Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen – Buchauszug „Das innere Korsett“

Die Autorinnen Bärbel Kerber und Gabriela Häfner analysieren, warum Deutschland in Sachen Gleichberechtigung so schlecht abschneidet und was Frauen daran hindert, ihre Chancen wahrzunehmen.

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Buchauszug: „Das innere Korsett – Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen“

 

Häfer und Bärbel Kerber

Gabriela Häfner und Bärbel Kerber (Foto: Daniela Haug)

 

Buchauszug:

„Es gibt oft das Argument ‹Die Zeit wird es richten›. Ich habe keinen Bock, 100 Jahre zu warten.“ Teresa Bücker, Bloggerin, Autorin und Social-Media- Beraterin, ist nicht die Einzige, der alles viel zu langsam geht, auch andere schimpfen darüber, dass wir in puncto Gleichberechtigung auf der Stelle treten: Die heutige Devise, alles zu dürfen, und die Einsicht, nicht alles zu schaffen, bleibt ein Widerspruch, mit dem Frauen weitgehend alleine zurückgelassen werden.

Irgendwann kommen fast jeder Frau die ersten Zweifel. Nur etwa ein Drittel Ausnahmefrauen, so schätzt die Femtec- Geschäftsführerin Heike Lukoschat, werden ihre selbstgesteckten Ziele erreichen. Der Rest „versandet“  – macht die Erfahrung, „stecken zu bleiben“. Auch der Gleichstellungsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2011 spricht von „geringeren Verwirklichungschancen der weiblichen Jugendlichen“ am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Trotzdem betrachten viele Frauen in jungen Jahren die Gleichberechtigung als völlig selbstverständlich und als etwas, das längst erreicht ist, weswegen sie zunächst oftmals gegen eine Frauenquote sind. Erst später kommen die ersten irritierenden Erfahrungen – und damit die Ernüchterung.

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Ehrgeiz allein reicht nicht aus, wenn es unsichtbare Barrieren gibt

Im Laufe des Berufslebens stellt sich das Gefühl ein, auf der Stelle zu treten, vor verschlossenen Türen zu stehen, die eigenen Ziele in unerreichbare Gefilde schwinden zu sehen. Eine unsichtbare Barriere verhindert, dass es Frauen an die Spitze schaffen. Doch dass Frauen immer noch gegenüber Männern im Nachteil sind, wird teils laut und empört  zurückgewiesen. „Gläserne Decke“ und „überholte Rollenbilder“ seien Vergangenheit, wettert Bettina Weiguny in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Lernt Mathe, wagt etwas, setzt die richtigen Prioritäten  – aber bitte, jammert bloß nicht mehr, so die Analyse der Journalistin.

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Vorwärtspreschen – gegen Mauern

 

Was aber, wenn die Erfahrungen zeigen, dass ich noch so tough und zielgerichtet vorwärtspreschen kann  – und dann trotzdem gegen Mauern anrenne? Was, wenn ich mich dafür wappne und trotzdem spüre, dass ich anders beurteilt, sogar benachteiligt werde, nur weil ich eine Frau bin?

 

Bärbel Kerber und Häfner, Beck Verlag

Bärbel Kerber/Gabriela Häfner: „Das innere Korsett“, 217 Seiten, Beck Verlag 2015: http://www.chbeck.de/Haefner-Kerber-innere-Korsett/productview.aspx?product=14291916

 

Der Reflex: Führungskräfte sind Manager

Was Männern zugeschrieben wird und was  – im Kontrast dazu  – als typisch weiblich gilt, trägt enorm dazu bei, dass Frauen es nicht schaffen, aus dem Schatten der Männer herauszutreten. Ein gutes Beispiel hierfür ist ein Reflex, der plakativ mit „think manager  – think male“ beschrieben wird: Wer sich eine Führungskraft vorstellt, denkt automatisch an einen Mann. Tatsächlich ist heute noch die Denkweise verbreitet, dass Führungsqualität etwas typisch Männliches sei und Frauen die Kompetenz dafür fehle.

Dass hier etwas ganz subtil im Hintergrund wirkt, bestätigt auch eine andere Studie. Diese blickte auf Bedeutung und Größe der Projekte und verglich jene, die Männern anvertraut werden, mit denen, die Frauen zugeteilt bekommen. Das Ergebnis zeigte erbarmungslos, dass die großen, wichtigen und internationalen Projekte an Männer übertragen werden,  Frauen hingegen lediglich die kleineren, risikoärmeren Projekte leiten. Zudem war das Budget der von Männern betreuten Projekte zweimal so groß und die Projektteams hatten dreimal mehr Mitarbeiter als jene der Frauen.

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Unbewusste Reflexe

Dieses Buch möchte die Augen dafür öffnen, was genau hier eigentlich passiert  – unmerklich, aber folgenreich: Wir blicken noch lange nicht in gleicher Weise auf eine Frau wie auf einen Mann. Bereits in jungen Jahren haben wir in- und auswendig gelernt, wie sie „so ist“  – und wie dagegen er. Viele Frauen sind heute davon überzeugt, ihre berufliche Stagnation hätte nur mit ihnen selbst zu tun, mit ihren persönlichen Fähigkeiten und individuellen Möglichkeiten sowie den Entscheidungen, die sie in ihrem Leben getroffen haben. Doch die Ursachen sind durchaus auch woanders zu suchen – und haben mit Rollenbildern zu tun, die uns von klein auf eingeprägt werden.

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Jungen sind wild, Frauen schön und sensibel

Auch heute noch tragen wir an unsere Kinder, oft ohne es zu merken, die gängigen Vorstellungen heran: Jungen sind wild, erobern die Welt und haben Technikverstand, Frauen  dagegen sind schön, sensibel und kümmern sich am liebsten um den Heimsupport in Küche und Kinderzimmer. Inmitten der boomenden Geschlechterstereotypen in den Medien, der Werbung und den Spielzeugkisten sind die rollenspezifischen Erwartungen, in denen Mädchen und Frauen sich alltäglich noch immer wiederfinden, de facto kein bisschen schwächer geworden, sondern bemerkenswert ungebrochen.

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So, als gäbe Josef Ackermann seine Karriere auf fürs Kinderhüten

Es sind unbewusste Reflexe, die Frauen in ihren Möglichkeiten einschränken. Und diese Reflexe sitzen in den Köpfen beider Geschlechter. Der Journalist Malte Welding beschrieb eines der Rollenmuster, das Frauen scheinbar aus dem Nichts heraus bedienen, einmal am Beispiel seiner Schwester. Diese hatte Maschinenbau studiert, ihre Promotion mit summa cum laude abgeschlossen und anschließend viele Forschungsgelder an ihre Universität holen können. Alles lief beruflich bestens, dann bekam sie zwei Kinder  – und blieb daheim. „Das ist, als hätte Josef Ackermann seine Karriere aufgegeben, um auf Spielplätzen rumzusitzen“.

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Das Dilemma beginnt bei den Kindern – von klein auf

Wir glauben und hoffen, die Frauenquote und mehr öffentliche Kinderbetreuung würden dazu führen, dass Frauen zukünftig keinen Grund mehr haben, sich über ungleiche Chancen zu beklagen. Beide Maßnahmen sind zwar nicht falsch, aber auch kein Allheilmittel. Das eigentliche Dilemma, das sich für die Frauen auftut, beginnt tatsächlich schon meilenweit unterhalb von Karriereplanung und täglicher Vereinbarkeitsnot  – und zwar da, wo Mädchen von klein auf nahegelegt wird, sie wären für andere Dinge im Leben prädestiniert als Jungen, mit anderen Kompetenzen als diese ausgestattet.

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