Kaffee und Kuchen. Business und Lunch. Operation und Shoppen. Letzteres ist die jüngste Marketingidee von Jörg Böckeler, dem Direktor des Luxushotels Interconti in Düsseldorf und Ex-Schüler der „Traube-Tonbach“. Medizin und Tourismus trifft es auch, sein neues Kundenorientierungs-Projekt: Zusammen mit neun renommierten Arztpraxen verschiedenster Fachrichtungen will er zahlungskräftige Kunden aus den arabischen Ländern, Russland und den USA verarzten. Bei Böckeler sollen sie mitsamt ihren Familien an der Kö wohnen und am besten gleich ihre Ferien verbringen. Derjenige von ihnen, der sich operieren lassen will, hat fürs erste diese Vertragspartner des „Medical Advisory Board“ zur Auswahl: Den Chirurg Konstantin Zarras, Chefarzt vom Vinzenzkrankenhaus, Dirk Pajonk, Orthopäde und Betreuer der deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft, Peter Kozlowski für Pränatal-Medizin und Genetik, Jan-Steffen Krüssel vom Kinderwunschzentrum der Uni Düsseldorf ebenso wie Augenprofi Gerhard Götzen oder die Plus-Zahnärzte, Gefäßchirurg Tobias Steinke, Radiologe Andreas Grust und Schönheitschirurg Christoph Reis. Der unique selling point von ihnen allen zusammen: „unsere Seriosität“.

Vertragspartner des Medical Advisory Board
Auf die sollen sich die Medizintouristen verlassen und sicher sein können, wie deutsche Privatpatienten abgerechnet zu werden – und nicht ausgenommen zu werden wie die Weihnachtsgänse, nur weil sie aus dem Ausland kommen. Mit mehrfachen Steigerungssätzen der deutschen Abrechnungsziffern müsse nur rechnen, wer den Medizinern auch mehr Arbeit macht als der durchschnittsfall: Etwa wenn bei einer arabischen Familie alle zwölf begleitenden Mitglieder eineinhalb Stunden lang Fragen stellen, erzählt Pajonk. Und um für das Medical Advisory Board Kunden zu akquirieren, tritt bereits Interconti-Mitarbeiterin Sabine Schäfer auf Messen wie der „Arab Health“ auf.
Düsseldorf bietet sich für Medizintouristen „als sicherer Standort mit Life-Style-Faktor plus medizinischer Versorgung an“, preist Böckeler an. Auch wenn bisher schon etliche Medizintouristen hier landen, so kommen sie oft über zweifelhafte Vermittler, die horrende Provisionen kassieren und die Patienten dann nicht mal zu seriösen Arzt-Adressen führen. Provisionen und Kick-back-Zahlungen untereinander gibts beim Board nicht, betuert Böckeler.
Damit wäre das Board schon weiter als so mancher namhafte Arzt. Insider wissen sehr genau, welche Überweisungskartelle wie und über welche Praxen in welcher Reihenfolge funktionieren. Wenn Privatpatienten immer wieder dieselben Ärzte nacheinander abklappern. Und sie dann auch nach Monaten zig Untersuchungen absolviert, aber noch keine Diagnose zu haben. Der Betroffene selbst durchschaut es nicht, beobachtende Apotheker, Krankengymnasten oder Abrechnungsgesellschaften dafür umso besser.
Die – normalerweise gut funktionierende – Infrastruktur von Düsseldorf (seit einem Jahr ist es damit nicht mehr weit her und die gesamte Innenstadt eine Großbaustelle, ein Ende nicht absehbar) spielt dem Medical Advisory Board in die Hände: Der stadtnahe Flughafen „ist ein Segen“, schwärmt Böckeler. Kommen doch etliche der Medizintouristen mit dem eigenen Jet. Auch nach einem Unfall nähmen manche von ihnen lieber fünf Stunden Flug in Kauf, statt die unzureichende ärztliche Versorgung in ihrer Heimat hinzunehmen. Früher sei die Uniklinik in Bonn für diese Zielgruppe eine Anlaufstelle gewesen, als dort noch die vielen Botschaften aus aller Herren Länder residierten und die Stadt am Rhein noch Bundeshauptstadt war. Inzwischen sei wohl die Charite´ in Berlin dabei, ein ähnliches Konzept zum Anlocken von Medizintouristen auszuarbeiten, berichtet der Hoteldirektor. Ob das Interconti das erste deutsche Hotel ist, das solch ein Projekt initiiert? Zumindest ist Böckeler kein weiteres bekannt.
Und vielleicht sollten sich die Gründer des größten Tierzentrums Deutschlands namens Lesia an der Düsseldorfer Adlerstraße am Wehrhahn auch mal mit dem Intercontinental-Hotel in Verbindung setzen? Zum Ausloten gemeinsamer Interessen. Zumindest dorthin kam Oberbürgermeister Dirk Elbers zur Eröffnung und fuhr mit seiner schwarzen Limousine am 27. Februar vor – bei der Vorstellung des Medical Advisory Boards an der Kö liess weder er sich noch ein anderer Vertreter der Stadt Düsseldorf blicken.
