnlich ausmachen. Anschließend behaupten sie, sie hätten das große Rätsel gelöst. Rationale Lösungen eines irrationalen Problems. Ein Chaos spezifischer Ideen. Nicht einmal vor unseren Liebensbeziehungen macht die distanzierte und rationale Logik des Marktes Halt. Egal ob Frau und Mann – alle werden zum ökonomischen Mann. Stets haben wir den Überblick, wahren Distanz und stehen ein Stück abseits von uns selbst. Genießen totale Kontrolle und totale Sicherheit.

Körper als Humankapital

Kein Mann auf der Welt kann dem ökonomischen Mann das Wasser reichen, wenn es ums Verführen geht. Der ökonomische Mann befreit uns von den Dingen, die wir fürchten: Körper, Gefühle, Unmündigkeit, Angst und Schwäche. All diese Dinge haben in seiner Welt nichts zu suchen. Unsere Körper werden zu Humankapital, Abhängigkeitsverhältnisse existieren nicht, und die Welt ist durch und durch vorhersehbar.

Es gibt keine Ungleichheit, keine Schwäche, nichts, wovor man sich fürchten müsste.

Und deshalb klammern wir uns an ihm fest. Er hilft uns, unseren Ängsten zu entfliehen.

Der ökonomische Mann verwandelt die Gefühle des Menschen in Präferenzen. Dadurch werden sie zu unpersönlichen Begierden, Bestellungen von einer Speisekarte, die einem vielleicht serviert werden, vielleicht aber auch nicht. Kommt ganz darauf an, ob man sich durchzusetzen weiß.

Mancherlei Unannehmlichkeiten lassen sich umgehen

Gefühle sind kein Teil des Menschen, sondern etwas, das sich sortieren, ordnen, stapeln und arrangieren lässt. Zumindest in der Welt des ökonomischen Mannes. Wut kann einem beim Verhandeln nutzen, einen Orgasmus täuscht man vor, weil das zum rationalen Akt des «Signalling» gehört. Liebe ist, wenn das Wohlergehen eines anderen zur eigenen Nutzenfunktion bei trägt: Das wiederum mindert die Konflikte und zugleich auch die Kosten der Partnerschaften, in denen wir beschließen, Kinder zu produzieren und groß zu ziehen. Die eigenen Gefühle bleiben außen vor. Jedenfalls solange, wie man die Welt des ökonomischen Mannes nicht verlässt. Und seine Welt hat durchaus Charme, denn so mancherlei Unannehmlichkeiten lassen sich dort umgehen.

In dem Moment, da die Gefühle zu Präferenzen werden, löst der Körper sich auf. Der ökonomische Mann verwandelt ihn in Humankapital. Er ist nicht länger ein Teil des Menschen, sondern etwas, das man besitzt. Ein Kapital, mit dem sich spekulieren lässt.

Die ökonomischen Theorien trennen uns von unserem Körper. Wir können ihn vermieten oder verkaufen wie eine beliebige Immobilie, ihn modellieren, in ihn investieren, um ihn irgendwann sterben zu lassen. Dein Körper gehört dir, er ist dein Kapital – so sieht’s aus.

Folglich sind wir trotz und nicht aufgrund unserer Körper menschlich. An seinen Körper erinnert zu werden, heißt, an die Hilflosigkeit, an die unbedingte Abhängigkeit, die einen Teil der menschlichen Existenz ausmachen, erinnert zu werden. Daran, dass der Körper aus einem anderen Körper geboren wird und als schrumpeliges Neugeborenes seiner Umwelt schutzlos aus­geliefert ist. Ein menschlicher Körper, der stirbt, wenn er nicht geliebt wird. Der alles erwartet und alles braucht. Der durch Krankheit in die Abhängigkeit zurückgeworfen wird, der altert und stirbt.

In der Welt des ökonomischen Mannes ist der Tod ein geschäftlicher Schritt: Dicht machen oder weitermachen? Ist der Nutzen, den ich durchs Weiterleben erfahre, größer als mein Schmerz? Das ist die entscheidende Frage – mehr gibt es nicht zu überlegen. Der Tod hat keine Bedeutung. Das Leben auch nicht. Das Ziel ist, eine Welt ohne Ziele zu schaffen. Und das geht mit Schmerzen einher.

Wenn wir unseren Körper in Humankapital verwandeln, verflüchtigen sich die politischen Konsequenzen, die er bewirken könnte. Hände, die etwas tragen, Beine, die sich fortbewegen, Finger, die auf etwas deuten, Fußböden, die geschrubbt werden, hungrige Mäuler, die gestopft werden – die Ökonomie gründet sich auf den menschlichen Körper.

Nähme man den Körper als Ursprungsort der Ökonomie ernst, zöge das weitreichende Folgen mit sich. Eine auf den gemeinsamen Bedürfnissen menschlicher Körper basierende Gesellschaft würde sich von der Gesellschaft, wie wir sie heute kennen, markant unterscheiden.

Hunger, Kälte, Krankheiten, unzulängliche Krankenpflege und Nahrungsmangel wären zentrale Problematiken der Ökonomie und nicht das, was sie heute sind: bedauerliche Nebenwirkungen eines Systems, zu dem es ja doch keine Alternative gibt.

Unsere ökonomischen Theorien sträuben sich, die Realität des Körpers zu akzeptieren und versuchen, ihr mit allen erdenklichen Mitteln zu entfliehen. Der Tatsache, dass Menschen klein sind, wenn sie geboren werden, zerbrechlich, wenn sie sterben, dass sie bei einer Verletzung anfangen zu bluten, ganz gleich, wer man ist, woher man kommt, was man verdient und wo man wohnt. In unseren Körpern nimmt das seinen Ursprung, was uns gemein ist. Wir zittern, wenn uns kalt ist, schwitzen, wenn wir rennen, schreien, wenn wir einen Orgasmus haben oder ein Kind gebären. Durch unsere Körper nähern wir uns einander an. Und aus genau diesem Grund löscht der ökonomische Mann ihn aus und versucht uns weiszumachen, es gäbe ihn nicht. Wir betrachten ihn von außen, wie fremdes Kapital.

Und dabei sind wir allein.

Neben Körper und Gefühl flieht der Mann auch vor Abhängigkeit, und natürlich besteht hier ein Zusammenhang. Abhängigkeit drückt sich häufig durch den Körper aus. Der ökonomische Mann braucht nicht, der ökonomische Mann will haben. Solange wir sind wie er, müssen wir uns niemals hilflos fühlen oder um etwas bitten. Wir ersparen uns das Gefühl, etwas nicht zu verdienen oder Rechenschaft ablegen zu müssen: Müssen uns nicht davor scheuen, etwas anzunehmen, das wir nicht zurückzahlen können?

In der Welt des ökonomischen Mannes tritt all das außer Kraft. Alle Rechnungen sind beglichen. Das ist sein Konzept von Freiheit, denn ein anderes gibt sein Vorstellungsvermögen nicht her.

Er hat es selbst erfunden.

Alles ist kalkulierbar

Der ökonomische Mann ist eine Flucht vor der Unsicherheit. In seiner Welt gibt es nichts, das sich nicht kalkulieren ließe. Alles ist vorhersehbar. Das Volumen eines Balls lässt sich berechnen, indem man seine Oberfläche in immer kleinere Recht­ecke teilt. So wie das Leben. Die Bewegungen der Menschen menge und die Kräfte, die sie verursachen. Alles bewegt sich im Rhythmus abstrakter Gesetze. Der ökonomische Mann ist eine Flucht vor der Schwäche. Wir sind Herr über ein Universum, das jedem noch so zaghaften Fingerzeig gehorcht. In der Erzählung der Ökonomie scheint dies die einzige Aufgabe der Welt zu sein. Der Markt tut stets, wie ihm geheißen, straft den, der es verdient, und kriecht vor dem zu Kreuze, der es wert ist.

Die Erzählung vom ökonomischen Mann spinnt den Mythos vom Mensch als allwissendes, rationales Subjekt weiter. Er ist Herr über sein Leben und Herr über die Welt. Sobald wir die Bühne der Ökonomie betreten, schlüpfen wir in dieses Kos­tüm, und schütteln alles andere ab: Geschlecht, Hintergrund, Biografie, Körper und Zusammenhang. Der ökonomische Mann ist eine Flucht vor der Ungleichheit. Wir verwandeln uns nicht nur in ein einziges Geschlecht, sondern sogar in ein und dieselbe Person. Kein Wunder, dass wir so leicht zu durch­schauen sind.

Der ökonomische Mann ist kein Pappaufsteller, keine Karikatur und ganz gewiss nicht einfach gestrickt. Er ist ein Symptom jener Facetten der Realität, die er auszumerzen sucht: Körper, Gefühle, Abhängigkeit, Unsicherheit, Schwäche. Jene Facetten, die die Menschheit seit Jahrtausenden mit der Frau assoziiert. Damit er behaupten kann, es gäbe sie nicht.

Und warum? Weil er nicht mit ihnen umzugehen weiß. Er flieht, steht Ängste aus, und wir identifizieren uns mit der schwindelerregenden psychologischen Tiefe seiner Ängste und lassen uns von ihm verführen. Die Ökonomische Theorie wird zum Versteck. Ein Ort, an dem die Gesellschaft Geschichten von sich selbst erzählt. Von Dingen, die wir begehren, und Dingen, die wir einfach so hin­nehmen.

Das einzige Geschlecht. Die einzige Alternative. Die einzige Welt.

Welch ein Drahtseilakt.

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