Es lebe die Zertifizierungsindustrie

Es gibt so Pressemitteilungen, bei denen man sich staunend die Augen reibt – und heute kam wieder so eine: Der Absender war eine „Commbonding Akademie“ mit einem Logo auf dem „Geprüfter Arbeits-Begleithund“ stand. Das Logo zeigt als Silhouette einen Menschen am Schreibtisch und davor brav sitzend einen Hund. Überschrieben war die Pressemitteilung mit „Deutschlands erster Arbeits-Begleithunde-Pass (ABHP) – Hunde als professionelle Bürobegleiter“.
Was um Himmels willen damit gemeint ist? Es geht im Kern also wieder einmal um Zertifizierungen: Patricia Elferts aus Rosengarten bietet nun also eineinhalbtägige Workshops an, bei denen Hundehalter ihre Vierbeiner als „offizielle Arbeits-Begleithunde“ zertifizieren lassen können. Zum Preis schweigt sich die Pressemitteilung aus. Erwähnt wird aber, dass dies „ein einzigartiges Angebot in Deutschland“ sei. Das klingt teuer. Dieses Zertifikat jedenfalls – den Arbeits-Begleithunde-Pass (ABHP) – sollen Arbeitnehmer dann ihrem potenziellen Arbeitgeber vorlegen und so belegen, dass sich ihr Hund als Bürohund eignet. Denn er dürfe „in keiner Weise die Arbeitsabläufe stören und darf sich nicht unberechenbar verhalten“. Aha. Darauf wären wir nicht gekommen.
Doch ich frage mich, was ein potenzieller Arbeitgeber mit -zig Bewerbern zur Auswahl so denkt, wenn ihm schon im Voraus ein Bürohund angedroht wird. Egal ob mit oder ohne Zertifikat. Es wird ungefähr so laufen wie mit Rauchern. Er lässt lieber gleich die Finger davon. Apropos: Gegen die Antidiskriminierungsrichtlinien kann das nicht verstoßen, oder?
Hin wie her: Wer immer einen Hund gedenkt zur Arbeit mitzubringen, wappnet sich nicht mit Urkunden, sondern macht sich erst einmal selbst unentbehrlich und bringt erst dann seinen – kompatiblen – Hund mit. So stimmt die Reihenfolge. Und in dem Falle lassen gerade kleinere und mittlere Unternehmen mit sich reden. Bei einem Besuch in der Fielmann-Zentrale vor etlichen Jahren sprangen mir im Vorzimmer des Brillenkönigs gleich zwei Hunde entgegen. In den USA gibt es einen Dogs-Day und Listen mit hundefreundlichen Arbeitgebern.
So herum wird schon eher ein Schuh daraus. Vielleicht eine neue Intert-Startup-Idee? Mit Werbung für Frolic oder Chappy und für Wurmmittel und Hundeaccessoires. Nicht zu vergessen die Anzeigen der hundefreundlichen Hotels.
Aber Arbeits-Begleithunde-Pässe? Die sind wieder ein Zertifizierungsangebot mehr, das hauptsächlich einem gut tut: Der Zertifizierungsindustrie. Denn Bier aus einem Iso-zertifizierten Betrieb schmeckt nach der Zertifizierung keineswegs besser. In großen Kliniken, die ihre Wände zugekleistert haben mit metergroßen Zertifikaten in Goldrahmen und die krankenhaustypischen Miro-Drucke verdrängt haben, liegen Tote eine ganze Woche lang unentdeckt auf der Toilette. http://management.blogg.de/eintrag.php?id=190
Was sagt uns das? Richtig, die Prioritätenliste stimmt nicht. Wichtig ist, alle Energie und vor allem Ehrgeiz wieder in gute Arbeit und gute Arbeitsergebnisse zu stecken – und nicht viel Geld für Zertifizierungen auszugeben. Geld, das an anderer Stelle fehlt. Sei es in Altenheimen oder sei es in Kliniken oder Arztpraxen.

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Alle Kommentare [2]

  1. Endlich wird eine Diskussion aus dem lange vernachlässigten Thema. Prima und gerne kontrovers! Bei uns selbst gibt es unsere 6 eigenen Hunde, die uns täglich ins Büro begleiten. Unsere Aktion letztes Jahr, auf die Sie leider nicht eingehen, hat belegt, wieviel positive Resonanz es gibt zum Hund im Büro – aber auch wie viele Vorbehalte. Diese zu reduzieren, darum geht es uns. Leider haben Sie auch nicht erwähnt, dass es durchaus große Unternehmen gibt, die Bürohunde sogar befürworten. Sollte jemand hierzu mehr wissen wollen, gerne auf unserer commbonding-Webpage. Ja, und warum keine Zertifizierung, und damit direkt rein ins Gespräch? Hat heute übrigens jemand gemacht, der den Workshop besuchen wird – mit sehr positiver Resonanz. Also am besten beides: Direkt mit offenen Karten spielen, gut vorbereitet (z.B. mit Pass) und dann gemeinsam mit Hund und Energie und Ehrgeiz am ersten Tag ins Büro. So stellen wir uns das vor.
    Beste Grüsse, Patricia Elfert

  2. Finde diesen Workshop doch schon etwas merkwürdig.
    Bei uns ist auch ab und zu die Chef-Hündin zu besuch. Ich finde die gelegentliche Anwesenheit eines Tieres im Büro, in diesem Fall ein Hund, gestaltet den Tag etwas schönes. Es ist einfach mehr Leben im Raum und man kann sich ab und zu, bei herzzerreißendem Hundeblick, nicht davon abhalten mal eine Bauchmassage springen zu lassen.
    Ich bin für mehr Tieranwesenheit im Büro, das steigert einfach die Stimmung und nerven tut es auch nicht!