Warum Pünktlichkeit kein Wert an sich ist

„Der Rheinländer kommt um acht eröm“

Die GfK Marktforschung in Nürnberg befragt die Konsumenten regelmässig zu allerlei – oft auch zu wichtigen oder zumindest unterhaltsamen Themen. In diesem Falle befragte sie über 2000 Konsumenten im Auftrag der  „Apotheken Rundschau“ zum Thema Pünktlichkeit. Keine tolle Idee, dies gehört zu den Fragen, bei denen man die Antwort im Vorhinein kennt. So wie: „Werden Sie gerne mies behandelt von Ihrem Chef?“.

Die Deutschen zu befragen, ob sie Pünktlichkeit wichtig finden, ist ungefähr so berechenbar, als fragte man Franzosen, ob sie gutes Essen entbehrlich finden.  Franzosen huldigen dem Essen und Trinken nun mal mehr als andere Nationen. Auch wenn´s gar nicht immer besser schmeckt, so ist zumindest das Bohei, das sie darum machen, ziemlich zuverlässig. Und dass sie es schaffen, sich lang und breit auszutauschen über das Essen – statt eines anderen Tischgesprächs. Ebenso zuverlässig ist auch die Freude der Deutschen an minutengenauer Pünktlichkeit – sogar bei der Abendeinladung bei Freunden am Samstag. Acht ist Punkt acht und halb acht ist Punkt 19.30 Uhr – und nicht etwa 19.35 Uhr und wenn schon, dann eher 19.25 Uhr als 19.35 Uhr.

Wenngleich laut dem Kabarettisten Konrad Beikircher zumindest die Rheinländer unter den Deutschen eine Ausnahme sind, „die kommen um acht eröm“ – und er macht dabei eine große ausladende Handbewegung, mit der er einen Halbkreis in die Luft malt. Und „acht eröm“ meint, es kann auch ebensogut 20.30 Uhr sein -, ohne dass der Rheinländer dabei im mindesten unhöflich sein möchte oder auch nur die Idee hat, der andere könnte es so ansehen. Er hat ja gesagt „um achteröm“.

 

Wo bleibt das akademische Viertel?

Was leider ganz aus dem Blickfeld geraten ist, ist das akademische Viertel. Da musste man in der Uni entweder ums s.t. („sine tempore“ beziehungsweise minutengenau) zur Vorlesung antanzen oder erst um „c.t.“ (cum tempore – eine entspannte Viertelstunde später, für die man gerade dann besonders dankbar war, wenn es sich um die erste Vorlesung um acht Uhr früh handelte, die dann eben tatsächlich erst um 8.15 Uhr startet).

Die GfK jedenfalls hat erfahren: „Die große Mehrheit der Deutschen hält nach wie vor auf Pünktlichkeit. Wer ständig zu spät kommt, gilt auch sonst nicht gerade als verlässlicher Mensch.“ 58 Prozent der Deutschen halten unpüntliche Leute auch für ansonsten unzuverlässig. Was natürlich ein Denkfehler – beziehungsweise Vorurteil – ist. Es gibt ja auch Menschen, die in ihrer Unpünktlichkeit absolut zuverlässig sind. Ich habe Freunde, die nicht aus Deutschland stammen, die Samstagsabends zum Essen grundsätzlich wenigstens eine halbe Stunde zu spät dran sind – aber im Job penibel auf Termineinhaltung gucken. Da sind sie durchgetaktet – und freuen sich, dass sie  im Privatleben eben nicht dem Zwang unterliegen. Dass Wochenende ist. Und sie gönnen sich lieber ein paar Minuten mehr, um sich noch besser oder liebevoller vorzubereiten auf ihre Abendeinladung: mit schicken Klamotten, gut duftend, immer mit großzügigem Mitbringsel im Gepäck – und obendrein locker. Wieviel wertvoller sind solche Gäste für einen gelungenen Abend gegenüber Auf-die-Minute-Pünktlichen, die abgehetzt ankommen und alles andere als locker, sondern angespannt und gehemmt sind. Kurz: Pünktlichkeit ist kein Wert an sich. Jaja ich weiss, es sei denn, man muss einen Zug erwischen oder pünktlich im Theater sein. Aber das ist eben nicht dasselbe wie die oben beschriebene Abendeinladung, wo ja auch nicht alle Gäste um Punkt 23 Uhr auftstehen und gehen sollen.

 

Manchmal ist Unpünktlichkeit sogar nützlich

Und: ist es nicht für den Gastgeber einfacher, wenn nicht alle Gäste auf einmal und pünktlich eintreffen? Es ist bedeutend weniger Stress, wenn man nicht gleichzeitig drei Blumensträuße mit Vasen und Wasser versorgen, sechs Menschen miteinander bekannt machen und die ersten Drinks in die Hand drücken  und erste Gesprächs-Brücken schlagen muss.

Und, am Rande bemerkt: Als ich mit meiner Family einen üblen Autounfall mit Totalschaden hatte, rund 40 Kilometer vor Düsseldorf, und ich genau jenem oben beschrieben Freund deshalb die Geburtstagsfeier seiner Frau rasch per Handy absagen wollte, quatschte er nicht, sondern tauchte am Unfallort auf. Ungebeten, aber natürlich höchst willkommen. Was zählt so ein heldenhafter Einsatz gegen seine Unpünktlichkeit gegenüber seinen 20 Gästen im Restaurant, für die er erst eine Stunde zu spät da war? Richtig: die Gäste waren professionell versorgt und das Geburstagskind war ja noch da. Nur er selbst kam erst etwas später dazu.Und wir, als die Verunfallten. Wir kamen so richtig unpünktlich, um 23 Uhr – aber das war nun Ehrensache gegenüber dem Gastgeber. Den eigenen Schrecken hintan zu stellen und nach einer Dusche eine Mini-Revanche zu geben. Wenigstens das. denn so einen Freundschaftsdienst vergisst man nie, auch nicht bei der tausendsten Unpünktlichkeit. Gegen die kann man sich schließlich wappnen.

 

Und: Vielleicht haben die bösen Unpünktlichen tatsächlich oft einen guten, respektablen Grund für den Ungehorsam gegenüber dem Zifferblatt ihrer Armbanduhr. Weil von der Werteskala gerade etwas anderes dazwischen kam, das tatsächlich vernünftigerweise zuerst geregelt werden musste. Bei jungen Eltern, die zu spät kommen, weil kurz vor dem Abmarsch mit den gerade fertig angezogenen Kleinen eins die Windel voll gemacht hat, wird die  Unpünktlichkeit auch nicht gleich als Unhöflichkeit gegeißelt. Solche Unpünktlichkeit gilt als politisch korrekt – und steht damit außer Zweifel.

 

Lieber ein unpünktlicher Kollege als ein intriganter

Witzig ist, dass nach der GfK-Umfrage 90 Prozent der Befragten Unpünktlichkeit als unhöflich empfindet. Rücksichtsloses Verhalten im Job, Hilfe-Verweigern, Intrigieren, die vielen kleinen echten unsozialen Gesten – die scheinen nicht als unhöflich zu gelten. Hand aufs Herz: Wie oft hört man heute Menschen, die sich im Job über kleine oder größere Widerlichkeiten von Kollegen ärgern, den Satz: „Der hat einfach keine Kinderstube“ oder „der ist einfach schlecht erzogen“?  Fast nie. Und wären das nicht die wahren Ärgernisse, nach denen die GfK uns mal befragen könnte?

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Das alles soll nicht heißen, dass man rücksichtlos gegenüber anderen und deren Zeit sein darf.

Ich persönlich wappne mich gegen ineffizientes Warten-Müssen mit ein paar Zeitungsartikeln in der Handtasche, die ich immer noch lesen wollte. Oder – wie es mancher Kollege, der twittert, auch tut: Mit Tweets lesen. Oder E-Mails auf dem Blackberry. Und manchmal ertappt man sich dann dabei, wenn man in einem Foyer auf den Gastgeber wartet, dass man eigentlich den Artikel lieber erst noch rasch zu Ende lesen würde, wenn der Betreffende „zu früh“ auftaucht. Fast immer findet sich heutzutage ganz schnell etwas, womit man die Wartezeit sehr sinnvoll ausfüllen kann.

Und noch etwas: Wer wartet nicht lieber auf etwas wirklich Gutes, das erst ein paar Minuten später bekommt, als etwas bestenfalls Durchschnittliches, das aber pünktlich kommt?

Was natürlich nicht im Umkehrschluß heißen muss, dass etwas Unpünktliches auch automatisch gut oder besser ist. Aber das ist dann eben wirklich ärgerlich, – etwas Unpünktliches, das auch noch schlecht ist.

Vielleicht hilft es, demjenigen, der nicht auf die vereinbarte Minute gestiefelt und gespornt dasteht, etwas Großes entgegen zu bringen: Vertrauen. Das Vertrauen, in seine funktionierende Werteskala: Nach dem Motto, „bestimmt hat er seinen guten Grund dafür“.

 

Pünktlichkeit im Zeugnis ist eine Beleidigung 

Und nicht zu vergessen: Was ist mit das Schlimmste, was man einem scheidenden Mitarbeiter ins Zeugnis schreiben kann? Richtig: dass er stets pünktlich war.

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