Begriffe wie Anstand, gute Sitten undsoweiter sind nicht wirklich en vogue. Im Gegenteil, sie sind gradezu old fashioned. Mindestens.
Doch ich stiess gerade wieder auf einen Artikel, der zwar in der „Frankfurter Rundschau“ im März veröffentlicht wurde, aber nicht an den Tag gebunden ist. Der Autor Jochen Hörisch, Germanistik-Professor in Mannheim, staunt darüber, wie auffällig es ist, dass bei den Themen vom Dschungelcamp über Boni-Exzesse bis zur Guttenberg-Afäre Kategorien wie „fein“, „guter Stil“ und „Anstand“ kaum mehr erfüllt sind.
Lese-Tipp:
„Knigge statt Kant
Stil und Anstand kommen aus der Mode. Dabei haben sie eine Funktion: Sie machen moralische Debatten überflüssig.“
http://www.fr-online.de/politik/meinung/knigge-statt-kant/-/1472602/7765298/-/index.html
Jochen Hörisch: „Heute ist unfeines Benehmen ein öffentliches Medienprogramm. Wie relevant dieses Motiv ist, zeigt ein Blick ins Dschungelcamp. Da fordern Herren eine Dame auf, Ungenießbares zu essen und sehen ihr zusammen mit Millionen Zuschauern beim Erbrechen zu. Das tut man nicht. Wer es dennoch tut, hat keinen Anspruch auf Belehrung, sondern auf Verachtung.“
Stil, Anstand und Moral sind drei völlig verschiedene Sachen. So waren auch 1000 Jahre lang Talare stilvoll. Und der Knigge lässt sich wie jede Formvorschrift wunderbar als Totschlagargument missbrauchen, wie die Juristen unter uns sehr wohl wissen (müssten). Da lobe ich mir doch Kants kategorischen Imperativ. Auf Hörischs Bemerkung übertragen: Wer es dennoch tut, hat keinen Anspruch auf Belehrung oder Verachtung, sondern muss mitessen.