Anonyma: „Ganz oben“ – Warum kritisieren Frauen sich bloß immer selbst? (Auszug) – Buchverlosung

Anonyma: „Ganz oben“ heißt das Buch, in dem eine Top-Managerin offen berichtet, wie es zugeht in den obersten Führungsetagen und insbesondere wie sie es als Frau erlebt – und was sie anderen Frauen rät.

Im Management-Blog werden zwei ihrer Exemplare, die der Verlag C.H.Beck den Lesern auf wiwo.de spendiert, verlost.

Wer sie gewinnen möchte, mailt bitte bis 9. Mai 2013 an claudia.toedtmann@wiwo.de mit dem Betreff „Anonyma-Verlosung“.

Anonyma, "Ganz oben: Aus dem Leben einer weiblichen Führungskraft"; C.H. Beck 2013

Anonyma, „Ganz oben: Aus dem Leben einer weiblichen Führungskraft“; C.H. Beck 2013

Unter tollen Hechten

(1. Folge)

Warum von weiblicher Selbstkritik in Beurteilungsgesprachen dringend abzuraten ist

 

Warum von weiblicher Selbstkritik in Beurteilungsgesprächen dringend abzuraten ist

 

Alle Jahre wieder setze ich mich mit jedem Einzelnen meiner Mitarbeiter zusammen, um mit ihm über seine Leistungen in den vergangenen zwölf Monaten zu sprechen. Die Reflexion darüber erfolgt auf der Basis von gemeinsam festgelegten Zielen, die wir im vorausgegangenen Beurteilungsgespräch festgelegt haben. Als Vorbereitung auf das Gespräch prüfen wir beide getrennt, in welchem Maße die definierten Ziele erreicht wurden, indem wir für jedes Ziel auf einer von 1 bis 5 abgestuften Skala eine Bewertung abgeben. Die Beurteilung der im Job geleisteten Arbeit ist dabei kein Selbstzweck, denn von diesen Gesprächen hängt ab, ob und in welcher Höhe der Mitarbeiter mit einer Gehaltserhöhung rechnen kann.

Männer, deren Leistung ich als ihre Vorgesetzte zu beurteilen habe, sind fast immer der Meinung, Bestnoten in allen Zielbereichen verdient zu haben. In den allermeisten Fällen liegen sie mit ihrer Einschätzung der eigenen Leistungen höher als ich. Von Selbstzweifeln nicht geplagt, blicken sie auf ein Jahr zurück, in dem sie sich mit ihrer Leistung dauerhaft im Zenit bewegten. Besser geht nicht. Lief es an einer Stelle miserabel und weise ich in unserem Gespräch vorsichtig darauf hin, werde ich darüber belehrt, dass mein Gegenüber zwar optimal und unermüdlich an einem Problem gearbeitet habe, doch von ihm nicht zu vertretende Umstände ihn das Ziel nicht erreichen ließen; andere Abteilungen, ebenfalls in den Sachverhalt involviert, hätten nicht so gespurt wie gewünscht, administrative oder technische Widrigkeiten seien aufgetaucht, kurzum, es habe einfach nicht in der Hand meines Mitarbeiters gelegen, die Angelegenheit zu einem guten Ende zu führen.

 

Frauen schätzen sich selbst schlechter ein, als ihre Vorgesetzten

Frauen, mit denen ich ein Beurteilungsgespräch führe, sehen sich selbst meistens sehr kritisch. Die Noten, die sie vorschlagen, rangieren oft unter den meinigen. Bin ich der Auffassung, dass in Hinblick auf ein definiertes Ziel die Bestnote angemessen ist, nehmen Frauen das nicht als Bestätigung für ihre gute Arbeit zur Kenntnis, sondern versuchen im Gegenteil, mir die besonders positive Bewertung geradezu auszureden. Eigentlich, so höre ich dann von meiner Mitarbeiterin, sei der Erfolg doch nur teilweise eigener Verdienst, da andere sie immer unterstützt hätten, und darüber hinaus erinnere sie sich an Situationen, in denen der Weg zum Ziel sehr holprig gewesen sei. Man hätte es also noch besser machen können, und die Note 2, so wird mir nahegelegt, beschreibe die gezeigte Leistung sehr viel angemessener als die Bestnote, «denn so gut war es ja nun wirklich nicht».

Der himmelweite Unterschied, der das Verhalten von Frauen und Männern im Beurteilungsgespräch kennzeichnet, prägt natürlich auch die sich anschließende Diskussion über eine mögliche Gehaltserhöhung. Männer überziehen wahnsinnig. Sie trauen sich nicht nur, nach viel Geld zu fragen, sie scheinen auch davon überzeugt zu sein, dass sich eine Gehaltserhöhung in dieser Höhe aus ihrer außergewöhnlich guten Leistung geradezu zwingend ergibt. Ich habe einen Fall in Erinnerung, in dem einem Mitarbeiter in einem Jahr eine Gehaltserhöhung versagt blieb, weil er nach vielen großen Gehaltssprüngen der vergangenen Jahre mit seinem Gehalt so weit vor gleichrangigen Kollegen lag, dass man diese erst einmal ein wenig zu ihm aufschließen lassen wollte. Er hatte in den letzten Jahren viel gefordert und viel bekommen und sollte nun ein Jahr aussetzen, um Kollegen, die ebenso gut arbeiteten wie er, zu ermöglichen, sich an sein Gehalt zumindest heranzutasten.

 

Der unbequeme Mann kommt weiter

Der Betreffende, dem man die Gründe für den einmaligen Verzicht auf mehr Geld transparent kommunizierte, verlor jegliche Contenance. Er drehte schlicht durch und versuchte mit allen Mitteln, auf allen Ebenen bis hin zur Geschäftsführung seinem Gefühl der ungerechtfertigten Schmähung Ausdruck zu verleihen. Obwohl er letztlich ohne Erfolg blieb, hat sein aggressives Auftreten doch sicherlich dazu geführt, dass sich jeder Vorgesetzte, der es künftig mit ihm zu tun hat, ganz genau überlegen wird, ob er nicht seiner Forderung nach mehr Geld im vertretbaren Rahmen nachkommt und sich damit den ganzen Ärger erspart, der ihm bei einer Ablehnung gewiss ist.

Es wird niemanden überraschen, dass Frauen im Gespräch über Gehaltserhöhungen sehr bescheidene Vorstellungen haben. Viele Frauen fragen von sich aus nicht einmal danach. Wenn ich ihnen mitteile, dass aus meiner Sicht eine Gehaltserhöhung in einer bestimmten Höhe gerechtfertigt ist, nehmen sie das erfreut zur Kenntnis, verhandeln aber nicht über die Höhe der Summe. Immerhin versuchen sie nicht, mir die Gehaltserhöhung grundsätzlich auszureden … Manche Frauen nennen von sich aus einen bestimmten Betrag, der grundsätzlich einen Bruchteil von dem darstellt, was Männer sich vorstellen. Um es an einem Beispiel etwas konkreter zu machen: In vergleichbarer Position fordern Männer € 1000,‒ und mehr, während ihre weiblichen Kolleginnen in zurückhaltender Weise € 200,‒ ins Gespräch bringen.

 

Nur forderndes Auftreten verhilft zu Erfolg – Männer wissen das

Verlässt ein Mitarbeiter das Unternehmen und hat er dadurch Anspruch auf ein Arbeitszeugnis, zeigt sich dieses Muster der ganz anderen Selbsteinschätzung von Männern und Frauen auch dort. Ich bitte die aus der Firma ausscheidenden Personen immer darum, einen Textvorschlag vorzugeben, den ich bei der Erstellung des Arbeitszeugnisses berücksichtige, sofern er meinem eigenen Empfinden nicht gänzlich widerspricht. Frauen stellen natürlich auch ihre Stärken heraus, doch lassen sie in ihren Formulierungen erkennen, dass sie sich eigener Schwächen durchaus bewusst sind. Wenn ich den Textentwurf eines Mannes lese, bin ich oft sprachlos. Es wimmelt nur so von Übertreibungen, der ganze Text ist eine grenzenlose Lobhudelei auf die eigene Person. Der Mann, ständig im Einsatz an den Schaltstellen der globalen Wirtschaft. Der Mann, das quasi gottgleiche Wesen. Auf einen solchen Text richtig zu reagieren ist schwer. Die geballte Wucht der zum Ausdruck kommenden Vollkommenheit des Sich-selbst-Beschreibenden erschlägt mich jedes Mal. Wenn ich, noch bemüht, das gezeichnete Bild zumindest etwas zu korrigieren, darauf verweise, dass die eine oder andere Formulierung die Wirklichkeit im Nachhinein doch allzu rosig erscheinen lasse, beiße ich auf Granit.

Ich werde dann umgehend aufgefordert, konkrete Situationen anzuführen, die geeignet seien zu belegen, warum er mit seiner Formulierung denn falsch liege. Zögere ich mit meiner Antwort auch deshalb, weil der Grund dafür, einer Aufgabe nicht optimal gerecht geworden zu sein, nicht unbedingt faktischer Natur sein muss, drängt er mich immer weiter mit dem Rücken zur Wand. Irgendwann strecke ich die Waffen, unfähig, unter diesem Druck zu reflektierten Einwänden zu kommen. Es bleibt dann im Wesentlichen bei der vom Mitarbeiter vorgeschlagenen Bewertung. Na also, er war eben doch der Beste. Was hier arg nach Schwarz- Weiß-Malerei klingt, ist nichtsdestotrotz in deutschen Unternehmen Realität. Deswegen sind Frauen aber keineswegs die besseren – oder bescheideneren – Menschen. Sie scheinen nur noch nicht verinnerlicht zu haben, dass allein ein forderndes Auftreten zum Erfolg führt, der sich in barer Münze auszahlt.

Es fällt mir leicht, das unterschiedliche Verhalten von Männern und Frauen in Bezug auf ihre eigene Leistung als Chefin und damit wie von außen zu sezieren; wenn ich hingegen in der Situation bin, mich selbst bewerten zu müssen, verhalte ich mich genauso wie (fast) jede andere Frau. Ging es um eine Gehaltserhöhung, traute ich mich nicht, die Summe zu nennen, die ich im Kopf hatte, in der Befürchtung, sie liege viel zu hoch. Ich wollte auf keinen Fall unverschämt sein. Der Betrag, der mir dann von der anderen Seite vorgeschlagen wurde, lag dann stets viel höher. Manchmal denke ich über mein Gehalt nach. Die bloße Summe flößt mir dann Respekt ein, und ich finde, dass ich sehr viel Geld bekomme für meine Arbeit. Männer, die ebenso viel verdienen wie ich, sehen für sich immer noch erheblichen Spielraum nach oben. Ein paar tausend Euro mehr, so geben sie zu verstehen, wären für ihre Leistung durchaus gerechtfertigt. Obwohl ich mehr Geld natürlich auch nicht ablehnen würde, fühle ich mich jetzt schon sehr gut bezahlt. Nach mehr Geld zu fragen käme mir einfach nicht in den Sinn.

Ich weiß nicht, warum Männer zumindest vorgeben, derartig von sich selbst überzeugt zu sein. Vielleicht bedeutet es ihnen besonders viel, derjenige zu sein, der in ihrer Position am meisten verdient, weil sie sich dadurch als Mann stärker und damit besser fühlen. Ebenso wenig ist für mich klar, wieso Frauen ihr Licht gerne unter den Scheffel stellen. Was die Hervorhebung der eigenen Schwächen betrifft, so scheint es mir so zu sein, als ob sie von ihrem Vorgesetzten erwarteten, dass er sich ihrer Position nicht anschließt und begründet, warum er im Gegenteil besonders viel von ihnen hält. Frauen wollen diese Art der Bestätigung. Sie müssen sich anscheinend doppelt vergewissern, dass es dem Vorgesetzten mit seinem Lob auch wirklich ernst ist.

 

Das Tiefstapeln der Frauen hat verheerende Auswirkungen 

Als weibliche Vorgesetzte ist mir das Verhalten von Frauen in Beurteilungssituationen vertraut. Ebenso weiß ich aber, wie dieses Verhalten auf den Chef wirkt. Der Mann, der seine eigenen Vorzüge vor dem Chef permanent herausstellt, erzeugt bei diesem das Bild, dass es sich bei ihm um einen ganz besonders wertvollen Mitarbeiter handelt. Die Frau, die, um Selbstkritik bemüht, eigene Leistungen ständig hinterfragt und nivelliert, riskiert, dass sich bei ihrem Vorgesetzten auf Dauer das Bild einer Mitarbeiterin herausbildet, die ihre Schwächen hat. Dieses Tiefstapeln kann verheerende Auswirkungen haben. Jemand, der wie die meisten Männer auf Führungsebene als Lichtgestalt daherkommt, kann in Beurteilungssituationen Zweifel seitens seines Vorgesetzten, die dieser vor dem Gespräch vielleicht noch hatte, leicht zerstreuen. Ist jemand, der von sich selbst so völlig überzeugt ist, nicht wirklich außergewöhnlich gut, frage auch ich mich dann. Habe ich ihn bisher möglicherweise falsch eingeschätzt? Sind seine Forderungen nicht vielleicht berechtigt? Kritik anzubringen ist mir angesichts der zur Schau getragenen Selbstsicherheit meines Gesprächspartners immer unangenehmer, ich werde unsicherer, was ihre Berechtigung betrifft. Ich ahne, dass das Gespräch konfrontativ verlaufen wird, wenn ich seine Selbstdarstellung in Frage stelle. Ich würde unmittelbar in die Lage kommen, mich rechtfertigen zu müssen, und dieses Gefühl ist einfach nicht angenehm. All das führt dazu, dass die Lichtgestalt das Gespräch allenfalls mit ein paar Kratzern verlassen wird. Vom Sockel gestoßen wird sie in der Regel nicht.

 

Die Bescheidenheit der Frauen macht´s Chef leicht

Die extreme Bescheidenheit von weiblichen Mitarbeitern macht ein Gespräch mit ihnen über Leistungen und Geld für den Chef hingegen sehr angenehm. Ich ertappe mich gelegentlich dabei, dass ich extrem niedrige Forderungen, die von Frauen geäußert werden, wenn es um Gehaltserhöhungen geht, erst mal zurückweise und beginne, die Höhe der genannten Summe in Frage zu stellen. Ich fühle mich bemüßigt, darüber zu diskutieren, obwohl ich weiß, dass die Frau am Ende selbstverständlich eine Gehaltserhöhung nach ihren Vorstellungen erhalten wird. Nun ist es an der Mitarbeiterin, sich für ihre Vorstellung zu rechtfertigen, während ich mich in der Situation souverän und sicher fühle. Obwohl mir die Zusammenhänge bekannt sind, wird also abhängig davon, in welcher Haltung jemand in ein Gespräch geht, anscheinend ein Automatismus der Reaktionen in Gang gesetzt, dem auch ich mich nicht immer entziehen kann.

Wenn also Bescheidenheit und die Fähigkeit zu Selbstkritik im privaten zwischenmenschlichen Umgang als positive Eigenschaften betrachtet werden, so bin ich durch meine beruflichen Erfahrungen zu der Erkenntnis gelangt, dass sie im Job völlig fehl am Platze sind. Frauen, die mit ihren Fähigkeiten positiv wahrgenommen werden wollen, bleibt nur eines: Muskeln zeigen! Laut sein!  

 

 http://www.chbeck.de/Anonyma-Ganz-oben/productview.aspx?product=11255946

Anonma im Interview: http://www.manager-magazin.de/unternehmen/karriere/0,2828,druck-891962,00.html

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