„Wir veröffentlichen es trotzdem“. Wie sich „Saal Zwei“ gegen eine Degradierung vom Interviewer zum Stichwortgeber wehrt.

Im Newsletter von Saal Zwei findet sich heute ein bemerkenswerter Vorspann, lesen Sie mal selbst:

„Karriere? Nur wenn jemand daheim den Kühlschrank füllt“
Die Bundesfamilienminsterin Kristina Schröder hat SAAL ZWEI ein Interview gegeben, leider nur ein schriftliches. So konnten wir nicht nachhaken, etwa bei ihrer Kritik an Norwegens Aufsichtsräten, ihrem Verständnis von Wahlfreiheit oder ihren Kochgewohnheiten im Kreis ihrer Familie. Wir veröffentlichen es trotzdem.

Damit ist alles gesagt, oder? Die Kolleginnen von Saal Zwei bekamen offenbar das Interview nur unter der Bedingung, dass sie einen Fragenkatalog einreichen, den die Pressestelle der Ministerin Schröder dann in Ruhe abarbeitet. Im Klartext: Nachfragen sind nicht erlaubt. Das bedeutet umgekehrt, wo´s spannend wird oder werden könnte, prallt auch der Leser gleich mit vor die Wand. Vogel, friß oder stirb ist die Devise des Ministeriums.

Derlei Zumutungen begegnet man als Journalist öfter: Da müht sich eine PR-Agentur eines Unternehmens redlich und bringt ein Gespräch zwischen einem Journalisten – der erst mal überzeugt werden muss – und einem Spezialisten oder Manager zusammen. Am Vortag des Recherchegesprächs oder vielleicht sogar Interviewtermins (dann ist von vornherein ein Wortlaut-Interview mit Frage-Anwort-Dialog vereinbart) wird der Journalist dann von einem Anruf der Pressestelle des Unternehmens überrascht. Er möge binnen der nächsten 30 Minuten mal eben seinen Fragenkatalog schicken. Und den meisten, die ihren Job ernst nehmen, dürfte dann schon die Hutschnur platzen. Ein intensives, intelligentes Gespräch ist von der Unternehmensseite gar nicht gewollt, nur ein langweiliges Abfragen. Einhaken, Erwidern, erneute Nachfragen – nein danke.

Abgewürgt. Die Motivation? Runtergefahren, gaaaanz weit. Und schon gar nicht will man sein Pulver doch schon vor dem Gespräch verschiessen.

Im angelsächsischem raum sind diese ganzen Interview- oder gar Zitat-Abstimmungen ohnehin nicht üblich. Es ist eine deutsche Unsitte, dass Leute im Wirtschaftsleben mit Gewicht sich anschliessend nochmal überlegen wollen, ob sie sich ihrer Sache auch sicher sind, ob sie Unfug geredet haben, ob sie nicht doch jemandem auf die Füße treten könnten mit ihren Worten undundund.

Insoweit: Wunderbar, liebe Saal-Zwei-Kolleginnen, es deutlich davor zu schreiben. Chapeau.

So weiß der Leser wenigstens, dass der Journalist nicht zu doof zum Nachfragen war, wo´s eigentlich interessant wird. Und dass sich die Redaktion überwinden musste, das Interview dennoch zu bringen: „wir veröffentlichen es trotzdem“.

Meine Fantasie galoppiert schon. Wenn nun über den Interviews öfter stünde: Das Interview ist eigentlich ein Monolog, zu dem wir die Stichworte geben durften. Oder: Fünf Fragen – und Antworten hat der Interviewte beziehungsweise seine PR-Profis alleine geschrieben. Wird´s einem Chefredakteur zu bunt mit der Unsitte, wie hierzulande manche Interviews – man nennt es „abgestimmt“ – werden, kegelt er es auch kurfristig ganz aus dem Blatt. Ich erinnere an das „Handelsblatt“-interview auf zwei großen Zeitungsseiten mit BNP-Paribas-Chef Baudouin Prot am 12. Oktober 2011 – ganz ohne Antworten. Nur Fragen und Fotos des Interviewten und von den Redakteuren bei ihm. Großartig. Es hängt jetzt noch bei mir an der Wand.

http://www.saalzwei.de/exklusives/artikel/-d29c1c61c3/

Das Handelsblatt-Interview mit Baudoin Prot von der BNP Bank Paribas: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/banken/interview-mit-bnp-chef-prot-koennen-sie-nachts-noch-ruhig-schlafen/4745180.html

Die Fachpresse zum dem Interview-Schönen schon 2008:

http://www.journalist.de/ratgeber/handwerk-beruf/tipps-fuer-den-berufsalltag/im-kontrollwahn-interview-autorisierung.html

 

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