Verhandlungssicher in englisch? Aber klar. Das jedenfalls behaupten fast alle Top-Anwälte von sich. Doch blickt man dahinter, sieht es dann plötzlich oft doch ein ganzes Stück anders aus. Wenn die großen weltweiten Partner-Meetings in London stattfinden, dann nämlich fechten die Native speakers mit dem Florett, dann geht’s zur Sache und unter Umständen um die Wurst. Dann kommen die ach-so-sicheren-Wirtschaftsanwälte nicht mehr mit und sind froh wenn sie noch kapieren, worum es so in etwa geht.Geschweige denn, dass sie mithalten oder mitargumentieren können. Nein, stattdessen sind sie abgemeldet – aber geben das um keinen Preis der Welt zu. Nur hinter vorgehaltener Hand erzählen sie es.
Dabei: Warum sollten sie auch? Fürs Übersetzen gibt’s schließlich geeignete Leute, Dolmetscher genannt. Die machen dafür eine lange Ausbildung, in der sie sich darauf konzentrieren.
Ein gewiefter alter Haudegen, ein erfolgreicher Firmenlenker, erzählte mir mal Folgendes: Dass er aus Prinzip zu Verhandlungen mit ausländischen Geschäftspartnern immer einen Dolmetscher mitnehme. Nicht weil er die anderen nicht verstünde, schließlich konnte auch er gut englisch. Doch allein das Mitbringen des Dolmetschers brachte ihm – teilweise ganz andere – Vorteile, erzählte er:
1. Ich kann mich ganz auf die Sache konzentrieren. Ich brauche keine Schweißausbrüche befürchten, weil mir plötzlich irgendeine Vokabel fehlt, und ich mich nicht blamieren will. Ich kann mich locker zurücklehnen und brauche mir keinen abbrechen.
2. Ich kann ein Zeit schinden: Ist der Dolmetscher noch mit Übersetzen beschäftigt, kann ich schon mal über die passende, strategisch richtige Antwort nachdenken.
3. Ich brauche kein Übersetzungsrisiko tragen. Warum auch? Schließlich bin ich in erster Linie als Top-Manager eingestellt.
Schlussendlich: Würde man es von britischen oder amerikanischen Geschäftspartnern oder Top-Juristen ganz selbstverständlich erwarten, dass sie sich auf einem Spitzentreffen in Deutschland auf deutsch behaupten müssen? Wohl kaum.
Anders herum gesagt: „Doppelbegabungen sind selten“ ist einer der Wahlsprüche des Journalisten-Papstes Wolf Schneider: Er meinte damit, dass Sportjournalisten oft besser daran täten, den Sportlern, insbesondere den Fußballern, nicht so oft das Mikrofon hinzuhalten. Es genügt, wenn sie gut kicken. Gut reden können nur die wenigsten von ihnen. Und das könne man den Zuschauern denn auch ersparen.
Der Internationale Verband der Konferenzdolmetscher (aiic), Region Deutschland, hat daher folgende Checkliste für Verhandlungen von Unternehmen mit Dolmetschern zusammen gestellt:
– Bei internationalen Verhandlungen ermöglicht ein Dolmetscher den teilnehmenden Parteien, dass sie sich in ihren Muttersprachen frei und differenziert ausdrücken können: Sie müssen sich über Formulierungen keine besonderen Gedanken machen und können sich auf das Wesentliche, den Inhalt, konzentrieren.
Für einen erfolgreichen Verlauf von Verhandlungen gilt es, folgende Punkte zu beachten:
1. Wählen Sie einen qualifizierten Dolmetscher, der nicht nur mit den betreffenden Sprachen und Kulturen, sondern auch dem Thema gut vertraut ist. Für Verhandlungen benötigt man in der Regel ein Team von mindestens zwei, meist jedoch drei Konferenzdolmetschern für den jeweiligen Tag.
2. Übergeben Sie den Dolmetschern so früh wie möglich vor der Verhandlung sämtliche Unterlagen in allen anfallenden Sprachen. aiic-Mitglieder unterliegen der strengsten Schweigepflicht. Durch Mitgliedschaft in dem Verband verpflichten sie sich, dem „Code of Ethics“ zu folgen.
3. Kurz vor der Verhandlung planen Sie ein kurzes Briefing mit den Dolmetschern ein: So können sie sich bereits in das Sprechtempo und die Tonqualität der Stimmen der teilnehmenden Parteien einhören.
4. Platzieren Sie die Dolmetscher am besten so, dass diese eine freie Sicht auf alle Beteiligten haben. Beim Sonderfall Flüsterdolmetschen (simultan ohne Kabine) ist darauf zu achten, dass die Dolmetscher relativ nah am jeweiligen Redner sein müssen, um diesen akustisch zu verstehen. Im Gegensatz zu der Arbeit mit einer Simultankabine erhöht sich im Raum unvermeidlich auch der Geräuschpegel, da ja während der Redebeiträge auch immer gleichzeitig gedolmetscht wird. Professionelle aiic-Dolmetscher werden immer zurückhaltend auftreten – im Rahmen der jeweiligen Gegebenheiten! Die Sitzordnung regelt man am besten einvernehmlich vor Ort.
5. Geben Sie den Dolmetschern die Möglichkeit, sich während der Verhandlungen zu regenerieren: Planen Sie auf regelmäßige Pausen ein. Dies trägt erheblich zur Verbesserung des Verhandlungsklimas bei.
6. Sprechen Sie laut und deutlich. Bedenken Sie, dass alle Zuhörer Ihre Botschaft verstehen sollen.
7. Wenn möglich, stellen Sie ihren Sachverhalt in schriftlicher und nicht nur verbaler Form dar. Das führt zum besseren Verständnis des Inhaltes. Lassen Sie den Dolmetscher bei der Präsentation deshalb Notizen machen und Fragen stellen, damit die wichtigsten Punkte später noch einmal in schriftlicher Form zusammengefasst werden können.
Weitere Informationen: www.aiic.de

Guido Westerwelle setzte sich gleich nicht der Gefahr aus: der Gefahr, sich öffentlich missverständlich auszudrücken oder in Nuancen falsch verstanden zu werden, als ihm auf einer Pressekonferenz plötzlich Fragen auf englisch gestellt wurden. Und das vor rein deutschem Publikum – auch nicht besonders höflich von der Fragenstellerin.
Thorsten Junghold kommentiert in der „Welt“, warum es Westerwelle ganz richtig gemacht hat, wenn er der Journalistin für ein Gespräch auf Englisch eine Plauderstunde beim Tee anbot:
https://www.welt.de/politik/article4676540/Westerwelle-und-das-englische-Missverstaendnis.html