Die heutige Arbeitswelt mag modern sein, aber verbessert hat sie sich nicht: Die psychischen Belastungen im Job steigen, doch gleichzeitig hat sich das Betriebsklima in vielen Unternehmen und Organisationen verschlechtert. „Die Arbeitswirklichkeit unterliegt tiefgreifenden Veränderungen, die in den vergangenen Jahren noch an Geschwindigkeit zugelegt haben“, haben der Sozialpsychologe Rolf Haubl von der Universität Frankfurt und Günter Voß, Professor für Industrie- und Techniksoziologie von der Uni Chemnitz jetzt erforscht www.pressrelations.de/new/standard/result_main.cfm?pfach=1&n_firmanr_=115774&sektor=pm&detail=1&r=368285&sid=&aktion=jour_pm&quelle=0.
Schuld daran ist zum Beispiel der permanente Umbau, der für die Arbeitnehmer oft nicht mehr nachvollziehbar ist, heißt es weiter.Die Folge: Viele Mitarbeiter können sich einerseits nicht mehr mit ihrer Organisation identifizieren. Andererseits sehen sie sich gleichzeitig gezwungen, professionelle Standards und Arbeitsqualität zu verletzen, um kurzfristige ökonomische Zielmargen zu erfüllen, so die Wissenschaftler.
Im Klartext regieren die Controller und die Kaputt-Sparer: Alles was man beispielsweise früher mit Made in Germany verband oder mit solidem Handwerk und in jahrelanger Ausbildung zur Produktion solider Wertarbeit gelernt hat, das soll man plötzlich gerne mal unterlassen – um die vorgegebenen Einsparungen zu erreichen. Was im Schadensfall ein Richter dazu sagen würde oder ob es gar zu Verurteilungen oder Schlimmstenfalls dem Ruin der Firma kommen könnte? Egal. Ist ja erst übermorgen und nicht heute.
Recht und Gesetz sind egal. Das Morgen ist ja weit weg – bis die Staatsanwälte tatsächlich im Türrahmen stehen. Eine Nacht in U-Haft bringt so manchen Manager zur Räson, erzählen Strafverteidiger. Oder ein Regreß bei dem Manager persönlich, der die Fehlentscheidung zu verteten hat – erst wenn er alleine da steht, wacht er auf.
Doch bis dahin verstehen sich die Führungskräfte mit ihrem Auftrag „primär als hart drängende ‚Change-Agents‘, die den ökonomischen Druck nach unten weitergeben und ihre Mitarbeiter mit den Folgen weitgehend allein lassen“, so die Forscher.
Das Dilemma beschreiben sie so: „Die Beschäftigten beklagen, dass ihre Chefs oft die notwendigen Führungskompetenzen nicht mit bringen, um den Wandel für die Mitarbeiter erträglich zu unterstützen – kurz: Führungskräfte scheinen in vielen Bereichen selber überfordert“, bilanziert Bettina Daser, ebenfalls Sozialpsychologin an der Uni Frankfurt.
Und es kommt noch schlimmer: „Die Aussagen der Interviewten belegen, dass heute Positionen von Managern besetzt werden, die vermeintlich profitable Veränderungen durchsetzen, weil sie kein Verständnis für die Qualitätsstandards ‚guter Arbeit‘ haben und deshalb auch nicht beurteilen können, welche Ressourcen zu deren Erfüllung unentbehrlich sind.“ Das würde bedeuten: Die Führungskräfte sind oft allein deshalb auf ihren Posten, eben weil sie zu borniert sind, um Qualität zu respektieren und anzustreben. Und gerade weil sie nur keinen Weitblick haben.
Die Wissenschaftler beschreiben weiter: Die Arbeitsintensität hat in den meisten Organisationen in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen: Indem Arbeitsprozesse verdichtet und beschleunigt, Nischen beseitigt wurden.
Das Phänomen ist bekannt. Wer vorher seinen Job gut im Griff und Überblick hatte, bekam nach dem Entlassen oder in-Ruhestand-schicken seiner Kollegen deren Aufgaben obendrauf. Freilich ohne bei ihm eine seiner bisherigen Aufgaben zu streichen. Überforderung wird dann zum Programm, wenn jemand – meist stillschweigend – alles das machen muss, wofür vorher Kollegen da waren.
Oder wenn man ganz offen kapitulieren muss, wie jüngst die Sprecherin einer großen amerikanischen Anwaltskanzlei: Sie sei so überlastet, dass sie nicht die Fragen des Journalisten beantworten könne. Vielleicht nächstes Jahr, teilte sie hilflos mit. Wohl um den Journalisten zu trösten. Den enormen Reputationsschaden für ihre Kanzlei – immerhin eine internationale – hat die Dame sicher nicht überrissen. Schade auch, denn eins ist klar: Wird ein Journalist einmal so beschieden, wird er bei so einer Adresse nur noch mal nachfragen, wenn er unbedingt muss – mit entsprechenden Vorbehalten. Und nicht, um den Sachverstand der Kanzlei publikumswirksam abzufragen oder sie seinen Kollegen als Experten zu empfehlen.
Doch zurück zur Studie: Diese Arbeitsverdichtung bedeutet für die meisten Belastungen, die sie über kurz oder lang nicht mehr bewältigen, urteilen die Wissenschaftler. Und herunter gebrochen „Besteht die betriebliche Erwartung an die Beschäftigten, jederzeit an die eigenen Grenzen der Arbeitskraft zu gehen, dann steht die physische und vor allem die psychische Gesundheit auf dem Spiel.“ Und gerade das kann sich eigentlich kaum ein Unternehmen mehr erlauben. Denn wenn bald der Nachwuchs ausgeht und junge Leute wegen der Demografie am Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen, muss man die vorhandenen Leute besser behandeln. Damit wenigstens sie noch länger bei der Stange bleiben (können.
