Ein Teller Currynudeln mit Katharina und Heinrich Lind von Experts-Go-Europe.com: Hier fehlt die Willkommens-Kultur

Nachsatz vom 25.1.2016: Heinrich Lindt hat mitgeteilt, dass die Firma Experts-Go-to-Europe inzwischen gelöscht ist. Das Foto von den Gründern an dieser Stelle musste leider gelöscht werden.

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Katharina Samp-Lind und Heinrich Lind haben ein Portal gegründet, das qualifizierten Fachleuten helfen soll, den Einstieg ins deutsche Arbeitsleben zu bekommen – und umgekehrt Unternehmen, ihren Fackräftemangel zu bewältigen:Experts-Go-Europe.com

 

Die Ansprüche, die deutsche Unternehmen an Bewerbungsunterlagen stellen, sind extrem hoch. So hoch, dass es vielen Ausländern gradezu absurd vorkommt. Dann kann es passieren, dass ein Spanier seiner Bewerbung ein Freizeit-Foto beilegt.

Bewerbungsunterlagen mit Fotos vom Strand

Ein Strandfoto etwa, das ihn in Badehose zeigt. Oder – aus deutscher Sicht noch kurioser – ein Foto am Tresen seiner Stammkneipe mit einer Bierflasche in der Hand – aber dafür vergnügt lachend. Die Bewerber, die solche Bilder schicken, kommen zuweilen gar nicht auf die Idee, dass nur Business-Fotos gefragt sein könnten.

Katharina Samp-Lind, 52, die Geschäftstführerin des Vermittlungsportals mit dem etwas sperrigen Namen Experts-Go-Europe, kennt viele solcher Beispiele. Und den Betroffenen gibt sie dann auch sachdienliche Hinweise. Denn sie und ihr Mann Heinrich Lind, 57, wollen – ähnlich wie Partnervermittlungen à la´ Elitepartner.de die Beziehungswilligen – Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen bringen: Und zwar die in Deutschland, die Fachkräfte suchen und qualifizierte Leute aus Ländern wie Spanien, Portugal, Polen undsoweiter, die auf Arbeitsuche sind.

6500 Arbeit-Suchende sind registriert 

Das sind Ingenieure, Ärzte, Elektriker, Krankenpfleger undundund aus bis zu 500 verschiedenen Professionen. 6500 Arbeit-Suchende aus dem europäischen Ausland sind derzeit registriert bei dem Experts-go-Europe.com : 46 Prozent davon kommen aus den sogenannten Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), ein Drittel sind Frauen, erzählt Heinrich Lind, der bis vor kurzem Partner bei der WP-Gesellschaft Ernst& Young-Partner war – 34 Jahre lang. Und er berichtet, dass er 1985 der jüngste Wirtschaftsprüfer Deutschlands war und nach zehn Jahre Partner wurde, der jüngste in der Geschichte von Ernst & Young (EY). Er betreute Kunden wie ThyssenKrupp oder Eon, bis er vergangenen Juli in Ruhestand ging.

 

Aber in Ruhestand ging er nicht wirklich. Zusammen mit seiner Frau Katharina – sie kommt ebenfalls von einer WP-Gesellschaft – baute er das Internetportal auf. Beide sind ordentlich herum gekommen in ihrem ersten Berufsleben, er war viel in China für EY. Sie war in Polen für KPMG im Einsatz, wo sie auch geboren und aufgewachsen ist, bis sie ih Studium in Deutschland begann. Katharina Samp-Lind war auch als Analystin unterwegs, spricht  sechs Sprachen und hat drei Bücher geschrieben – Romane zum Beispiel, über die Finanzkrise.

 

Schon am ersten Tag 350 Stellensuchende

 

Von ihr stammt auch die Idee zur Internetplattform Experts-Go-Europe.com. Damals sassen die Ehelaute in der „Meerbar“ im Düsseldorfer Hafen beim Glas Wein. Die Tochter einer Hoteliersfamilie „hatte schon viele Ideen“, erzählt sie – ebenso wie Heinrich Lind: Er verfiel auf die Idee, einen Club Ü50 zu gründen, in dem der Türsteher die Jüngeren aussondert. Doch die verwarfen sie lieber wieder.

Nicht weil sie sie für unrealisierbar hielten, sondern einfach weil sie schon Feuer gefangen hatten bei ihrem Fachkräfte-Vermittlungs-Portal. „Schon am ersten Tag haben sich 350 Leute eingetragen, die auf Job-Suche waren“, schwärmt Heinrich Lind. Inzwischen sind es 6500. Davon sind rund 1600 Ingenieure, 600 IT-Profis oder rund 500 Elektrotechniker.

Was es die Fachleute kostet, auf Experts-Go-Europe vertreten zu sein? Bis Ende Dezember 2014 soll es auch für Arbeitgeber umsonst sein, bisher galt: Unternehmen auf Mitarbeitersuche mussten 599 Euro für drei Monate zahlen und bekamen zehn Profile geliefert. Schlagen Besetzungen fehl, wurde die Suchzeit um drei Monate verlängert. Zu den Kunden gehören schon renommierte Namen wie den Geschirrprozenten Villeroy & Boch oder der Hersteller von Robotersystemen Kuka in Augsburg.

 

Bei unserem Gespräch im Basil´s an der Düsseldorfer Haroldstraße haben sich beide Nudeln mit Putenstreifen und Currysoße bestellt. Und sie sprechen über die Ausländer, die hier arbeiten wollen. Über den Unterschied zu den Gastarbeitern der 60-er, 70-er Jahren. Dass es heute nämlich die qualifizierten Fachkräfte seien, die kämen. Ganz oder eine zeitlang. Und dass, wenn sie zurück gingen, deren Heimatländer von ihrem Know-how profitieren.

 

Nudeln mit Currysoße mit Putenbrust

Nudeln mit Currysoße mit Putenbrust

Und die Eheleute erzählen, wie schwer es ist, Fremde in manchen Regionen wie beispielsweise auf der schwäbischen Alp zu integrieren. Dass es in Deutschland keine Willkommens-Kultur gebe wie in Australien oder Kanada. Auch in Luxemburg oder den Niederlanden seien die Arbeitgeber offener und flexibler. Sie empfingen Fachleute aus anderen  Ländern mit offenen Armen, duzen sich mit ihnen und fördern Treffen mit ihnen abends und am Wochenende.

Gerade wer jedoch in Deutschland einen Job antritt auf dem Land, habe es als Arbeitnehmer noch schwerer als in den Großstädten. Samp-Lind: „Schließlich gibt es dort keine Communities wie die der Spanier in Berlin, bei denen Spanier gleich Anschluss finden.“

Deutsche Arbeitgeber sind in der Breite unbekannt 

Und dass der deutsche Mittelstand in der Nische höchst erfolgreich sei – aber als Arbeitgeber eben leider unbekannt. Dass ein Maschinenbauunternehmen ohne Employer Branding nicht gefunden werde. „Nur bei Unternehmen wie Porsche melden sich die Ingenieure von alleine“, beschreibt Heinrich Lind.

Umgekehrt haben zum Beispiel in Spanien so viel Menschen den festen Vorsatz, in Deutschland einen Job finden zu wollen, dass man vor Ort derzeit keine Deutschkurse mehr bekäme, berichtet er weiter. Das deckt sich der Beobachtung des Chefs der größten Düsseldorfer Sprachschule, Michael Rönitz vom Sprachcaffe, die besonders auf Firmenkunden spezialisiert ist: Deutsch-Kurse werden bei ihm in den vergangenen Monaten rasend nachgefragt. Und Heinrich Lind ergänzt: „Deutsch-Kurse sind in Spanien schon gar nicht mehr zu bekommen im Moment, sie sind alle ausgebucht.“

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http://www.personalwirtschaft.de/de/html/news/details/2597/Besetzungsprobleme-Truegerische-Zufriedenheit-im-Mittelstand/

http://www.welt.de/wirtschaft/article124373725/Jede-dritte-Firma-durch-Fachkraeftemangel-gefaehrdet.html

Experts-Go-Europe:  https://www.google.de/#q=experts+go+to+europe

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