Ein Jahr ProQuote – Michael Neumann von Alexander Hughes zieht Bilanz (Gastbeitrag)

Gastbeitrag von Michael Neumann, Geschäftsführer beim Personalberater Alexander Hughes: Er kooperiert mit dem Verein Pro Quote, der Journalisteninitiative, die sich für eine 30prozentige Frauen in den Chefetagen der Medien einsetzt, und zieht nach einem Jahr ProQuote Bilanz:

 

Michael Neumann, Deutschlandchef der Personalberatung Alexander Hughes

Man(n) mag von der Frauenquote halten, was man will. Fakt ist, dass Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft unterbesetzt ist und dass dies nach wie vor kaum jemanden zu stören scheint. Bis auf ProQuote. Die Medienfrauen hauten am vergangenen Wochenende in Hamburg kräftig auf die Pauke. Am Samstag verlieh die Journalisteninitiative „ProQuote“ in der Hansestadt erstmals ihre drei „Preise mit Gefühl“. Ausgezeichnet wurden besondere, aber auch nicht erbrachte Leistungen bezüglich Frauenanteils. Zuvor zogen die Medienfrauen eine ebenso ernüchternde wie ermunternde Bilanz.

Hauptgewinner der Preisverleihung und damit „Hahn im Korb“ war „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Überreicht wurde die goldene Trophäe als Zeichen seines Mutes: Mit Sabine Rückert hat die Wochenzeitung heute eine stellvertretende Chefredakteurin und der Frauenführungsanteil in der Textredaktion liegt bei 30,4 Prozent.

 

„Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo

Den Preis „Hasenherz“ erhielt der Intendant des Südwestrundfunks, Peter Boudgoust – in Abwesenheit – für seine Feigheit gegenüber der Quote. Nachdem er im Juni 2012 vier Direktorenstellen mit Männern nachbesetzte, fragte ProQuote zweimal nach, wie sich diese Besetzungen mit zum Gleichstellungsziel des öffentlich-rechtlichen Senders verhalte. Boudgoust antwortete: „Ich habe großes Verständnis für Ihr Engagement. Und doch gibt es – wie ich finde – ein passendes Sprichwort: Gras wird nicht länger, wenn man dran zieht.“ Die ProQuote-Vorsitzende Annette Bruhns vom „Spiegel“ dazu: „Der Vergleich ist so schief, dass es schmerzt.“

 

Zur Ermutigung zu mehr Normalität verlieh der Verein den „Trau dich“-Frosch an den Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ Frank Schirrmacher, ebenfalls in Abwesenheit. Die „FAZ“ hat zwei Ressortleiterinnen, und damit einen Frauenführungsanteil von 8,7 Prozent. Die fünf Männer an der Spitze der Zeitung sind ganz unter sich.

 

ProQuote möchte den beiden auf der Geburtstagsparty der Initiative abwesenden Preisträgern die Trophäen noch persönlich überreichen. SWR-Chef Boudgoust kann dann auch mit Lob rechnen: Der Sender hatte am Wochenende mitgeteilt, dass drei Hauptabteilungen künftig von Frauen geleitet werden, Kultur, Familie und Unterhaltung. Dadurch werde „Führung im SWR weiblicher“, so Boudgoust. Bruhns: „Steile Lernkurve, weiter so!“

 

Um ihren Erfolg zu steigern, kooperiert ProQuote seit Ende 2012 mit der Personalberatung Alexander Hughes Germany. Der Vermittler von Führungskräften betreibt eine Datenbank, aus der Verlage und Chefredaktionen schöpfen können, wenn sie ihren Anteil an Frauen in leitenden Positionen erhöhen wollen. Die Erfahrung hierzulande und generell weltweit zeigt,  dass Frauen anders führen als Männer: Sie haben beispielsweise die langfristige Wirkung ihrer Entscheidungen eher im Blick. Aus Studien wissen wir zudem, dass gut gemischte Führungs-Teams deutlich erfolgreicher sind als männlich dominierte.

 

4 000 Unterstützer für ProQuote

Am 26. Februar 2012 hatten 350 deutsche Journalistinnen Chefredakteure, Intendanten und Herausgeber in einem offenen Brief aufgefordert, bis 2017 mindestens 30 Prozent Frauen auf jeder redaktionellen Hierarchieebene zu installieren. Seitdem haben sich zwar mehr als 4.000 Kolleginnen und Kollegen dem Aufruf angeschlossen. Aber nur ein Viertel der Adressaten hat auf den Brief geantwortet. Die mehr als 50 Antworten – von Regionalzeitungen über den Springer-Verlag bis hin zum ZDF und anderen TV-Anstalten – hat die Initiative auf ihrer Website www.pro-quote.de veröffentlicht.

 

Ursula von der Leyen bei Pro-Quote-Party

Auf ersten Blick, so „Spiegel“-Redakteurin Bruhns, halten sich ein Jahr nach Gründung Licht und Schatten die Waage: „Wir haben einerseits greifbare Erfolge zu verbuchen. Überall sind mehr Frauen aufgerückt, auch in die Chefredaktionen – etwa bei der „Berliner Zeitung“, beim Wirtschaftsmagazin „Impulse“ oder, gleich zu dritt, bei „BILD“. Andererseits versuchen immer noch einige Chefredakteure, unser Anliegen einfach auszusitzen.“

 

Unter den beharrlichen Schweigern sind die Chefredakteure wichtiger überregionaler Zeitungen, namentlich der „FAZ“ und der „Süddeutschen Zeitung“. Beide Blätter haben ProQuote-Erhebungen zufolge jeweils genau zwei Ressortleiterinnen, und damit einen Frauenführungsanteil von neun Prozent. ProQuote hat deren Chefredaktionen mehrfach zum Dialog aufgefordert – ohne Resonanz. Bruhns: „Wir konstatieren: Die kritische Haltung von „SZ“ und „FAZ“ wird unkritisch, wenn es um Chancengleichheit in den eigenen Häusern geht.“

 

Bei der „Berliner Zeitung“ dagegen hat seit Juli mit Brigitte Fehrle eine Frau sogar den Hut auf – in einer Redaktion mit 40 Prozent weiblicher Führungskraft. „Ähnliches gilt für den Sender Radio Berlin-Brandenburg, der eine Intendantin und fast 40 Prozent Frauen in Führung hat“, sagte Bruhns.

 

Aber auch Leitmedien, deren Chefs eine Quote ablehnen, haben im letzten Jahr ihren Frauenführungsanteil gesteigert: In der „Spiegel“-Redaktion leiten jetzt immerhin sechs Frauen Textressorts, fünf davon stellvertretend. Vor einem Jahr gab es nur drei Vize-Ressortleiterinnen. Die Digitaltochter „Spiegel online“ hat den Chefinnenanteil auf 27,6 Prozent gesteigert.

 

„Für ProQuote zählen dabei nicht allein Durchschnittswerte“, erläuterte Bruhns. „Wir fragen immer, wie viele Frauen ganz oben mit entscheiden.“ Beim „Hamburger Abendblatt“ etwa liegt der Frauenanteil auf Ressortleiterebene bei 42 Prozent, in der achtköpfigen Chefredaktion dagegen bei null. Chefredakteur Lars Haider wolle sich dem Problem stellen. „Bis 2017 bleibt jetzt die Aufgabe, das Ziel durchgehend auf möglichst allen Hierarchieebenen zu schaffen“, schrieb Haider an ProQuote.

 

„Wir haben die Quote zu einem Dauerbrenner in den Redaktionen gemacht. Das strahlt auch in andere männerdominierte Branchen aus, über die wir Medien schließlich berichten“, resümiert Bruhns.

 

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