Buchauszug Gespräche mit Reinhold Würth „Man sollte die Herstellung von Waffen verbieten, weltweit“

 Handelsreisender, Pilot, Seefahrer, Wanderer

„Der Patriarch in seiner Verantwortung Reinhold Würth – Gespräche mit dem Unternehmer und Mäzen“ von Claus Detjen, Ex-Journalist der Deutschen Welle, Herausgeber von Tageszeitungen und Mitbegründer des privaten Rundfunks.

 

 

Würth

„Der Patriarch in seiner Verantwortung“ von Claus Detjen über Adolf Würth, Frankfurter Allgemeine Buch, 189 Seiten, 24,90 Euro

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

http://www.fazbuch.de/buecher/sachbuecher-geschenkbuecher/der-patriarch-seiner-verantwortung

 

In den autobiografischen Abschnitten Ihrer Veröffentlichungen berichten Sie von ihren beruflichen Anfängen vorwiegend in der Form von Verkaufsreisen. Sie schildern, wie Sie Ihr erstes Auto, dann ein Flugzeug gekauft haben, um Ihren Aktionsradius zu erweitern. Ihre Beschreibungen lassen Leidenschaft fürs Verkaufen erkennen. Ist Ihr erlernter Beruf Reisender im klassischen Sinn des Handelsreisenden?

 

Mein Vater holte mich von der Oberschule, bevor ich zum Abitur kommen konnte. Er führte mich ins Geschäft ein – und das war vorwiegend der Verkauf. Er nahm mich mit auf seine Reisen, bis in die Schweiz. 1952 schickte er mich zum ersten Mal allein auf eine Verkaufsreise. Vierzehn Tage logierte ich in Düsseldorf und besuchte Kunden in der Stadt und bis Wuppertal. Einer der ersten Kunden in Düsseldorf war der VW-Händler Adalbert Moll. Der Einkäufer musterte mich eindringlich durch seine Brille. Er gab mir einen der ersten Aufträge – messingverchromte Nummernschildschrauben  6 x 15  und  6 x 20  für  VW-Transporter.

Ich habe also das Verkaufen wirklich von der Pike auf gelernt. Und von Anfang an Gefallen daran gefunden.

 

Mit dem Verkaufen war immer das Reisen verbunden. Schon mein Vater hatte unseren Markt ständig erweitert – in dem Maß, wie nach dem Krieg die Reisemöglichkeiten besser wurden. Da mein Vater aber keinen Führerschein hatte, wurde für mich mit Erfolg eine Ausnahmegenehmigung beantragt, damit ich schon mit sechzehn Jahren statt mit achtzehn den Führerschein machen konnte. Ich musste mich davor zwei Mal beim staatlichen Gesundheitsamt auf meine physische Tauglichkeit prüfen lassen.

Ich weiß nicht mehr, ob es ein Sonnentag war, als ich das graue Dokument aus Leinenpapier erhielt – aber meine Stimmung war wie ein sonniger Frühlingstag. Dieses Dokument hat mich bis heute auf der ganzen Welt begleitet, von Patagonien bis Japan, von Spitzbergen bis Ushuaia, von New York bis nach Tomsk oder Xian. Nur passt der Bub auf dem Foto vorn und hinten nicht mehr mit dem Graukopf von heute zusammen.

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War die Freude am Reisen mehr als ein glücklicher Zufall? Aus dem Handlungsreisenden ist inzwischen ein Weltreisender geworden.

Reisen ist Leben, Leben ist Reisen. Das ist für mich eine nicht voneinander zu trennende Gleichung. Ich kann nicht einfach daheim hocken. Eine Woche in der Alltagsroutine daheim vergeht wie ein Blitz. Aber wenn ich reise, dann sind die Eindrücke einer Woche so vielfältig, dass es scheint, als seien Monate seit der Abreise vergangen.

 

Sind Sie ein unruhiger Geist?

Das meint zumindest meine Frau …

 

Also Handelsreisender und Weltenbummler? Reisen als Ablenkung von Langeweile im Alltag?

Langeweile kenne ich nicht. Ich bin auch nicht Weltenbummler. Im Vordergrund steht mein berufliches Reisen. Ich bin noch heute ab und an mit im Außendienst, also im Verkauf bei den Kunden. In den 65 Jahren, in denen ich seit 1949 in meinem Beruf arbeite, bin ich Millionen Kilometer gereist, in alle Teile der Erde. Dahinter stand immer die Idee, neue Märkte zu erschließen. Wenn man den Markt erweitert, werden das Reisen und das Verkaufen immer interessanter. Noch heute bin ich fast die Hälfte jedes Jahres auf Reisen. Für mich ist und bleibt Verkaufen der schönste Beruf.

 

Weshalb?

Ich war gerade vor zwei Wochen in Schweden. Wir haben dort eine neue Betriebsanlage eingeweiht. Dabei habe ich die Gelegenheit wahrgenommen, Kunden zu besuchen. Ich bin schon morgens um fünf aufgestanden und zwanzig vor sieben mit einem Verkäufer aus dem Hotel gegangen, damit wir um sieben beim ersten Kunden stehen. Das macht mir heute noch Spaß, das ist ein Vergnügen.

Mir hat es immer unglaublich Freude gemacht, mit Menschen zu kommunizieren, Menschen zu beobachten, Menschen kennen zu lernen.

In den Jahrzehnten, in denen ich nun im Beruf bin, konnte ich mir im Verkauf gute Menschenkenntnis aneignen. Man lernt die Gestik, die Mimik, man lernt dieses kleine Zucken an den Augen oder an den Backen kennen und kann daraus viele Schlüsse ziehen. So lernt man, Menschen gut einzuschätzen. Das ist auch wichtig für den Verkauf. Wegen dieser Möglichkeit der Kommunikation mit Menschen ist für mich der Beruf des Verkäufers, des Handelsreisenden, der schönste, den es gibt.

 

Heute ist fast die Hälfte Ihrer rund 66.000 Mitarbeiter im Verkauf tätig. Wie hat sich gegenüber Ihrer Anfangszeit das Berufsbild geändert?

Vieles hat sich verändert. Der Verkäufer muss heute viel mehr Kenntnisse des Marktes seiner Kunden haben. Es wird mehr Beratungskompetenz von ihm verlangt. Die Märkte verändern sich durch die Globalisierung und durch Innovationen in der Technik schneller als früher. Die Kunden müssen schneller beliefert werden, möglichst noch am selben Tag, an dem sie ihre Bestellung aufgeben. Das geht nur mit modernen elektronischen Instrumenten und Organisationsstrukturen. Das alles erfordert viel mehr Verkäuferschulung als früher. Das Unternehmen muss mehr Weiterbildung ermöglichen, der Verkäufer größere Lernbereitschaft aufbringen.

Ich kann das für mein Unternehmen, für unsere Branche konkretisieren. Früher hat man viel mit Originalmustern und mit Musterkarten gearbeitet. Später gab es dann die Kataloge. Heute läuft alles über Tablet-Computer. Das Handwerkszeug des Außendienstlers hat sich enorm gewandelt. Das verändert die Verkaufsstrategien, die Verkaufsorganisation, die Lagerung und die Auslieferung. Das ist eine große Herausforderung für ein Unternehmen, das sich auf die herkömmlichen Verkaufsstrukturen gründete.

 

Ich habe immer darauf geachtet, bei mir selbst und bei den Verkaufsmitarbeitern, dass Zeit möglichst effizient eingesetzt wird. Ich konnte mich am Anfang gar nicht für diese iPad-Computer begeistern. Ich lernte schnell, dass die vorausgegangenen Computer nicht die Möglichkeiten erreichten, die heute die Tablets bieten. Außerdem waren sie langsamer. Mein Sinneswandel hat mit der Perfektionierung der Technik zu tun, die dem Verkäufer mehr Zeit für die Bedienung der Kunden gibt. In diesem Sinn müssen wir die Technik nutzen. Manche glauben, jetzt brauchen wir bald keine Verkäufer mehr, das geht ja alles elektronisch. Das ist ein Irrtum.

Wir brauchen auch die Menschen, die mit den Kunden persönlichen Kontakt halten.

 

Sie betonen in Ihren Arbeiten über Entrepreneurship, wie wichtig es ist, materielle Anreize zu setzen, um Erfolg zu belohnen. Sie schreiben manchmal aber auch einen bösen Brief an die Verkäufer. Gehört das beides zusammen – Zuckerbrot und Peitsche?

Nicht so, wie sie das meinen! Und schon gar nicht gefällt mir ihr Begriff Peitsche. Belohnung und Leistungsanforderung gehören zusammen, weil es sehr unterschiedliche Charaktere von Menschen gibt. Die einen lassen sich nur durch Geld motivieren, für andere spielt das Geld eher eine untergeordnete Rolle. Sie müssen für jeden das Konzept finden, das für das Unternehmen am Ende die erforderliche Leistung bringt, je nach den individuellen Fähigkeiten und Neigungen. Menschenkenntnis brauchen sie im Verkauf nach beiden Seiten – nach der Kundenseite und eins zu eins bei den Außendienstlern.

Bildlich gesprochen: Wenn Sie mit dreißigtausend Verkäufern zu tun haben, dann finden Sie die unterschiedlichsten Menschentypen darunter, sozusagen alles, was auf Gottes Erdboden herumläuft – Großsprecher, Maulfaule, Choleriker, Sanguiniker und was es sonst alles an Menschentypen gibt.

Claus Detjen

Autor Claus Detjen

 

Bei einem immer größer werdenden Prozentsatz der Außendienstmitarbeiter stehen die materiellen Anreize nicht mehr im Vordergrund; sie folgen in ihrem Leben auch immateriellen Werten. Da hat die Vorgabe von Incentives keine Relevanz. Solche Anreize sind denen egal. Mit diesen Mitarbeitern muss man anders kommunizieren als mit den zuvorderst auf Geld orientierten. In einer so großen Organisation wie unserem Verkauf können sie nicht in dem Ausmaß individualisieren, dass sie für jeden nur genau das Wörtchen sagen, das ihm einzeln angemessen ist.

 

Da passiert es dann, dass der, der sich für Geld gar nicht interessiert, mit einer Ansprache konfrontiert wird, die eigentlich die angeht, die für Prämien ansprechbar sind – und umgekehrt. Da muss man von den betroffenen Mitarbeitern auch eine Portion Toleranz und Großzügigkeit erwarten.

 

Welche Prägungen haben Sie aus Ihren Verkaufsreisen erfahren?

Man sagt nicht umsonst, dass Reisen bildet. Ich habe ja während meiner Ausbildung keine Universität gesehen. Meine Universität war sozusagen die Reisetätigkeit. Sie bekommen zum Beispiel keinen besseren Geografie- Unterricht, als wenn sie reisen und genau beobachten. Da brauchen sie sich nicht mit Bildern und Büchern und Beschreibungen zu beschäftigen. Sie sehen und erleben Landschaften, Orte, Flüsse und Seen, nicht zuletzt die unterschiedlichen Menschenschläge. Auch der Umgang mit Menschen bildet. Sie bekommen neue Blickrichtungen. Das Reisen vermittelt Eindrücke und prägt das Denken. Mit diesen Erfahrungen fühle ich mich als Europäer und als Weltbürger.

 

Meine Reisen haben mich überdurchschnittlich tolerant gemacht – in alle Richtungen, zu allen Erdteilen, Kulturkreisen, Religionen. Ich betrachte diese Vielfalt der Kulturen und Religionen mit Respekt und mit Verständnis. Im letzten Sommer war ich in Alaska und Kanada und interessierte mich für die Kultur der Inuit – also der Ureinwohner dort. Sie hatten ursprünglich keine Schrift. Aber sie schufen andere Ausdrucksformen, mit denen sie ihrer Kultur im wahrsten Sinn des Wortes Gestalt gaben. So entstanden die fünf Meter hohen Totempfähle, die höchst eindrucksvoll irdisches Dasein und den Glauben der Inuit an ihr Jenseits darstellen.

 

Sie sind als Unternehmer aus Hohenlohe heraus gewachsen und mit Ihrem Konzern Global Player geworden. Auch als Persönlichkeit?

Meinen Erfolg führe ich auf einige Eigenschaften zurück, in denen sich auch landsmannschaftliche Elemente ausmachen lassen: Fleiß, Ausdauer, Zähigkeit, Energie und die Fähigkeit, Menschen zu gewinnen, zu begeistern und zu Zielen zu führen. Der frühere Bundespräsident Heuss charakterisiert die Hohenloher: „Gescheit, lebhaft, aufgeweckt, etwas rechthaberisch und selbstbewusst“. Es ist mir ganz gut bekommen, dass ich früh auch aus dem Hohenlohischen herausgekommen bin, später dann in die ganze Welt.

 

Wenn sie wollen, können sie unterscheiden zwischen meinen persönlichen Interessen und meinen unternehmerischen Aktivitäten. Aber beides gehört zusammen, ist nie ganz zu trennen. Man muss die Märkte kennen, in denen der Konzern weltweit tätig ist. Märkte sind aber nicht nur statistisch-wirtschaftliche Größen. So sehr in der Globalisierung auch die Märkte einander ähnlicher werden, weil die Bedürfnisse der Menschen letztlich überall gleich oder ähnlich sind – es bleiben große Unterschiede. Sie sind in den spezifischen Verfassungen der Märkte begründet, die sich aus der geschichtlichen Vielfalt von Kontinenten, Staaten und ethnischen Strukturen entwickelt haben.

 

Das alles hat mich immer fasziniert, das hat mich in die Welt hinaus gezo- gen. Als mein Kundenkreis sich noch auf meine Heimatregion Hohenlohe beschränkte, wusste ich: Hinterm Berg geht die Welt weiter, da gibt’s noch viel zu entdecken. Um aus einem regionalen Handelsgeschäft einen weltweit tätigen Konzern zu machen, muss man sich auch persönlich als Global Player einbringen.

 

Ist die Globalisierung ein Schlüssel, um eine friedlichere Welt herzustellen? Nach dem Motto „Wer miteinander Handel betreibt, der schießt nicht aufeinander“?

Mit Sicherheit! Welthandel ist heutzutage nicht in erster Linie Ausbeutung, sondern hilft, Frieden zu halten. Der Welthandel stellt wenigstens in kleinen Prozentsätzen einen Wohlstandsausgleich auf der Welt her. Er fördert das Verständnis unter den Menschen. Dazu tragen sogar scheinbar triviale Erscheinungen bei, zum Beispiel technische Produkte, die überall in der Welt einsetzbar sein müssen, in Einrichtungen von Kraftwerken oder in der Kraftfahrzeugindustrie. Wer immer damit umgeht, muss ein gemeinsames Verständnis von Technik erlernen bis hin zum Verständnis von Betriebsanleitungen. Letztlich wollen alle Länder am technischen Fortschritt teilhaben. Das können sie im friedlichen Handelsaustausch besser als dort, wo Konflikte, gar Kriege die Menschen und die Märkte entzweien.

 

Schauen wir auf die Ukraine-Krise. Ich bin sicher, dass Präsident Putin verstanden  hat, dass ihm die Sanktionen  nichts nützen und am Ende seine Position als Politiker in Russland, von den Bürgern her gesehen, geschwächt würde, wenn der Konflikt sich hinzieht. Eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage seiner Bürger erreicht Russland doch viel eher durch globale Zusammenarbeit im Handel als dadurch, dass für die Krim und die Ukraine die immensen Lasten weiter ansteigen. Es werden ja Milliarden dort reingepumpt werden müssen, um die Wirtschaft am Leben zu halten.

 

Gilt eigentlich noch der alte britische Spruch, dass der Handel der Flagge folgt?

Ich glaube nicht. Der Handel ist heute internationalisiert. Der Handel folgt den Gewinnchancen und nicht der Flagge.

 

Wie wichtig ist für Sie das geplante Freihandelsabkommen mit der USA (TTIP), das heftig umstritten ist?

Das mag für uns einige Vorteile bringen; aber die sind für unseren Konzern eher nebensächlich. Es könnten Nachteile für uns entstehen, wenn wir in Europa mit genmanipulierten Lebensmitteln überschüttet würden. Die Verhandlungen haben aber noch nicht einmal richtig angefangen. Ich sehe auf der anderen Seite die Chancen für die Wirtschaft auf beiden Seiten des Atlantiks. Wenn ich jetzt gefragt würde, befürworten Sie das oder lehnen Sie es ab, würde ich auf einer Skala von − 10 bis + 10 sagen + 2. Aber mehr nicht. Für den Würth-Konzern ist die EU der mit Abstand wichtigste Handelsraum.

 

Wir haben vorhin festgestellt, dass der Handel ein Element ist, das zur Befriedung der Welt beiträgt. Das gilt aber sicher nicht für den Waffenhandel. Er ist auch in Deutschland ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftszweig.

Ich bin selbstverständlich dafür, dass der Verkauf von Waffen an Privatleute strikt verboten sein muss. Die EU sollte das an sich ziehen, und wir sollten ein europäisches Amt für die Vergabe von Exportgenehmigungen für Waffen haben. Weil das im Wettbewerb zwischen Frankreich, Deutschland und England eine Rolle spielt und es um Arbeitsplätze geht, stehen die nationalen Regierungen immer in einer Zwickmühle. Dann werden sogar die Hühneraugen zugedrückt, wenn das Geschäft nach Katar oder Saudi-Arabien geht. Waffen gehören im Grunde abgeschafft. Man sollte schlicht die Herstellung von Waffen verbieten, weltweit.

 

Das ist ein frommer Wunsch …

Wenn wir keine solchen Wünsche mehr haben, glauben wir nicht mehr daran, dass wir für unsere nachkommenden Generationen Verantwortung haben und eine bessere Welt schaffen sollten.

 

Wenn Sie  als  Reisender  in  Unternehmensangelegenheiten  in  der Welt sind, welche Bedeutung haben für Sie dann die deutschen Wirtschaftsvertretungen in Botschaften, Auslandskammern der Wirtschaft, Repräsentanzen der Bundesländer?

Hmm.

 

Diese Antwort habe ich mir fast denken können …

Ich habe nie ein deutsches Konsulat oder eine Botschaft gebraucht. Ich werde heute ab und zu mal vom Botschafter eingeladen, wenn ich im Ausland bin, wie letztes Jahr in Sri Lanka. Das sind zumeist nette Unterhaltungen. Der diplomatische Dienst hat eigene Gepflogenheiten. Überspitzt gesagt: Die Diplomaten bilden eine Partygesellschaft zwischen Nationalfeiertagen, Gedenktagen, Ministerbesuchen, Festveranstaltungen und anderen Gelegenheiten, bei denen es Cocktails gibt. Im Umgang unter den Staaten ist so etwas in den Hauptstädten wohl notwendig.

Aber ich frage mich auch: Was brauchen wir heutzutage in Washington 26 Bot- schaften von allen EU-Ländern, wo wir doch als EU gemeinsam auftreten sollten? Da könnten die Staaten Milliarden sparen. Wir haben doch in Washington auch eine große Vertretung der EU. Das Problem ist, dass die nationalen Gesetzgebungen in manchen Bereichen der EU noch viel zu unterschiedlich sind.

 

Eine tiefgreifende Folge der Globalisierung ist die Verschiebung der Produktionsstätten wichtiger Güter. Wie berührt das die Würth- Gruppe?

Nicht sehr speziell. Direkt betroffen waren wir bei der Solartechnik, in der ein Großteil der Produktion in die Billig-Region-Länder abgewandert ist. Es gibt natürlich Branchen, für die das fundamental war, etwa für die sogenannte braune Ware, also Radio- und Fernsehgeräte, oder für die Hersteller von Fotoapparaten. Erinnern sich heute noch viele daran, dass Deutschland einmal der führende Hersteller von Kameras war?

 

Sieht man diese Entwicklung aus einer höheren Warte, hilft es ja, wie ich an anderer Stelle schon sagte, die Lebensqualität auf der Erde anzugleichen. Je mehr Arbeitskräfte China braucht, desto schneller steigen dort di Löhne, sogar dramatisch. Das ist in Ordnung. Es trägt dazu bei, dort den inneren Frieden zu erhalten.

 

Im Vergleich zu den anderen Kontinenten liegt Afrika in seiner wirt- schaftlichen Entwicklung weit zurück. Welche Verbindung haben Sie, der Reisende, mit Afrika, welche der Konzern?

Wir sind nur in Kenia und in Südafrika mit eigenen Unternehmen vertreten. Sehr bemerkenswert finde ich die Entwicklung in Angola. Afrika insgesamt wird zu oft unterschätzt. Nach den weltwirtschaftlichen Statistiken hat Afrika als Kontinent zur Zeit ein riesiges prozentuales Wirtschaftswachstum. Das ist vor allem dem Abbau von Rohstoffen geschuldet. Fast gespenstisch ist, wie stark Chinas Investitionen in Afrika gewachsen sind. China erwirbt in großem Umfang Schürfrechte, baut Straßen und Eisen- bahnen. Das lässt den Eindruck aufkommen, dass Afrika zum großen Teil in chinesischer Hand ist.

 

Im 19. Jahrhundert gab es den großen Drang Deutschlands nach Kolonien in Afrika. Welche Rolle sehen sie heute für Deutschland in Afrika?

Da sehe ich keine große Verpflichtung, außer in Namibia. Namibia habe ich viel bereist. Die Spuren, die in der deutschen Kolonialzeit dort entstan- den, sind heute noch sehr stark. Ich war immer wieder überrascht, wie oft ich auf Deutsch angesprochen wurde. Die deutsche Entwicklungshilfe hat viel zur Stabilität in Namibia beigetragen. Kluge Politik hat dazu geführt, dass dort kaum Enteignungen von Farmen stattgefunden haben, wie es in anderen ehemaligen Kolonien geschehen ist. Auch das fördert die Stabilität Namibias.

 

Sie haben vor einigen Jahren eine große Konzernkonferenz in Südafrika gehabt. Wollten Sie damit den Blick der Führungskräfte des Konzerns auf Afrika lenken?

Das war sicher eine Absicht, die wir mit der Entscheidung für Kapstadt verfolgten. Es gibt auch andere Gründe, die dafür sprachen. Wir wollen solche Kongresse für einige hundert Mitarbeiter an Orten veranstalten, die attraktiv und kostengünstig sind. Wir geben Managern und ihren Frauen auch die Möglichkeit, vorher oder nachher ein paar Tage Urlaub anzuhängen. Dafür ist Südafrika bestens geeignet. Das war damals ein rie- siger Erfolg und hat den Horizont für alle Beteiligten geweitet.

 

Aus dem Handlungsreisenden Würth ist ein Bildungsreisender geworden?

Meine Enkel behaupten das jedenfalls. Wenn die mit mir reisen, sagen die manchmal schon morgens: „Opa, ich habe heute Museums-Allergie und Kirchen-Allergie, ich kann nicht mitgehen auf Besichtigungstour.“

 

Sie haben immer die Kamera dabei, wenn Sie unterwegs sind. Sie haben Vorträge über Ihre Reisen gehalten, eine Ausstellung mit Fotos und einen Bildband mit Ihren Aufnahmen aus Asien veröffentlicht. Werden weitere folgen?

Mit meinen Fotos und Notizen könnte ich Bände füllen. Fotobücher habe ich vor allem für die Familie gemacht. Man kann Fotografieren als mein Hobby sehen. Ich habe schon als Zwölfjähriger mit einer Box angefangen – das war damals eine Art Volkskamera, die fünf Mark kostete. Mittler weile habe ich Zehntausende Fotos gemacht, die auch archiviert, katalogisiert und verwaltet werden. Ein junger Fotograf erledigt das, den ich teilzeitbeschäftigt habe.

Mit dem Fotoapparat kann ich Eindrücke festhalten und mit nach Hause nehmen. Von Zeit zu Zeit hole ich die Aufnahmen aus dem Archiv, um meine Reiseeindrücke zu überdenken, sie zu reflektieren. Wenn auf meinen Reisen an den Wochentagen die geschäftlichen Verpflichtungen dominieren, nutze ich die Wochenenden zu vertiefenden Eindrücken. Dazu dienen auch die Aufzeichnungen, die ich während meiner Reisen in einer Art von Tagebuch festhalte.

2006 habe ich in Künzelsau am Sitz unseres Konzerns eine erste Fotoausstellung gemacht. Dazu erschien ein Bildband „Asien im Sucher“. Ich könnte noch viele weitere Fotobücher veröffentlichen, von meinen Reisen von Argentinien bis Sibirien. Es macht mir Freude, andere an meinen Eindrücken teilhaben zu lassen.

 

Welche Begegnungen haben die stärksten Eindrücke hinterlassen?

Ich kann meine Erlebnisse nicht so gut beschreiben, wie das Johann Gottfried Seume in seinem Reisetagebuch „Spaziergang nach Syrakus“ gelungen ist. Damals, 1802, war Italien für den Mitteleuropäer ein weitgehend unbekanntes Land. Seume hat seine Eindrücke realistisch und kritisch geschrieben. Heute kann das keiner mehr so – und es gibt mit Bildern, Videos und individualisierten Büchern viel mehr Ausdrucksformen für Reiseerlebnisse.

Eine Hierarchie der Reiseindrücke kann ich nicht herstellen. Die Eindrücke sind zu verschiedenartig – und doch in der Summe zusammenwirkend. Sie bleiben haften, werden oft plötzlich und unerwartet wieder sehr lebendig. Das reicht bis in die Kindheit zurück. 1950 war ich mit meinen Eltern auf einer Geschäfts- und Urlaubsreise nach Norddeutschland. Wir fuhren mit dem ersten Auto unserer Familie, einem gebraucht gekauften Opel Olympia Baujahr 1937. Da waren ständig Reparaturen notwendig. Meine Mutter hatte für unterwegs die Verpflegung vorbereitet, in Cellophan eingepackt.

Bei  Hannoversch Münden war die  Autobahnbrücke noch zerstört. Als wir über die Elbbrücken in die Stadt Hamburg fuhren, die Schiffe sahen, öffnete sich für mich zum ersten Mal die große, weite Welt. Als ich später die Ostsee sah, war ich einfach sprachlos. Sie kam mir vor wie ein unendlicher Berg.

Die Exotik ferner Welten erlebte ich zum ersten Mal 1962, als meine Frau und ich unsere erste Fernreise machten. Wir flogen nach Osaka zur Weltausstellung. Heute ist eine Japanreise sicher nichts Besonderes. Damals, als wir in Heilbronn beim Reisebüro zwei Flugtickets nach Tokio und Osaka bestellten, war das eine kleine Sensation.

Orte, die heute Massen von Touristen anziehen, bleiben im Erlebnis sehr individuell, von einem selbst abhängig. Ich erfreue mich des Privilegs, mich nicht in Touristenströmen bewegen zu müssen, sondern mein eigenes Programm zusammenzustellen und zu verwirklichen.

Die großartigen Bauwerke in China sind unvergesslich, der Kontrast zwischen den alten Kolonialbauten am Bund in Shanghai und den himmel- stürmenden Hochhäusern in Pudong – da haben wir in Europa nichts Vergleichbares. Tief beeindruckt haben mich die Tempel in Angkor, die Ästhetik von Verfall und erhaltener Kultur, in der sich ein faszinierender religiöser Kosmos offenbart, mysteriös und in seiner Schönheit fesselnd.

Es gibt andere Arten unvergesslicher Eindrücke. Große Eindrücke müssen nicht exotisch sein. Ich habe früher ein bisschen Bergsteigerei getrieben. Mein wichtigstes alpinistisches Erlebnis war die Besteigung der Cinque Torri, der fünf Türme in den Dolomiten. Wir waren eine Siebener-Seilschaft, sind da rauf und haben uns dann an der 300 bis 400 Meter hohen senkrechten Wand abgeseilt. Für meine Südtiroler Freunde war das harmlos. Für mich war das ein riesiges Ereignis. Wir mussten auf halber Höhe am Seil so herumschwingen, dass wir einen Pfad erreichten. Einer wurde zu weit abgeseilt, hing in der Wand und musste wieder hochgezogen werden. Für die Südtiroler Profis reine Routine, für mich aufregend bis in die Haarspitzen.

 

Ein anderes Erlebnis, eine Wanderung am und in den Grand Canyon, bleibt mir ein Leben lang in allen Details in Erinnerung – auch, weil ich vom Laufen an meinen Füßen so viele Blasen hatte. Ich war mit meiner Frau am Grand Canyon. In jedem Hotelzimmer ist dort eine Warnung:

„Achtung, versuchen Sie bitte nicht, an einem Tag runter und wieder rauf zu gehen.“ Und ich? 1.900 Meter runter und wieder rauf ! Wir sind auch nicht gleich morgens um vier oder halb fünf los, sondern erst um halb neun. Wir haben Eiswürfel mitgenommen für den Wein und alles Mögliche sonst fürs Picknick – bis runter zum Colorado River. Danach wieder rauf ! Und ich war ein Dummkopf, ich habe nur ein Paar Socken ange- zogen, obwohl ich das als geübter Wanderer hätte wissen müssen, dass ich wenigstens zwei Paar hätte anziehen sollen. Als wir abends um halb neun wieder im Hotel ankamen, waren wir total geschafft. Man hat ja auf diesem Weg fünf Klimazonen. Unten war es so heiß und trocken, dass ich glaubte, meine Zunge sei ein geschwollenes Stück Fleisch.

 

In Bayreuth habe ich Sie als Wanderer getroffen; an spielfreien Tagen oder vor den Aufführungen sind Sie ins Fichtelgebirge. Sie fliegen, Sie fahren mit dem Schiff – das Wandern ist trotzdem geblieben. Ist das Wandern das Gegenstück zu der Schnelligkeit, die beim beruflichen Reisen den Zeittakt vorgibt? Die Langsamkeit des Wanderns als Kontrast?

So habe ich das nie betrachtet. Wandern ist schön. Man nimmt die Eindrücke viel intensiver mit als bei jeder anderen Art der Fortbewegung; selbst mit dem Fahrrad sehen sie nicht so viel wie beim Gehen. Mit zunehmender Geschwindigkeit nimmt die Feinheit der Eindrücke ab, das ist ganz natürlich. Wenn Sie wandern, dann sehen Sie den Schmetterling, der auf der Blume sitzt, oder eine kleine Steinformation, die Sie beim Reisen mit dem Auto oder dem Flugzeug nicht wahrnehmen.

 

Annäherung an die Einbindung des Menschen in die Natur?

Das ist mir zu leicht missverständlich. Ich bin nicht esoterisch. Solche Herangehensweise liegt mir nicht. Ich bin kein Philosoph. Die Antwort auf ihre Frage ist ganz einfach: Ich bin immer gern spazieren gegangen, habe immer gerne Wanderungen unternommen und dabei war es immer interessant. Begegnungen mit der Natur können auch rational ablaufen. Vielleicht ist mir das Rationale zur Natur geworden, weil ich Kaufmann bin.

Oder umgekehrt: Ich wurde Kaufmann, weil das Rationale meine Natur ist? Vielleicht verstehen Sie das besser, wenn ich Ihnen sage: Ich habe immer eine Karte dabei; wenn ich ohne Landkarte, einen Stadtplan irgendwo bin, bin ich nur ein halber Mensch. Das ist immer ganz wichtig. Ich brauche die nachprüfbare Orientierung.

 

War das schon vor der Fliegerei?

Es wurde durch die Fliegerei mindestens verstärkt. Es war für mich immer wichtig, zu wissen, wie komme ich wo hin. Wenn Sie in einem unbekann- ten Gebiet wandern, dann wollen Sie wissen: Kann ich einen Rundweg machen oder muss ich den gleichen Weg wieder zurück? Das können Sie nur entscheiden, wenn sie eine Karte haben.

 

Ihre Reisen führten Sie auch in akademische Welten, obwohl Sie kein Universitätsstudium gemacht haben. Haben Sie die Hochschulen als eine andere Welt erlebt, als Kontrast zu Ihrer unternehmerischen Welt?

Eigentlich nicht. Alle Welten, in denen wir leben, sind vielfältig interdependent.  So  vielfältig  verbunden  die  Kontinente  heute  miteinander sind, so global wir durch die Welt reisen, so eng ist die Wissenschaft mit der Praxis der Wirtschaft verknüpft. Der Wissenschaftler und Forscher arbeitet nicht mehr im Elfenbeinturm. Heute sind sich doch alle viel mehr als früher ihrer gegenseitigen Abhängigkeit bewusst. Diese Interdependenz reißt Standesunterschiede zwischen akademischer, handwerklicher und sogar ganz trivial erscheinender Servicearbeit  in der Gesellschaft ein.

Selbst der Nobelpreisträger kommt nicht ohne die Müllabfuhr aus. Genauso wenig könnte sich der Müllarbeiter einen Flachbildschirm-Fernseher kaufen, wenn es nicht die Wissenschaftler gäbe, die das austüfteln. Insofern ist die Welt ein geschlossenes Gebilde. Alle Beteiligten tragen ihren Part bei, um das Ganze am Laufen zu halten. Ich will diese Unterscheidung zwischen Wissenschaft und unwissenschaftlichen Tätigkeiten nicht mehr machen.

 

Gibt es Reiseziele, die Sie immer wieder besuchen? Orte, deren Faszination Sie nie losgelassen hat?

Venedig hatte für mich immer einen ganz besonderen Glanz. Der Krüger Nationalpark hat andauernde Anziehungskraft. Auch New York und Shanghai sind Orte, die magisch auf mich wirken. Sie sind jedes Mal neu, wenn Sie wieder hinkommen. Man will noch einmal sehen, was einen beim ersten Besuch stark beeindruckte, und wird sofort vom Neuen gefangen genommen. Die Veränderungsdynamik ist einfach umwerfend.

 

Gibt es für Sie noch eine Terra incognita? Weiße Flecken auf Ihrer Weltkarte?

Ja, natürlich viele, zum Beispiel war ich noch nie in der Antarktis. Dann gibt es in Afrika noch viele Länder, in denen ich noch nicht gewesen bin, also die Länder, die unmittelbar nördlich und südlich vom Äquator liegen. Dort habe ich bisher nur Kenia bereist. Das hat natürlich auch immer wie-der mit politischen Situationen zu tun. Wo Unruhen sind, muss man nicht unbedingt hin. Dort gibt es auch keinen Markt zu entwickeln.

 

Verlockt es Sie in die Antarktis?

 

Seit ich Alaska kennen gelernt habe, also die arktische Eiswelt, zieht es mich nicht mehr so stark in die Antarktis. Aber gelesen habe ich viel über den südpolaren Kontinent und die Forschungsstationen, die es dort von vielen Ländern gibt. Wir haben ja auch eine deutsche Antarktis-Station. Ich hörte Reinhold Messner von seiner Antarktis-Expedition  erzählen. Wir waren einer seiner Sponsoren, als er auf Skiern seine große Über- schreitung des Südpols machte – ein paar tausend Kilometer.

 

Liegt die besondere Anziehungskraft der Antarktis darin, dass sie der einzige noch nicht ohne Rücksicht auf die Natur ausgebeutete Kon- tinent ist?

 

Aber nicht mehr lange. Das wird schnell beginnen, dass man dort die

Bodenschätze ausbeutet.

 

Ist es unser Schicksal, dass wir als Menschen den göttlichen Auftrag

Macht euch die Welt untertan“ in Ausbeutung umsetzen?

 

Das weiß ich nicht. Aber es stimmt: Wir bewirtschaften das Raumschiff Erde. Wie es mit der Menschheit weitergeht, das weiß niemand. In der kosmischen Geschichte ist die Menschheit ein Ereignis von einer Sekunde. Und wir werden vielleicht noch eine Sekunde da sein; aber ob das noch tausend Jahre sind oder noch zwanzigtausend Jahre, das spielt überhaupt keine Rolle. Das ist null im Geschehen des Kosmos.

 

Bewirtschaften schließt viele Möglichkeiten ein: sinnvoll bewirtschaften, erhalten, nachhaltig bewirtschaften oder auch ruinieren.

Wissen Sie, der Begriff des nachhaltigen Bewirtschaftens klingt gut. Vor allem in politischen Reden. Aber die Praxis sieht leider noch ganz anders aus. Wer ist schon zu allen Konsequenzen bereit, die einträten, wenn Nachhaltigkeit wirklich zum obersten Prinzip gemacht würde? Wer denkt schon daran, wie viel Erdöl für die Herstellung von Kunststoff gebraucht wird? Jeder Liter, den wir im Auto als Benzin verbrennen, der kommt nie zurück. Wer weiß schon, dass die Energiebilanz der Elektroautos, wenn man deren Herstellung einbezieht, schlechter ist als die eines Diesel- Wagens?

Mit dem Begriff Nachhaltigkeit wird zu viel Schindluder getrieben. Am Ende bleibt uns wahrscheinlich die Sonnenenergie als die nachhaltigste Quelle. Vielleicht können wir auch Holz in der Zukunft nutzen – die Nachhaltigkeit kommt ja aus der Forstwirtschaft.

Für mich ist die Frage, wie es mit der Menschheit weitergeht, unendlich wichtiger als die Frage, wie es mit dem Welthandel weitergeht oder was aus dem Kapitalismus wird.

Das sind doch letztlich Petitessen im Vergleich zu der großen Frage nach der Zukunft des Menschen, mit der wir uns heute auseinandersetzen müssen. Denken wir an die Demografie. Denken wir an die Genetik, an den Einsatz von Technik und Elektronik in der Medizin. Dann sehen wir, wie Menschen manipuliert werden können – körperlich und geistig. Die Diskussionen über Sterbehilfen und Geburtensteuerung führen uns vor Augen, dass Menschen sich anschicken, die absoluten Herren über Leben und Tod zu werden.

Stephen Hawking sagte ja, die Menschheit hat nur eine einzige Chance zu überleben, wenn sie es sich ermöglicht, auf einem anderen Stern zu siedeln. Und damit hat er eigentlich auch recht. Die Menschheit nimmt an ihrer Gesamtzahl so zu, dass man sich fragen muss: Wo soll das enden – zehn Milliarden, zwölf Milliarden, zwanzig Milliarden? Irgendwann ist die Erde voll – und was dann? In der Vergangenheit lösten Kriege solche Probleme – dezimierten die Bevölkerung. Wir stehen vor der Herausforderung, das friedlich zu bewältigen.

 

Hawking sieht die Expansion in den Weltraum nicht nur als Siedlungs-, sondern auch als Ressourcenchance.

Aber das ist ja so unwahrscheinlich, dass das gelingt! Die Entfernungen sind so riesig im Weltall, und der nächste Stern ist außerhalb unseres Sonnensystems. Fünfzig oder hundert Lichtjahre weg. Die schnellste Reisege- schwindigkeit ist nun mal das Licht, zumindest, was wir bis heute wissen – und daran scheitert das. Auch wenn der Stoffwechsel noch so abnimmt bei Lichtgeschwindigkeit und Sie vielleicht tausende von Jahren leben könnten. Das macht meine Aussicht auf die Zukunft der Menschheit eher pessimistisch.

 

Ist Ihr Schiff der Ort der Muse, der Entspannung? Der Ort, an dem Sie sich Zeit nehmen für Ihre Familie und für Treffen mit Freunden?

Ja, es ist dann schon etwas ruhiger auf dem Boot als im Berufsalltag, aber nicht viel. Wenn wir in Landnähe sind, dann stehen Besichtigungen an. Jeden Tag bekomme ich Packen von Post über das Internet, die ich beantworte. Dann muss ich diktieren. Ich studiere auch die Reiseführer für unsere Ausflüge zu den Sehenswürdigkeiten an Land, meistens historische Orte. Jeden Morgen bekomme ich die neuen Zeitungen, F.A.Z., Welt, Handelsblatt, Neue Zürcher Zeitung; wir haben einen Zeitungsdrucker an Bord. Der Tag vergeht immer viel zu schnell.

 

Also, wie Ihre Frau sagt, immer ein unruhiger Geist?

Ja! Es ist ja bekannt, dass ich immer sehr neugierig war. Neugierde bedeutet automatisch Unruhe, weil Sie wissen wollen, was passiert um Sie herum, was passiert ums Eck, was passiert morgen.

 

Ihre Yacht hat den Namen „Vibrant Curiosity“. Ist das Ihr Lebensmotto?

Eines davon schon. Den Namen habe ich erfunden. Wir haben jedes Jahr oder jedes zweite Jahr im Konzern ein Motto, mit dem wir uns beschäftigen. Das ist so etwas Ähnliches wie das Wort zum Sonntag. Vor Jahren habe ich „Vibrant Curiosity“ als Jahresmotto für das Unternehmen gewählt – „vibrierende Neugier“. Ich wollte damit zum Ausdruck bringen, dass das ganze Unternehmen neugierig ist und mit den Hufen scharrt, um immer wieder zu neuen Zielen aufzubrechen. Das hat mir so gut gefallen, dass ich das Motto als Namen für das Boot übernommen habe. Alle, die sich mit der Seefahrt beschäftigen, sagen: Das ist ein sehr schöner Name.

 

Gibt es noch Reisefieber bei Ihnen?

Eigentlich nicht. Reisen ist für mich im Laufe des Lebens auch Routine geworden.

 

Wo ist aber dann das Zittern in der Neugier?

Dazu brauchen Sie kein Fieber! Der Kopf funktioniert ja nicht am besten, wenn Sie hohes Fieber haben und im Fieberdelirium sind. Vibrieren kann auch aus Freude entstehen. Neugier ist auch Freude auf das Neue. Spannung, Geschichte zu erleben, wie kürzlich in Avignon im Papstpalast und im Hotel d’Europe, wo schon Napoleon und Hemingway logierten.

 

Die Fliegerei hat bei Ihnen geschäftlich angefangen. Reisen ist aber auch eine sinnliche Erfahrung. Sind Sie nach Ihren vielen Reiseerfah- rungen noch für die Sinnlichkeit des Reisens empfänglich?

Natürlich  bin  ich  immer  für  Sinnlichkeit  empfänglich.  Schönheit  ist immer ein Faszinosum, nicht nur die Schönheit von Menschen. Städtebilder haben ihre eigenen ästhetischen Reize, ebenso wie die Werke der bildenden Kunst. Für Schönheit habe ich viel übrig.

 

Der Flieger Reinhold Würth mit einer Air Transport Pilot Licence – spürt der noch ein bisschen von der Leidenschaft der Fliegerei, die wir von Antoine de Saint-Exupéry kennen?

Wissen Sie, diese Sinnlichkeit ist immer wieder da. Von dem Moment an, in dem Sie vor dem Flugzeug stehen. Sie spüren die Harmonie von Techniken und Eigenschaften, mit denen so eine Maschine gestaltet ist. Das ist eine Vollkommenheit von Technik und Form, die bei allem Ausdruck maskuliner Kraft auch eine feminine Anmutung hat. Wenn man dann diese dreißig Tonnen in die Luft bringt und legt die Gashebel nach vorne – das ist jedes Mal ein vibrierendes Erlebnis.

 

Ein Stückchen: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein?“

Ist sie ja nicht. Sie hocken im Cockpit.

 

Keine besonderen Freiheitsgefühle?

Manches Mal durchaus. Ich will das konkret beschreiben. Als ich letztes Jahr in Alaska war, haben wir zwei Tagesausflüge gemacht, einmal von Juneau nach Anchorage und einmal von Juneau nach Kodiak. Und als wir von Kodiak am Spätnachmittag zurückgeflogen sind, das war dann Richtung Osten, da stand die Sonne halb links hinter uns, und halb links vor uns war die riesige Gletscherwelt Alaskas, glitzernd und gleißend von der Sonne, die wir hinter uns hatten. Das war natürlich ein hinreißendes Erlebnis. Schon auf dem Flug von Europa nach Alaska hatten wir – was ganz selten ist – über Grönland wolkenloses Wetter unter uns. Wir waren ja vierzigtausend Fuß hoch und konnten diese grönländische Eiswüste unter uns fast mit den Händen greifen. Im Eis waren kleine Seen aus Schmelzwasser von der Sonne.

Wir konnten daran auch die Folgen des Klimawandels erkennen. Da wer- den Reiseeindrücke zu Anstößen für Nachdenklichkeit, zu Fragestellungen an unseren Umgang mit der uns anvertrauten Erde.

Ein Faszinosum ereignet sich auch jedes Mal, wenn man ostwärts durch die Nacht fliegt und die Sonne geht auf. Das habe ich ganz besonders aus einer Reise in Erinnerung, bei der wir von Auckland in Neuseeland nach Papeete im Pazifik geflogen sind. Wir sind abends um elf Ortszeit abgeflogen. Das war eine wunderbare Nacht – wolkenlos, der Mond stand hell leuchtend am schwarzen Himmel, unter uns der gleißende Pazifik, in den Schattenseiten hat sich der Mond gespiegelt, gegen Morgen dann, ganz fein zuerst, nur ein feiner, fahler Strich. Dem folgt in kurzer Zeit Türkis und Rosa. Wenn die Sonne dann langsam über den Horizont kommt, dann  starten  schon  die hohen  Wolkengebilde  dazwischen.  Der Mond ist noch da, verblasst aber immer mehr. Das sind Flugerlebnisse, die ein Leben lang in einem haften bleiben.

 

Das klingt nach einer Poesie des Fliegens.

Ja, so empfinde ich diese Erlebnisse. Wenn ich schriftstellerisch begabt wäre, dann würde ich einen kleinen Essay darüber schreiben. Oder ein Gedicht …

 

Schreiben fängt mit Schreiben an …

Ich habe mir vor Jahrzehnten vorgenommen: Wenn ich pensioniert bin, schreibe ich einen Kriminalroman. Bisher fehlt mir die Zeit dazu. Vielleicht ist einer wie ich, der seinen Beruf als Handelsreisender gefunden hat, zum Pensionär ungeeignet …

 

Welche Eindrücke hat der Kunstsammler Reinhold Würth von seinen Reisen mitgenommen? Spiegelt sich das, was Sie von der Welt in Ihrem Kopf gespeichert haben, in Ihrer Sammlung wider?

Auf meinen Reisen besuche ich regelmäßig Kunstmuseen. Ich habe dabei viel gelernt. Hin und wieder habe ich mir in Museen von noch lebenden Künstlern die Adressen geben lassen und dann das eine oder andere Werk erworben, wenn mir etwas besonders gut gefallen hat. Ich habe auch immer wieder überraschende Eindrücke gehabt und habe dann Künstler, die ich überhaupt nicht kannte, in die Sammlung aufgenommen.

 

Ich erinnere mich an einen Fall in New York, da sind wir in Greenwich Village spazieren gegangen und wir haben Werke eines englischen Künstlers im Schaufenster einer Galerie gesehen. Die haben mich auf Anhieb fasziniert. Das war eine Art von Objektkunst, dreidimensionale Bilder. Jetzt denke ich daran, daraus irgendwann eine monografische Ausstellung zu machen. Wenn sie vor solchen Bildern hin und her gehen, öffnen sich Türen. Das wird natürlich von den Großen der Kunstfachwelt mit Naserümpfen gesehen. Aber mir ist das egal. Ich lasse mich da gerne auf meine Weise von der Kunst beeindrucken.

Überheblichkeit der professionellen Fachleute sieht man am Beispiel der Niki de Saint Phalle; sie wurde zunächst komplett abgelehnt. Und jetzt ist sie weltweit bewundert, ihr Skulpturenpark in der Toskana zieht Kunstliebhaber aus der ganzen Welt an.

 

Welchen Eindruck hat die Begegnung mit außereuropäischer Kunst auf Sie gemacht. Sie kennen den Einfluss, den polynesische und afrikanische Kunst auf die bildenden Künste bei uns im 20. Jahrhundert hatten. Haben Sie diese Entwicklung an sich nachvollzogen?

Diese Kunst der Naturvölker hat mich sehr beeindruckt. Ich habe vorher viele Werke von Picasso gekannt, war dann immer wieder überrascht, wie nahe er an der Native Art dran ist. Ein prägendes Erlebnis war für mich 1984 im Museum of Modern Art in New York die Ausstellung „Primi- tivism in 20th Century Art“. Mir ist besonders die Gegenüberstellung einer Skulptur Picassos und einer Skulptur aus Polynesien haften geblie- ben. Das war fast gespenstisch. Eins zu eins! Aber die Experten sind sich hundertprozentig sicher, dass Picasso die Skulptur aus der Südsee nie gesehen haben konnte. So erfahren wir ein universelles Gedächtnis der Menschheit.

 

Ein anderes starkes Erlebnis war die Begegnung mit Horst Antes – der macht  diese  Kopffüßler.  Vergleichbare  Figuren  machten  schon  lange zuvor die Pueblo-Indianer. Egal, ob Antes sie gekannt hat, als er mit seinen rätselhaften Wesen anfing – es zeigt sich auch daran, dass sich in der Menschen- und in der Kunstgeschichte Phänomene wiederholen. Das ist ganz besonders ausgeprägt in den Ausdrucksformen, die Menschen in der Kunst von sich selbst schaffen.

 

Haben Sie selbst Kunst anderer Völker gesammelt, die dem „Primitivism“ zuzuordnen ist?

Wir haben afrikanische Kunst in meiner privaten Sammlung. Aber das ist nicht so bedeutend. Ich habe diese Sammlung von einem Kunsthändler in Salzburg übernommen, teilweise auf meinem Schiff aufgestellt, einiges steht in Salzburg in meiner Bibliothek. Es sind sehr schöne Sachen dabei.

 

Sie sind in der ganzen Welt unterwegs, bezeichnen aber Hohenlohe immer wieder als Ihre Heimat, in der sie regelmäßig auch Ihren Lebensmittelpunkt  nahe  der Konzernzentrale  finden. Wie wichtig ist heute noch geografisch gebundene Heimat? Werden wir alle zu Hommes Nomades, wie der frühere französische Minister Jacques Attali die modernen Menschen bezeichnet hat? Sind das die Flücht- linge, die aus Afrika, Afghanistan, Syrien, dem Irak zu uns kommen, weil sie hier Sicherheit und Arbeit suchen?

Die traditionell definierte Heimat nimmt in der Bedeutung ab. Menschen werden heute durch Länder und Kontinente gewirbelt – beruflich, im Gefolge des Tourismus, durch Migration, Vertreibung und Flucht. Wenn Sie sich dann mit den Leuten unterhalten, dann wissen viele in der zweiten Generation nicht mehr, wo sie hergekommen sind. Allenfalls bleiben familiäre Bindungen.

 

Wir sollten nicht nur über den Verlust an alten Bindungen klagen, sondern den Gewinn an Menschen begrüßen, den wir durch Migration und Globalisierung haben. Wir sollten uns anstrengen, die Menschen, die als Flüchtlinge zu uns kommen, für unsere Gesellschaft zu gewinnen und sie zur Mitarbeit an unserer Zukunft zu befähigen. Menschen werden auf Dauer nur dort heimisch, wo sie sich wohl fühlen, wo sie Sicherheit für ihre Familien und Arbeit haben; dort bilden sich ihre Lebensmittelpunkte.

Es gibt in den Salzburger Nachrichten eine kleine Kolumne über Auslän- der, die in Salzburg leben: Wie fühlen Sie sich hier? Überwiegend sagen die Leute: Die Heimat habe ich hier, weil ich hier meinen Lebensmittelpunkt habe.

Ich empfinde Hohenlohe als meine Heimat und erlebe diese emotionale Dimension als sehr schön. Bei meiner Frau ist diese emotionale Bindung noch stärker. Sie hat sich mit dem Anne-Sophie-Hotel und mit Freunden hier stark engagiert. Das ist auch für mich eine Bindung an Hohenlohe.

Ich lebe aber gerne auch in Salzburg. Vielleicht wäre ich ganz dorthin, mit dem ersten Wohnsitz, wenn meine Frau nicht gewesen wäre. Dann wäre ich heute halt in Salzburg mit dem ersten Wohnsitz und würde mich dort unglaublich wohl fühlen. Salzburg ist für mich nicht nur die zweite Heimat, sondern manches Mal die erste.

 

Sprache ist auch ein Teil der emotionalen Heimat. Welche Rolle spielt das für Sie? Sie pflegen den hohenlohischen Akzent. Sie haben bei der baden-württembergischen Werbekampagne mit der Aussage mitgewirkt: Wir können alles außer Hochdeutsch.

Ich halte es für eine starke und positive Charaktereigenschaft, wenn jemand sein Idiom beibehält. Daraus habe ich nie einen Hehl gemacht, aus Hohenlohe zu kommen. Ich habe nie versucht, mir den Salzburger Dialekt anzueignen, damit die Leute nicht merken, dass ich dort kein Einheimischer bin.

 

Die gleiche Haltung habe ich immer an meinem Stiefvater bewundert. Meine Mutter hat ja ein zweites Mal geheiratet, den Walter Kindermann, der war Westfale, Finanzbeamter, hat das Finanzamt in Künzelsau geleitet. Der hat bis zum Tod ein glasklares Westfälisch gesprochen. Obwohl er über dreißig Jahre hier in Hohenlohe verbracht hat, floss in seine Sprache kein hohenlohischer Laut ein. Das habe ich als sehr schön empfunden.

 

Was ist das Anziehende, das Besondere an Salzburg?

Meine Familie hat in Salzburg zwei schöne Anwesen in einer schönen Landschaft. Die Stadt strahlt eine gewinnende Harmonie aus. Dann ver- lockt die vielfältige Kultur. Sie finden in Europa kaum einen zweiten vergleichbaren Ort mit so viel Kultur auf einem Fleck wie in Salzburg – das ganze Jahr über. Die Museen sind hoch attraktiv. Das Naturkundemuseum ist eines der führenden seiner Art in der Welt. Wo hat ein Kunstmuseum eine so attraktive Lage wie das oben auf dem Berg in Salzburg? Die medizinische Versorgung ist exzellent, voran das Universitätsklinikum.

 

Spielt für Sie das gesellschaftliche Leben in Salzburg eine wichtige Rolle?

Untergeordnet. Ich gehöre nicht zur Bussi-Gesellschaft, meine Frau auch nicht. Wir drängeln uns nicht dort, wo sich die Welt einfindet, die man die Bunte nennt. Wir machen ein paar Mal im Jahr Einladungen bei uns zu Hause. Das sind vier, fünf Ereignisse im Jahr. Das meiste, was uns an Einladungen zukommt, lehne ich ab. Da erhalten Sie zwei, drei Einladungen für einen Abend. So etwas mache ich nicht mit. Ich habe viel zu tun und bin froh, wenn ich in Salzburg Stunden der Ruhe habe – oder Zeit, um mit meiner Frau über den wunderschönen Markt zu bummeln.

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