CNN-Kultmoderator Richard Quest exklusiv im Management-Blog (1): Davos ante portas oder Was bedeutet bloß „Widerstandsfähige Dynamik“?

Vorschau auf den Weltwirtschaftsforum in Davos 2013 − Richard Quest, Anchorman von CNN (1)

Wieder einmal ist es soweit: In den Fußgängerzonen drängen sich Schnäppchenjäger, die Weihnachtsdekoration ist in ihren Kisten verstaut, die guten Vorsätze zum Neuen Jahr sind noch nicht völlig über den Haufen geworfen und ein gewisser Wintersport-Ort in der Schweiz bereitet sich auf die Ankunft international führender Wirtschaftsexperten vor: Das Weltwirtschaftsforum in Davos steht vor der Tür.

Richard Quest, Anchorman und Kultmoderator bei CNN

In den letzten Jahren hat die Staatsschuldenkrise in der Eurozone die Gespräche vor Ort bestimmt. So wurde auch ein weiteres heißes Eisen, der Fortbestand des Euro, in der Schweizer Kleinstadt immer wieder diskutiert. Als die Frage aufgeworfen wurde, ob Griechenland vielleicht aus der Währungsunion austreten würde und sich mancher Teilnehmer fragte, ob alles eventuell nur eine Verschwörung der Deutschen sei, um den Rest Europas zu kontrollieren, wandten einige den Blick nach Osten. China galt plötzlich als möglicher Retter der Weltwirtschaft. Die Diskussionen wurden immer extremer und unsinniger, bis sie sich ab einem bestimmten Punkt so lange im Kreis drehten, dass man gar nichts mehr hinzufügen wollte außer: „Was für ein Chaos!“

Das Reizthema dieses Jahres ist leicht vorherzusagen: Die zähen Verhandlungen um den US-Haushalt und die politischen Ränkespiele in Amerika werden − wohl fast unvermeidbar − das Topthema sein. Amerika konnte es zwar verhindern, über die Fiskalklippe zu stürzen, und zwar ‚trotz‘ des Kongresses und nicht ‚dank‘ dessen Hilfe. Doch jede der Fristen, die durch den – im letzten Moment gefundenen – Kompromiss gesetzt wurden, könnten die Märkte weltweit nach wie vor gehörig ins Trudeln bringen.

Finanzpolitisches Täuschungsmanöver

Nicht nur die verschobenen Haushaltskürzungen in Höhe von 100 Milliarden Dollar müssen im Februar angegangen werden; es steht ein weiterer wichtiger Punkt auf der Agenda. Zeitgleich mit den Verhandlungen um das Budget wird die Möglichkeit des Finanzministeriums eingeschränkt, unterhalb der Schuldenobergrenze mit den Geldbällen zu jonglieren. Das Aufschieben der Schuldenrückzahlungen ist eine Meisterleistung finanzpolitischer Täuschungsmanöver und sucht wahrhaft seinesgleichen. Offen gestanden, wenn Sie oder ich das mit unseren Kreditkarten versuchen würden, kämen wir hinter Gitter.

Doch das sind nicht die einzigen finanzpolitischen Probleme der USA: Das Auslaufen eines weiteren Beschlusses wird dazu führen, dass der Kongress kein Geld mehr ausgeben kann, was diese riesige Volkswirtschaft in ihre bislang größte Krise stürzen könnte. Kürzungen, Zahlungsausfälle oder gar der komplette Zusammenbruch der Wirtschaft könnte die Folge sein.

Klingt das alles ein bisschen hysterisch? Wie so oft bei diesen Themen lautet die Antwort vermutlich „Ja“. Bei Lichte betrachtet glauben die wenigsten, dass Amerika dieses Schicksal nicht abwenden könnte. Das vorausgestellt kann man dennoch davon ausgehen, dass uns die Politiker erst einmal bis an den Rand führen − eine Tatsache, die viele Experten nächste Woche in Davos stark beschäftigen dürfte.

Man wird über nicht länger funktionierende politische Abläufe und Prozesse sprechen, die Amerika geradezu handlungsunfähig erscheinen lassen. Völlig zu Recht werden einige die Frage aufwerfen, ob man das System überhaupt noch retten kann. Stellt die Krise auf der amerikanischen Seite des Atlantiks am Ende vielleicht eine größere Gefahr dar als die

Staatsschuldenkrise auf europäischer Seite? An welcher Küste werden die Hoffnungen der Weltwirtschaft wohl eher zerschellen? Schwer zu sagen.

Die „Davoser Sprache“

Jedes Jahr steht das Weltwirtschaftsforum in Davos unter einem bestimmten Motto, das der Veranstaltung Form geben soll. „Widerstandsfähige Dynamik“ lautet es in diesem Jahr und ich habe partout keine Ahnung, was das eigentlich bedeuten soll. Der Chef des britischen Unternehmens WPP, Sir Martin Sorrell, bezeichnet so etwas ziemlich eloquent als „Davoser Sprache“ − soll heißen, man kann es so interpretieren, wie man möchte.

Das alles mag in Ihren Ohren ein wenig zynisch klingen − ich meine es aber gar nicht so. Jedenfalls nicht gänzlich. Es ist ein Privileg, einige der schlausten Köpfe unserer Zeit dabei zu erleben, wie sie sich mit den Herausforderungen unserer Welt herumschlagen und ich genieße die Veranstaltung immer sehr. Davos wird während des Forums wieder die Stars der Weltwirtschaft unter einem Dach versammeln und die Diskussionsrunden und Gespräche, die hier stattfinden, können sehr faszinierend sein.

Keine Entscheidungen, aber Ideen für Tricks 

Unmittelbare Entscheidungen darf man von Davos allerdings nicht erwarten. Entscheidungen werden hier nicht getroffen. Stattdessen entsteht aber ein genaues Bild, an welchen Orten der Welt welche politischen und wirtschaftlichen Fallstricke lauern. Außerdem werden Ideen ausgetauscht, wie man diese Hindernisse am besten umgehen könnte. Davos bietet uns die Gelegenheit, Bilanz zu ziehen und uns neu aufzustellen. Nach dem Weltwirtschaftsforum weiß man, wo die einflussreichen Akteure stehen und wer Bündnisse schließen könnte. Gerade in diesem Jahr werden Allianzen von entscheidender Bedeutung sein, nicht zuletzt jene, die vielleicht entgegen aller Wahrscheinlichkeit und Erwartung in Washington getroffen werden.

CNN International Moderator Richard Quest berichtet auch 2013 wieder vom World Economic Forum. Seine Wirtschaftssendung „Quest means Business“ wird von Montag bis einschließlich Freitag, den 25. Januar, täglich um 20 Uhr live aus Davos gesendet.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.cnn.com/davos/

 

Auch von meinen Wirtschaftswoche-Kollegen sind drei vor Ort, deren Berichte auf wiwo.de stehen:

http://www.wiwo.de/politik/ausland/davos-diary-us-oekonom-eichengreen-fordert-bankenunion/7672864.html

 

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