Was tun, wenn die eigene Branche keine Stellen mehr bieten kann. Interview mit Headhunter Stefan Koop von Amrop Delta zu Branchenwechseln.

Stefan Koop, Partner der Personalberatung Amrop Delta

 

 

Herr Koop, Branchenwechsel werden Arbeitnehmern in Deutschland sehr schwer gemacht. Im Zusammenhang mit den WestLB-Beschäftigten bei der Nachfolgegesellschaft Portigon schlug die FDP-Fraktion NRW vor, die vom Land bezahlten Banker in der Finanzverwaltung einzusetzen – etwa bei der Steuerfahndung oder als Dozentenhttp://www.handelsblatt.com/unternehmen/banken/portigon-ex-westlb-banker-sollen-steuerfahnder-werden/7834512.html Der Vorschlag klang revolutionär, Gegenstimmen wurden auch prompt laut, Branchenwechsel sind in Deutschland extrem unüblich. Was würden Sie Akademikern empfehlen, deren Branchen völlig dicht sind?

Koop: Sie sollten ihre Fähigkeiten analysieren: Hard facts wie vertriebliche Fähigkeiten etwa und sich fragen, bin ich auch Kaufmann? Was kann ich aus meinen privaten Aktivitäten für berufliche Qualifikation nutzen, wie Soziales Engagement, leitende Tätigkeit in Vereinen. Sie sollten ehrlich mit sich selbst sein. Fragen Sie Ihre Frau/Mann oder Freunde, was die Ihnen wirklich zutrauen. Seien Sie mutig mit sich selbst und kreativ. Wofür Sie brennen, damit zünden Sie auch ein neues Unternehmen oder neuen Chef an.

 

Haben Sie ein Beispiel?

Koop: Es gab mal ein Friseursterben. Damals bemerkte man in der Industrie, dass Friseure ein besonderes Fingerspitzengefühl haben, im wörtlichen Sinn. Optische Abteilungen für Teleskope etwa stellten dann Friseure ein, um als Feinpolierer große Optiken zu bearbeiten.

 

Und wie kommt man über die Hürde hinweg, die in den USA beispielsweise nicht so hoch ist: Dass man aus seiner Branche nicht herauskommt, gar nicht erst die Chance bekommt?

Koop: Da hilft nur Mut. Die Grundauffassung, dass man immer gerne jemanden aus seinem Bereich haben möchte, wird noch Jahre bestehen bleiben. Dennoch mit Elan Neues probieren. Wir sind da immer noch tradiierter als die USA. In den USA bleiben die meisten zwei bis drei Jahre bei einer Firma. Das gilt bei uns als Job-Hopping und stößt immer noch ab. Dass dadurch auch viel gesehen und erlebt wird, was einem neuen Arbeitgeber nützlich sein kann, wird bei uns nicht gesehen.

 

Soll man sich bei amerikanischen Arbeitgebern bewerben?

Wer fließendes Englisch spricht – auf jeden Fall. Wer nur Kitchen English drauf hat, bitte nicht. Das zeichnet dann nur ein schlechtes Bild und verbaut anderen den Einstieg.

 

Wie kann man Personalchefs in Unternehmen davon überzeugen, dass man Fähigkeiten hat, die auch an anderer Stelle für Unternehmen nützlich sein können?

Koop: Suchen Sie den Einstieg über die Fachabteilung. Wenn die sie gut finden, wird Personal sich nicht sperren. Zeigen Sie auch dem Personaler, wie stark Sie sich mit dem Unternehmen identifizieren, was sie toll finden und wie Sie zum weiteren Erfolg des Unternehmens beitragen können. Fassen Sie sich kurz. Nur wer abstrahieren kann wird auch gewinnen. Wer hat schon die Zeit, sich durch zweieinhalb Seiten Anschreiben durch zu arbeiten. Bieten Sie da Lesehilfe. Eine Seite Anschreiben muss Ihnen reichen. Kennen Sie Ihre Stärken und Schwächen. Wer auf die Frage:“ Was sind Ihre 3 größten Erfolge?“ erst drei Minuten nachdenken muss, ist raus. Bereiten Sie sich auf sich selber so gut vor, wie es sonst auch bei Präsentationen für Projekte getan haben. Nur wer sich selbst kennt, kann auch andere von sich überzeugen. Und Sie glauben gar nicht, wie wenig Sie von sich wissen. Also ran an die Aufgabe: Ich lerne mich jetzt selbst erst mal kennen!

 

Was würden Sie Journalisten raten, für die es immer weniger Jobs gibt. Wo können die noch arbeiten, denn die können ja auch mehr als Schreiben?

Koop: Die können zunächst mal mit Sprache umgehen. Sie können Sachverhalte recherchieren, Fragen stellen und vor allem eins: zeitgenau abliefern. Das ist schon mal viel, was nicht jeder kann.

Sie können unter Stress arbeiten und hartnäckig sein. Sie sind gewohnt, im Team zu funktionieren und müssen schnelle Entscheidungen treffen und dabei ihren intellektuellen Überblick permanent ausbauen. Schon kann man über andere Branchen außerhalb der Medien nachdenken, wo diese Fähigkeiten auch gefragt sind.

 

…zum Beispiel wo konkret?

Koop: Denken wir an den Bereich Financial Services. Hier in den Bereichen Risikomanagement oder Market Research. Da sind vergleichbare Fähigkeiten gefragt. Wenn man ganz breit denkt kommen natürlich auch die Polizei, Bundeswehr, Ministerien und Nachrichtendienste in den Sinn. Hier gilt es auch, eigene Barrieren im Kopf zu überwinden. Welcher Journalist hat sich schon einmal bei einer Top Unternehmensberatung beworben. Auch hier muss analysiert, recherchiert, bewertet und geschrieben werden. Themen wie Marktforschung sind natürlich auch naheliegend. Doch auch im eigenen Umfeld gibt es noch Wachstumsbranchen. Die Welt der Fachverlage und Fachpublikationen wächst und hat den Wechsel in die online Welt besser geschafft als der klassische Verlagsbereich. Hier gibt es zu tun. Auch die Selbständigkeit kann eine interessante Alternative sein, wenn man einen eigenen USP hat. Die Redaktionen werden immer kleiner und brauchen dringend Unterstützung von außen. Wichtig ist, auch in der eigenen Gehaltsfindung flexibel zu sein. Der Journalist zählt immer noch zu den besser bezahlten Gruppen. Da sollte man sich interessante Neueinstiege mit Perspektive nicht verbauen.

Es gibt ja auch Journalisten, die sich in ganz anderen Feldern beweisen wie Manfred Ertel vom „Spiegel“ als Aufsichtsrat beim Hamburger HSV  http://www.welt.de/regionales/hamburg/article113042272/Spiegel-Redakteur-Ertel-kontrolliert-nun-den-HSV.html?wtmc=nl.wdwbsport oder „Zeit“-Redakteurin Susanne Gaschke, als Oberbürgermeisterin von Kiel http://www.sueddeutsche.de/politik/schleswig-holstein-gaschke-ist-oberbuergermeisterin-in-kiel-1.1520657. Wie kann man Fähigkeiten, die man hat, aber nicht im Job einsetzen konnte, abgleichen mit dem Bedarf in anderen Branchen – die man vielleicht gar nicht kennt. An die man nie gedacht hat?

 

Koop: Man sollte lesen, sprechen, fragen, googeln, Social Media erkunden, aber auch Foren, Kongresse und Alumni-Treffen besuchen.  Googeln sie mal den Begriff „Zielfahnder“ und sie werden viele Überschneidungen sehen zum Investigativ-Journalisten. Gerade der Wirtschaftsjournalist hat einen guten Überblick über das wirtschaftliche Geschehen, dieses gilt es zu nutzen. Nutzen sie auch das  Out- oder Newplacement. Da helfen ihnen Experten, wie der Suchprozess gestaltet werden muss. Ich habe gerade mit einer Personalleiterin gesprochen, die mit 51 den Job verloren hat. Obwohl schon lange im Geschäft, hatte sie bestimmte Branchen wie Verbände/ Organisationen und Dienstleistungsunternehmen überhaupt nicht im Visier. Da hat ein zehnminütiges Gespräch schon geholfen.

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