Stell Dir vor, immer mehr Kollegen werden psychisch krank – und kein Chef guckt hin

 

Kosten sparen wollen sie alle, die Unternehmen. Theoretisch zumindest. Angeblich. Wollen sie wirklich? Irgendwie nicht. Denn sonst würden sie dahin gucken, wo sie derzeit fest die Augen vor verschliessen: Dass immer mehr ihrer Mitarbeiter  an psychischen Störungen leiden. In der Folge bedeutet das für die Betriebe nämlich immer mehr Fehltage und hohe Kosten. Warum das so ist? Der TÜV Süd glaubt: Die Unternehmen unterschätzen die psychischen Belastungen ihrer Arbeitnehmer. Ganz im Gegensatz zu ihren Betriebsärzten. Der TÜV Süd befragte 28 Betriebsärzte, die mehrere hundert mittelständische Unternehmen mit bis zu 1000 Mitarbeitern betreuen. Das Ergebnis: Nur jeder zehnte Betrieb nimmt die psychischen Erkrankungen ihrer Mitarbeiter wirklich ernst. „Dementsprechend niedrig ist auch die Bereitschaft, Geld in entsprechende Frühwarnsysteme und Präventivmaßnahmen zu investieren“, kritisiert der TÜV Süd. Die Mediziner sind obendrein pessimistisch: 63 Prozent der betriebsärzte erwarten da auch keinen Sinneswandel der Unternehmen und ihrer Lenker. Obwohl die Angestellten nicht nur weniger motiviert und leistungsfähig sind, sondern zudem im Schnitt 22 bis 27 Arbeitstage fehlen – und die Verluste dadurch rechenbar werden. Die Ärzte monieren, dass einerseits zu wenige Präventionsmassnahmen angeboten werden und andererseits die bisherigen Angebote nicht einmal wirksam sind.

Was die Arbeitnehmer so quält, dass sie psychisch krank werden? Zu den häufigsten Ursachen zählen zu enge Terminvorgaben und damit steigender Zeitdruck, Konflikte am Arbeitsplatz und Mobbing. „Auch mangelnde Anerkennung und Wertschätzung der Leistung sowie die Angst um den Arbeitsplatz treiben bei vielen Angestellten den Stresspegel in die Höhe“, so die Experten vom TÜV Süd. Über drei Viertel der befragten Ärzte „hatte daher schon mit Beschäftigten zu tun, die unter depressiven Episoden und Angststörungen litten oder zu Suchtmittel griffen.“
Und auch körperliche Symptome, die oft eine psychische Ursache haben, wie Kopfschmerzen, Erschöpfung, Verspannungen und Schlafstörungen, gehören bei fast allen Befragten zum ganz normalen Arbeitsalltag.

Fazit: Die Betriebsärzte sehen Handlungsbedarf, die Unternehmen aber nicht – weil ihnen das Bewusstsein für die Dramatik der Lage fehlt und sie nicht mal in Anbetracht der – vermeidbaren – Kosten hellhörig werden.

Die Befragung wurde veröffentlicht im Berichtsband „Gesundheitsmanagement 2010“, der von EuPD Research, TÜV SÜD Life Service und Handelsblatt herausgegeben wurde.

Weitere Informationen für Medien zum Thema Betriebliches Gesundheitsmanagement gibt es unter www.tuev-sued.de/presse/BGM.

http://shop.eupd-research.com/index.php/cat/c49_Sustainable-Management.html/XTCsid/8eece3a4439c69c282b1209f35910646

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Alle Kommentare [1]

  1. Der Artikel bringt die Sache genau auf den Punkt. Gerade nach der Krise und dem damit verbundenen Jobabbau muss die verbleibende Belegschaft oft die Arbeit der fehlenden Kollegen mit übernehmen. Auf Dauer kann das sicher nicht gut gehen. Gegenüber dem Chef wird diese Überbelastung dann oft nicht transportiert, weil die Angst um den eigenen Arbeitsplatz eine große Rolle spielt. Leider ist in der Wirtschaft noch immer die Meinung verbreitet, dass Effizienzgewinne nur auf Kosten der Belegschaft möglich sind. Während für Maschinen engmaschige Wartungspläne existieren, werden die Mitarbeiter sich selbst überlassen.